Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1924)
- Date
- 1924-05-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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TMättev fieenusgegeßen von dev fandesoeganifaiion der Agndar-Airroel in Ventsekknnd. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., den 8. Mai ^924 / 4. ^jar 5684 Nummer 7 fandesopganifafion dev Jgtidos Jlsveel“ ■ - -- — in Deutfsfiland - — Wir empfehlen den Ortsgruppen den Bezug folgender Broschüren - 1. Der Velegiertentag der Landesorganifatton der üguda» Jiscoef in Veutseßland zu HalKeeftadt Berichte und Materialien. 64 Seiten. Preis 40 Pf0. H. Siefevate erstattet der Keneffio Sedaufo von Jacov Htosercheim, Ar. JsaaK Areuer Pr. Datßan AirnVaum. 36 Seiten. -Preis §0 Pf0. Bestellungen erbeten an den Vorstand der Landesorganifatton in Halberstadt. Aguda-Ferienheim. Wie in Nummer 6 der „Blätter" mitgeteilt wurde, hat sich der von unserer Aguda- Iugendorganisation, Abteilung Stellenvermittlung« gegründete Verein „Aguda-Ferienheim" die Aufgabe gestellt, jüdischen Angestellten einen Ferienaufenthalt zu billigem Preise zu verschaffen. Der Verein hat dieserhalb Abmachungen mit Hotels in Bad Tölz, Bad Brückenau und Bad Herrenalb abgeschlossen und ist in der Lage. Angestellte ab 1. Mai unterzubringen. Man wende sich an I. Sänger, Frankfurt a. M.. Rothschild-Allee 38. Ziel und Weg. Von Rabbiner Dr. Kkein in Mnrnöerg. II. Der Geist, der Agudas Jisroel beseelt, hat sich mit überwältigender Klarheit in der Kenessio Gedaulo offenbart. Die Zusammenarbeit der Thoratreuen des kulturbeeinfluhten Westens und des nur aus der Thora heraus empfindenden Ostens hat seinen Stempel von dem letzteren erhalten- (Nebenbei bemerkt: das Zusammensinden der Vertreter des litauischen Lernens mit den Führern der polnischen Ehassidim mutete wie die glückliche Beendigung der zwischen dem Wilnaer Gaon V*T und dem Raw V't einst geführten npftna an.) Und wenn etwas das Recht zu dem an die nVvnn no:o anklingenden Namen jfcvn gegeben hat, dann war es dieser unbedingte Wille zur Gestaltung aller jüdischen Gemeinschaftsschöpfungen aus dem Sinne und Geiste der nTifl heraus zu ihrer unbedingten Erfüllung wie einstmals unter Esra. Die Behandlung des Erziehungsproblems hat das gezeigt. Sie gipfelte in der Beratung über Jeschiwo-Gründung. Bei aller Anerkennung der Notwendigkeit weltlicher geistiger Rüstung, für die ja auch die Chassidim bei Lösung der polnischen Cheder-Frage volles Verständnis zeigten, bewahrt man sich die Selbständigkeit nicht nur der Behandlung, sondern auch der Stellung der Probleme. Man hat den Mut, das Leben selbst auf seine Notwendigkeiten und Forderungen anzusehen, und zwar unter dem Gesichtswinkel der mm und läht sich nicht ohne weiteres von einer thorafremden Welt sagen, was das Leben verlangt. Auf der Kenessio Gedaulo wurden zwar moderne Gesellschaftsprobleme nicht behandelt, nur die Rede eines jüdischen Arbeiters brachte einen schwachen Klang der sozialen Frage in die Versammlung. Aber die Ueberzeugung muhte sich jedem aufdrängen: wenn einmal die Agudo zu diesen und anderen Problemen Stellung nehmen wird, dann wird diese Stellungnahme ein mutiges Gestalten aus dem Geiste und nach dem Worte der jüdischen Lebenslehre sein. Und vielleicht wird dann sogar manches Problem europäischen Gesellschaftslebens sich als auf dem Boden der Nim gar nicht vorhanden erweisen. Kurz: die Agudo macht ernst mit dem Worte i2"n an '2« Diemin ist ihr Strebensziel und ihr schöpferisches, treibendes Motiv zugleich. Wenn nun jeder Teil der Judenheit, der die Leere seines jüdischen Daseins empfindet und zu einem lebenswerten Inhalt zu gelangen strebt, diesen Lebensinhalt dort suchte, wohin historische Erkenntnis führen mühte, bei der gesetzestreuen Judenheit, dann — ja dann wäre wohl die Zeit der rnwn des 'da. Aber die Suchenden dünken sich gar nicht so arm an Gütern, dah sie bereit wären, bescheiden zu empfangen- Im Gegenteil. Sie halten sich in gewisser Beziehung für sehr reich und wollen auf die mitgebrachten Schätze durchaus nicht nur nicht verzichten, sondern wollen sie vielmehr fruchtbringend verwerten. Dieser bringt das „Geschenk" der Bibelkritik, jener den Darwinismus, der eine erschauert bei dem Gedanken, dah im neuen Erez Israel der alte „Erbfeind Talmud" gelernt wird, hingebende Pflege fremder religiöser Anschauung in jüdischer Verkleidung scheint verdienstlicher. Diese wollen den sozialistischen Staat, die anderen vielleicht mit Kommunismus das jüdische Volk beglücken. Begeisterte Trefo- Esser. überzeugte Sabbatschänder rütteln mit blindem Fanatismus zerstörungswütig, um — soviel an ihnen liegt — „Aufklärung" zu verbreiten. Man darf angesichts mancher Strömung kaum vom Erwachen der jüdischen Seele sprechen. Allen diesen Strömungen muh das zionistische Gemeinwesen eine gesicherte Heimstätte bieten- Das liegt im Wesen des ohne weiteres akzeptierten westeuropäisch-politischen Gemeinschaftsideals. Zu einer solchen Ideenwelt kann die Ideenwelt der Agudo nur in vollendetem Gegensatz stehen. Eine Welt, in 'der Thora schöpferisches Prinzip sein soll, kann nie in organischem Zusammenschluss mit einer Welt stehen, in der Thorafeindlichkeil als schöpferischgestaltendes Prinzip Geltung hat. Entweder — oder. Der Misrachi übernimmt es, innerhalb des Zionismus am Aufbau Palästinas zu arbeiten. Er teilt mit dem Zionismus den Ausgangspunkt und die politische Gemeinschaftsidee. Der Ausgangspunkt ist der Wunsch, dem jüdischen Volke eine gesicherte Heimstätte zu erringen. Die politische Gemeinschaftsidee verpflichtet ihn zur Anerkennung des Uebergewichts der Staatsidee. Nur was dieser Idee nicht Abbruch tut bezw. ihr nützt, darf und muh unternommen werden- Das politische Ziel ist die Achse, um die sich alles drehen muh. Damit ist gesagt, dah die Thora nicht das schöpferisch gestaltende Moment dieses Aufbaues sein kann. Der Misrachi verzichtet auf die Selbständigkeit der Aufgabenfindung und Problemstellung. Nicht, was in den Herzen der einzelnen Misrachisten als privater Wunsch lebt, steht hier zur Debatte, sondern das, was sich die Bewegung logischerweise als Ziel setzen kann und tatsächlich auch gesetzt hat. Die Aufgaben und Ziele werden und müssen in Gemeinschaft mit den Zionisten, gestellt und gelöst werden- Hier kann aber dann von vornherein nur eine Mittellinie als erreichbar angesehen werden, bei der höchstens der pl darüber befragt werden kann, ob nichts gegen ihn geschieht. Und das ist das Verhängnisvolle: Das religiöse Moment, das vonder Thora Geforderte, tritt bei dieser Gemeinschaftsarbeit nur als Korrektiv auf, das hemmend eingreift, um das Verbotene womöglich zu verhindern- Etwas anderes kann gär nicht als Ziel angestrebl werden. Das hat sich bis jetzt schon leider nicht nur als theoretische Folgerung, sondern als allzu wirklich wirkende Tatsache erwiesen. Ein winziges jüdisches Parlament mit winzigen Rechten wird geschaffen,- die Linke fordert gebieterisch als Symbol des freiheitlich-fortschrittlichen Palästina das Fräüenwahlrecht. Hier soll nicht über die Zulässigkeit pY '"Q? gehandelt werden. Aber feststeht, dah es vordringlichere Aufgaben zur Linderung jüdischer Not gibt, als die Kreierung des Frauenwahlrechts. Feststeht. dah Frauenwahlrecht, passives und aktives, ein Novum im Judentum ist und weite Kreise tief verletzt hat: der Misrachi tritt aber für das Frauenwahlrecht ein. Man sucht Dnnvi. Herzl soll einmal gefragt worden sein, wie man in Palästina am Sabbat die Eisenbahn wird arbeiten lassen können. Die Antwort war: Wozu haben wir denn unsere Rabbinen? Ich kann im Augenblick die Historizität nicht Nachweisen. Aber gut, d. h. den Tatsachen entsprechend, ist diese Anekdote schon. Man sehe, wohin man will: Ueberall bleibt die Rolle des gesetzestreuen Verbündeten die, Schrittmacher für die Lintsbestrebungen im Gemüte gesetzestreuer Kreise zu sein. Man organisiert das Iustizwesen. Selbstverständlich wird der Choscheu Mischpal nicht zum obligatorischen Gesetzbuck) der jüdischen Gesamtheit erklärt. Dagegen werden Iustizreformen geschaffen, die dm Forderungen der Linken entsprechen. Jahrhundertelang wurde im Judentum Recht aus der Thora gesprochen. Schritt auf Schritt ist in der einschlägigen Literatur nachweisbar, wie unsere v'vsnzu allen Zeiten die neu auftretenden Probleme aus dem überlieferten Gesetz heraus lösten. Mit ihrem talmudisch-wissenschaftlichen Rüstzeug standen sie unmittelbar dem Leben gegenüber und lösten seine Ausgaben. Im neuen jüdischen Gemeinwesen schiebt sich zwischen Leben und Judentum das von allen Kulturen Mitgebrachte ein. Dabei sollte doch eigentlich elementarste wissenschaftliche Ueberlegung sagen: wenn man, wie angegeben wird, wirklich ursprüngliches jüdisches Leben schaffen will, wenn wirklich eine Neugeburt jüdischer Produktivität errungen werden soll, dah dann zunächst das als Grundlage zu dienen hat, was jüdisch-eigenes Gut ist. Dann mühte man den rrn überlassen haben, jüdisches Recht zur Geltung im modernen Wirtschaftsleben zu bringen. Statt dessen bringt man fertige Schablonen mit. Aus ganz anderen Voraussetzungen entsprungme Begriffe und Einrichtungen werden selbstverständliche Grundlagen und