Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1924)
- Date
- 1924-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. Mai ISA Der Israelit Nr. 22 Seite 3 vollen Tätigkeit, die sich diese verhältnismäßig junge Organisation auf dem schwierigen, mit Verbänden und Vereinen überreich besäten Terrain des deutsch-jüdischen Gemeinschaftslebens zu erobern verständen hat. Die Existenzkrise, die in den letzten zwei Jahren über die Wohlfahrtsänstalten allüberall in Deutschland hereingebrochen ist, hat zu diesem Erfolge in erster Reihe beigetragen, daneben auch das anerkennenswerte Taktgefühl, mit dem die Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle — von einer schweren Entgleisung, die noch zu erwähnen sein wird, abgesehen— an ihre Aufgabe herantraten Indem sie einerseits ein lückenloses statistisches Material über die vorhandenen Anstalten und die Reichweite ihrer Wirksamkeit zusammenbringen konnte, war die Zentralwohlfahktsstelle in der Lage' auf jedem Gebiete das dringendste Bedürfnis zu erkennen und alsdann in sachgemäßer Beratung auf die möglichst rasche Befriedigung dieser Bedürfnisse hinzuwirken. Das mächtigste Hilfsmittel hierbei waren die Hilfsgelder des Joint Destribution Committee, die durch Vermittlung des sogenannten „Ausschusses zur Verteilung von Auslandsspenden", praktisch dürch die Zentralwohlfahrtsstelle in unparteiischer Weise ihrer Bestimmung zugeführt worden sind. Inwieweit die eigene Sammlung der Zentralwohlsahrtsstelle „Jüdische Not" ziffermäßig Erfolg gehabt und welche Verwendung der gesammelte Betrag gefunden hat, ist aus dem Berichte bedauerlicherweise nicht zu ersehen. Man kann darum auch nicht beurteilen, welche innere Berechtigung dem erneut geäußerten Wunsche nach „straffer Zentralisierung des Sammelwesens" innewohnt. Als überaus segensreich hat sich das Bestehen der Zentralstelle dagegen zweifellos bei der Erlangung staatlicher Zuschüsse zur Erhaltung der jüdischen Wohlfahrtsanstalten und bei der Pflege der Beziehungen zu den großen charitativen Organisationen der christlichen Konfessionen erwiesen. In der Tat ist das Gebiet des ivn ntfpm das einzige, auf dem bei gutem Willen hinsichtlich der praktischen Wahrung desn'NVv, ein Zusammenwirken der religiös gegensätzlich orientierten Gruppen der Judenheit, auch nach unserer Meinung möglich und wünschenswert ist. Nur müssen dabei die in der Natur der Sache liegenden Grenzen peinlich eingehalten werden. Das hehrste Heiligtum des religiösen Menschen, die Erziehung der Jugend, insbesondere muß außerhalb der Zentralisierung bleiben, und es war leider ein unerträglicher gewaltsamer Eingriff in die Gewissen, daß die Zentralwohlfahrtsstelle es in unbegreiflicher Verkennung ihrer Aufgabe gewagt hat, eine Erziehungskonferenz zu veranstalten, um nicht etwa äußere Dinge, sondern die religiöse E r z i e - hung selber vor ihr Forum zu bringen. Wir möchten aus ehrlichem Interesse an dem Gedeihen der Zentralwohlsahrtsstelle nochmals dringend vor einer Wiederholung dieses schweren Fehlers warnen. Vielgeschäftigkeit und Omnipotenzgelüste haben gerade in der deutschen Judenheit schon soviel Schaden angerichtet, daß man sich ohnedies gewarnt fühlen sollte, und um einen Mangel an religiös neutralen Betätigungsgebieten braucht der Zentralstelle nicht bange zu sein. Ob sie Juden find?! Just zurzeit, da man im Begriffe ist, die während und infolge des Krieges unterbrochene jüdische Hilfsaktion für die Falaschas in Abessinien wieder aufzunehmen, wird die von allen Forschern der früheren und letzten Zeit, von Professor Halevi in Paris, den vielen Missionaren bis zu Dr. Feitlowitfch mit entschiedenem Ja beantwortete Frage, ob die Falaschas als ein jüdischer Stamm anzusehen seien, noch einmal aufgeworfen. Der Fragesteller, Herr Professor Dr. Scheftelowitz in Köln, beantwortet die Frage verneinen-, wofür er mancherlei anzuführen sucht, was aber vielleicht noch keineswegs als Gegenbeweis dienen darf. Die Annahme, daß die Falaschas versprengte Juden sind, die in vielen Jahrhunderten ihren Brüdern und dem heiligen Gesetz in seiner ursprünglichen Reinheit entfremdet wurden, ist sehr alt und wurde schon zur Zeit des „Radbas", um 1650, nicht zuletzt von diesem selbst, vertreten. Man nimmt an, daß die Stammväter der Falaschas aus Assuan und Elephantine nach Abessinien ausgewandert find und dort bei Einführung des Christentums vor tausend Jahren auch nichtjüdische Stämme, die von der neuen Religion nichts wißen wollten, in ihre Mitte aufnahmen, vielleicht auch manches von ihnen übernahmen, was trübend auf ihre Gotteserkenntnis und ihren Kult gewirkt hat, um so mehr, als sie von den jüdischen Zentren und den Quellen des jüdischen Geistes in Palästina und Babylon abgeschnitten blieben. Alle Religionsübungen der Falaschas, wenn auch mißverstanden und verfälscht, ihre Messiashoffnung, ihr heißes Sehnen nach jüdischer Belehrung, ihre Liebe zur jüdischen Gemeinschaft und zum Lande Israels, all dieses besagt doch ungleich mehr, als die wissenschaftlichen Hypthesen, die sich in der Hauptsache auf das stützen, was die Falaschas heute an Sprache und Art mit den Juden nicht gemein haben. Die g e m e i n f a m e n Momente sind aber überwiegend. Und schließlich darf man doch einem Manne wie Dr. Feitlowitfch, der sich zurzeit zum drittenmal in Abessinien aufhält, die Falaschas nicht aus Büchern und theoretischen Forschungen kennt, sondern sie in längeren Jahren in ihrem Leben und Leiden beobachtet und belauscht hat, mehr glauben, wenn er uns beteuert, daß er je länger er mit den Falaschas verkehrt, immer mehr auf die jüdischen Spuren in ihrem Leben, ihrem Kulte und ihrer seelischen Beschaffenheit stößt. Die Frage sollte als abgeschlossen gelten, und die Bruderhilfe, die sich gerade jetzt von neuem rüstet, unsere versprengten Stammesgenoffen am Nil geistig und materiell aufzurichten und sie des Segens des jüdischen Gemeinschaftsgefühles tellhaftig werden zu laßen, sollte sich von wiffenschaftlichen Spekulationen, wenn sie vom Standpunkte des Forschers noch so ehrlich gemeint sind, nicht irre machen lassen. Abraham Elia Kaplau Von Dr. Joseph Harkeöach in Kamvurg. „Es gibt ein böses Weh unter der Sonne und furchtbar lastet es auf der Menschheit. Wenn da einer ist, dem Gott Reichtum und Güter und Ehre gibt, daß ihm nichts fehlt, was er sich nur wünschen mag, aber Gott läßt ihn nicht walten über all das ihm bescherte — das ist sinnlos und schlimmes Weltenleid." Dieses von Koheleth ausgesprochene Gefühl packte uns, als wir es uns zum Bewußtsein bringen mußten, daß der Talmudlehrer des Berliner Rabbinerseminars v'vni p'r finm. daß A. E. Kaplan die Augen für ewig geschloffen habe. Denn kein Jammer der Menschheit ist so bitter als der vorzeitige Tod der genialen, reichen gottesbegnadeten Naturen, als das frühe Hinwelken der Blüten, aus denen wir der Erde eigentlichen Ertrag erwartet hatten. Im 34. Lebensjahre, urplötzlich, aus blühender Gesundheit, aus der hoffnungsreichsten Fülle der Tätigkeit und Leistung, ist Kaplan in der Nacht des 14. Jjar von der Erde, von seiner jugendlichen edlen Gattin, seinem noch lebenden Kinde weggerufen worden. Die nach Deutschland aus den Tälern der Thora verpflanzte Lilie hat der göttliche Freund, der in seinen Garten hinabstieg, im ersten Schmelz und Duft der entfalteten Blüte gepflückt und zu sich gesammelt. Schon rein menschlich betrachtet ist das Ereignis von unendlicher Tragik. Aber wer die Wirkung dieses Todes auf die Schülerschaft des Dahingegangenen mitangesehen, wer den unbeschreiblichen Schmerz der aus Rußland und eindringlich genug verkündet werden. Als War* nungen Gottes haben wir die Widerwärtigkeiten anfzufaffen. mit denen unser Volk gerade heute so schwer heimgesucht wird, sie sollen uns sicherlich^ nur zur Prüfung unseres Wandels veranlaffen. Kann sich der Mensch trotz dieser Fingerzeige zur Besserung nicht entschließen, bleiben ihm diese weiter nichts als np als ZufäMgkeiten, fo trifft ihn das Gottesgerichts das er herausgefordert, trifft ihn mit ganzer Wucht, weil, er in den Strafen nicht die züchttgende Hand des himmlischen Vaters zu erblicken vermag. 3. Nach dieser großen Strasrede kommt ns j'3"W der Abschnitt von Schätzungswerten. In welchem Zusammenhänge steht dieser Abschnitt mit Sttasrede? Es ist ein alter Erfahrungsgrundsatz, daß eine allzuharte Erziehung beim Zögling Trotz uno Widersetzlichkeit erzeugen kann. Wer die Drohungen und Strafbestimmungen der nroin in der ganzen Wucht ihres Wortlauts auf sich wirken läßt, kann sehr leicht veranlaßt werden, sich selbst auszugeben. Um aber bei niemandem einen solchen oder ähnlichen Zedanken auskommen zu lassen, folgt auf die Straf- 'ede der Abschnitt vom Werte des Menschen. Bei der Schätzung wird der religiöse Standpunkt des Menschen äußere acht gelassen. An jedem von uns, rr sei fromm oder nicht, alt oder jung, arm oder reich. Mann odkr Weib haftet immer noch em perlönlicher Wert, und niemand ist berechnt, sich als virtlos zu bezeichnen. Solange der Mensch lebt, dient er in irgend einer,Weise dem Ganzen, dient rnbewutzt dem Herrn der Welt, nur *r>n»7 f'X Tote haben keinen materiellen Wert. Wer darum das Leben hier auf Erden nicht verwertet und ausautzt, weil er sich für zu alt, zu ärm,zu schlecht hält,, der unterschätzt sich selber und die Gnade, die Gott selbst dem Gefallenen zu erweisen willens ist. So fasse jeder Mut, verzweifle nicht an sich selber und ringe sich zu Gott empor, vn# r'V'vs inob kan Wer da kommt sich zu reinigen, dem hilft Gott Kleines Feuilleton. Freiheit uud Wahrheit — die Erlösung aus Aegypten und die Gesetzgebung am Sinai. (Bitte zeitgemäße Betrachtung.*) Von Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Von einer Sphinx, fo lautet ein altes orientalisches Märchen, ging im arabischen Morgenlande die Sage, daß sie nicht ein Gebilde von Menschenhand, kunstvoll aus Stein gemeißelt sei, sondern, daß sie, die eine Menschengestalt trug, tatsächlich ein menschliches Wesen wäre, das, wegen einer begangenen Sünde bestraft, im Laufe der Zeit erstarrt, d. h. versteinert wurde. Diese versteinerte Gestalt, so ging ferner die Sage, würde zu neuem Leben erwachen, wenn in ihrer Gegenwart ein Wort, e i n e i n z i g e s Wort, aber das richtige Wort gesprochen werde. Welches Wort, aber diese wunderbare Wirkung erzielen könnte, wußte im ganzen Morgenlande niemand, weder die Weifen und Schriftkundigen, noch die Zauberer und Sterndeuter. Die versteinerte Gestalt blieb somit weiter versteinert und war .*) Aus einem Vortrag. Die folgende Erzählung ist der „Sammlung von Gleichnissen, 3. Teil entnommen, die demnächst erscheinen soll. .allgemein unter dem Namen Sphinx bekannt. — Der menschliche Geist rastet bekanntlich niemals, und sei es aus Wissensdrang, fei es aus Neugierde — es fehlte jedenfalls nicht an Versuchen, die. erstarrte Gestalt zum Leben zu erwecken, aber vergebens: das wundertätige Wort — niemand konnte es finden. — Eines Tages wurde in einem benachbarten Lande eine große Schlacht geschlagen und elm Sieg wurde errungen, groß und herrlich, wie er ohne Beispiel dastand. Da lief der ruhmgekrönte Schlachtenlenker zur versteinerten Gestalt hin und schrie in ihrer Gegenwart: „Sieg! Sieg!", hoffend, dieses große, herrliche Wort werde sie zu neuem Leben erwecken. Allein — vergebens. Die Gestalt blieb nach wie vor unbeweglich, versteinert — es war offenbar das richtige erlösende Wort nicht. Bald darauf brach ein verheerendes Feuer in einer reichbevölkerten Nachbarstadt aus. Das entfesselte Element drohte die Stadt und ihre Bewohner zu vernichten, alles vom Erdboden zu vertilgen. Einem Weisen, stark und mutig, edel und tapfer gelang es nach vieler Mühe, den Brand zu löschen, die drohende Gefahr abzuwenden. Stolz auf diese herrliche Tat. lief er zur versteinerten Gestalt hin und rief in ihrer Gegenwart ein Wort: „Rettung, Rettung!" Die Gestalt blieb trvtzdem unbeweglich — es war das richtige Wort nicht. Bald darauf kam ein anderer, dem es ebenfalls gelang, Großes und Edles zu vollbringen: Er hatte vielen, vielen, von einem heftigen Erdbeben heimgesucht, Hilfe gebracht. Dieses Wort schrie er in Gegenwart der versteinerten Gestalt und hoffte dadurch, ihre Starre zu lösen und neues Leben ihr einzuflößen. Aber — vergebens. Es war das richtige Wort nicht. — Eines Tages ließ sich ein ganzer Zug Nomaden zu Füßen der Sphinx nieder. Sie schlugen dort ihre Zelte auf und beschlossen, an diesem Orte mit ihren Frauen und Kindern, ihren Last- und Zugtieren längere Zeit zu