Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1924)
- Date
- 1924-05-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 7 8. Mai 1924 den rrn bleibt das Recht, zu suchen. Noch verhängnisvoller macht sich das geltend auf dem Gebiete, auf dem es um die jüdische Seele geht, um die geistige Verfassung der Iugend. Im Namen und im Aufträge der jüdischen Gesamtheit, die doch auch nach unseren Brüdern im Mksrachi Thoravolk sein muh, soll eine Universität errichtet werden, auf der in erster Linie die ganze ajüdische, antijüdische Wissenschaft das grohe Wort führen soll: Bibelkritik, Entwicklungslehre mit atheistischer Konsequenz und alle anderen Segnungen glaubensfeindlicher, traditionsleugncnder Tendenz sollen im Aufträge des „Thoravolkes" gelehrt werden. Vielleicht wird daneben die misrachistische, schwache Minorität auch irgendeine gesetzeslreue Lehrkanzel errichten dürfen, womöglich aus eigenen Mitteln. Imübrigen hat aber der Misrachi sich mit den Tatsachen abgefunden und das Recht — D'nrv’n zu suchen. Der siegende Teil ist der Abfall, dem Schritt für Schritt Raum geschaffen wird. Wenn irgendwo irgendein denkender europäischer 'tut den Traum gehegt hätte, dah es vielleicht jüdischem Geiste gelingen könnte, eine reine Tatsachenwissenschaft zu schaffen, die das Judentum und die gesamte gläubige Welt von den Hypothesen einer ihre Grenzen überschreitenden Spekulation zu befreien berufen wäre, dann darf er sich mit diesem Traum im neuen jüdischen Gemeinwesen nicht hervorwagen. Denn die Geister sind auf Generationen mit dem ererbten Uebel des inneren Zwiespaltes belastet. Kein Hoffnungsstrahl. Die Wissenschaft des „Glaubensvolkes" trottet unbesehen, sklavisch in den Bahnen der Atheisten Europas. Die einzige Rettung: Kompromisse. Nirgends Ursprüngliches. Ein prominenter Misrachist hat den Misrachi die Partei der „geistigen Kompromisse" genannt. In der Tat ein treffendes Urteil. Man muh sich aber die ungeheuere Gefahr für das gesetzestreue Judentum klarmachen, die in einer solchen Stellung eingeschlossen ist. Das Ziel des Misrachi als Bewegung kann in der Tat nur sein: Kompromisse zu schliehen. Das heiht die vorwärtstreibende Kraft ist die Linke, die'gesetzestreue Seite ist der Hemmschuh, geistig abhängig von den anderen. Das kann aber nur die Folge haben, dah die Jugend allmählich der Linken zugeführt wird. Schon jetzt zeigt sich ja im Osten, dah bedauernswerterweise die mis-. rachistische . Jugend zu denen gehört, die die Autorität der führenden Rabbiner zu untergraben trachten. Schon jetzt zeigt sich, dah der Misrachi eine besondere Zugkraft ausübt auf diejenigen, die, wie einst die Kreise um Mendelsohn, in verhängnisvoller Usberwertung der europäischen Kultur diese auf Kosten der nur» vorziehen. Wie könnte man sonst die Erscheinung erklären, dah sich gute omr sehr darüber aufregen, wenn modernen Bestrebungen gegenüber sich aus ängstlicher Gewissenhaftigkeit starke Zurückhaltung zeigt, dah sie aber dem öffentlichen der heiligen Stadt mit einer Resignation, mit milder Wehmut gegenüberstehen voll verstehender Güte gegen die Mutwilligen. Es scheint, dah das Verständnis dafür völlig fehlt, dah selbst die äußerste Aengstlichkeit, auch wenn sie objektiv ein Irrtum wäre, noch immer das tMN nrurmn für sich hat, während der anderen Seite das «nn ’ia niwr» entgegenzuhalten ist. Warum geschieht das nicht? Hier ist die Grenze, wo Misrachismus in Zionismus übergleitet. Ferner: Wenn die Gesetzestreuen die Partei der geistigen Kompromisse sein sollen, dann fehlt notwendig der lebendige, aus der nun geschöpfte Geist. Die niixa werden aus äuherlichem Pflichtgefühl gehalten, weiter nichts. Die Wärme, die Innigkeit geht verloren. Wie könnte es anders sein? Die Seele schöpft ja ihren wertvollsten Inhalt aus anderen Quellen. Die Folge ist Abfall. Das lehren alle Krisenperioden der jüdischen Geschichte. Wie war es mit dem alerandrischen Judentum? ans» noch äußerlich gehalten, der Geist zermürbt. Wo mündete es? In Jerusalem war es unter den ö’abn anders, da war nun alleinbestimmend. Was ist nun unser Ziel? Alerandrinisches Judentum in Palästina? Oder soll VUpn uv ubViu sein und werden? Soll Philo oder sollen die v'aan uns führen? Die Agudo hat die letzteren als Führer gewählt. (Schluß folgt.) Bericht über die Tätigkeit der Agudas Jisroel in den Monaten Adar I. und II. 5684. I. Organisation und Propaganda. Das Zenrralbüro. Das Zentralbüro der Agudas Jisroel bezog am 13. Adar I. (18. Februar 1924) die neuen Büroräume in Wien, II. Leopoldsgasse 26, deren Chinuch anläßlich der Plenarsitzung des Gejchäftsführenden Ausschusses am Samstag den 5. Adar (10. Februar) abends in Anwesenheit der Herren Oberrabbiner I. Fürst, Rabbiner Josef Baumgarten, Rabbiner Aron Katz, Neutra, Rabbiner Kassowski, Augustow, Rabbiner Kalmanowitsch, Rakow, Jacob Rosenheim, Koni. Rat Siegmund Bondi, Wolf Pappenheim und zahlreicher Gäste stattsand. Im neuen Zentralbüro sind folgende fünf Abteilungen untergebracht: 1. Präsidium, 2. Keren Hathora, 3. Erez Jisroel, 4. Organisation und Propaganda (für Osteuropa) 5. Presse und Literatur. Gefchäftsführender Ausschuß: Außer den regelmäßigen Sitzungen des G. A. in Wien fand am 9. Adar (14. Februar) eine Plenarsitzung in Wien statt, an welcher außer den Wiener Mitgliedern Herr Rabbiner Ar'on Latz aus Neutra, Herr Jakob Joel Braun aus Bratislava und die Herren Jacob Rosenheim und Leo Wreschner aus Frankfurt a. M. teilnahmen. In dieser Plenarsitzung gaben die Herren Rabbiner Kassowski, Augoftow, und Kalmanowitfch, Rakow, eine erschütternde Schilderung von der Lage der russischen Juden und besonders von dem traurigen Schicksal der wegen Religionsverfolgung geflüchteten in Polnisch- Litauen. Auf Grund dieser Berichte hat der G. A. beschlossen, eine Aktion zugunsten dieser Flüchtlinge einzuleiten, worüber im besonderen berichtet wird. Ferner hat der G. A. beschlossen, den Zentralrat, der in den Jahren, in welchen keine Kenessio Gedaulo stattfindet, zu tagen hat, für Ende Mai oder Juni einzuberufen. Im Zusammenhang mit der Zentralratssitzung soll auch die Exekutive des Rabbinischen Rates ihre Jahresversammlung abhalten. Zeit und Ort werden noch bekanntgegeüen. Anläßlich der Rückreise des Gerer Rebbe aus Erez Jisroel versammelte sich der G. A. in Wien, um den Bericht der Delegation entgegenzunehmen. Außer den Wiener Mitgliedern des G. A. nahmen an dieser Sitzung teil: Großrabbiner A. M. Alter, Eora Kalvaria, Eroßrabbiner Morgenstern, Sokolow, Großrabbiner Lewin Bendin und Großrabbiner Israel Friedmann, Czortkow, Sejmdeputierter Oberrabbiner Schapira, Piotrkow, Sejmdeputierter Sirkes, Lodz, und Großindustrieller Eisler, Lodz. Nach Entgegennahme des Berichtes der Delegation wurden wichtige Beschlüsse betreffs der Erez Jisroel- Arbeit und des Keren Hatauro gefaßt. Herr Dr. Ehrmann ist nach erfolgreichen Propagandareisen in Holland und nachdem er die Zentrale bet der litauischen und lettländischen Landeskonferenz vertreten, nach Frankfurt zurückgekehrt, .wo er die neugeschaffene Organisationsabteilung für die westlichen Länder leitet. Es ist im allgemeinen ein Fortschritt auf dem Gebiete der Organisations- und Propagandaarbeiten während der Berichtsperiode zu verzeichnen. Es wurden in mehreren Landesorganisationen Landeskonferenzen abgehalten, die naturgemäß anspornend wirkten. In Betzarabien (Rumänien) fand die Konferenz am 16. Und 17. Schebath (22. und 23. Jänner) unter dem Vorsitze des Präsidenten der Agudas Jisroel-Landesorganisation in Beßarabien, Oberrabbiner ’ Senator I. L. Zirelsohn, in Kischinew statt. Dem Präsidium gehörten ferner Rabbl Moses Hinsprung, Kischinew, Rabbi Dawid Kaplautzli, Kupserstem, und Herr Josef Dulitzki, Kischinew, an. Als Schriftführer fungierten Rabbi I. Birnbaum, Markulschti, und Herr Apselbauin, Kischinew. Die Konferenz war sowohl von bedeutenden Rabbinern Beßarabiens wie von anderen Delegierten stark besucht. Die Hauptbeschlüsse der Konferenz waren die Gründung von Keren Hathora (siehe unter Keren Hathora), ferner die Einleitung einer intensiveren Tätigkeit für Erez Jisroel (siehe unter Erez Jisroel). Es wurde ferner eine Kommission gewählt, deren Aufgabe die Herausgabe einer Zeitschrift bildet. In das Zentralkomitee wurden die Herren Rabbiner Birnbaum und Abelmann hinzugewählt. Es wurde ferner beschlossen, kurz nach Pessach eine neue Konferenz einzuberufen, um die weiteren Beschlüsse der Kenessio Gedaulo durchzuführen. Die Trumas Chower-Attion wurde energisch in Angriff genommen. Am 5. Adar I. wurde der Delegiertentag der Ortsgruppen der Agudas Jisroel in Deutschland er- An der Konferenz nahmen die Mitglieder des G. A. in Frankfurt a. M. vollzählig, der Wiener G. A., vertreten durch Herrn Rabbiner Dr. Pinchas Kohn und Herrn Dr. Leo Deutschländer, ferner zirka 100 Delegierte teil. Das Tagespräsidium bestand aus den Herren: Rabbiner Dr. Auerbach, Dr. Meier Hildesheimer und Julius Holländer. Am 21. Adar fand die' Landeskonferenz' der ' litauischen Landesorganisation statt. Diese erste Landeskonferenz der Agudas"Jisroel nach"der Kenessio bedeutet' einen erfreulichen Umschwung im agudistifchen Leben Litauens. Besonders stark waren die Ortsgruppen in Kowno, Poniewiesz, Teltfchi und Memel vertreten. Die Delegierten der Zeirei Jisroel vertraten die thoratreue Jugend an der Landeskonferenz. In der Eröffnungssitzung hielt Oberrabbiner Dow Beer Schapira, Kowno, eine vielbemertte Rede, in welcher er zu den Agudaproblemen nach der Kenessio Stellung nahm. An der Konferenz waren auch die Vertreter der Agudas Harabbonrnr anwesend. Die Landeskonferenz hat sowohl zu Keren Hathora wie zu Keren Erez Jisroel nach mehrstündigen Debatten wichtige Resolutionen angenommen, über die in den einzelnen Abteilungen berichtet wird. Als Vertreter des G. A. nahm Herr Dr. Ehrmann an der Konferenz teil. In der Organisationsfrage wurde beschlossen, das Büro in Kowno neu zu besetzen und die orthodoxe Zeitschrift „Das jidische Leben", die zurzeit als Wochenblatt erscheint, zu einer Tageszeitung auszugestalten. Ueber die Stellungnahme der Aguda zu den innerpolitischen Fragen der litauischen Judenheit, besonders zur Frage der Sonntagsruhe, der Militärpflicht der Bachurim und der nationalen Autonomie referierten die beiden agudistifchen Sejmabgeordneten Rabbiner Kahne- -manu und Dr. Holzüerg. Es wurde beschlossen, auch in diesen überaus wichtigen Belangen für die Interessen des thoratreuen Judentums mit aller Energie zu kämpfen. Unter dem Eindrücke der Konferenz haben sich mehrere hervorragende litauische Rabbiner entschlossen, sowohl in Litauen als auch außerhalb des Landes für Agudas Jisroel propagandistisch zu wirken. Kurz nach der litauischen Landeskonferenz fand der Delegiertentag der lettländischen Agudas Jisroel in Riga statt, an welchem gleichfalls Dr. Ehrmann den G. A. vertrat. Die lettische Landesorganisatiön besitzt in ihrem Präsidenten Oberrabbiner Sack in Riga eine führende Persönlichkeit, dem in der politischen Arbeit die Sejmabgeordneten Dubin und Wittenberg aus Dwinsk zur Seite stehen. Hauptgruppen der Organisation bestehen in Riga und Dwinsk, Jugendgruppen auch in Libau und Kreuzburg. Anläßlich der Landeskonferenz spendete Herr Rickow der Organisation in Riga große Räumlichkeiten für Lehr- und Bürozwecke. Die .Arbeiten der Organisation leitet Herr Wechsler als Sekretär. Besonders Hervorragendes hat die Landesorganisation auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge geleistet. In den Randstaat Lettland ergießt sich ein ununterbrochener Strom von Flüchtlingen aus Sowjetrußland. In der Fürsorge für diese Flüchtlinge steht die Leitung der Aguda mit dem Lubawiczer Rabbi, der in Rostow am Don weilt,. in Fühlung. Für die Rechte der religiösen Judenheit kämpfen die agudistifchen Abgeordneten Dubin und Wittenberg. Ueber die Chinuch- und Erez Jisroel-Arbeit der Landesorganisation wird in den einzelnen Abteilungen berichtet. Jugendorganisation. Mit der intensiveren Propagandatätigkeit der einzelnen Landesorganisationen geht Hand in Hand der erfreuliche Aufschwung dex Jugendorganisationen. Besonders hervorzuheben ist die Konferenz der Jugendgruppen der Agudas Jisroel in Amerika, welche am 12. Adar I. (17. Februar) irr Newyork stattfand, an der auch Rabbi M. M. Epstein aus Slobotko teilnahm. Am 19. Adar II. (25. März) fand in PrzemysI unter zahlreicher Beteiligung der Delegierten aus Ostgalizien sowie in Beisein des Herrn Rabbiner Tobias Horowitz vom G. A. in Wien die Landeskonferenz der Zeirei in Ostgalizien statt, auf ber ein festumschriebenes Arbeitsprogramm festgesetzt und nainhafte Beträge für die verschiedenen Institutionen gesammelt wurden. Die Landeskonferenz bildet den Auftakt zu einer intensiveren Arbeit der Zeirer Agudas Jisroel in Ostgalizien. Als Vorort der Organisation wurde Przemysl bestimmt. In Transsylvanien (Rumänien) bildeten sich einige neue Jugendgruppen, darunter die größte mit einigen hundert Mitgliedern in Oradea Mare. In all diesen Ländern sind die Jugendorganisationen verheißungsvolle. Zeichen für das Erstarken der Agudaidee. Auch bei beu Landeskonferenzen in Lettland und Litauen hat sich neuerdings erwiesen, daß die Arbeit der Jugend einen sehr bedeutungsvollen' Faktor in der Organisation darstellt. Die österreichischen Jugendgruppen, besonders in Wien und im Burgenlande entfalteten in der Berichtsperiode eine intensive und ersprießliche Tätigkeit. Die Diskussionsabende, welche die Wiener Jugendgruppe eingeführt hat, tragen zur Belebung der Arbeit viel bei. Die wachsende Arbeitsfreude der Jugend in allen Ländern hat auch zur Aktivierung des Jugendamtes geführt, dessen Sitz zurzeit in Wien ist. Die Arbeiterorganisationen. Außer den fast bei allen Landesorganisationen etablierten Stellenvermittlungen und Schomre Schabbos-Sektionen besteht in zwei Ländern noch eine ausgesprochen agudistische Arbeiterbewegung. So in Polen, wo die Organisation der Poale Emunei Jisroel im ständigen Wachsen ist. Die Hauptzentrale befindet sich in Lodz, wo auch eine Zeitschrift erscheint. Die Vertreter der Organisation haben auch, Sitz und Stimme im Lodzer Stadttate und erst in der jüngsten Zeit hat das Mitglied der Agudas