Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage mm mm Die neue Lehre. Bon S. BriiSheimer in Marttbrett. > In einem stillen Städtlein im llnterfräntischen lebt ein fleißiger Maurer. Sein spärlicher Verdienst reicht gerade zum notdürftigen Unterhalt seiner kinderreichen Familie. Trotzdem gehört er zu den Ruhigen im Lande; denn in ihm ist jene Art von Zufriedenheit, die eine andere als diese mühevoll-nüchterne Lebensweise nicht kennt. Wenn er am Ersten eines Vierteljahres die Miete für das von ihm allein bewohnte Häuschen an den Eigentümer — einen jüdischen Makler — prompt abführen kann, dann geht er mit dem Geld, das er, solange es noch hart und schwer war, in seiner Hosentasche gerne ein wenig klimpern ließ, ganz stolz durch das enge Gätzchen. An einem solchen Tag — aber auch nur an diesem — biegt er darnach um die Ecke des hoch gegiebelten Rathauses hinunter zum Ankerwirt und trinkt einen Nachmittag lang an einem „Heurigen". Als nun im vergangenen Jahre gerade das Maingebiet Zielpunkt völkischer Agitation wurde, arbeitete der Maurer einige Tage lang in einem benachbarten Walddorfe. Bei dem Abendbrot in der Schenke umlärmten ihn aus kurzen Pfeifen qualmende Bauern, denen ein unter großem Tamtam angekündigter jugendlicher Redner das Nassenbewußtfein zu wecken versuchte. In die Ecke gepfercht, müde von der anstrengenden Dacharbeit, gab sich der Maurer wenig Mühe, der Rede zu folgen. Nur die laut geschrienen, immer wieder gebrauchten Wörter: „Volksbetrüger", „deutsches Blut", „innere Feinde" bohrten sich — wie es ihm schien — wie glühende Pfeilspitzen durch die wollene Tuchmütze in sein schlaffes Gehirn. Und mit einem Male mußte er an einen jüngst erst gelesenen Bericht über spanische Stierkämpfe denken, wobei man — um den wilden Ochsen noch mehr zu reizen — mit Widerhaken versehene Wurfspieße nach seinem Nacken warf. Zu diesen Schlagworten aber fehlten dem Maurer die gedanklichen Beziehungen. Da pfiff ihm plötzlich ein Satz in die. Ohren, als hätte man ihm eine Peitsche um den Kopf geknallt. „Hinaus mit ihnen, hinaus! Nur ein Bündel voll dürfen sie mitnehmen, wenn wir sie aus dem Lande jagen!" — „Wen denn?" fragte der Maurer seinen Nebenmann. „Na, hörst denn nir? Die Juden natürli!" „Und was wird denn mit ihra Häusli?" forschte der Maurer weiter. Da fuhr der andere wie ein geschleuderter Stein in die Höhe: „Die g'hören uns! Die Häuser, ihra Höf', ihra Schränk' und alles Zeug! Uns g'hörts, uns, uns, uns!" Das gellte dieser wie ein Verrückter in den Raum. Dabei schlug er auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die um den Redner aufgestellte Schutztruppe sich langsam der Ecke zuschob, um den vermeintlichen Ruhestörer hinauszuwerfen. Doch der war bereits ganz schlapp auf die Bank zurückgesunken. Der Maurer ober ging in sein Zimmer. Aus seinem Schlaf störte ihn später ein versoffenes Gröhlen: „Die Brigade Erhardt werden's wir genannt!" - Und als er sich auf die andre Seite drehte, murmelte er: „Ihra Häuser g'hören uns! Und Miete brauch' H nimmer zu zahlen!" Wo nun in nachfolgender Zeit eine solche Versammlung stattfand — und war der Weg dahin stundenweit, und patschte der Regen auf die Straße wie Spülwasser in den Hof — der Maurer saß immer vor dem Redner, lurte auf jedes Wort und hätte auf Befragen doch nicht den Sinn eines einzigen Satzes nur wiederzugeben vermocht. Wenn er aber fein Stichwort vernahm (merkwürdigerweise benutzten es alle Referenten): „Hinaus mit ihnen, jagt sie nach Jerusalem!", da stupste der Maurer seinen Nebenmann auf die Schulter. „Gell, aber die Häuser g'hören dann uns!" sagte er leise zu dem, und wenn er dessen Kopfnicken sah, zahlte er sein Bier und stapfte durch die dunkle Nacht heimwärts. Am 9. November um die Mittagszeit hörte der Maurer, daß Hitler in München die Staatsgewalt inne habe. Da stieg er auf den Dachboden. hob einige Ziegel aus und schob durch diese Oeffnung seinen Kopf. Dann blickte er mit demselben Hochgefühl des endlich Erreichten in die Runde wie der Hahn, der seinen Nachbarrivalen eben mit zerhacktem Kopf durch das Höfgitter hinausgetrieben und nun, auf der Mauer stehend, der aufhorchenden Hühnerwell sein Triumph-Kikeriki hören läßt. Darauf ging der Maurer in den Hausflur hinunter, mischte eine hellgrüne Farbe zusammen und begann die Fassade „seines" Hauses anzustreichen. Unter die Fenster wollte er dann durch den Tünchner in die Ovale eines vielfarbig gemalten Blättergeranks in großen Lettern schreiben lassen: Michael Lämpert, Maurermeister. Kol Dichfin! Seder in der Suppenanstalt. Ich hatte dieses Jahr zu den vielen alten einen neuen. Kommentar zum „Ho lachmo", zum „Kol dichfin" und es drängt mich, ihn post testum hier weiter» zugeben. Auf dem Heimwege von der Synagoge am ersten Pessachabend ließ ich mich von einem Freunde bewegen, in die Theobald st ratze einzubiegen, und da fand ich besagten Kommentar. „Alles hängt vom Glücke ab, selbst die Rolle im Heiligen Schreine", sagt ein alttalmudisches Wort. Auch Straßen und Gassen. Es gibt Straßen, die vom Verkehr umbrandet, von Autos durchsaust,. von Straßenbahnschienen durchkreuzt sind, und es spricht keiner von ihnen, es kennt sie keiner, den nicht gerade geschäftliche oder andere Beziehungen dahinführen. Die Theobaldstratze ist eine schmale, stille Gasse, ein dünnes Aederchen zwischen Hanauer Landstraße und Schützenbrunnen, umsäumt von einigen rasch gezählten mehr oder weniger schönen Häusern und Häuschen. Aber die Theobaldstraße hat ihre eigene Bedeutung, eine eigene Stellung im Straßennetz, eine kleine Weltberühmtheit . . . Dreißig Familien und mehr in den verschiedensten Ländern in Ost und West schicken je zu Sabbat ihre Grüße nach der Theobaldstraße, — denn hier ist, schon im zweiten Hause rechts, das Heinemannsche Mädchenpensionat. ' Wenn irgendwo aus dem Erdenrunde in einem Nachtasyl jüdische Wanderarme Zusammentreffen und der eine bei der Entwicklung seiner Reisepläne Frankfurt erwähnt, so nennt ihm der andere rasch die Theobaldstraße. Denn dort befindet sich die Suppen an st alt, die den Durchreisenden wie ansässigen Bedürftigen täglich warme Speisen bietet und bei Winterfrost auch eine Stunde wohliger Wärme. Zu Ausgang der Straße nach dem Schützenbrunnen rechts, wo die steinerne Germania in mächtiger Größe herübernickt» gegenüber dem Garten, wo die Kleinen des Kinderspitals mit verbundenen Köpfen unter ersterblühtem Flieder und Hollunder die ersten Sonnenstrahlen einsaugen, ist im Hofeingang das Haus, das von keinem, der nach Frankfurt-Ost auch für wenige Tage kommt, umgangen werden darf, und von manch einem gemieden wird: das Polizeirevier ... Die kleine schmale Theobaldstraße hat Weltbedeutung. Den neuen Kommentar, zu dem ich endlich nach der durch die Feststimmung bedingten Redseligkeit kommen mag, erhielt ich in der genannten S u p p e n a n st a l t. Was ich da sah, war überwältigend. Ein warmer Strahl göttlicher Liebe hatte sich, ein himmlisches Festgefchenk, herabgelassen, um Menschen zu beglücken, Gebende und Empfangende in gleichem Maße. Ein langer breiter Tisch, der von der Nordwand fast bis zur Türe reicht, weiß gedeckt und festlich geschmückt für etwa siebzig Teilnehmer. Blumen, Bücher, 1924 Becher und Schalen. Wein schillert in den in genauen Jnterwallen aufgestellten Flaschen und Goldverzierung auf fünhig oder sechzig roten und blauen Hagadadeckeln leuchtet int gelben Kerzenlichte symmetrisch verteilter dreiarmiger Sabbatleuchter. Ein Festmahl für Königskinder, wie wir es alle an diesen Abenden sind, Herr und Diener, Arm und Reich, Groß und Klein. Am oberen Tischende mit Kissen gepolsterte Sessel, für den Hausherrn, den Verwalter und seine Gattin, die schon glückstrahlend die ganze Vorfreude des Seders an der Spitze dieser großen Familie erleben. Es ist noch etwas früh, und die Tischgäste sind noch nicht alle beisammen. Sie kommen aus verschiedenen Synagogen und auch aus gar keinen. Denn es wird hier nicht gefragt nach Abstammung, Alter und Richtung. „Wer hungert, komme und esse, wer durstig ist, komme und halte Pessach! . . ." Auf Stühlen und Bänken an der Wand harren die bereits Anwesenden. Verstohlenen Blickes schaue ich hinüber. Männer und Frauen, Greise und halbe Kinder noch. Das verhuzelte Weiblein in der Ecke mag wenig Glück und Freude im Leben gekostet haben, ihre weitaufge« rissenen Augen ruhen wie gebannt auf dem Tisch, als wollte es diesen Strahl der Wärme für alle Ewigkeit in ihre erstarrte Seele eindringen lassen . . . Männer, die bessere Zeiten gesehen haben mochten, vielleicht selbst Gäste an ihrem Sedertisch bewirteten, blättern etwas verlegen in mitgebrachten Hagadabüchern, zwischen deren Zeilen mit Weinflecken und Fingerabzeichen wohl ein Stück ihrer Geschichte eingegraben ist . . . Lachende gutgekleidete Jünglinge verziehen zuweilen den Mund zu einer schmerzlichen Geste. Erinnerungen an heimatlichen Seder? .... Aber sie lachen wieder, die Welt ist groß, die Welt ist" weit und ist offen nach allen Seiten dem jugendlich strebenden Gemüte . . . Eine freie Bahn ohne Hemmung, ohne Grenze, ohne Ende . . . Was bedeutet eine Erinnerung, was bedeutet eine Stunde gehobener Stimmung? ... Eine jüngere Frau in einsamem Winkel weint. Eine Flüchtlingsfrau, hatte Eltern und Mann irgendwo in der Ukraine verloren. Die Kinder sind da und dort, in Amerika die älteren, in Waisenhäusern die jüngeren. Entsetzliche Erinnerungen, denn es war gerade um die Pessachzeit, als der Todesengel in der Gestalt der Denikinkosaken mit dem gezückten Messer durch das Dorf zog und, im Gegensätze zum Todesengel der Bibel, gerade bei den Judenhäusern Halt machte . . . Wäre das möglich; dort finsteres Entsetzen und hier soviel Licht und Liebe? Gibt es noch soviel Güte und Erbarmen aus Erden? Ist nicht das eine oder das andere Sinnestäuschung? . . . Mann und Eltern verloren, Kinder in Amerika und in Waisenhäusern. Ob es auch für sie heute abend solche festlich gedeckten Tische gibt und ob sie wohl an die Mutter denken? Das Frauchen weint... Es mehren sich die Gäste, und der Hausherr setzt sich vor der schön geordneten Sederschüsfel. Es ist Zeit, daß wir — es waren außer mir noch Herren vom Vorstände und Freunde des Hauses da — gehen. Und es ist uns allen zumute, als müßten wir uns" alle zu ihnen setzen und mit dieser großen Familie aus aller Welt, mit diesen Männern, Frauen, Greisen und Jünglingen, deren jeder seine eigene Lebenshagada hat, Seder halten . . . Auf der Hanauer Landstraße werde ich von ein paar losen Burschen angerempelt. Es ist ja schon Vorabend des Ostersamstag . . . „Jud, Geschäftchen gemacht?" Ja meine Herren, das beste meines Lebens, ein Geschäft, wie ihr in eurem Wein- und Sinnesrausch es nie begreifen und erahnen werdet. Und i ch war stiller Teilhaber dieses Geschäftes ... Natürlich verstanden mich die „Herren" nicht, ich sagte es überhaupt so, daß sie es gar nicht hörten, ich hatte was besseres zu denken. Eine alte fromme lleberlieferung erzählt: Am Sederabend schickt Moschiach, der oben seine Erlösung durch uns ebenso sehnsüchtig erwartet wie wir die unsrige durch ihn, seinen treuen Boten Elia hinaus, um nachzusehen, ob nicht endlich die Welt der Erlösung reif sei. Und da sehe ich in meinem Geiste Elia nach Mitternacht, nachdem er alle Häuser abgesucht, atemlos zu Moschiach kommen: „Herr und Gesalbter, ich. glaube, es ist Zeit. Es waltet Liebe auf Erden. Komm und sieh. Dort in der engen, schmalen, düsteren Theobaldstraße . . ." Ich kam etwas verspätet nach Hause. Die Kinder saßen bereits am Tisch bei den offenen Hagados, und in ihre glückhafte Erwartung mischte sich stummer Vorwurf gegen mich, daß ich des Seders Edenzauber um eine Viertelstunde hinausgeschoben hatte. Nach dem Kiddusch sagte ich aber: „Kinder, eine neue Erklärung zu „Ho lachmo", zu „Kol dichfin" ..." Und ich erzählte, so frisch und lebendig wie es in meiner Seele lag, das Erlebnis in der Theobaldstraße. Und sprach von der Notwendigkeit und der heiligen Pflicht, dem Bruder nicht nur Brot zu reichen, sondern auch Liebe. Er hat, in gewissen Momenten wenigstens, ganz wie wir Anspruch auf Blumen, aus Licht, auf Freude ... Das ist der Sinn des Talmudausspruchs: „Israels Söhne sind allesamt Königskinder! . . ." Es war da eine Tafel für „Könkgskinder" gedeckt ...