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Der Israelit · 1924-05-01 · Heft 18 (1.5.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 18 (1.5.1924)
Date
1924-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 1. Mai 1924 sie ihrer Schätze berauben und die Toten aus ihrer viertausendjährigen Ruhe wecken, um sie in Glaskasten gesperrt den gaffenden Äugen einer staunenden Menge zu zeigen?! Und das alles im dreimal gebenedeiten Namen von Wissenschaft und Kunst — oder wer wagte, zu behaupten, daß sich hinter ihnen nur gemeine, menschliche Beugter verbärge —: haben denn wirklich Wissenschaft und Kunst, wenn sie schon die Grenzen der R e l i g i o n mißachten, auch vor den ehrfurchtgebietenden, schauererzwingenden Schranken des Todes jede rein menschliche Scheu verloren? Und auf dem heiligsten Boden, an den Gebeinen unserer Ahnen soll sich dies Schauspiel nunmehr wiederholen? — Zwei Gründe haben uns unsere Lehrer überliefert für das Verbot, ein Grab zu öffnen. Wir dürfen die Ruhe nicht stören, die nach hartem Erdenkampfe dem Menschen bis zur Auferstehung der Toten gegönnt ist, die Ruhe, nach der in größter Qual ein Ijob sich gesehnt: ,.O, schliefe ich, dann wäre mir Ruhe!" Und wir dürfen die Toten nicht erzittern lassen, indem wir sie aufstören und sie in Entsetzen — pro ö*p min — glauben lassen, der furchtbare Tag des Gerichts sei gekommen, wie einst ein Samuel in einer Erscheinung es zu Saul gesprochen: „Warum hast du mich erzittern lassen beim Hinaufsteigen?" Und wir sollten untätig zusehen, wie man das Verbot unserer Weisen, das von allen Religionen übernommen, von jedem menschlich Fühlenden stets in zarter Scheu beachtet wurde, mit Füßen tritt, wie unsere Väter in ihrer Ruhe durch den harten Schlag des Spatens und der Hacke aufgeschreckt werden? Sollten untätig zusehen, wie jene furchtbare Prophezeiung in Erfüllung geht, die einer unserer Lehrer verkündet, als er vor seinem Scheiden seinen Schülern befahl, ihn tief unten, viel tiefer als gewöhnlich, zu bestatten, weil einst der Spaten das heilige Land durchwühlen werde, ohne Rücksicht auf Gräber und Tote zu nehmen? Wächter des thoratreuen jüdischen Volks, Behörden unserer Agudäs Iisroel, hütet und schützet die Gräber unserer Ahnen! Nil'. Korrespondenzen « Nacdricdtev Deutscher Reich. Hauptversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« Berlin 15. April. Mit einer Kundgebung im Herrenhause am Sonnabend den 12. April wurde die Hauptversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eröffnet. Justizrat B r o d n i tz , der 1. Vorsitzende des Zentralvereins, eröffnet die Versammlung mit der Begrüßung der zirka 400 Delegierten. Die Kundgebung sollte zeigen, wie die deutschen Juden zu den großen Fragen des Lebens stehen. Rabbiner Dr. Vogelstein- Breslau spricht über die „Kampfmittel unser Gegner". Ausgehend von dem 200. Geburtstage Kants stellt Redner den Kampf, den die deutschen Juden führen, ms einen sittlichen Kampf um menschheitlicher Ziele und Aufgaben willen dar. Sie lassen sich den Glauben an das deutsche Volk, die Liebe zu ihrer deutschen Heimat nicht rauben. Mit dem völkischen Schlagwort seht sich Justizrat Hugo Sonnenseld -Berlin auseinander. An den Jrrtümern könne man erleben, daß sie aus der Verjährung als „Wahrheit* emportauchen. Die Juden könnten stolz darauf fein, daß die modernste Sozialgesetzgebung in der alten jüdischen Gesetzgebung ihr Vorbild hat. Redner schlägt» der Versammlung die Annahme einer Entschließung vor, wonach die Versammlung alle vaterländisch Gesinnten auffordert, den Wahlkampf im Sinne des gleichen Rechtes für alle Staatsbürger und nicht mit den vergifteten Waffen des Hasses, der Unduldsamkeit und der Lüge zu führen. Die Sonntagstagung der Hauptversammlung wird durch eine Gedenkfeier für den verstorbenen Vorsitzenden des Vereins, Geheimrat Eugen Fuchs, eröffnet, in der Rabbiner Dr. Hildesheimer- Verlin und R. A. Dr. Herzfeld -Essen Gedenkreden halten. Danach wird in die Tagesordnung eingetreten. Zu Vorsitzenden werden neben Justizrat Brodnitz-Berlin Rechtsanwalt Dr. Geiger-Frankfurt a. M., Geheimrat Falkenheim-Königsberg und Dr. Ludwig Wassermann- München gewählt. Geheimrat W i e s e n t h a l-Berlin berichtet über „Die politische Lage", geht auf die Wahlbewegung ein und kommt zu dein Schluß, daß jeder deutsche Jude und jede deutsche Jüdin verpflichtet sei, von ihrem Wahlrecht Gcbrauch zu machen. Keine Stimme einem Kandidaten, der nicht auch für die Gleichberechtigung der deutschen Juden ein trete. Sodann kommen Vertreter aus den gefährdeten Gebieten zu Wort. Dr. Ludwig W a f s e r m a n n-München bespricht die historische Entwicklung des Hitlerputsches, der zweifellos durch die Folgen des passiven Widerstandes eine besondere Vorbereitung erfahren hat, und nicht mit dem Judentum, sondern für das ganze deutsche Vaterland eine Gefahr werden könne. Rechtsanwalt Dr. K e h r - Kaiserslautern spricht für die Pfalz. Man erlebe in der Pfalz die Tragik der deutschen Juden; wie immer ständen sie auch in der Pfalz in der Front, um für das Deutschtum durch Taten Opfer zu bringen, während die Juden dort in Deutschland, wo mit Worten gekämpft werde, sich von Deutschen beschmutzen und mit Kot bewerfen lassen müssen. Wenn in rechtsrheinischen Blättern behauptet worden sei, daß in oder hinter der separatistischen Bewegung in erster Linie oder überhaupt Juden gestanden hätten, so handle es sich um gemeine und böswillige Verleumdungen. Unter den siebzig Personen, gegen die wegen ihrer Beteiligung an dieser Bewegung Haftbefehl von dem Staatsanwalt in Würzburg erlassen worden sei, befinde sich ein einziger Jude, der aber weder im allgemeinen. noch jüdischen Leben irgend eine Rolle spiele. Die Pfälzer Juden hätten in jeder Weise ihre Schuldigkeit getan und hätten in Reih und Glied mit allen anderen Konfessionen und Volksteilen das Deutschtum hochgehalten. In ähnlicher Weise äußert sich Rechtsanwalt Dr. Krombach- Essen für die Juden in den Landen um Rhein und Ruhr. Cs sprechen noch Dr. Draunschweiger- Oppeln für Oberschlesien, Geheimrat Falken h eim Königsberg für Ostpreußen Rechtsanwalt Dr. Marcus e - Stettin für Pommern, Rabbiner Dr. Kälter- Danzig für Danzig. Nach längerer Aussprache erstattet der Direktor des Zentralverekns, Dr. Ludwig Holländer den Ge fchäftsbericht. Der Korrespondent fügt Hinzu: „Nätülich ist bie$ keine Antwort auf die offene Frage der Mischen Heim, stätte. Das, was die jüdische Renaissancebewegung sucht ist ja nicht nur die Eröffnung eines neuen Einwande. rungslandes, sondern eines solchen, wo die jüdisch«, Siedler von der Gunst des Regenten und der SÜnMung der Einwohner unabhängig sind. Aber trotzddm: dies« Antwort, die offensichtlich mehr als eine bloße Höflichkeit war, zeigt den durchaus religiös gestimmten Charakter des neuen Kalifen." Die Frage der Naturalißerung der Juden in Danzig. D a n z i g , 26. April. Auf die Initiative des Vertreters des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, Dr. Feinberg, hin wurde hier eine Versammlung abgehalten, die sich mit den Fragen der Naturalisation beschäftigte. Es wurde ein Komitee eingesetzt, das den seit mehreren Jahren in Danzig wohnenden ausländischen Juden dazu verhelfen soll, mit Ende des Jahres 1924 das Naturalisation-- recht zu erhalten. Schließung des Auswandererlagers in Danzig. Danzig, 27. April. Mit Ende des laufenden Quotenjahres für die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, d. i. 30. Juni 1924, wird das Danziger Auswandererlager geschlossen. In diesem Lager befindet sich noch immer eine Anzahl russisch-jüdischer Emigranten, die seinerzeit infolge der drakonischen Ausweisungsmaßnahmen der polnischen Re, gierurtg bas polnische Territorium verlassen mußten, bevor sie sich noch die Einreisedokumente nach den überseeischen Ländern verschaffen konnten. Die Emigranten standen unter Aufsicht des Jca-Komitees, das für ihren Unterhalt gesorgt hat. Nunmehr werden die Emigranten ausgefordert, sich in betreff ihrer weiteren Lage mit ihren Angehörigen in Amerika in Verbindung zu setzen. Auch die Unterstützungen für außerhalb des Lagers lebender Emigranten werden ab 1. Juli eingestellt. IN Ein Interview mit König Hussein. Berlin, 27. April. Der Sonderberichterstatter der „Vossischen Zeitung" für den Orient, der Wiener Schriftsteller Dr. Wolsgang v. Weisl, hatte Ende März in Ma'an eine mehrstündige Unterredung mit König Hussein von Hedjas. Der König befand sich damals gerade auf der Rückreise aus Amman, der Hauptstadt Transjordaniens, nach seiner eigenen Hauptstadt Mekka. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Frage des Kalifats, wobei der König auseinandersetzte, es gäbe in der arabischen Welt keinen anderen Fürsten, der in gleicher Weise wie er, Hussein, das Recht des Kalifen über die arabischen Länder für sich in Anspruch nehmen könne. Im Verlauf des Gesprächs kam auch die Rede auf die jüdische Einwanderung nach Palästina. Der Korrespondent erwähnte, daß die Juden nach Palästina gehen wollen, weil sie fast überall in der Welt angefeindet werden und nirgendwo eine Heimstätte haben. „Mögen sie kommen!" antwortete der König sofort. „Mögen sie kommen. Alle Länder Arabiens, nicht nur Palästina, sondern alle Länder stehen ihnen offen." Und indem er seinen Mantel auseinanderschlug und seine Brust zeigte, sagte der Kalif: „Die Juden sollen an mein Herz kommen, ich will sie aufnehmen." Wahlreform der jüdischen Kuttusgerneinde Wien. Wien, 27. April. Der Vorstand der Mischen Kultusgemeinde Wiens hat den Entwurf einer Wahlreform angenommen, wonach sämtliche Kultussteuerträger, die einen zweijährigen Aufenthalt in Wien Nachweisen können, auch wenn sie Ausländer sind, das Wahlrecht erhalten. Frauen sowie Beamte der Kultusgemeinde haben bloß das aktive, nicht aber das passive Wahlrecht. Die Wahlen aus Grund der neuen Reform werden in der ersten Hälfte des November 1924 stattsinden. (J.T.A.) Rttualmordlegenden in Polen Warschau, 27. April. Eine Anzahl Städte in Polen stand tri den Vorpessachtagen im Zeichen der Ritualmordhetze, die sich überall in ähnlichen Formen abspielte, wie in dem bereits mitgeteilten Fall in Wlodawo, Kreis Kielce. In Warschau selbst wurde an einem der letzten Tage ein kleines christliches Mädchen im Hause Gszybow Nr. 16. vermißt. Die Eltern des Kindes suchten die Wohnungen aller jüdischen Mieter des Hauses ab und erhoben ein Geschrei, die Juden hätten ihr Tdchterchen zu rituellen Zwecken geschlachtet. Es fanden Zusammenrottungen statt, die einen ernsten Charakter anzunehmen drohten. -^Plötzlich erschien eine christliche Nachbarin mit dem Kind an der Hand, das sie irgendwo auf der Gasse aufgelesen hat. Auch dann aber hatte sich die ausgehetzte Menge nicht beruhigt. Die Mischen Einwohner der Gasse wandten sich an das Polizeikommissariat, erhielten jedoch die Antwort, es handele sich um eine private Angelegenheit, die durch eine Klage bei Gericht zu entscheiden wäre. Der Vorfall hat auf die jüdische Bevölkerung der Umgegend einen niederdrückenden Andruck gemacht. Ein sehr ernster Ritualmordrummel fand auch in dem Städtchen Solo low, Kreis Siedletz, statt. Dort wurde behauptet, die Juden hätten ein 24 jähriges Mädchen zu Rituälmordzwecken geschlachtet. Die Polizei nahm bei allen Juden der Nachbarschaft Haussuchungen

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