Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1924)
- Date
- 1924-05-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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22. Mai 1924 Ein historisches Dokument Zu den vielen Legenden, die über die Agudas Jisroel verbreitet werden, gehört auch die Auffassung, als ob zwischen der deutschen und tschechö-slowakischen Aguda einerseits und der polnischen andererseits in bezug auf gemeindepolmsche Fragen ein Gegensatz bestehe. So hat nach einem Zeitungsbericht vor kurzem Herr Rabbiner Dr. Freund- Hannover in einer Ächduth-Versammlung in Breslau erklärt, daß die Gedaule - Thora, die Führer der großen jüdischen Massen des Ostens, absolut kein Verständnis für die politische Einstellung der Orthodoxie in Deutschland für Gemendefragen hätten. Demgegenüber dürfte es von historischem Interesse sein, darauf hinzuweisen, daß jetzt anläßlich der Gemeindewahlen in Polen nicht nur die Agudisten als Organisation, sondern auch besonders die rabbinischen Größen des Ostens sich in eindeutiger Stellungnahme dahin erklärt haben, daß die jüdische Gemeinde nur eine solche Leitung haben könne, welche auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht. Es liegen drei Aufrufe vor, von denen der erste außer vom v"n pan noch die Unterschrift von 30 der bedeutendsten trägt. Ein zweiter Aufruf ist vom Belzer Rebbe, ein dritter vom Sochatschewer Rebbe. Wir lassen den letztgenannten in wörtlicher Uebersetzung folgen: „An unsere gottesfürchtigen Brüder, welche die Thora Hochhalten und in unserem Lande wohnen! Die Tage der Gemeindewahlen in allen großen und kleinen Städten nahen heran, und es ist nicht die Zeit zum Schweigen. Die Rabbinen unseres Landes haben schon einen Aufruf veröffentlicht, und ich möchte mich ihren Worten anschließen. Ich bitte euch, sehr daran zu denken, daß ein großer Teil der Grundlagen unseres heiligen Gesetzes abhängig ist von den Gemeindeführern, besonders nach dem neuen Gemeindegesetz. Es liegt somit auf jedem einzelnen die heilige Pflicht, mit allen Möglichkeiten zunächst dafür zu sorgen, daß man die Berechtigung zum Wählen erhält, und dann bei den Wahlen nur solche Juden zu wählen, welche rhoratreu sind und keinerlei Kompromisse kennen. Diese meine Bitte richte ich an alle orthodoxen Juden ohne Unterschied, ob sie Chassidim oder Misnagdim sind. Denket daran, daß auch bei materiellen Angelegenheiten man sein Vermögen nur den zuverlässigsten Menschen anvertraut, um wieviel mehr unsere geistigen Güter, unsere Thora und Mizwoth, die in Wahrheit unser Leben darstellen, und für die unser Volk sein Blut wie Wasser seit Jahrtausenden vergossen hat. Hier müssen wir vor allem vorsichtig sein, daß unser „Vermögen" nicht in Hände falle, welche Thora und Mizwoth nicht hüten. Wir dürfen uns auch nicht auf Versprechungen verlassen, daß man unsere religiösen Angelegenheiten nicht antasten werde; denn die Praxis hat schon längst erwiesen, daß ihr innerstes Streben dahin geht, alle Heiligtümer unserer Thora mit Füßen zu treten. Jeder einzelne ist deshalb verpflichtet, sich so zu fühlen, als ob er die Entscheidung, sei es zum Guten oder Schlechten, in seinen Häden habe; auf jede einzelne Stimme kommt es an. Deshalb möge sich jeder die große Verantwortlichkeit, die auf ihm ruht, vorstellen. Ein jeder möge seinem Bekanntenkreis klarmachen, welche große Verantwortung auf jedem ruht, damit sowohl bei den Deklarationen als auch bei den Wahlen ein jeder seine Pflicht und damit die Treue zu Gott und seiner Thora ausübe. Möge Gott sich über uns erbarmen und uns wieder Richter und Ratgeber geben, wie einstens; möge er Trauer und Klage von uns entfernen, Freude,Leben und Frieden wieder dem jüdischen Volke geben. gez. Samuel, Sohn des' Rabbi Awrohom s. A. aus Sochatschow." Um dem westeuropäischen Leser die Bedeutsamkeit dieses Aufrufes klarmachen, ist es nötig Der Israelit Blätter zu wißen, daß es sich bei diesem Wahlkampfe nicht etwa darum handelt, Reformen zu verhindern, sondern lediglich darum ,in die Leitung der Gemeinde Männer zu wählen, die im Gegensatz zum Thorajudentum aus den Gemeinden Volksgemeinden machen wollen und dabei zusagen, sich um religiöse Angelegenheiten nicht zu kümmern, sondern diese der Orthodoxie zu überlassen. E. Aguda-Politik. Von Gottfried Äokdschrnidt in Kaköerftadt. Wird von Agudapolitik gesprochen, schüttelt mancheinen inneres Grauen. „Politik verdirbt den Charakter. Politisch Lied, ein garstig Lied! Weg mit aller Politik. Was soll sie uns was soll sie unserer Jugend? Es gibt wahrlich genug positive Leistungen für die Aguda, bleibt uns vom Halse mit eurer Politik!" So oder ähnlich hört man es. Die Rufer haben vielleicht dann recht, wenn sie unter Agudapolitik begreifen, was man gemeinhin unter Politik versteht: das Ersinnen und Erlangen von materiellen Vorteilen für den eigenen Kreis auf Kosten anderer Kreise, das Ausnutzen von Geschehnissen zur Bereicherung der eigenen Macht, das Lavieren zwecks Stärkung der eigenen Gewaltmittel. Allein solche Verseche zur Erringung von Macht und Besitz liegen wahrlich denjenigen fern, die eine kräftige Agudapolitik fordern. Um etwas Grundverschiedenes, um etwas ganz anderes handelt es sich da, als um Staats- und Jnteresfenpolitik, als um Sozial- und Kirchenpolitik. Agudapolitik heißt nichts anderes, als die Anwendung der Agudagrundsätze auf die gegebenen Verhältnisse. Die Grundsätze sind fest, die Verhältnisse wechseln. Die Grundsätze wurden am Sinai verankert, die Verhältnisse werden immer neu von Menschen und Ereignissen geschaffen. Die Grundsätze sind unser unveräußerlich Eigentum, die Verhältnisse stehen uns gegenüber. Die Grundsätze sind unser Leben und bedingen die Ewigkeit unserer Tage, die Verhältnisse umbranden unser Leben und bedrohen oft die Ewigkeit unserer Tage. — Inmitten der gegebenen wechselnden, brandenden und bedrohenden Verhältnisie die Grundsätze zu wahren, zu vertreten und wirksam zu erhalten, das ist Agudapolitik. Die uns umgebende Dunsthülle zu reinigen von fremden, schädlichen Bestandteilen und in den Luftkreis der Jugend die befruchtenden, reinen Niederschläge aus der Sinaiatmosphäre mit Hochdruck zu leiten, das ist Agudapolitik. Schon vor zwölf Jahren in Kattowitz sagte Rosenheim: „Es ist ja der gefährlichste psychologische Irrtum zu glauben, daß die Erziehung Sache des einzelnen Vaters fei, daß sie überhaupt durch den Einzelnen unter zweckbewußter Anwendung individueller Mittel stattfinde — nicht wir erziehen unsere Kinder, sie werden erzogen von der Atmosphäre, in der sie leben, von der geistigen Luft, die sie atmen, und kein Vater und keine Mutter vermag gegen diese Miterzieher aufzukommen, die auf tausend geheimen Wegep an der Seele unserer Kinder gestaltend und formend schaffen". Unserer Jugend nun inmitten, der Kultur der Umwelt die Aguda-Kultur zu bereiten, einen Aguda-Boden, in den sie sich festwurzeln, auf dem sie feststehen und Blüte und Frucht treiben kann, das ist Aguda-Politik. Können wir ihrer entraten? Der machtvollen westeuropäischen Kultur gegenüber kann sich selbst die überlegene Kultur des Thoravolkes nur behaupten, wenn dessen zerrissene und versprengte Teile und Teilchen sich zu einem einheitlichen Körper zusammenschließen. Der einheitliche Körper muß seine einheitliche Seele haben, die jedes zu ihm gehörige Teilchen erfaßt, sonst kann er nicht leben. Der Körper ist Klall Jisroel. Die Seele ist der Bris Aulom, der unvergängliche Bundesvertrag zwischen Gott und dem Gottesvolk, ist die Thauroh. „Den vor hundert Jahren seiner Seele beraubten Organismus der jüdischen Gesamtheit zum Leben erwecken, ihm die Seele wiedergeben und alle seine' Glieder zu funktionsfähigen Nr. 8 Seite 3 Organen der Seele machen" (Rosenheims Referat vom 12. Siwan 5672) — das ist Aguda- Grundsatz. Ihn also gilt es auf die gegebenen Verhältnisse anzuwenden. Dazu aber muß der Grundsatz klar erfaßt, weitergeleitet und verbreitet werden, bis der Knabe und das Mädchen, bis der abgesprengte Jude in jedem Dorf es weiß und versteht, daß sie Glieder des Klall Jisroel sind, der von der Thauro geschaffen, für die Thauro erhalten ist, und nur mit ihr Bestand hat. Dazu muß nun aufgeräumt werden mit allem Wahn, als sei Jisroel ein Volk wie die anderen, voll eigener Machtansprüche; mit dem Wahne, es gäbe ein Judentum auch ohne Gottesgesetz: mit dem Wahne, es habe eine thorafremde Anschauung als „religiöse Richtung" auch Geltungsrecht; mit dem Wahn, es gebe eine jüdische Nation ohne Nationalverfassung, mit dem Wahne, es könne ein. jüdisch Land, ein jüdischer Staat entstehen und jemals bestehen, deß Religion Privatsache, deß König nicht Gott, deß Staatsgesetz nicht Sein Gesetz wäre; und mit dem Wahne, man dürfe sich zu Nutz und Frommen des Judentums, selbst zu Mizwozwecken, mit Gruppen von Thoraleugnern zu einer Einheit verbinden: al tißchaber leroschoh afilu lidwar mizwoh. Das ist Aguda-Politik. Immer wieder müssen diese Grundsätze betont, in immer neuer Form müssen sie vertreten werden, bis sie Gemeingut aller Gottesfürchtigen, in Herz und Sinn der Jugend als klare, unanfechtbare Wahrheit gedrungen und jedes Gemütsschwanken, jeden Zweifel verdrängen. Es wird heutzutage zuviel auf schnelle Erfolge gesehen, es herrscht zuviel Kleinmut, es wird zuviel gegrübelt über die möglichen Folgen eines sittlich-notwendigen Verhaltens. Gerade die Jugend, von der man sonst frohen Wagemut zu idealistischen Zielen gewohnt war, zeigt sich neuerdings zuweilen zaghaft, gering an Vertrauen, unsicher und scheu, leicht gereizt und nervös, wenn es für sie darauf ankommt, die eigene heilige Sache vor Freund und Gegner zu vertreten. Wäre die Ueberzeugung fester, wäre die Klarheit entschiedener, wären die Zweifel gänzlich schon gebannt, so hätte die reinliche Scheidung der einander entgegensetzeten Geister längst vollzogen, so baue die restlose Auseinandersetzu, g in den jüdischen Lagern längst erledigt sei.» müssen, zum Heile der Individuen, zum Frieden unter den Parteien. Denn es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu wähnen, das Vertuschen der strittigen Fragen, das Verwischen der Kontraste sei dem Frieden dienlich. Gerade das Gegenteil ist zutreffend. Gewitterschwüle lastet auf uns allen, die durch künstliche Mittel aneinandergeschmiedet, die sich eine in Wahrheit nicht vorhandene, unmögliche Einheit vortäuschen und durch Kompromisse und Ränke, mit Ausnutzung von Zufallmehrheiten und Dialektik in entnervenden Debatten diese „Einheit" äußerlich erhalten wollen. Frieden, wirklichen Frieden zwischen Brüdern kann es erst geben, dauernd und erlösend geben, wenn jede Gruppe innerhalb der Judenheit das ihr heilige Gut in eigener, selbständiger Hut weiß und unabhängig von widerstreitenden Interessen geborgen hat. Zwischen selbständiger Orthodoxie und selbständiger Neologie gibt es keinen Kampf mehr, und die einzelnen können freundlich und friedlich einander zugewendet sein, weil sie prinzipiell nichts mehr miteinander auszutragen haben. Nur wo die wirkliche Auseinandersetzung vermieden wird, nur wo die nach Gesinnung zum einen Lager Gehörigen noch im anderen Lager stehen, nur da ist der Kampf unausweichlich und der Friede immer bedroht. Da darf freilich nicht auf die Zahl gesehen werden, darf die numerische Stärke keine Rolle spielen. Jisroel ist immer das kleinste von allen Völkern gewesen und doch das einzige unsterbliche geblieben. Auch i n Jisroel hat nie die Zahl entschieden, sondern nur der Grad der Treue und und Festigkeit. Und besonders die Orthodoxie Deutschlands hat aus neun Jahrzehnten die Er- I il f ii: u. f?■ Ü ß li f; l j