Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1924)
- Date
- 1924-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Mai 1924 Nr. 19 Seite 3 nicht versagen möchten, eine Probe hier wiederzugeben. Herr O. Sschrieb in jüdischen Zeitungen die Stelle eines Bäckergehilfen in seinem Geschäfte aus, und es meldete sich auch ein Gehilfe aus Frankfurt a. M-, der höflich anfragte, wie es mit der Arbeitsruhe an Sabbat und Feiertagen stehe. Die Bewerbung kam zu spät, Herr O. S. hatte inzwischen den Gewünschten gefunden. Aber die Frage wegen des Sabbats versetzte ihn dermaßen in Harnisch, daß er nicht schweigen konnte und den Suchenden mit einer Postkarte beehrte, die uns im Original vorliegt, und das widerlichste Dokument jüdischen Antisemitismus darstellt, das wir je gesehen haben. Die Ratte lautet wörtlich: Antwortlich Ihrer Zeilen teile Ihnen mit, daß für mich ein Gehilfe, welcher von Schabbos und Jontef (betreff geschlossen schreibt) garnicht in Frage kommt. Für mich ist derartiges direkt widerlich, gibt es noch nicht genug Risches und sollen die Juden bloß 5 Tage arbeiten (Sonntags ist gesetzlich verboten) wo so schon s/10 der Gesamtjuden vom Handeln lebt. Für mich gibt es nur die Religion: Tue Recht und scheue niemand. Im klebrigen habe schon ein Gehilfe angenommen. Hochachtend O. S. Wir kannten bisher Juden, die den Sabbat nicht halten,- uns einen Iuden zu zeigen, der den Sabbat wütend haßt, blieb Herrn O. S. zu Köln Vorbehalten. Mit den anderen Verleumdungen dieses jüdischen Antisemiten, der noch obendrein wagt, die jüdische Religion für das „Rischus" verantwortlich zu machen, sollten sich die Abwehrvereine befassen. Kants Beziehungen zu Juden. Von Dr. M. Stern. Wenn heute nicht nur Deutschland allein, sondern die ganze gesittete Welt den 200. Geburtstag Immanuel Kants, des größten Philosophen der Neuzeit, feierlich begeht, so geziemt es sich für die Iuden, auch der besonderen Beziehungen und mitunter verschlungenen, doch nichtsdestoweniger klar genug ersichtlichen Berknüpfungsfäden zu gedenken, die den Denker Kant und die den Geist seiner Lehren mit dem Iudentume verbinden. Damit ist schon gesagt, daß das Verhältnis Kants zum Iudentum von einem doppelten Gesichtspunkt aus betrachtet werden kann: als ein äußeres, das Kant als Forscher und Menschen mit jüdischen Forschern seiner und der folgenden Zeit verbindet, und als ein inneres, das den Inhalt besonders seiner Ethik und Religionsphilosophie mit dem Geiste des Iudentums in Beziehung bringt. Der Israelit Wenn wir zunächst das genannte äußere Verhältnis ins Auge fassen, so ragen ganz besonders drei jüdische Persönlichkeiten hervor, die in Kants Leben und Schaffen eine hervorragende Rolle gespielt haben und aus dem Gesamtbilde seines persönlichen und geistigen Entwicklungsganges schlechterdings nicht wegzudenken sind. Zwei von ihnen, Moses Mendelssohn und Salomon Maimon, sind auch um ihrer selbst willen hochbedeutsame geschichtliche Gestalten, die dritte Persönlichkeit, der Berliner Arzt Markus Herz, lebt in der Geschichte des deutschen Geistes, nur dank eben ihrer innigen Verbundenheit mit dem Werke Immanuel Kants. Mit Moses Mendelssohn, dem Freunde Lessings, stand Kant in einem regen und anregenden Briefwechsel. Die Verdienste, die Mendelssohn sich um Kant erwarb und die von diesem anerkannt und sehr geschätzt wurden, sind nicht hoch genug anzuschlagen. Er war es, der als weltberühmter Mann durch eine neidlose und selbst noch in der Kritik rückhaltslos anerkennende Rezension der Schrift „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes" von dem damals in Deutschland noch wenig oder gar nicht bekannten Kant diesen allererst bekannt gemacht und seinen Ruf als „Selbstdenker" begründet hatte. Kant selbst zögerte denn auch nicht, von dieser MendelssohnMen Rezension später zu sagen, daß „sie es war, die mich in das Publikum zuerst eingeführt hat". Und wie Mendelssohn schon in dieser Rezension, 18 Iahre vor dem Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft", Kant zur Ausarbeitung eines eigenen „Systems" aufmunterte, so hat seine geistvolle und stets sachliche Kritik, von nun an das ganze Wirken Kants begleitet und gefördert. Sind es doch vor allem und in ganz besonderem Maße Mendelssohns Einwürfe gegen die an der Wende der „vorkritischen" und „kritischen" Epoche in Kants Schaffen stehende „Dissertation" vom Iahre 1770 gewesen, die Kant nach seinem eigenen^Bekenntnis zur Ueberprüfung seines damaligen Standpunktes veranlatzten, woraus sich in der Folge Kants kritisches Hauptwerk, die „Kritik der reinen Vernunft", ergab. Und als dieses die gesamte Denkart seiner Zeit auf den Kopf stellende Werk Kants erschienen war, aber in seiner Tiefe und Neuartigkeit von den Zeitgenossen nicht erfaßt wurde, da war es wiederum niemand anderer als Moses Mendelssohn, der in dem für alle Folgezeit zum Flügelwort gewordenen Ausdruck von Kant als dem „Alleszermalmer" zuerst die triftigste Einschätzung der Kantischen Leistung gab. Der zweite Jude, der in Kants Schaffen zwar nicht wie Mendelssohn eine aktive, dafür Sie lockt und lockt und immer höher lockt Empor zum Licht, Bis endlich Blätter, Blüten, Früchte Ihre Arbeit krönen: So seh' ich, Dorothea Lochmann, Dich, Im Kurhospiz aus Dürrheims Höh'. — — — Klein, zart, verkümmert oft, Mit scheuem, lichtentwöhnten Blick, So traten zarte Kindlein In den Lichtkreis Deiner Schöpfung, Die Dein kluger Sinn, Die Deiner Hände Fleiß Zu der Vollendung Höhe hingeführt! Du nahmst sie aus Mit warmer Mutterhand, Dein sonnig Aug', Dein gütig liebes Wort Gewann im Sturm die jungen Herzen, Und hüllt sie ein Und hielt sie warm, Erfüllt mit Sonne sie und Licht und Leben, Ließ Jugendlust aus frischen Augen blitzen, Und Kinderlachen mischen sich Mit dem Gesang der Vögel. — — — So seh' ich, Dorothea Kochmann, Dich In Deinem Reich aus Dürrheims Höh'; So wird Dein Bild für alle Zeiten, Am Firmaments leuchtend stehn! I. B. Saul. Eine Tragödie in 2 Teilen von Ludwig Berger. Uraufführung im Hess. Landestheater Sonntag, 24.4.24. Sauls Gestalt begegnet uns wohl am meisten im Drama, wenn auch nicht jedesmal so sehr im Mittelpunkte wie in Bergers Stück. Vielleicht will der Dichter, der schon äußerlich seine Tragödie der antiken griechischen anähnelte, nichts weiter, als Sauls persönliches Geschick uns zeigen. Es ist ganz unmöglich, in kurzen Sätzen das für uns Juden Wesentliche darzulegen: Wie weit hat sich der Autor von der biblischen Erzählung entfernt, inwieweit erscheint er dazu berechtigt? Verstößt er nicht gegen die historische Wahrheit, gegen den Geist der Bibel. Und wenn er es tut, um seiner künstlerischen Idee willen, welch Großes gibt er uns, daß er die Geschichte verläßt, daß er des Geistes der Bibel nicht achtet? Wir sehen Saul anders, als ihn Berger sieht. Im wirbelnden Farbenlicht, das über die mosaikne Theaterebene Pilartz' zittert und wieder stehen bleibt, das Dunkelheiten spaltet und nun wieder Nebel und Schatten und bunte Schleier webt, tritt uns ein sinnverstörter, gramverzehrtrr, zerrissener, liebeleerer kleiner Saul entgegen,, der sich einbildet, zu stolz zur Reue sein zu müssen, und immer im Trotz ohne Gott, gegen Gott, seine Macht, sein Königtum aufrichten und festigen will, ein kleiner Mensch, unfähig die Schönheiten dieser Welt zu erkennen, noch unfähiger, fernere Welten zu ahnen. Der Saul der Bibel erfüllt bis auf den Feldzug gegen Agag seine Aufgabe, wie er sie einst übernommen, und am Ende einer verlorenen Schlacht erst, im Anblick des Todes seiner Söhne sucht er den Tod. Berger läßt Jonathan, einen kriegsungeübten Siebzehnjährigen heldenlos umkommen (Joab ersticht aber eine umso innigere passive Rolle spielte, war Markus Herz, Kants persönlicher Schüler und lebenslänglicher Freund. Die intime Freundschaft, die Kant mit Herz jahrzehntelang verband, war aber keineswegs bloß auf gegenseitige persönliche Sympathie und Hochschätzung gegründet. sondern ruhte zugleich auch auf einer wahren Geistesgemeinschaft. Denn wenn der Grad der Intimität und Wärme dieses Freundschaftsverhältnisses am besten daraus erschlossen werden kann, daß Kant — der in Zutraulichkeiten kein Verschwender war — seine Briefe an Herz stets mit der Ansprache „auserlesener und unschätzbarer Freund" oder „würdigster und hochgeschätzter Freund" einleitete, so können zwei andere Tatsachen aus Kants Leben als Beweis dafür dienen, daß seine Anrede an Herz keine hohle Phrase, sondern Kants innerlichste Ueberzeugung war- Als es sich für Kant darum handelte, beim Antritt der Professur, der damaligen Vorschrift gemäß, sich einen „Respondenten" (Korreferenten) bei der öffentlichen Verteidigung seiner Thesen zu wählen, da fand der dazumal bereits mit allen führenden Geistern seiner Zeit in Beziehungen stehende Kant niemanden „würdiger", diese Rolle zu übernehmen, als eben Markus Herz. Aber einen noch viel schlagenderen Beweis bildet der Umstand, daß Kant während der elf Iahre anstrengendster Gedankenarbeit, die die Ausarbeitung 'der „Kritik der reinen Vernunft" in Anspruch nahm, niemand für würdig genug fand, in seine geistige Werkstatt einzuführen und von dem Werden seines künftigen Lebenswerkes ausgiebig Kenntnis zu geben, als wiederum einzig und allein seinen jüdischen „auserlesenen" Freund Markus Herz. Der Briefwechsel Kants mit Herz aus diesem Iahrzehnt ist daher auch später zur Wahren Fundgrube für alle Biographen und Interpreten Kants geworden. Der dritte in der Reihe der hochbedeutsamen Iuden, die Kants Lebenswege gekreuzt hatten. Salomon Maimon, war ein Autodidakt, der aus armseligen Verhältnissen heraus sich durch eigene Kraft auf die höchste Höhe der philosophischen Bildung seiner Zeit gebracht hat. In grenzenloser Verehrung für Kant hat er es gewagt, diesem sein Erstlingswerk „Versuch über die Transzendentalphilosophie" zur Beurteilung zu unterbreiten und erhielt daraufhin von dem damals auf der Höhe, sowohl seines Ruhmes, als auch seiner Schaffenskraft stehenden Philosophen das höchste Lob. Kant, der die Wahrhaftigkeit über alles stellte und übte, scheute sich nicht, trotz den schon damals bei dem jugendlichen Maimon sich hervorwagenden Einihn, da er ihn nicht erkennt und für einen Späher Davids hält.) Saul selbst stürzt sich vor David, mit dem er in der Höhle in der Wüste En-gedi zusammentrifft und so in dessen Gewalt sich befindet, ins Schwert. David ehrt in ihm den König und Gesalbten, und erhebt nicht seine Hand gegen ihn, er aber will keine Gnade; ein König nimmt keine Gnade an. Und so endet bei Berger die Tragödie Sauls, den das Volk schon vorher „angespieen" hat und als Heerführer abgelehnt. In der Bibel finden wir freilich einen anderen Saul. Auch Jonathan wird entgegen der Bibel als Jüngling, verweichlicht und kriegsunkundig hingestellt. David lernt ihn kennen und schätzen, ohne in ihm den Könrgssohn zu vermuten. Sauls Geliebte, Tirza, nicht Jonathans Mutter, wird nur als Gegenspielerin benötigt, um Sauls Zerrissenheit deutlicher darzustellen. Gut getroffen hat der Dichter Samuel, den Propheten, den er ganz der Bibel entlehnte. Er ist der Sohn Israels, dessen Herz für sein Volk und nur für sein Volk schlägt. Ohne Zweifel hat das Stück durch die sorgfältige Einstudierung und glückliche Inszenierung stark gewonnen. Der starke Beifall am Schlüsse hatte wohl andere Gründe. Er galt demonstratio dem vielunistrittenen Intendanten Hartung, der Darmstadt bald verlassen will. Volks Saul war sprachlich und mimisch eine gute Leistung, ebenso die der andern Schauspieler, bis auf Joab, Sauls Hauptmann, den Langheinz zu einem Boten degradierte. Die Kostüme waren gut getroffen, nur Soul erschien mir eher als Römer denn als Benjaminite. Die Sprache im Drama ist im allgemeinen poetisch, besonders im ersten Teil bricht inanchmal eine lyrische Kraft durch und der Dichter findet eine orientalischer Weise geähnelte blumen- und bilderreiche Sprache. Einzelne Stellen fallen wiederum ganz aus dem Rahmen. Die Musik (hinter der Bühne) scheint mir nicht sehr