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Der Israelit · 1924-05-15 · Heft 20 (15.5.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 20 (15.5.1924)
Date
1924-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 20 De'r Israelit 15. Mai 1924 die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, wird diese neue Variation der Dolchstoßlegende in allen Tonarten und bei jeder Gelegenheit in die Massen geworfen: „Auf der Hut vor Frankfurt!" In einer dieser Tage vom Stapel gelassenen Artikelserie in dem in Kowno erscheinenden zionistischen Organe weiß Rosenbaum kein anderes Motiv als das eive, um das sich alle weitläufigen Ausführungen drehen: Die verzweifelte Lage haben die Gesetzestreuen verschuldet und alle Verantwortung trägt Frankfurt! Was die Orthodoxie anbelangt, so sei folgendes gesagt: Wir haben damals die Geulah- Lieder nicht mitgesungen und wissen daher jetzt nichts von Verzweiflung. Eines aber ist uns mit aller Deutlichkeit in den fünf Jahren klar geworden: Die jüdische Kehillah, die jüdischen Organe, die jüdische Selbstverwaltung, sie werden jüdisch sein oder nicht sein! Es gibt kein anderes Judentum als das, welches seit Jahrtausenden unter seinen eigenen Lebensformen und Bedingungen lebt. Wer hier auf neue Grundlagen baut, baut in den Wind! Haben wir einmal diese Wahrheit ganz erfaßt, so haben wir auch unter den heutigen Umständen noch das Fundament. zu neuem Aufbau. Wochenrundschau. Das amerikanische Etnrvanderungsgesetz. Die Nachrichten aus Amerika zeigen leider, daß Senat und Repräsentantenhaus über die verhängnisvolle Johnson-Bill zu einer Verständigung bereits gekommen find und daß die Vorlage, da an ein Veto des Präsidenten nach dem neuesten Wahlerfolge eines scharfen Einwanderungsgegners wohl kaum zu denken ist, in aller Kürze Gesetz werden wird. Das bedeutet eine Einschränkung der Einwanderungsquote auf 2 % der im Jahre 1890 in Amerika gewesenen Bevölkerungsgruppe aus jedem Auswanderungslande. Während die europäischen Westländer davon verhältnismäßig wenig berührt werden (England jetzt jährlich 62000 statt 77 000, Deutschland 60000 statt 67000) ist die Wirkung auf die jüdischen Zentren des Ostens geradezu vernichtend. Aus Polen dürfen nur noch 9000 Personen im Jahre einwandern, statt bisher 31 000, aus Rußland 1800, statt 24 000, aus der Tschechoslowakei 1800, statt 14000, aus Litauen 300, statt 2600. Die Bestimmung, daß Ehegatten von Amerikanern sowie ihre Kinder unter 18 und Eltern über 55 Jahre Kleines Feuilleton. Zum sechzigsten Geburtstag von Dr. Nathan Birnbaum. Am 10 Jiar feierte Nathan Birnbaum seinen 60. Geburtstag. Von dieser Lebensrechnung gehörten vier Jahrzehnte emsigen Denkens und geistigen Schaffens dem jüdischen Volke, ein volles Jahrzehnt Denken dem Judentum, dem reinen vollen Thorajudentum. Nathan Birnbaum ist ein führender Kopf im Geistesleben, aber was noch mehr sagen will, ein tn Liebe für sein Volk glühendes Hepz. Und diese Liebe war es, die den Suchenden und Kämpfenden nach hartem Ringen auf den besten Weg geführt hat. Vom Elternhaus hatte Birnbaum nur einige jüdische Eindrücke mit ins Leben genommen. Die Jahre seines Werdens stehen im Zeichen der Asfimilationsbestrebungen der Zeit. Aber er findet fich heim; auf Umwegen wohl, aber eines Tages steht u uum vor uns, in unserer Mitte, mit der reifen Frucht eines jahrzehntelangen Ringens, bestehend - in der Erkenntnis, daß die Thora die Seele des Judentums ist, alle jüdische Kultur von ihr ausgeht und zu ihr zurückkehrt, das Sinaigesetz das Maß aller Dinge im jüdischen Leben ist. Und Birnbaum ist nicht nur Bekenner, sondern er hat den Mut, auch durch die Tat mit all den Strömungen, die ihn früher beschäftigten, zu brechen und aus seinen Erkenntnissen alle Konse.uenzen für sein praktisches Leben zu ziehen. Glühende Liebe zum Judentum machte Birnbaum 30 Jahre lang zum geistigen Wanderer, bis daß er endlich ebenso wie allgemein Rabbiner und Lehrer zugelassen werden dürfen, mildert die Katastrophe nur wenig. Es ist tief bedauerlich, daß alle Anstrengungen der amerikanisch-jüdischen Organisationen, die Zweckwidrigkeit und Grausamkeit der Immigrations-Beschränkungen im Angesicht eines verelendeten Europa zu erweisen, bei den amerikanischen Staatsmännern kein Gehör gefunden haben. Man glaubt eben drüben, durch die Abschnürung des Zuzugs das Ineinanderwachsen der verschiedenen Bevölkerungselemente zu einer nationalen Einheit fördern und zugleich den Arbeitsmarkt vor Ueberfüllung schützen zu müssen . . . Ob die grade in diesem Augenblick in Rom zusammentretende internationale Emigrationskonferenz die Lage beim besten Willen irgendwie erleichtern kann, ist mehr als zweifelhaft. Denn alle technischen Behelfe der Wanderungsbewegung sind wertlos, wenn das größte Einwanderungsland seine Tore schließt. &■*äü_6" i Die Kehillosrvahlen in Polen. Das orthodoxe Judentum in Polen, das heute den größten Teil des orthodoxen Weltjudentums darstellt, steht vor Entscheidungen, die die Aufmerksamkeit der ganzen Diaspora verdienen. Am 1. Juni sollen die von der polnischen Regierung ausgeschriebenen Kehilloswahlen stattfinden, die ersten im polnischen Reiche. Die letzten Wahlen gingen vor zehn Jahren noch unter dem russischen Regiments vor sich. Was alles in der Zwischenzeit über die polnische Iudenheit gegangen ist, ist bekannt. Die Zerstörungen, die der Krieg in Polen gebracht hat, haben traurige Spuren im jüdischen Kehillohleben hinterlassen. Die Gemeindevorstände von früher sind gestorben, verdorben, in die Verbannung gegangen, und in ihren Aemtern setzten sich mit Gewalt Männer fest, die von Hause aus nicht die geringsten Qualifikationen mitbrachten. Die der Gemeinde unterstehenden Talmud-Thoraschulen sind zugrunde gegangen, allwo sich nicht Einzelne fanden, die ihren Fortbestand sicherten. Die Rabbiner waren bei dem mangelhaften Verantwortungsgefühl derer, die sich die Führung anmaßten, buchstäblich dem Verhungern preisgegeben. Der Einheitschärakter der Gemeinde war so sehr in die Brüche gegangen, daß kein Gemeindemitglied mehr an Steuerleistung dachte. Insbesondere litten unter diesen Umständen die Großstädte, wo die sogenannten Führer in gar keiner Fühlung mit den Volksmassen und ihren Bedürfnissen standen und die Gemeindestube zu einem Tummelplatz die Heimat fand, die er immer schon mit der Seele suchte. Die Liebe riß ihn zuerst aus dem Schoße der Assimilation, um ihn mit großem Schwünge in die Arme des Zionismus zu tragen. Aber über den Ideen standen bei ihm die Menschen, in deren Sprache er reden, denken und fühlen wollte. So ging er zu den Jidischisten. Und von hier fand er, was für einen anderen einen gewagten Sprung über gähnende Klüfte bedeutet hätte, den direkten Weg zum Judentum der Thora. Die Volksmassen, die er über alles Lebte, deren einfache Kultur, deren Moral und Ethik er bewunderte, hatten es ihm angetan. Ein Tiefschürfender wie er ist, mußte er! nach der letzten Quelle dieses ungeheuren inner» Reichtums des Golusjuden suchen ,und er fand fie in der Thora, die auch ihm, dem Ewigsuchenden, seitdem letztes Ziel und fester Heimatboden ist. Wie er in unseren Reihen gegen Lüge und Schein und Irrung kämpft, ist allbekannt. Von seinen Schriften erwähnen wir „Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage (Czernowitz)", Artikel in „Die Freistatt", Jüdische Revue 1913 und 1914. „Vom Judentum", Leipzig 1913. In den letzten Jahren gab er uns die reife Frucht seines Denkens in den Broschüren „Gottes Volk", Verlag Löwit 1918, „Vom Freigeist zum Gläubigen", Verlag Arzenu, Zürich, „Vor dem Wandersturm", Verlag L. Sänger Frankfurt a. M., „Nachbemerkungen zu Gottesvolk" Verlag Jeschurun, Berlin 1919, „Um die Ewigkeit", Welt-Verlag, Berlin 5680, 'itt, (hebräische und jüdische Ausgabe), Verlag Max Hickel, Wien 5683, „In Golus bei Judenb, Verlag Zentralbureau der Agudas Jisroel. Wir wünschen dem Jubilar ungezählte weitere Jahre segensreichen geistigen Schaffens. ehrgeiziger und herrschsüchtiger Elemente herabdrückten. So wurde der Wunsch und die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen in den Gemeindeverwaltungen im Herzen der Bessergesinnten immer brennender. Schon während der deutschen Okkupation wurde ein Gemeindestatut ausgearbeitet, dessen Durchführung aber mit dem inzwischen erfolgten Abzug der Deutschen vereitelt wurde. Es kam die polnische Republik, deren Regierungen fürs erste etwas anderes zu tun hatten, als sich mit den Wahlgesetzen für die jüdischen Gemeinden zu befassen. Schließlich gelang es doch nach vieler Mühe, bei der Regierung durchzusetzen, daß die Wahlen auf Grund des Statuts, und zwar für den ersten Juni dieses Jahres, ausgeschrieben wurden. Das Statut für die Gemeindeorganisation ist in der Hauptsache das auf Grund des deutschen Gesetzes ausgearbeitete geblieben, freilich unter Abschaffung des sogenannten Kuriensystems. Nach dem deutschen Statut stand den Gelehrten, sowohl denen, die eine abgeschlossene akademische Bildung hatten, wie auch denen, die im Besitze eines Rabbinatsdiplomes waren (letzteres von den Vertretern der Aguda, den Herren Rabbinern Dr. P. Kohn und E. Earlebach durchgesetzt) als besonderer Kurie das Recht zu. soviele Vertreter in die Gemeindeverwaltung zu schicken, wie die erste aus den Wählermassen bestehende Kurie. Dieses Kuriensystem wurde jetzt dem allgemeinen Wahlrecht geopfert. Auch sieht das jetzige Statut einige Beschränkungen für die Bildung von Separatgemeinden vor. Im ganzen ist aber das Gesetz noch demokratisch genug im Vergleich zu der russischen Zeit, da das Wahlrecht für die Gemeinde ein Privileg weniger Geldmagnaten war. Mit sichtlicher Unzufriedenheit, ja offener Gegnerschaft begegnen die Zionisten dem Gemeindegesetz. Angeblich, weil es das Alter der Wahlberechtigten nicht bis zum 21. Lebensjahre herabsetzt und die Frauen von den Wahle« ausschließt. In Wahrheit aber richtet sich ihr Zorn gegen den religiösenCharakter der Gemeinde, denn was sie sehnlich wünschen, ist die profane Volksgemeinde. Auch patzt es ihnen nicht, daß die Rabbiner länger als auf sieben Jahre gewählt werden. Bezeichnend genug, daß die Zionisten, die sonst die Demokratie in Pacht genommen zu haben scheinen, bei der Regierung darauf dringen, das Statut nicht auf Ostgalizien auszudehnen und es dort bei dem alten System, das die Wahl von der Steuerzahlung abhängig macht und die Wähler Im Reiche der Chafaren. Der bekannte historische Roman von S. Schachno w i tz „Im Judenftaate der Ehasaren" erscheint dieser Tage im Omonuth-Verlag Frankfurt-Moskau (Dr. Persihj in hebräischer Ausgabe, nachdem ein Kollegium neuhebräischer Schriftsteller das Buch als beste Lektüre für die reife hebräischlesende Jugend des Ostens und Palästinas zur Bearbeitung empfohlen hatte. Die hebräische lleberfetzung ist von einem bekannten und gewandten neuhebräischen Schriftsteller (Samuel Zitron) hergestellt. Der Tert ist, in herrlichem Drucke und punktiert, auch dem westlichen Publikum, so es einige hebräische Kenntnisse hat, leicht verständlich. Ausstattung und Buchschmuck stehen, wie alle Erzeugnisse de? Omonuth-Verlages, auf der Höhe graphischer Kunst. Mendel Beilis gestorben. Aus Jaffa kommt die Nachricht, daß dort der aus dem Kiewer Ritualmordprozeh bekannte Mendel Beilis gestorben ist. Das Ableben Beilis bringt uns jenen Prozeh in Erinnerung, der im Jahre 1913 auf der ganzen Wett das größte Aufsehen erregt hat. Der Prozeh Beilis war eine der vielen dunkle» Settenin dem dicken Bande der Geschichte des großen Zarenreiches Rußlands. An einem schönen Frühlingstage des Jahres 1911 wurde in einer Ziegelei t» Sagorowischtschina die Leiche eines Knaben namens Justschinsky gesunden und des Mordes der jüdisch« Arbetter Mendel Dellis beschuldigt. Es war knapp vor den jüdischen Osterfeiertagen und die aufgesundene Leich« des jungen Ehristenknabens gab Aniah zum Auftauchc» des unseligen Ritualmordmärchens. Obwohl die russischen Behörden von der Unschuld Dellis überzeugt

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