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Der Israelit · 1924-05-15 · Heft 20 (15.5.1924) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 20 (15.5.1924)
Date
1924-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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65 Jahrgang. Lrankfurt a. M., den —seit— Rr. 20 Ein Centralorgan für las orthodoxe Judentum llfSSf Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. \\\ 1 Abonnement ab Januar 1924: Deutschland -1 Goldmark monatlich; Ausland: Bierteltahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ber» sandes) Deutsch-Österreich: 60000 Krone«: Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich rS Fr.; Belgien 16 Fr.; Hollands fl.; Italien 80 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 6 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 85 Kronen:Ungarn90000Kronen; Dänemark 6Krone»; Norwegen 6 Kronen; Schweden 8.80 Krone«. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpfennige, für Stellensuchende SO Goldpf., für die stedengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 76 mm breite Reklamezeile: letzte Tertseite 1.80 Mk., vorletzte Tertfeite 8.— Mk.; Thtffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Snserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Änferatenannahme durch den Verlag de» Israelit G.m. b. H.. Frankfurt a. M., Gr. Eschenheimer Straße 88. Tel. Hansa 6848 sowie durch gmtl. Annoncen-Erped. deb In-und Ausland» Alleinige Jnferatenannahme für Frankfurter eschästsanzeigen: Aul. Schmidt» Langestrabe 8. Platz Vorschriften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an de» Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. .19803. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79803 — ffiofj jüdtch Nr. VllI 7834 — Inkasso-Bank Amsterdam — Böhmische Unionbank in Prag — Banca Marmarosch, Blank & Co. in Bukarej Senamt Budapest Nr. 18484 — Postscheckamt Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - — —" — {üyatto. Verlüeg 6er Frommen, j! In der Heutigen Kummer veginnen wir ■ | in Ilorm der Wuch-Weikage mit dem » | Wendruck von Wo fche K?ajrw » J Luzattos unffet&tidfem Werke i | ll'NV' in der trefflichen Weöerfetznng | | Ir. I. WoHlgewutHs, die längere - - Zeit vergriffen war. S Biegillas „Autonomie". Aus Litauen wird uns geschrieben: Die Lage in Litauen ist nichts weniger als geklärt, Klar ist nur eins: Eine kurze Periode von ungeheurer Bedeutung für das jüdische Innenleben wie seine Beziehungen zur Außenwelt hat ihren Abschluß gefunden, und wir würden ungerüstet in die Zukunft gehen, wenn wir nicht die Lehren aus der Vergangenheit ziehen und verwerten. Das Fazit der bisherigen Politik drängt die Frage auf, ob die Taktik der Männer, die in den letzten fünf Jahren am Ruder der jüdischen Autonomie gestanden haben, dazu angetan war, bessere Zustände herbeizuführen als wie sie jetzt nach außen und innen herrschen. Die ersten Begründer des litauischen Staates haben uns in Berücksichtigung unserer Verdienste um diesen Staat und unserer Fähigkeit, Grundpfeiler dieses Staates zu werden, das autonome Recht eingeräumt, unsere Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen und sie nach Maßgabe unserer Wünsche und Interessen zu verwalten. Wer darin eine bisher nie dagewesene Neuerung im jüdischen Leben sah, ließ es an historischem Denken fehlen. Die Autonomie hatte die östliche Iudenheit bereits im 17. Jahrhundert mit der Vierländerf y n o d e, die alle jüdischen Angelegenheiten der Gemeinden nach innen und außen regelte und dafür die nötigen Teil- und Zentralorgane geschaffen hatten In drei Jahrhunderten hat sich vieles geändert, und selbstverständlich konnte die heutige Autonomie in ihren. äußeren Formen ' nicht an die des Mittelalters anknüpfen. Die großen, ewigen Prinzipien des Judentums lind aber für alle Zeiten unveränderlich, und hierin hatte man sich schon beim Wiederaufbau der jüdischen Autonomie bei den Alten befragen müssen. Im Mittelpunkte der Arbeit der Vierländersynode stand das religiöse Moment, als Brennpunkt gleichsam, um den sich alle Aeußerungen und Maßnahmen der Organisation kristallisierten. Die jüdische Autonomie in Litauen verzichtete auf diesen Inhalt der jüdischen Neschocko und war daher von Anfang an dem Untergange geweiht. Bei historischem Denken und Fühlen hätte man das Programm der Autonomie zu allererst auf die Organisierung und Befestigung des religiösen Lebens konzentriert, hätte sich den Ausbau und die Erhaltung der religiösen Institutionen angelegen sein lassen, darauf gesehen, die jüdische Erziehung vor äußeren Einflüssen zu sichern und zur Verbreitung des jüdischen Geistes im jüdischen kreise beizutragen. In zweiter Reihe, aber darum nicht weniger intensiv, hatte man die soziale und politische Arbeit in die Hand zu nehmen. Elftere zum Wiederaufbau nach den entsetzlichen Zerstörungen des Krieges und letztere zur Wahrung unserer politischen und bürgerlichen Rechte, zum Schutz unserer ökonomischen und religiösen Interessen im Rahmen der Gesetzgebung. . * Wie machten es aber unsere politischen Führer an der Spitze der Autonomie? Für sie war all das, was uns altgeheiligt ist, nur Gegenstand des politischen Kampfes, einer'Katastrophendiplomatie zugunsten von Parteiinteressen, die in diametralem Gegensatz zu den Wünschen und Überzeugungen der großen Masse der litauischen Iudenheit stehen. Man verstand es wohl in erster Zeit, sozusagen in den Flitterwochen der Autonomie, mit hochtönenden Phrasen und großen Gesten die Massen zu betäuben. Auf die Dauer hielt das Blendewerk nicht an. Der Nebel verschwand, und was blieb, war Enttäuschung, Verbitterung und — zuletzt stumpfe Gleichgültigkeit. Die Aufmachung kostete viel Geld, aber solange das Geld vom Auslande floß, machte man sich in der Bevölkerung auch darüber keine weiteren Sorgen. Ihr Arbeitsfeld fanden die Führer zunächst im Kampfe gegen die Orthodoxie. Als es aber bei Worten und Beleidigungen allein nicht mehr blieb, als man auch Hand auf die Schulen legte, um sie dem jüdischen Geiste und der Tradition zu entfremden, wurde es doch dem litauischen Judentum zu viel, mehr als es ertragen konnte, und es erwachte. Von den Versprechungen nach außen, mit denen man über die innere Zerstörungsarbeit hinwegtäuschen wollte, konnte keine einzige ein? gelöst werden. Die jüdische Diplomatie, auf die erste Regierung eingestellt, erlitt vollkommenen Schiffbruch, als auf die Toleranzperiode neue Strömungen folgten, die alle bisherigen Traditionen über den Haufen warfen, als die regierenden Kreise im Vollbewußtsein ihrer steigenden Macht sich zu allerlei Angriffen auf die Minoritätsrechte der Juden hinreißen ließen. Der Haß gegen die Juden vermehrte sich, und die ökonomische Lage verschlechterte sich mit jedem Tag. So ging es weiter bergab bis zur Abschaffung des jüdischen Ministers. Und nun ist man bei den Kehillaus angelangt. Jetzt, nachdem der Zusammenbruch sich nicht mehr verleugnen läßt, hat man aber den traurigen Mut, die Verantwortung für diese Entwicklung nach unten der Orthodoxie zuzuschieben, der Orthodoxie, die -sich von erster Minute an nicht bluffen und blenden ließ, die immer ibre warnende Stimme gegen die große politische Phrase und die hochgeschraubten Ambitionen erhoben hatte, dafür aber stets für einen kräftigen Aus- und Aufbau des jüdischen Hauses nach innen plädiert hatte, das uns jetzt in den Tagen der wilden politischen Stürme den besten Schutz und auch die Achtung der Außenwelt hatte verschaffen können. Die Antwort, die wir auf diese „Zumutungen" erhielten, ist uns noch in lebendiger Erinnerung. Nun soll gar die Orthodoxie schuld an dem Bankerott der von vornherein falsch angelegten und von ihr nicht mitgemachten Politik sein. Was uns aber heute am gefährlichsten erscheint, ist, daß man in diesen Kreisen nicht im entferntesten gewillt ist. aus den Erfahrungen etwas für die Zukunft zu lernen. In Deutschland haben die Männer des alten Regiments, die allen Grund haben, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, die Dolchstoßlegende aufgebracht, ein blödes Wort, das sich auch schon die Zionisten in Palästina in dem Kampfe gegen den alten Irschuw angeeignet haben. In Kowno lautet die Parole etwas anders: „Auf der Hut vor Frankfurt!" Mit „Frankfurt" meint man in diesem Falle die Agudas Iisroel, deren Geist in den Gesetzestreuen Litauens sich angeblich anschicke, von der jüdischen Politik Besitz zu nehmen. Man hörte schon in früheren Jahren des öfteren diesen Warnungsruf. Heute, da die Herren Rosenbaum und Soloweitschik allen Grund haben.

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