Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1924)
- Date
- 1924-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit 15. Mai 1924 Zur Frage der Kalenderreform. Amsterdam, 7. Mat. Die königliche Akademie der Wissenschaften hat dem Unterrichtsminifter ein Gutachten in der Frage der Kakenderreform erstattet, das sich gegen allzu einschneidende Reformen ausspricht und gegen die beabsichtigten Aendcrungen mit Ausnahme der Fixierung des Osterfestes gewichtige Bedenken geltend macht. In der Frage der durch Blankotage herbeizuführenden Einteilung des Jahres in vier gleiche Quartale glaubt die Akademie sich den Forderungen des Handels fügen zu müssen, empfiehlt aber die Reform ganz zu unterlassen, falls die Blankotage von kirchlicher Seite verworfen werden sollten. In diesem Zusammenhänge ist es besonders interessant, daß die Amsterdamer Handelskammer dem Arbeitsminister eine Eingabe überreicht hat, worin sie sich gegen die geplante Kalenderreform ausspricht, weil die Reform unter anderem den orthodoxen Juden schwere kommerzielle Nachteile bringe und dadurch auch diejenigen Körperschaften in Mitleidenschaft ziehen würde, Ne mit den Juden in Geschäftsverbindung stehen. Pessach in Jerufcholajim Jerusale m, 28. April. Wochen und Monate wurden umfassendste Vorbereitungen getroffen, um den diesjährigen Pessach zu einem „Wallfahrtsfest" mit eminent nationalem Gepräge zu gestalten. Die historische Gotteshuldigung, die das jüdische Volk durch heilige Berufungen an den drei Wanderfesten iy^ alter Zeit in Jerusalem vereinigte, sollte äls Resonanzboden für eine zeitgemäße „Alijah leregel" dienen. Und das Arrangement ist großartig gelungen. Allerlei Ausstellungen, Theater, Oper und Schauspiele, Film und Sport in allen Fächern, Volksfeste, Ausflüge und Abende mit Tanzunterhaltüngen, mit Musik und Gesang — alles hebräisch — lösten einander ab. Die Plätze und Lokale waren gedrägt voll von Tausenden-Besuchern, die in großen Plakaten und Festschriften zur Teilnahme an diesen nationalen Veranstaltungen aufgefordert wurden. Auch sämtliche Hotels waren überfüllt. Diele Besucher muhten in Prioatwohnungen untergebracht werden. Seit der großen Zerstreuung hat die heilige Stadt eine so zahlreiche Zusammenkunft ihrer versprengten Kinder, wie an diesem Pefsach, nicht gesehen. Am ersten Tag Pessach gab es auch einen besonders festlichen Gottesdienst in der uralten Hauptsynagoge der Sefardimgemeinde. Der Hochkommissar, Sir Herbert Samuel, machte, wie er es bei solchen Anlässen immer zu tun pflegte, zu Fuß den weiten Weg von seiner Residenz bis zur Synagoge. Auch feine Suite kam zu Fuß. Zwei Herolde mit silbernen Stäben gingen ihm voran. In den großen Hallen der alten Synagoge wogte es Kopf an Kopf. Wenn der Naziv in die Synagoge kommt, kommen auch die Honoratioren Jungjudas, von denen etwelche sonst niemals eine Synagoge besuchen. Sie machen eine Staatsoisite beim lieben Hkkrgott. Sie sind auch diesmal im Gotteshaus erschienen und nahmen die Ehrenplätze rechts und links vom Naziv ein. Und als der Chafan „jaamod Hob maalath Hanaziw haeljon Rabbi Elieser ben Menachem" aufgerufen, erhob sich die ganze Gemeinde von ihren Plätzen. Es erfüllte jeden Anwesenden mit Stolz und Genugtuung, haß dieser Mann, der eben zur Thora gerufen wird, als Vertreter eines der mächtigsten Könige der Erde, ein Fürst in Israel, Regierungschef von Erez Jisroel ist. Und auch die erwähnten Honoratioren wurden zur Thora aufgerufen. Und sie traten einer nach dem andern, hin zur heiligen Rolle des nationalen Gottesrechtes und rezitierten, lallten das schwere Gelöbnis, das alte Bekenntnis: daß der höchste Gesetzgeber, der König der Welt, aus den Völkern uns erwählt hat, die Lehre seines Gesetzes uns zu geben. Und nach vorgelesener Thora beteuerten sie nochmals: daß das von Gott gegebene Gesetz, ein Gesetz der Wahrheit ist und daß damit allein das nationale Einzel« und Gesamtleben für die Ewigkeit Unter uns gepflanzt wurde. Aus solch feierlichen Gelöbnissen Und Bekenntnissen ergibt sich eigentlich deutlich, daß auch die offiziellen Führer «"NS M«h («uiS, d',« dar "WWÄ- KoMsrecht Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Megtllas „Autonomie." — L. Wo chenrund schau: Das amerikanische Etnwanderungsgesetz. — Die Kehilloswahleu in Pole». — S. Kleines Feuilleton: Zum sechzigsten Geburtstage von Dr. Nathan Birnbaum. — Im Reiche der Ghasaren. — Mendel Beilis gestorben. — (Haderech). — (Humor in der Wahlversammlung). — 4. Aufsätze: Bon L. Anfänger ln Wirrzburg: ’S®. — 8. Korrespondenzen und Nachrichten. — 6. Aus aller Welt. — 7. Frankfurter Berichte. — 8. Bereinskalender. — Gebetzeiten. — S. Feuilleton-Beilage: „Witwen und Waisen." — 10. Personalien. — 11. Briefkasten. — 18. Vermischtes. — 13. Sprechsaal. auch im neuen Jsraelland nur als Privatfache betrachten, eigentlich wissen, wie es von rechtswegen sein sollte, sein mühte. Es wäre doch eine beleidigende Zumutung, von solch ernsten Männern vorauszusetzen, daß es ihnen mit diesen öffentlichen Gelöbnissen nur Scherz ist oder daß es ihnen nur um den Schein zu tun ist. Wenn sie aber, sagen wir aus politischen Gründen, aus, den Schein der Wahrheit angewiesen sind, aus den Schein, der doch nur ihr Schatten ist, warum nicht nach ihr selbst streben? Wie würde es allenthalben Freude und Begeisterung auslösen, wenn das nationale Gesetzbuch in seiner ganzen Heiligkeit und Herrlichkeit sich an dem neuen Bajath leumi erweisen möchte? Was könnten wir für Sabbate und Feste in Jsraelland feiern, wenn die zionistischen Führer und leitenden Männer diese Thoragelöbnisse in ihren organisatorischen Arbeiten verwirklichen möchten, um das jüdische Volk auf geheiligtem Väterboden auch an geistigen und sittlichen Schätzen stärk und reich zu machen, das jüdische Leben nationaler, jüdischer zu adeln. i Der nateionale Dichter Bialik hat ~ Maftir vorgetragen, Oberrabiner Jakob Meir hielt hierauf eine kurze Predigt, in der er den Naziw und den Philantropen Dawid Esra Sasson aus Bombay begrüßte. Er feierte die nationalen Errungenschaften in Erez Jisroel, die Entwicklung des Bajith leumi als Geulaanfänge, indem er auf die Pflicht des Gedenkens unseres Auszuges aus Mizrajim hinwies. Auch damals erreichten unsere Vorfahren ihr Ziel erst nach 40jähriger Wüstenwanderung. Auch wir werden allmählich alles erreichen. Der Oberrabbiner Jerusalems erinnerte auch an das Chomez-Verbot und betonte, daß man in den Kaffeehäusern und sonstigen öffentlichen Lokalen weder Kaffee noch Bier trinken dürfe. Für Keren Kajemeth, Keren Hajeseed und Keren Hageuloh müsse, so meinte der Herr Oberrabiner, jeder Sohn des jüdischen Volkes die größten Opfer bringen. Laut Nachrichten aus Newyork hat Dr. Weizmann dem Oberrabbiner Kuk nahegelegt, feine Aktion für die Jeschiwoth zurückzustellen, bis die Propaganda für Keren Hajefod beendet ist. Cs wäre sonst eine Art Hasvgas Gewul. Rabbiner Kuk soll ihm geantwortet haben, daß Keren Hajesod, welches bisher die Gelder nur für zionistische Schulen, für Talmud-Thora und Jeschiwoth aber noch keinen Heller geopfert hat, nicht berechtigt sei, eine solche Rücksicht zu beanspruchen. Ohne Talmud- Thora und Jeschiwoth würde es in Erez Jisroel ohnehin keinen Keren und keinen Jesod geben. Der Vorsitzende des Nationalfonds, M. UMchkin, hat bald nach Pessach feine große Propagandareise für den Keren Kajemeth angetreten. Bon den zahlreichen Gästen wurden auch namhafte Käufe an Land und Baugründen ausgeführt. Aus aller Welt. Palästiua. Man hofft, daß als Ergebnis der diesjährigen Reisesaison eine Reihe gröherer industrieller Unternehmungen entstehen werden: ein ZüöLrsyndikat, Tertilfabriftn in Haifa und Jaffa, zahlreiche Neubauten von Wohnhäusern sowie Tabakfabriken. — Der dem Zionismus anhangende Drohobitzer Rebbe, Rabbi Chakim Schapirv, der vor kurzem nach Erez Jisroel überstedelte, ist am letzten Nissantage gestorben. Rußland. In der Ukraine, insbesondere in den jüdischen Kolonien herrscht seit einigen Monaten eine schwere Malariaepidemie. — Die jüdische Sektion der Bolschewisten hat die Bibliothek der berühmten Wolosyner Jeschiwa für die Stadtuniversität beschlagnahmt. — Das Kiewer Gericht hat einen ehemaligen Offizier der Denikin- Armee wegen seiner hervorragenden Beteiligung an den ukrainischen Pogromen zum Tode verurtektt. — In Paris findet eine Konferenz voir Vertretern des Joint und der ICA wegen der Durchführung des Krimm-Kolönisätionsprojektes statt. Litauen. Der ehemalige Minister Rosenbäum gibt bekannt, daß er gegen die Wiener Jüdische Presse wegen Meß MfMes: „Der jüdische Minister" Beleidigungslldge einMeicht habe. _ yfr. 20 Seite. L.. Lettland. Der bekannte Berliner Professor Dr. Ballod, der in Deutschland ein warmer Vertreter des Zionismus war und im Kriege dem Palästina-Komstee angehörte, predigt jetzt als Universitätsprofessor m Riga einen scharfen Antisemitismus. Italien. Am 15. Mai tritt auf Einladung der italienischen Regierung eine internationale Konferenz für Emigration und Immigration in Rom zusammen. frankfurter Berichte. Von der Schneiderten Jeschiwoh. Die Schneidersche Jeschiwoh, die sich bis jetzt wie durch ein Wunder zur Zierde der Frankfurter Judenheit erhalten konnte, soll auf eine neue gesunde Basis gestellt werden. Ein neugebildetes Kuratorium versendet folgendes Rundschreiben: „Die berufenen Vertreter des orthodoxen Judentums haben in der letzten Zeit aus allen. jüdischen Zentren der Welt, ihren warnenden RÜf chinausgesthrien, daß alle auf dem Bbden des Judentums Stehenden, mit allen Kräften daran mitäpbtztten sollen, daß in allen Kreisen das Studium der Thora mlhr wie bisher gefördert werde. x Im Osten ergreift die Epidemie des MfHlles die Massen, und hier in Deutschland find wir in erster Linie berufen, das heilige Erbe des vorigen Jährhunderts, welches unsere drei großen Meister aus den Trümmern gerettet haben, zu erhalten und rtzeiter auszubauen. ' . . Die Städte müssen geeignete Talmudäelehrie und Kultusbamte und die Landgemeinden in Taükvy gründlich erfahrene Lehrkräfte und Schochtim in genügender Anzahl zur Verfügung gestellt bekommen, zu deren Ausbildung in erster Linie die Jeschiwaus berufen sind. Wie übel es in der Beziehung gerade in den Landgemeinden aussieht, dürfte allgemein bekannt sein. Seit Jahren leistet, wie allgemein bekannt, die Jeschiwoh unseres allverehrten Reb Mausche Schneider in Frankfurt a. M. Gewaltiges auf diesem Gebiete. In großer Anzahl gingen aus dieser Jeschiwoh bewährte Lehrkräfte und Schochtim in die jüdischen Gemeinden Deutschlands und der übrigen Länder. Die Erhaltung dieser so segensreich wirkenden Jeschiwoh wurde bisher möglich durch freiwillige Spenden. Der Segen, welchen die Jeschiwoh für ganz Israel bringt, soll aber nun nach Beschluß des Kuratoriums für alle Zeiten gesichert werden durch Erhebung regelmäßiger monatlicher Beiträge bet den zur Erhaltung und Förderung des Taurohstudiums berufenen Kreise." Synagogale Musik. Wie schon bekanntgegeben, hat sich Herr Mar Reumann, ein Berufener auf diesem Gebiete, bereit gefunden, einen Dortrag über das Thema: „Der synagogale Gesang in seiner historischen Entwicklung" zu halten. Der Bortrag findet Donnerstag den 22. Mai (»»»53 a"W abends 8 Uhr im kleinen Saal des Saakbaues statt und wird umrahmt und illustriert durch Gesangsernkagen des Herrn Oberkantor Groß und eines zu diesem Zwecke zusammengesetzten Meschorarimchors. Vorzugsweise kommen hier vollständig unbekannte nnt-via ww-Gesänge von Sulzer, Naumburg und Lewandowski zum Vortrag. Man wird dabei Gelegenheit haben, das alte, echte Chassonus und die Meschorariminstitution der östlichen Synagoge kennenzulernen. Das Interesse an dieser Veranstaltung dürste allgemein sein. Eintrittskarten find erhältlich ber B. Firnberg, Schillerstrahe, in den bekannten hebräischen Buchhandlungen und, soweit noch vorhanden, auch an der Abendkasse. IVDK 'j?^S-Borträge im Mekor Chajim. Herr Professor A. W e y k wird, beginnend mit *ws 's p*'w allsabbatlich von 12.15—1 Uhr über irfas ->pn-, Borträge halten,und zwar in der Fraucnsynagv.gr der Klaus, Ostendstratze. Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft". Am Montag, den 19. Mai, abends 9 Uhr, findet eine öffentliche Sitzung der Gemeindevertreter statt. Tagesordnung: Schuletat. Bereinskalender. (Wegen Raummangels verkürzt.) Aerei« Mekor Hyajim. Samstag vorm, nach Schluß der Synagoge „Dinim"; Herr Rektor Falk, — 12lU Uhr in der Frauensynagoge der Klaus rvDN ipic; Herr Professor A. Weyl. — nachm. 4‘/4 Uhr (Hörsaal) „Mikro"; Herr Dr.W. Hofmann. — 1 Stunde vor Nacht „Midrasch"; Herr Oberlehrer Jos. Kaufmann. Sonntag und Mittwoch nach Schluß der Syna- . goge cwn N12Q: Herr Red. Schachuowik. Sonntag vorm. 9'/«Uhr undDienstag 1 Stunde vor ..Mmchll"..Gemoro'; HerrR.A.G.Posen. Montag und Mittwoch abend?Uhr „Gemoro Herr Rabbiner Dr. Josef B reu er. Donnerstag abend 8% Uhr im Dereinslokale „Aus der Morschen Gedankenwelt"; Herr Rabb. Dr. Jos. Breuer.