Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1924)
- Date
- 1924-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 20 15. Mai 1824 Unsere Feste! Ihre Bedeutung fürs Lehen, fürs jüdische Leben drückt Hirsch meisterhaft in der Formel aus: na» Lebensweihe, nos Volkskörpergründung, rrarnv Volks geistgründung, Dvio Volkskörpererhaltung, Di2v'a'ai? Volksgeisterhaltung. In diesem Sinne sollen die jüdischen Feste Erinnerungen an große Vergangenheit lebendig halten, anregend wirken für Gegenwart und Zukunft- Werden sie aber auch überall und immer derart aufgefaßt? Hat nicht auch hier schon weitgehende Assimilation sich eingenistet? Wie oft wird — ein Paradoxon zum Lachen, wenn es nicht so traurig ernst wäre — ein jüdisches Osterfest statt des Petzachfestes gefeiert, paradiert die Mazoh als eigenartiger Osterkuchen usf. in möglichster Anpassung und Nachahmung, vielleicht in der Mehrzahl das für „guten Ton" haltend, unbewußt der „Selbstverleugnung". Natürlich kann das, und namentlich in neuerer Zeit, da jüdisches Wissen in weiten Kreisen so bedauerlich geschwunden, guf die Art der Festfeier nicht ohne schädliche Wirkung bleiben- Vielfach fehlt die Verinnerlichung selbst da, wo das sogäußere Zeremoniell noch gepflegt wird- Wie oft aber fehlt auch dies und Festtage sind nach anderer Kulturkreise Vorbild nur Tage des Ätusruhen, Ausschlafens, Essens und Trinkens, Spazierengehens und sinnlichen Vergnügens, alles andere, nur keine Y^lv v'»' m echt jüdischem Sinne. Da ' bedarf es einer Weckung und Belebung, eines deutlichen Anstoßes, der uns aufmerksam machf auf jüdische Sonderausgabe und Sonderstellung und ein Mischeberach, ein göttlicher Segensgruß jedem, der sich wecken läßt rrnn roww »a Ernst, tiefer Ernst liegt über unsere Zeit gebreitet. Wer mag sich völlig schuldlos dünken? rrm mahnt eindringlich zur Selbstbesinnung, zu jüdischer Mannhaftigkeit, jüdischem Pflichtbewußtsein, jüdischer Pflichttreue. Und wenn wir die für die drei Fasttage ausgewählten mrrVp recht verstehest, dann enthalten sie in prachtvoll logischer Folge, alle die gedaflklichen Grundlagen die wir für 2"«ii erkennen zu dürfen glaubten. Das *pi& Kian des ersten Fasttages ist eine ergreifende Klage, aber zugleich ein aufrichtiges Schuldbekenntnis, die göttliche Strafe als berechtigt anerkennend: Gottes Hilfe erfleht *psr hKifc’ tm Drange der Zeit, Kraft erbittend gegen den Sturm des Leidens und insbesondere gegen Lockung uyh Verführung: 'ui 4p*na jjuM 1'Sfth *17122 v'7aist.7 p'Viv, und die 3. nrr^o dieses ^ages K*ij?’ 'a'l'« zeigt uns im Schlußakkord tm) yn'piv und tnvmn ph^Idas altjüdische Hilfs- und Heilmittel: Fasten unh Beten. Dann ertönt aus dem jims die frohe Zuversicht, erhebend über Erdenlerd. Ewigkeitsbestand versichernd: ^72 ovia &W' Und wenn auch im Rückblick auf das viele Leid, das Israel schön erdülddn mußte, bange Sorge manches jüdjsche Herz beschleicht: *]2 *j« n baitf’ mpa am 2. Fasttage hält den Grundton fest, den der 1. Pismon angeschlagen, Nckhrend die 2. nn^v uns hie rechte Einkehr in uns selbst empfiehlt als Gegengewicht für äußerliche Zurücksetzungen und Schmähungen und die 3. uns in ebenfalls geschichtlichem Nachweis zeigt, daß wahre Ideen endlich doch siegen, ihre Gegner nach zeitweiligen Scheinerfolgen endlich doch erliegen müssen, denn so klingt es im 2. Pismon aus, alles Weltgeschehen unterliegt planmäßiger Führung: stvi' im nanKn mn Stärkung finden Dir, wenn wir, nach der 1. des 3. Fasttages, Beispiel und Vorbild der glaubensstarken Ahnen auf uns wirken lassen und so gemäß dem *sN7» ijra mas p» zur wachsenden Erkenntnis auch unserer Erilsaufgaben gelangen: rrt>*rDj?' h ^7an arun nair tk bis endlich nach dem Schlußgedanken der 3. aus dem Di^a die Heileszukunft erblüht. Airs Gegenwartstrübe erhebe den Blick zum Zukunstslicht, singt der 3. Pismon, »ax N1V3sei voller Vertrauen, im frohen Ausblick ertrage die Zeit und ihre Not, wahre Festesfeier ist verheißen, sie muß kommen, wird kommen. Erschien dir a*na als unwesentlich, als un- Der Israelit nötige Beschwernis wohl gar, über die du glaubtest mit stolzem Lächeln oder mit stiller Verärgerung zur Tagesordnung übergehen zu sollen? Vertiefe dich, dringe ein in den Geist, in die tiefe, reiche Gedankenwelt wie dieser sp jeder Gepflogenheit und Anordnung unserer alten v'vin und mrwv 'vi« und ewig junges Leben pulst dir entgegen und stete Lebenserneüerung wirst du erfahren. li-mzpo«ae«ren - llscdncbien Usist; Antisemiten und Juden im neuen Reichstag. Berlin, 7. Mai. Dem bisherigen Reichstag gehörte nur eine sehr kleine ausgesprochen antisemitische Gruppe, die von den Deutschnationalen abgesplitterte völkische Dreimännergruppe Wulle-Gräfe-Henning, an. Die Deutschnationalen vermieden es bisher, sich parteioffiziell zu einer sogenannten „Judengesetzgebung" zu bekennen. Der Verlauf des Wahlkampfes und der Ausgang der Wahlen hat eine andere Orientierung erbracht. Zum erstenmal werden größere Fraktionen auftreten, die die Entrechtung der Juden in Deutschland auf ihre Fahne geschrieben haben. Pas ist nicht allein die 92 Mann starke Gruppe der Völkischen und Nationalsozialismen und die Viermänner-Gruppe der Deutschsozialen unter Führung Richard Kunzes, sondern auch ein starker rechter Flügel der deutschsozialen Volkspartei. Da alle diese Gruppen ihren Wahlkampf unter den Parolen „Entziehung des Bürgerrechtes der deutschen Juden" und „Ausweisung der Ostjuden und der Vermögensbeschlagnahme bei denselben" geführt haben, so ist es nicht unmöglich, daß sie, um vor ihren Wählern gerechtfertigt dazustehen, im Reichstag selbst auf eine antisemitische Gesetzgebung hinzuwirken versuchen werden. Von Führern der Antisemiten sinh gewählt: General Ludendorff, Graefe, Wulle, Henning, Frick, Theodor Fritsch, Schlange-Schöningen, Richard' Kunze, genannt Knüppel-Kunze. Dagegen ist Artur Dinter, der diesmal in Hessen kandidierte, durchgefallen. Keine Bürgerpartei hat jüdische Kandidaten ausgestellt. Von den Sozialdemokraten wurden die folgenden jüdischen Kandidaten gewählt: Eduard Bernstein, Dr. Rudolf Hilfferding, Dr. Julius Moses, Dr. Viktor Rosenfeld, Dr. Paul Leoi, Hugo Heimänn, Simon, Frau Toni Sender. Unter den kommunistischen Kandidaten wurden die folgenden Juden gewählt: Frau Ruch Fischer, Rosenbaum und Rosenberg. Landesverband der israelitischen Kuitusgemeinden in Anhalt. Dessau, 6. Mai. Auf den Antrag des Landesverbandes der anhaltifchen israelitischen Kultusgemeinden, ihm die Rechfe einer juristischen Person zu bewilligen, hat das Staatsministerium an den Vorsitzenden, Justizrat Dr. Cohn, in Dessau folgende Entscheidung ergehen lassen: „Nach Artikel 137 Abs. 5 Satz 3 der Reichsversassung ist ein Verband, zu dem sich öffentlich rechtliche Religionsgesellschaften zusammenschließen, kraft Gesetzes eine öffentlich-rechtliche Körperschaft. Da die Israelitischen Kultusgemeinden in Anhalt sämtlich bisher als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt waren und demnach solche auch nach der Reichsversassung bleiben, steht dem Landesverband, der israelitischen Kultusgemeinden ohne weiteres die Eigenschaft einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft zu. Hiernach erübrigt sich dem dortigen Anträge, den Landesverband die Rechtspersönlichkeit zuzügestehen, durch' eine ausdrückliche Erklärung oder eine besondere Verleihung der Rechte einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft zu entsprechen." (Diese Auffassung des anhaltischen Ministeriums wird von Preußen nicht geteilt. Red.) Der Mord in Jendrezsow. Warschau, 9. Mai. Das „Lodzer Tageblatt" veröffentlicht ein^n tzetatl, lierten Bericht über die Vorgänge bei dem Totschlag n, Jendrezsow aus dem hervorgeht, daß es sich keineswegs gm einen zionistischen Ueberfall h^nAlt, sondern um eine aus bloßem Mutwillen heröeigeführte Schlägerei halbwüchsiger Jungen. Die Täter wollten in die Klaus eindringen, wurden zurückgewieftn und fielen über den zufällig heraustretenden jungen Libmanowitfch mit Eisenstangen her. Gegenüber dieser Darstellung bleibt der „Jud" da. bei, daß die Täter unter dem unmittelbaren Einfluß der an den Pessachtagen besonders hochgehenden zionistische» Hetze gegen alles was Aguda, Chassidismus und Orthodoxie heißt, gehandelt hätten. Schon während der dein! Morde vorangehenden Tage hätten sich die Angehörigen der Aguda kaum mehr auf die Straße getraut und es habe des Eingreifens der Polizei bedürft, um sie zn schützen. Unrichttg scheint jedenfalls der Bericht der ITA. gewesen zu sein, die das Ganze als einen Kampf zwischen Zionisten und Agudtsten dargestellt hat. galtet*«! Der Numerus clausus auf dem internationalen Soziologen-Kongreß in Rom. > Rom, 5. Mai. Der im Senatorensaal des Kapitols stattgefunden« Hl. Internationale Soziologenkongretz wurde soeben uni« dem Vorsitz des Staatsministers Luigi Luzatti beendet. Luzatti schloß mit einem Appell für Gerechügfeit gegen die nationalen und religiösen Minderheiten. Der Kongreß hat an seinem letzten Sitzungstag einstimmig die folgende Resolution angenommen: „Der Kongreß, der eine geziemende Aufmerksam, keit denjenigen nationalen Minderheiten zuwendet, di« keine staatliche Organisation hinter sich haben und darum ganz besonders den durch alte Rassen- und Religions-Vorurteile hervorgerufenen Millkürlichkeitm ausgesetzt sind; er verlangt von allen Regierungen die absolute Achtung der den Schutz der nationalen und religiösen Minderhetten betreffenden Klauseln in den internationalen Verträgen; er wendet sich aus Grund der Prinzipien der menschlichen Pflicht gegen jedes Regime, das andersrassige Bürger in. eine untergeordnete Stellung zwingen oder ihnen die den anderen Bürgern zustehenden Rechte versagen will; weiter betont der Kpngreß mit besonderem Nachdruck, daß die Einführung des „Numerus clausus" arr den Universitäten (ganz gleich von welcher Autorität dies ausgeht und m welcher Form das geschieht) ein Attentat auf das primärste und unverletzlichste Recht jedes Menschen darstellt, auf das Recht nämlich, Wissen zu erwerben, den Geist zu kultivieren und am Fortschritt der ganzen Menschheit mitzuwirken, indem er an der Arbeit der modernen Kultur teilnimmt." Sstz«»eiz. Die Zweite Emigrations-Konferenz in Genf. . Genf, 7. Mai. Dieser Tage fand in Genf beim Bureau internattonal du traoail die zweite Emigrattonskonferenz statt, an welcher auch jüdische Organisationsvertreter teilnahmen. Es wurden eine Reihe Beschlüsse über den Transport der Emigranten, über die hygienischen und sanitären Maßnahmen und über den Schutz der Emigranten während des Reiseweges angenommen. Unter den verschiedenen Vorschlägen, welche von der Konferenz angenommen wurden, wurden auch die Vorschläge des Vereinigten Komitees für jüdische Auswanderung in die Beschlüsse einbezogen. Es wurde ein Emigrationskomitee gebildet, das als beratende Stelle beim Bureau internattonal du traoail funkttonieren wird. (ITA.) Wochenkalender. 17. - 24. Mai 1924 / 13. - 20. Jjor 6684 Samstag Mai 17 7»K 13 1"X Sonntag 18 14 Montag 19 15 ft’2Wl Dienstag 20 1h Mittwoch hi 17 Donnerstag h2 18 Töjo i°b Freitag 23 19 Samstag 24 -1.12 20