Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1924)
- Date
- 1924-05-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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D e r 3 s. t o e l i t 22. Mai 1924 _ ■Tiner Achduth-Organ, dem wir unsererseits gewiß seit I seinem Bestehen noch keinerlei Anlaß zu leidenschaftlichen Ausbrüchen gegeben haben, in seiner Abneigung I gegen den „Israelit" bereits so tief gesunken ist, daß es Ihre Ausdrücke zur Charakterisierung des Gegners .dem I Gebiete der Zoologie entnimmt. Diese Mechode soll i jedenfalls auch zur Herstellung der Einheit innerhalb Ider Orthodoxie beitragen. »Der Bund jüdischer Frontsoldaten vor Gericht. I B e r l i n, 16. Mai. > Bor dem Schöffengericht Berlin Mitte fand gestern »die Verhandlung gegen den Vorsitzenden des Reichs- Ibundes jüdischer Frontsoldaten Dr. Leo Löwenstein, soiivie gegen mehrere Vorstandsmitglieder des Vereins »statt, die im November 1923 bei dem Pogrom im iScheunenviertel bewaffneten Widerstand geleistet hatten. I Der Staatsanwalt beantragte die Freisprechung der »Angeklagten, da diese mit Recht geglaubt hätten, sich [in Notwehr zu befinden. Nur gegen zwei der Angelklagten solle wegen unbefugten Waffenbesitzes eine Meine Geldstrafe erkannt werden. Der Gerichtshof geilangte zu voller Freisprechung: die Polizei habe an dem fraglichen Tage offensichtlich nicht ausgereicht, so daß das Vorgehen der Angeklagten als Notwehr anzusehen war. Auswanderung. ft 5 I n, 29. April. Der Hilssausschutz für jüdische Durchwanderer, ftöln ^schreibt uns: Wie die Jca (Jewish Colonhation Asso- ILcmtion) Paris mitteilt, hat sich die Japanische Ge- Isandtschaft in Argentinien, welche das Projekt der Ein- Iführung von japanischen Ackerbauern in diesem Land kstudiert, speziell aus dem Gebiet vom Formosa (Grenze ivon Bolivia) an die Generaldirektion der Jewish Eoloni- Ization Association (Jca) in Buenos Aires gewandt, [um sie um genaue Auskünfte zu bitten über die Methoden, »welche von dieser Gesellschaft in den ftolonien befolgt »werden. Die japanische Gesandtschaft hat in den offiziellen argentinischen ftreisen die von der Jca erzielten iResultate rühmen hören und hat den Wunsch, sich kvon dem von dieser Organisation in ihrem ftolonisationswerk angewandten System leiten zu lassen. Die japanische Gesandtschaft nimmt sich vor, eines ihrer Mitglieder für den Besuch der Jca zu delegieren, um sich über die Art und Weise und über den Gang dieser Betriebe sowie darüber ein Bild zu machen, wie alle Einrichtungen in der Jca funktionieren. p-lsi». Schwere wirtschaftliche Lage in Polen. W a r s ch a u, 19. Mai. Die hiesige jüdische Presse ist voll von Berichten über neue Bankrotte unter den jüdischen Kaufleuten. Sie weist darauf hin, daß die städtische Bevölkerung des Landes, d. h. die jüdische Bevölkerung durch Steuern sehr schwer belastet ist, während die Landbevölkerung nur sehr niedrig besteuert ist. Außerdem sind der Landbevölkerung große Regierungskredite eingeräumt worden,! gemäß dem neuen Plan für die landwirtschaftliche Entwicklung, während der städtischen Bewölkerung, von der bie ganze industrielle Entwicklung des Landes abhängt, keinerlei Kredite gewährt worden sind. Inzwischen aber können etwa dreiviertel der jüdischen Fabrikanten und Kaufleute den Zahlungsverpflichtungen nicht mehr Nachkommen. Es sind keine Bankrotte, die auf finanzielle Verluste zurückzuführen wären, sondern es handelt sich bloß um die Unfähigkeit, für die kaufenden Verpflichtungen die nötigen Barsummen auf- Zubringen. Als Folge der wirtschaftlichen Krise in Polen kommen jetzt Selbstmorde in beunruhigender Zahl in den verschiedensten Teilen des Landes vor. Abgesehen von Großkausleuten und Fabrikanten begehen auch kleine iüdische Ladeninhaber in Warschau wie in der Provinz Selbstmorde. Die Wahlen in der Provinz. Lemberg, 18. Mai. Das „Lemberger Tageblatt" verbreitet die NachricH daß die Lemberger Aguda geeint mit den Affimikanten in die Gemeindewahlen treten wird. Dem gegenüber stellt der Warschauer „Jud" fest, daß eine Verenigung in Lemberg wirklich stattgefunden hat, aber "kcht zwischen Orthodoxen und Assimilanten, sondern zwischen Zionisten und Assimilanten. Sonst stimmt alles... In der ganzen Provinz geben sich die Zionisten alle Mühe, die Wählermassen in ihrem Sinne zu beeinfluffen. Der Erfolg ist mäßig. Nur in B e n d t n hat die Agitation dahin geführt, daß sich einige Chassidim- Bethäuser vom vereinigten religiösen Wahlkomitee losgesagt haben. In Sosnowitz dagegen war die Liebesmühe der Misrachisten umsonst. Das Vorgehen der chafsidifchen Bethäuser in Bendin wird natürlich in der nationalen Presse als großer Erfolg des Misrachi ausposaunt und ausgebeutet. Rabbi Meier Schapiro Oberrabbiner von PietGkow Petrikow, 15. Mai. Herr Oberrabbiner Meyer Schapiro, der Sanoker Raw" hat fein Oberrabbinat in Petrikow angetreten. Auf dem Wege dorthin wurde er auf sämtlichen Stationen mit großem Jubel begrüßt. In Petrikow, wo er zu Schabbos iivn 'a ankam, wurde er mit einer Freude und einer Herzlichkeit empfangen, die ihres Gleichen in der Geschichte sucht. HttmSttUtt. Disziplinar-Untersnchuirg gegen den Deputierten Zirelsohn. B u k a r e st, 27. April. Der Oberrabbiner von Beßarabien und Deputierte der Stadt ftischinew, Rabbiner Zirelsohn, hat unlängst eine Anordnung getroffen, daß jüdische ftinder an den Sabbat-Tagen den Schulen fernbleiben sollen. Cr hat auch noch in einer Sabbat-Predigt aus die Wichtigkeit dieser Angelegenheit hingewiesen. Der Minister des öffentlichen Unterrichts Anghelescu hat deswegen angeordnet, daß eine Disziplinar-Untersuchung gegen Rabbr Zirelsohn eingeleitet werden soll. Weltkongreß jüdischer Studenten. Antwerpen, 3. Mai. Auf dem ersten Weltkongreß der jüdischen Studentenorganisation, der, wie bereits berichtet, dieser Tage in Antwerpen stattfand, wurden die Ziele des Kongreßes wie folgt bekanntgegeben: Der Weltverband jüdischer Studenten soll die Meinung der jüdischen Studenten über den Plan des Völkerbundes zur Schaffung einer jüdischen Universität in Danzig oder in Spanien zum Ausdruck bringen und soll beim Aufbau der jüdischen Universität und der Bibliothek in Jerusalem Mitarbeiten. Bezüglich des Numerus clausus erklärt die Exekutive, sie sehe den Ausschluß jüdischer Männer und Frauen von den Universitäten nicht nur als dem Gedanken der Gerechttgkeit und der Kultur widersprechend an, sondern auch als einen Vertragsbruch gegen die von denselben Ländern, in denen jetzt die Beschränkungen erngeführt werden, angenömmenen Verträge zum Schutze der nationalen Minoritäten. Die Exekutive erwartet, daß diese Kulturschande bald aufhören wird. Inzwischen will der Weltverband den durch diese Beschränkungen betroffenen jüdischen Studenten zur Fortsetzung ihrer Studien in anderen Ländern verhelfen. Der Weltoerband hat sich bereits an die italienische und die tschechoslowakische Regierung gewandt. Ferner hat der Weltverband ein finanzielles Hilfswerk in Verbindung mit der europäischen Studentenhilfe und der Jüdischen Welthilfsronferenz in Paris in die Wege geleitet. Der Weltverband jüdischer Studenten, so schließt der Bericht, ist eine Körperschaft von vollkommen unpolitischem Charakter und umfaßt alle Gruppen jüdischer Studenten ohne Rücksicht auf ihre politischen Anschauungen. Fr? Die Zukunft des jüdischen Aufbauwerks in Europa. — Die erste Zusammenkunft der New Foundation. Paris, 12. Mai. Am 11. Mai fand hier die erste Sitzung der neuen Gesellschaft statt, die das bisher vom Joint Distribunon Committee geleitete Aufbauwerk fortführen soll. Anwesend, waren u. a. der Direktor des Joint-Aufbauwerks in Rußland Dr. Joseph Rosen, der Präsident des litauischen jüdischen Nationalrats und gewesener Minister für jüdische Angelegenheiten Dr. Rosenbaum. utr. 21 Seite 5 In der Exekutive werden drei Personen sitzen: Colonel Herbert Lehmann aus Newyork als Vertreter der „Joint", Herr Philipson aus Brüssel als Vertreter der Jca und eine dritte Person, die von den in der Gründung vertretenen jüdischen Körperschaften gewählt werden soll. Die Foundation wird sich aus sechs von der Jewljy Colonisation Association ernannten Mitgliedern zusammensetzen, ferner aus acht weiteren vom Joint Distribution Committee einzuladenden Vertretern der osteuropäischen Judenschaft. Das Joint Distribution Committee besitzt ein Kapital von etwa 760000 Dollar, über das noch nicht dis-, poniert worden ist und das eventuell der Foundation übergeben werden soll. Ferner ist noch eine Summe von etwa 300 000 Dollar vorhanden, die für besondere Zwecke bereits eingetragen worden ist. Auch diese würden der Foundation, jedoch nur zur Verwendung für die besonders bezeichneten Zwecke übergeben werden. Die noch verbleibenden, dem Joint gehörigen Aufbau- Aktiven, wie Anleihen, Vorschüsse, Investierungen, Einrichtungen usw. werden der Foundation zur Verwaltung übergeben werden. Das durch die Realisierung dieser Aktiven erzielte Geld wird von der Foundation für weitere Aufbauarbeiten verwendet werden. Die Foundation ist durch ein Abkommen mit dem Joint Distribution Committee verpflichtet, so weit wie möglich die bisher vom „Joint" geleistete Arbeit fortzusetzen. Die Leitung dieser Arbeit wird in den Händen des jetzigen Exekutivdirektors des Joint Distribution Committee, Dr. Bernard Kahn und des Direktors der Jca, Herrn Louis Oungre, liegen. Der Grabtempel eines berühmten Rabbiners in s einen Pferdestatt «mgemandelt Riga, 9. Mai. Der Tempel über ‘ dem Grabe des Rabbi Eifel Epstein in Homel, Schüler des berühmten „Zemach Zedek", wurde in einen Stall für die Pferde des in Home! stationierten Kavallerie-Regiments umgewandelt. Die jüdische Gemeinde hat ein Protesttelegramm an die Sowjetbehörden in Moskau gesandt. €üv*ci. Türkisches Bürgerrecht für die jüdische Minderheit. ftonstantinopel, 26. April. Die Nationalversammlung in Angora nahm am 21. April die letzten Punkte der ftonstitution an. Gleich darauf wurde über die neue Verfassung als Ganzes bestimmt und diese angenommen. Jnbezug auf das türkische Bürgerrecht für die Angehörigen der nationalen Minderheiten im Lande wurde beschlossen, dem Artikel 88 der ftonstitution eine einschränkende Wirkung zu verleihe«:, Ursprünglich gab der Artikel allen türkischen Untertanen ohne Unterschied der Rasse und der Religion das Recht, sich Türken zu nennen. Die Einschränklmg besagt nun, daß die Angehörigen der nationalen Minoritäten nur soweit Türken genannt werden sollen, als sie wirklich ftinder des Landes sind. Dies ist so ausgelegt worden, daß versucht werden soll, Griechen und Armenier, soweit es angeht, von dem Genuß des türkischen Bürgerrechtes auszuschließen. Im Falle der Juden und anderer nationaler Minoritäten heißt es, daß das türkische Bürgerrecht allen denjenigen gewährt werden wird, die in der türkischen Armee gedient, türkische Schulen beucht haben, der türkischen Sprache völlig mächtig sind und türkische ftultur angenommen haben. (I. T. A.) 4?aläfiina. Die Gemeinde-Zwangssteuer in Sicht. Jerusalem, 10. Mai. Wie die I. T. A. meldet, ist der neue Kolonialminister der Einführung der Gemeindezwangssteuer in Palästina, die bis jetzt immer abgelehnt worden war, geneigter. Es sollen einheitliche Zwangsgemeinden mit dem Rechte des Austrittes für Einzelpersonen geschaffen werden. Das dürfte zur völligen Entkonfessionalisierung der jüdischen Gemeinden und zu ihrer Umwandlung in Kommunen führen. Die Orthodoxie wird den äußersten Kampf gegen diese Entwicklung nicht scheuen dürfen.