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Der Israelit · 1924-05-29 · Heft 22 (29.5.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Der Israe IM Seite 2 Nr. 22__ gelöst, anstelle der Jeschiwoh, wo man um Rowo und Abae stritt, trat das Chassidimstübl, wo man zur höheren Ehre Gottes lieber ein Lied sang, ein Schnäpschen trank und sogar ein chassidisch-lustiges Tänzchen wagte. Der scharfgeistige, strenge Raw wurde vom Chassidimrebbe verdrängt, der in seiner prächtigen Volkstümlichkeit in die Niederungen des Lebens Hinabstieg, natürlich um auch die Uutenstehenden heranzuziehen, ja e m p o r zuziehen. Drüben in Litauen begann aber das Geistes reich des W i l n a e r G a o n , wo man keinen Sinn für diese Gepflogenheiten hatte, ja sogar Abschweifungen, wenn nicht gar Ausschweifungen von ihnen befürchtete. Hier in Litauen schlug die Thora ihr Zelt auf und wurde das Erbe eines Maharfcho und Maharam in urfprünglicherReinheit gepflegt und gemehrt. Wer in Polen lernen wollte, mußte nach Litauen gehen, nach Wolofchin, Slabotko, Telfch. Wer in Litauen chassidische Anwandlungen verspürte, ging gelegentlich nach Polen oder Galizien, um dort im Kreise eines Chassidimrabbi für sein schwerbeladenes Herz Erleichterung zu finden. Wie leicht wäre es gewesen, gleich von vornherein die Brücke zu schlagen. Es waren ja nur Mißverständnisse, die überwunden werden mußten. Aber böser Wille trat dazwischen und schürte auf beiden Seiten, so daß wir vor 150 Jahren, zur Zeit des Gaon, einen Kulturkampf erleben zwischen Juden und Juden, zwischen Männern einer Gesinnung, einer Lehre und einer Gottesfurcht, ja der fast gleichen seelischen Einstellung, zwischen Chassidim und Misnagdim. Lange konnte diese künstliche Trennung nicht andauern. Man fand es auf der einen Seite wie auf der andern bald heraus, was dem einen und dem andern zum Ganzen fehlte. Die litauische Jeschiwoh legte sich die M u s s a r st u n d e zu, und damit war die Brücke na chder Gedanken- und Gefühlswelt des Chassidismus aufgerichtet. Wc-s ein Rabbi Israel Galanter, ein Siimcho Siffel sprach und lehrte, was der„ChofezChajim", dieser große Litauer, noch heute spricht und lehrt, es ist im Grunde genau das Gleiche, was der „Beseht", der „Meseritscher" und ein Rabbi Nachman von Vratzlaw aus unserer jüdischen Seele herausholen wollten. Das Muffarsystem ist der Ausgleich, das Ventil gegen eine liebersteigerung des Geistes und den daraus naturgemäß sich ergebenden geistigen Hochmut, es ist zugleich der Faden, der sich zu der chassidischen Welt hinüberspinnt. Aber der Ausgleich durfte nicht einseitig sein. Im chassidischen Polen sah man, nachdem sich die ersten Wogen des Kampfes gelegt hatten, bald genug ein, daß die jüdische Gemütswelt Wille und Wert. Zum Wochenabschnitte von A. Zöoksf in Anrich. Unsere Sidra gliedert sich in drei Telle. Der erste Teil handelt von der Belohnung für tteue Pflichterfüllung, der zweite verkündet die Strafen für Kesetzesverletzung, und der dritte Teil Hfl enthält Schätzungswerte, insbesondere solche von Personen. Wir wollen versuchen darzulegen, in welchem Zusammenhänge die drei Teile zu einander stehen, namentlich aber, in welcher Verbindung die beiden ersten Teile zu dem letzten stehen. 1. Der erste Teil beginnt 12^71 rnpna bk „Wenn ihr nach meinen Chukkim wandelt . . . dann werde ich den Regen zur rechten Zeit geben", n'pn sind Satzungen, für deren Ausübung der menschliche Verstand Zweck und Grund nicht findet, und von denen die Weisen sagen: ,'2'v» »hi§.i 7ii»irri snn tp daß „unsere eigene Sinnlichkeit und eine nichtjüdische Anschauung gegen sie demonstrieren, mit deren Erfüllung oder Nichterfüllung wir nur mit Hermon, Verlags-Aktiengesellschaft. Festgeschenke: Aus der Schützenstraße Kindheitserinnerungen von Hermann Schwab. Preis broschiert 50 Pfennig, gebunden 75 Pfennig«. Gesammelte Aufsätze von Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer. Preis gebunden Mark 5.— Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, wenn nicht erhältlich, vom Generalvertrieb: ZK. A. Wakrmann, Krankfnrt am Main, Am Schwimmbad 11. doch ihre Kraft einzig aus dem lebendigen Born der Thoralehre schöpft und daß diese Welt bei aller Liebe, Freude und Begeisterung versinken müßte, wenn jeder Lebensquell versiegte! So kehrte man allmählich auch in Polen und Galizien zum gemeinsamen Lernen, zum System des Kibuz zurück, und es fehlte nicht an leisen Versuchen, hier und da eine chassidische Jeschiwoh zu gründen. Freilich mußte erst eine Agudas Jisroel kommen, mußte erst das Sammelhorn der „Kenessio Gedaulo" ertönen, mußte erst ein Feuergeist von der Art des Sanoker Raw, in dessen Herzen litauische Gelehrsamkeit an polnisch-chassidischer Inbrunst sich entzündet, um das fertig zu bringen, was wir heute erleben: die Gründung einer Jeschiwoh Gedaulo, eines Zentrallehrhauses für Polen in Lublin, die Wiederaufrichtung der Lehrstätte des Maharfcho, Maharschal und Maharam. Litauen hat aus der Gefühlswelt der Chassidim den Mussar übernommen. Das chassidische Polen gründet nach litauischer Art, aber mit dem ihm eigenen Schwünge Pflanzstätten der Thora. Geist und Gemüt reichen sich die Hand, die Grenzpfähle zwischen Gleichgesinnten sind restlos gefallen, das jüdische Reich ist wieder vereint. Das ist die Bedeutung der Lubliner Gründung. L u b l i n ist der sichtbare, monumentale Ausdruck für das, was wir schon seit Jahren erleben, für das, was wir in ewig unvergeßlichen Stunden in Wien erlebt haben. Der Gerer Rebbe und der Chofez Chajim, Vertreter zweier Welten der Vergangenheit, sie vertraten nur eine jüdische Welt in der Gegenwart. Und in diese angeblich fremde Welt ordnete sich willig und harmonisch der kulturdurchtränkte jüdische Westen ein. Juden, die von je zusammengeunserem Gewissen vor Gott stehen, in deren Erfüllung oder Nichterfüllung sich daher ganz besonders unsere m jikt zu bekunden hat". Sie sind 7iin unkontrollierbare Verordnungen des höchsten Gesetzgebers, die ohne Widerspruch angenommen und befolgt werden müssen. Der wahrhaft Fromme wird sich hier bei dem Mangel an Vernunstgründen immer mit dem Gedanken trösten, daß ein allweiser, allgüttger Vater zu seinen Kindern redet, deren vornehmste Pflicht der "nbedingte Gehorsam ist; und erade dieser Gehorsam ist des Lohnes wert, weil ier der Mensch gegen Begierde und Leidenschaft im Kampfe steht, und wo es gilt, den eigenen Willen zu unterdrücken und den Willen des himmlischen Gesetzgebers zur Herrschaft zu bringen. Geht nun der Mensch in diesem Streite als Sieger hervor, so hat er den Preis verdient, den sein Schöpfer und Meister ihm nicht vorenthalten wird und will. So ist ein jeder in Israel seines Glückes eigner Schmied. In der strikten Befolgung der v'pn ist ihm das Mittel gegeben, vermöge dessen er sich das irdische und himmlische Heil erwerben kann, und auch die Kraft dazu ist ihm verliehen worden. 2. Doch nun die Kehrseite. Du kannst den Willen Gottes zur Herrschaft bringen über Begierden und Leidenschaften, bist aber nicht mit Naturnotwendigkeit dazu gezwungen. Wohl ist dem Menschen verkündet worden, „was gut ist und was der Herr von ihm verlangen kann", doch hat er ihm auch die Freiheit des Willens verliehen. Bei der Wahl des Guten oder des Bösen tritt ihm nichts hindernd in den Weg, selbst sein Schöpfer überläßt ihm bie fteie Entschließung dw 7>«1'» pw wvV mm Van- Dieser Gedanke liegt ja auch den Anfangsworten der beiden ersten Teile unseres Wochenabschnitts zugrunde: tm Wenn! Diese freie Willensbestimmung macht darum ___ 29. Mai 1924 hörten, haben sich gesunden. Das ists, was uns heute auch das Wort Lublin besagt! Der „Chofez Chajim" sagte u. a. in Wien: Wenn dem so ist, daß, wie Talmud sagt, die Thora stets ihre alte Stätte wieder aüfsucht, und wo sie von Vater, Sohn und Enkel gepflegt wurde, ihren dauernden Sitz aufschlägt, nTinn nVw '■»jodk bv mm», wie konnte es dann kommen, daß Unwissenheit im Judentum platzgegriffen hat, nachdem doch unsere Väter und Urväter alle der Thora so ergeben, waren? Der Weise aus Radin beantwortet dieses mit dem Hinweis auf das Wörtchen mm»', das nicht mit „einkehren", sondern mit „suchen" zu übersetzen ist. Die Thora sucht ihre alte Stätte auf, zieht sich aber beschämt und beleidigt zurück, wenn ihr die altbeliebte Heimat verschlossen wirb. Im Sinne dieses prächtigen Wortes wäre hier zu sagen: Die Thora klopfte im letzten Jahrhundert an die Pforten Polens und flehte um Einlaß in die historische Stätte, wo sie ein Mahram, Maharfcho und Andere gepflegt. Aber ihr Platz war besetzt, von Chassidimstübl und Chassidimrabbi. Sie pochte Einlaßheischend an. die Pforten Deutschlands und berief sich aus die Tosophisten, den Rosch, Baal Haturim und die vielen Späteren bis an die Schwelle des letzten Jahrhunderts. Aber Deutschland sprach: Kein Platz, keine Zeit. Wir haben die Kultur, unsere Kinder müssen in die Schulen...! Da zog sich die Thora von ihren historischen Stätten zurück und fand ihre Zuflucht in Litauen, um von dort, wenn es Zeit ist, ihre Geistesherrschaft über ganz Israel anzutreten. Die Zeit ist, wenn nicht alle Zeichen trügen, da. Man gewährt der Thora nicht nur Einlaß, sondern man sucht sie sogar. In deutschen Großstädten entsteht eine Jeschiwoh nach der anderen, und in Lublin, im Zentrum des chassidischen Polen wird heute der Grundstein zu einer Weltjeschiwoh gelegt. Die Thoralehre tritt ihre Herrschaft im jüdischen Reiche an, und wo sie dominiert, da gibt es keine Chassidim und keine Misnagdim, kein Polen und kein Litauen, kein Ost und kein West, es gibt nur JudenumdieheiligeThora geeint. Das ist die tiefere Bedeutung der Lubliner Weltjeschiwoh! Wochenrundschau. Jüdische Wohlfahrtspflege. Der soeben versandte Geschäftsbericht der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden", der einen Zeitraum von fünfviertel Jahren umfaßt, faßt, gibt ein Bild von der praktisch werteben auch uns Menschen zurechnungsfähig. Wäre ich gezwungen gut zu sein, könnte ich überhaupt gar nicht anders als gehorchen, so wären meine Handlungen eben nur Ergebnisse der Naturnotwendigkeit; Frömmigkeit und Verdienste wären nicht des Lohnes wert. Aber auch meine Untugenden dürften nicht als strafwürdige Vergehen und Verbrechen bezeichnet werden. Ich konnte ia nicht anders, und wer wollte mich denn für meine Sünden verantwortlich machen? Doch der Mensch ist frei und kann aus freien Stücken den rechten oder den falschen Weg wählen; in beiden Fällen hat er die Folgen zu tragen. Winke aus der nur,, aus der Natur und Erfahrung können uns über die Folgen belehren. Wer diese Winke außer acht läßt, der geht einen Weg, an dessen Ziel ein Abgrund gähnt, der den Unbedachten verschlingt, i Die Auflehnung gegen das Thoragesetz und die! Außerachtlassung der Winke aus Natur und Er« fahrung nennt die Schrift sehr bezeichnend mp. das Emporheben des »Zufalls* zum Grundgesetz bei den , Schickungen im Menschenleben, wenn diese als un- : abhängig von dem Eingreifen Gottes in die Erden- I weit ausgefaßt und bezeichnet werden, mp ist der! Geist des Widerspruchs, der stets verneint und uns einreden will, als könne man auch ohne Beobachten der genannten Wegweiser ans rechte Ziel gelangen, ist der Geist der Ueberhebung mancher Klassen, lue mit der Behauptung auftreten, die Gebote der Religion seien nur für minderwertige Menschen da, Gebildete fänden auch ohne diese das Richtige.—Zudem ersten Verse der nnsin bemerkt Rabbi Elieser in j TJTÖ X1NV *Ttf rmplis X'2» mp».1 f’X | nVnn öm „Der Allgegenwärtige bringt keine Straft über Israel, er hätte denn zuvor gewarnt". Tieft Wahrheit kann m der Gegenwart nicht laut uno j

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