Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1924)
- Date
- 1924-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 19 8. Mai 1924 Forderungen der Religion ist aber die Demokratie eingestandenermatzen nicht zu tzaben. So stände wohl zu befürchten, datz in Fragen, die tief in das religiöse Leben der deutschen Iudenheit einschneiden, sich Rechts und Links (hier, von den Demokraten bis zu den Kommunisten) die Hand reichen. Was denen von der rechten Seite als eine Schikane gegen die Juden hoch willkommen ist, könnten die Anderen von der entgegengesetzten Seite als Ausschaltung der Religion und ihrer „anmatzlichen" Forderungen sanktionieren. Sieht man noch weiter nach links, so mutz man die Versprechungen der roten Wahlzettel an die Juden noch nicht für unehrlich halten, wenn man auf der anderen Seite die Gewißheit ausspricht, datz wir von dieser Seite keine Spur von Hilfe, vielmehr schärfste. Gegnerschaft in allen Dingen, die irgend mit Religion zu tun haben, zu erwarten haben. Man braucht nicht erst nach Sowjet-Rutzland zu gehen, wo man eine Art von Beilis-Prozetz erfunden hat gegen Cheder, Sabbat und Miloh. Wenn in Sachsen eine knallrote Regierung jüdische Kinder zwingt, in der Schule den Sabbat zu entweihen, so ist es im Prinzipe das Gleiche, und macht uns dieses die rote Regierung um kein Haar sympathischer als die thüringische Regierung von Mulles und Dinters Gnaden mit ihrem Programme: „Juden raus!" Von der Deutschen Volkspartei haben wir nicht viel zu sagen. Ihre Wahlzettel waren färb- und schmucklos, wenn auch ihre Politik leider der schwarz-weitz-roten Farbe und des Hakenkreuzschmuckes nicht immer entbehrt. Ihr führender Kopf, Herr Stresemann, ist ein Mann von starkem Verantwortungsgefühl, und er erklärte: „Die deutsche Volkspartei lehne es ab, einen grundsätzlichen Antisemitismus zu treiben." Grundsätzlich nicht, aber es ist mehr denn zweifelhaft, ob die einzelnen Vertreter der Partei im gegebenen Falle ihre Stellungnahme erst von Herrn Stresemann auf ihren grundsätzlichen Charakter werden prüfen lassen. Die Wahlagitation hat, wie .gesagt, das Bild nur nach einer Seite geklärt: Wir kennen unsere Feinde, die Freunde dagegen müssen sich erst zeigen und bewähren. „Wahl-Verwandtschaften" und „Wahl-Freundschaften" lassen keinen Schlutz zu, sie müssen erst erprobt werden. De;. Israelit Wochenrundscha«. In einem kleinen polnischen Städtchen bei Kielce hat sich am letzten Pessachtage, wie an andrer Stelle berichtet, ein Ereignis zugetragen, das in den Annalen jüdischer Kehilla-Wahlbewegungen bisher gewitz ohne Vorgang ist und das daher als Symptom für unsre innerjüdischen Zustände von allen, die es angeht, ernstlich gewürdigt werden sollte. Ein junger Agudist aus chassidischen Kreisen hat sein Leben lassen müssen — als Opfer fanatisierter jüdischer „Brüder", die nicht mehr wie bisher üblich mit den Waffen der Verleumdung und der vergifteten Pressepolemik, sondern schlechtweg mit der brutalen Gewalt von Knütteln und Eisenstangen für die höhere Ehre des zionistischen Ideals gegen die verhaßten orthodoxen „Volksverräter" eintreten zu sollen glaubten! Wer auch nur einigermatzen über den Ton unterrichtet ist, in dem die zionistische Presse des Ostens und Westens (Amerika!) — unter beifälligem Schmunzeln der deutschen Parteiorgane — gegen die Orthodoxie zu polemisieren pflegt, der braucht nicht einmal die spezielle Wahlparole des polnischen Zionistenführers Grünbaum zu Hilfe zu nehmen, um die psychologischen Vorbedingungen zu dem Mord von Jendrezow zu erkennen. Nicht umsonst haben unsre Weisen und in ihrem Geiste die ethischen Schriftsteller des Mittelalters die Ursünde der jüdischen Geschichte, -in IsiV^, in die engste Beziehung zum Menschenmord gebracht. Wo das Bild der sittlichen Persönlichkeit des Gegners fortgesetzt mit Schmutz beworfen und zur Karrikätur verzerrt wird, wo man — wie es vom „Kol Jaakauw" in Jerusalem, bis zum „Iewish Daily News" in Newyork der ganze Chorus der zionistischen Presse-Meute in rührender Harmonie tagtäglich tut — die Führer und Anhänger der „Agudas Jisroel" als geschworene Feinde des jüdischen Volkes, als Agenten fremder politischer Mächte, als Verräter der heiligsten jüdischen Interessen, als selbstsüchtige Autokraten und Assimilanten, kurz geradezu als Ausbund aller sozialen und individuellen Schlechtigkeit hinstellt, da darf man sich nicht wundern, wenn Mord und Totschlag als Blüten und Früchte aus dieser Giftsaal des Bruderhasses emporreifen. Die zionistische Presse, die erst neuerdings einen klaren und in einwandfreier Vornehmheit durchgeführten politischen Schritt wie die Delegation an König Hussein, auf Befehl Sokolows zu der dümmsten, vor gröbster Fälschung nicht zurückscheuenden Aguda-Hetze ausgebeutet hat, sie möge sich an der Bahre des erschlagenen Thorajüngers von Jendrezow fragen, ob sie mit gutem Gewissen die Worte sprechen kann: .183 nb 13'3'-1 nm tnn 718 132V 8^ wt I c-c- Der unvorsichtige Eckardt. Ein böses Experiment wagte der rühmlich bekannte deutschvölkische Führer Dietrich Eckardt. Er bot im „Münchener Beobachter" tausend Goldmark für den Nachweis an, datz eine jüdische Mutter drei Söhne auch nur drei Wochen lang im Schützengraben aufzuweisen hatte. Damit sollte die Drückebergerei der Juden einwandfrei für alle Welt bewiesen werden. Herr Eckardt scheint zu den sehr wenigen Antisemiten zu gehören, die an ihre eigenen Bosheiten glauben und ihre Verleumdungen für wahr halten, er hätte sonst vorrsichtiger gehandelt. Und diese Unvorsichtigkeit kostet ihn jetzt tausend Goldmark, vielleicht auch ein gut Teil seines Renommees. Natürlich war es wieder ein Jude. An allem sind die Juden schuld! - . Viele hatten das Angebot des Herrn Eckardt übersehen oder wie vieles andere im Punkte Antisemitica, nicht ernst genommen. Anders der Rabbiner zu Hannover, Herr Dr. Freund) . er ging auf den Spatz ein und nannte allein in seiner Gemeinde nicht nur eine, sondern zwanzig jüdische Mütter, die ihre Söhne noch sehr lange über die von Eckardt geforderte Zeit im Schützengraben wutzten. Der getreue Eckardt, Drückeberger-Jäger von Beruf, spielte nun selbst den Drückeberger und wollte nicht zahlen. Die deutschen Gerichte verstehen aber keinen Spatz und sie verurteilten Herrn Eckardt, nachdem ihnen neben den Zwanzig aus Hannover noch eine einwandfrei beurkundete Liste von fünfz i g jüdischen Familien aus dem Reiche Vorgelegen, welche gleichzeitig sieben, ja sogar acht Söhne an die Front schickten, zur Zahlung der ausgesetzten Summe. Werden die Herren Antisemiten aus der Geschichte etwas lernen? Höchstens, etwas vorsichtiger und billiger zu lügen. Jüdischer Antisemitismus. Bäckermeister O. S., der es eigentlich verdient hätte, datz wir seine volle Adresse nannten, ist Jude und wohnt zu Köln a. Rh. Neben dem täglichen Brote, das er seinen Mitmenschen — gegen erkleckliche Bezahlung — reicht, fühlt er in sich noch außerdem den Beruf, seinen Glaubensgenossen ganz unentgeltlich Morallehren zu verabreichen, die so köstlich sind, datz wir uns Mazzo und Schaufor. Von Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. Die Notiz des Herrn Dr. Kanter in der letzten Nummer des „Israelit". betreffend die schwierige Ramb amstell e, fordert zum Widerspruch heraus: 1. ist die darin mitgeteilte Interpretierung des Rambamwortes durchaus nicht neu; sie findet sich vielmehr schon im 713170 3'30 zu -pon 'bn •32701' nach dessen Auslegung eben der angeführte Satz aus dem n"yn "’O nvv 'bti abgefaßt ist, 2. mutz der Versuch, die Talmudstelle i?28i 1822 ,3270 zu deuten: „Man habe ihn zu etwas an de rem genötigt", als äußerst bedenkl i ch erscheinen: a) Geschah das Verzehren der ,3270 nicht unter äußerem Zwang, wozu ist das irrs^ überhaupt nötig, dann hätte die Frage einfach lauten sollen: Wenn jemand unbewußt Mazzo ißt? b) Eine solche Deutungsart „1822 man hat ihn zu etwas anderem gezwungen ^81 und er hat unbewußt gegessen", ist auch sachlich ganz unmöglich. Man versuche einmal dieselbe Auslegung auf die gleiche Wendung, wie z. B. 831 ans? 1.31038V3 8"v ¥'2 71183' zu übertragen! c) Es herrscht kein Zweifel darüber, daß wer unbewußt Mazzv ißt, selbst nach Ansicht derer, die sagen 33113 7ii3'3X p'8 riiiso. keineswegs 821' ist. n"8in Qffn n"ib ]nnd) Wollte man versuchen, die betr. Talmudstelle und dte im Rambam als zwei von einander verschiedene Gegenstände anzusehen, dann würde ja für die Entscheidung des Rambam der Quellennachweis fehlen. Also die vorgeschlagene Deutung der Talmudstelle ist entschiedensalsch! Vielmehr entspricht die Entscheidung des Rambam vollständig dem Satze im Talmud K27’ ,32773 *>381 1823? nur hält der Rambam sich nicht an die dort versuchte Gleichstellung von 32117 und ,32«, sondern an den dort gemachten Ein wand, daß 3gwund ,32772 eben nicht mit einander zu vergleichen seien, u. z. weil er hier immerhin ,3233 ist; vgl. j»3 a. a. O. und ,32VN -sv3 321V fbr\ N3V0 onVi» ferner Jeruschalmi, wo für Schaufor,33113 verlangt wird und hinsichtlich Mazzo es heißt: 8^ 08 )’3 |i'3 08 pa nxoa jnrar» 3".3 '"2 0'NV2. Endlich sei noch auf 8"p n"o 71103', wonach die Nötigung zu einer ,31270 als 712113 angesehen wird (s. auch 3"0 J't7i3'3 'bn 0"30il, und auf die Stelle in i?3 :1,31238V ,3"3 8"S7 3"3 71103’ D171 71373^ ,371'0 3N2 0318 ’"J? '*?’28 1027270 71V127V 333 '->b u'VN hingewiesen. Kleines Feuilleton. Die Waffen nieder! Don Kalo Leiter in Lemberg. Ueber Europas dunkle Wälder Leuchtet Glut, Sickert Blut Tief in der Erde Schoß hinein. Tausend Brüder sehe ich fallen, Tausend Stimmen höre ich lallen, — Aus den Lüsten braust's hernieder: Brüder Brüder, Die Waffen nieder! VUH WU.;4.UUJI|C1U uiuiucuuiltu, Mitten unter Geschossen, Liegt der Bruder — nicht der Feind. Bleich vom Tode sind die Lippen, Sterbend möchte er Euch bitten: Brüder Brüder, haltet ein! Nicht zum Morden seid Ihr geschaffen. Werfet nieder Eure Waffen, Friede soll die Losung sein. Schwester-Oberin Dorothea Kochmann, Bad Dürrheim, zur Erinnerung. Der Sonne gleich, die leuchtend hin zur Erde Ihre Strahlen sendet, Mit warmem Kuß Der Pflanzen junge Triebe weckt,