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Der Israelit · 1924-05-01 · Heft 18 (1.5.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 18 (1.5.1924)
Date
1924-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18 Seite 3 1. Mai 1924__ Und die eigenartige Form des ganz auf den Gebrauch für das Sittliche eingestellten menschlich - religiösen Glaubens, wie ihn die „Kritik der praktischen Vernunft" mit ihrem Dreigestirn „Gott", „Gewissen" und „Unsterblichkeit" der ringenden Menschheit mit auf den Weg gibt, sie entspricht in Endergebnis und Wirkung dem Ideal des reinen, „seiner Lehre hingegebenen" Noachiden, den die jüdische Wahrheit dem Hohepriester gleichwertig erachtet. Hierbei aber hat Kant einen Begriff in seiner Tiefe für die freie Menschheit erst entdeckt, der dem deutschen Denker die ewige Wahlverwandtschaft mit der jüdischen Wahrheit sichert, den kategorischen Imperativ der Pflicht. Der berühmte Vorwurf, den Schiller dem verehrten Kant ins Gesicht schleuderte, daß er nur für die Knechte gesorgt habe, nicht für die „Kinder des Hauses" trifft Kant ebensowenig wie er die jüdische Ethik trifft, wenn sie in der Unterwerfung des Willens unter den im Thoragesetz zur Norm gewordenen göttlichen Funken die höchste Form sittlichen Handelns erblickt. Die jüdische Ethik ist nur der Form nach heteronom, denn auch in der Menschenseele lebt, von Leidenschaft getrübt und gefesselt, der Geist des göttlichen Gesetzgebers. Und die Kantische Ethik ist — einer unsrer tiefsten Kant-Kenner hat es grade zum Jubiläum wieder betont — nur der Form nach autonom, denn sie lebt der Zuversicht, dah der göttliche Gesetzgeber aus dem Gewissen spricht. Das Kant-Iubiläum war eine willkommene Gelegenheit für den deutschen Juden, sich vierzehn Tage vor den Wahlen wieder einmal mit dem Bewußtsein zu durchdringen, dah die Beziehungen Israels zu den Völkern der Erde auf die Dauer doch nicht unter dem Gesichtswinkel des Hakenkreuzes und der Hitler-Psychose betrachtet werden dürfen. Ueber die Nacht menschlicher Raserei, in deren Schatten die Hitler und Konsorten rasch genug verschwinden werden, leuchten wie Sterne die groben Geister der Kulturmenschheit. Sie dienen — bewußt oder unbewußt — dem einheitlichen Waltungsziele Gottes an Seiner Menschheit, Seinem Volke. Erkenntnisse und Bekenntnisse. In der angesehenen Monatsschrift „Hatoren", die in Amerika unter Führung Reuben B r a i n i n s die besten hebräischen Schriftsteller Europas und Amerikas um sich vereinigt, wird .in der Monatsschau zu der Sabbatentweihung der Warschauer „Volkszeitung" und ihren unerfreulichen Folgen Stellung genommen. Wir müssen diese Siel- Vom Palästinafilm In der „Jüdisch-liberalen Zeitung" schreibt Hans Adolf Ma rgo lies: Der Keren Kajemeth zeigt seit Ende vorigen Jahres in allen größeren Städten des Reiches einen Palästinafilm, der nicht wenig zu denken gibt, wenn man ihn vorurteilslos betrachtet. Nicht, daß er technisch schlecht gemacht ist, wie die Mitglieder des Keren Kajemeth vorsichtshalber selbst zugeben, ist hier von Belang. Aber wie, in welcher Weise er vom Aufbau in Palästina propagandistisch berichtet, das ist bezeichnend für das Wesen eines heutigen Zionismus, der mit dem Grade, mit dem er an Ausbreitung zupimmt, an innerer Glut und Tiefe abzunehmen scheint, die ihn bislang auch dem Gegner verehrungswürdig machen mußte. Der Plan, das neu erstehende Land im Film nicht ohne jeden Zusammenhang zu zeigen, hat den Verfassern eine Einkleidung notwendig gemacht. Man /führt einen Fremden durch Erez Israel — von Siedlung zu Siedlung, von Stadt zu Stadt. Aber dieser Fremde ist nicht ein junger Mensch irgendwo aus der Diaspora des Judentums, der hier mit heiligem Erschauern heiliges Land betritt, um zum Ende mit machtvoller Begeisterung der Flut neu erwachenden Lebens sich Hinzuwersen — nicht der Jude, wie wir ihn lieben könnten, der mit frommer Scheu die erinneruugumkosten Stätten sieht, dessen Auge leuchtet über der Pracht neuen Lebens auf altem Grund, dessen Sinne selig erschauern beim Namen „Jerusalem". Der Fremde, den der zionistische Film uns zeigt, ist der Typus eines dicken, reichen. Amerikaners, der sich von einem Fremdenführer „überreden" läßt, das Land zu „besichtigen" und der nun auch wirklich „besichtigt" mit der Art und Weise eines allseitig gebildeten Kaufmanns. Zeigt man ihm Weinkellereien und Schoko. Der Israelit lungnahme umso freudiger begrüßen, als sie uns den Geist zeigt, der heüte durch d-e bessere neujüdische Literatur weht. Es ist noch nicht überall der Geist der wahren letzten Erkenntnis, indeß liegt doch ein sehr weiter Weg zwischen der himmelstürmenden Haskalaliteratur eines Smolenskin und Lilienblum, eines Mapu und Juda Leib Gordon von annodazumal und den „Bekenntnissen", wie man sie heute überall in den ernsten Blättern zu lesen bekommt und wie sie auch Brainin zu Anfang der gleichen Nummer der Zeitschrift unter dem Titel tma D’ansn ausspricht. Wir wissen nicht, ob schon Brainin mit dem Bekennermut eines Nathan Birnbaum auch die letzten Konsequenzen für sein praktisches Leben aus den hier ausgesprochenen Erkenntnissen und Bekenntnissen gezogen hat. Der Verfasser der obengenannten Monatsschau — er zeichnet mit *3 -v — ist bis zu dieser letzten Konsequenz gegangen. Er schreibt u. a.: „Es ist mir nicht bekannt, von welcher Art die Chassidim und jugendlichen Eiferer sind, die die jüdischen Zeitungsverkäufer am Sabbat überfallen und ihnen mit Gewalt 'das sabbatschänderische Handwerk legen. Allein, wer und wie sie auch sein mögen, sie seien vor Gott gesegnet. Von der Ferne entsende ich ihnen meinen Glückwunsch und Dank für ihren Kampf für Menschheit und seelische Freiheit, der den Knechtsinn den Weg in die jüdische Gasse versperren soll. Diese chassidischen Fanatiker, — sie sahen jahrein jahraus die Unverschämtheiten der polnischen Huligans gegen ihre Brüder und schwiegen: sie sahen, wie man alten Juden die Bärte ausrupfte und sie schwiegen: nicht aus Angst und Feigheit schwiegen sie, sondern aus tiefster Verachtung gegen die menschlichen Bestien, die sie einer ernsten Abrechnung nicht für würdig hielten. Nun zieht ein neuer Feind über sie her, nicht mit Schwert und Spieß, ihres Lebens heiliges Licht sucht er auszulöschen, den heiligen Sabbat, das jüdische Ich, das einzige, was uns geblieben und wonach der äußere Feind seine unreinen Hände nicht ausstrecken konnte, wollen sie ihnen rauben. Hier erkannte der polnische Ehassid die Gefahr und er trat in den Kampf. In Wahrheit gesprochen: Wenn ich die Berichte der polnischen Zeitungen über diese Vorgänge in den Warschauer Straßen, über die Verhaftungen der chassidischen Jünglinge usw. lese, da werde ich von einem Gefühle tiefer Scham ergriffen. Wo bleibt unsere nationale Jugend? Warum überlassen sie, die Nationalen, den heiligen Kampf gegen diese unerhörte ladefabriken, so weiß er: „Von Wein und Schokolade kann man nicht leben. Zeigen Sie mir jüdische Bauern!" — worauf denn die „Besichtigung" weiter geht. Bisweilen gibt es schöne Bilder, schöne Bilder aber, wie jedes schöne Land sie geben könnte. Und im ganzen zeigt man einem philiströsen Publikum nicht mehr als europäische Technik auf neuem Grund und Boden. Es soll wohl heißen: „Wir haben es hier genau so gut und „komfortabel" und praktisch und auf der Höhe der Zivilisation wie ihr drüben in Europa." — Ist das der Sinn zionistischer Bewegung geworden? Zionistischer Bewegung, die so gern allgemein-jüdische Bewegung sein möchte. So laßt euch sagen! Wir Nichtzionisten, wir deutschen Juden haben — soviel gescholten und geschmäht, — mehr Judentum in. uns, mehr jüdisches Empfinden, mehr Judenwollen, als daß sich unser Fühlen nicht zusammenkrampfte, wenn wir in diesen Bildern. immer und immer vergebens nach dem Juden suchen. Wo ist das eigentümlich Jüdische, das dort erwächst? Wo ist ein Gottesdienst, wo ist Kultur, die jüdisch wäre, die hier in Deutschland, in Europa nicht gedeihen sollte. Ihr sagt: der Boden ist das Erste! Kultur wird sein! — Sie wird nicht sein, wenn sich der Zionismus derat auf Teschnisches und Zivilisatorisches einstellen wird, wie hier in seinem Propagandasilm. Sie wird nicht sein, solange Zionisten wagen durften, den Helden ihres Films zur Klagemauer hinzuführen und dieser seinen Kodak stellt und "die Klagemauer vom Tempel in Jerusalem — knipst! Vielleicht hat das doch kein amerikanischer Jude in Wirklichkeit getan. Im Propagandafilm der Zionisten geschieht es also . . . „Propaganda"??! Schmach, gegen diese Selbsterniedrigung allein dem Chassidim? Wo bleiben unsere offiziellen Wächter, die Massen der Zionisten, ihre Führer, ihre Jünglinge? Sehen und merken sie nicht die Zerstörung des religiösen und nationalen Heiligengutes, die sich vor ihren Augen abspielt? Welche bittere Ironie. Die absolute Arbeitsruhe, die den Menschen an einem Tage der Woche zu einem höheren Geschöpfe weiht, ist es, wonach die Besten aller Nationen heute mit allen Kräften streben; dieses Ideal wurde in Israel von altersher gehütet und heilig gehalten ohne Propaganda und ohne Polizei, einzig aus Liebe zu der Freiheit, wie sie uns der Schöpfer der Welt und Lenker der Geschichte ins Herz gelegt hat, und just dieses herrlichste Licht wollen uns die Blender und Verblendeten rauben, um an seine Stelle Knechtschaft und seelische Erniedrigung zu setzen. Wie traurig und beschämend, daß nur die Kaftan- und Pejosträger die ganze Gefahr erfaßt haben, sie allein und vollkommen verlassen von den anderen, die man bei jeder Gelegenheit in Demonstrationsumzügen mit blauweißen Fahnen sieht, Hatikwalieder in dem Munde . " Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Schutz den Gräbern unserer Ahnen! In den Zeitungen und Zeitschriften mehrten sich in der letzten Zeit Berichte über Ausgrabungen im heiligen Lande, über Wiederherstellung alter Grabdenkmäler, über Aufdeckung und Oeffnung von Grabstätten. Und ganz zuletzt meldeten sie — im Israelit in Nr. 16/17 — daß orthodoxe Juden die mit den Arbeiten Beschäftigten tätlich angegriffen und die Einstellung der Ausgrabungen gefordert hätten. Hat es wahrhaftig erst dieser Nachricht vom Uebersieden der erhitzten Volksseele bedurft, um uns aufhorchen zu lassen? Ist unser jüdisches Fühlen, das wir doch sonst bei jeder Gelegenheit so stolz herauskehren (nur meistens da, wo es unjüdisches Fühlen ist), denn ganz erstarrt unter dem Einfluß moderner Kultur, daß wir nicht schon längst klagend und mahnend und warnend und schützend unsere Stimme erhoben? Kann es für uns denn eine Frage sein, welche Zeit auf einer höheren Stufe steht: das Altertum, dem jeder Grabschänder ein Verbrecher war, oder die Neuzeit, die die Männer als Helden preist, die ägyptische Gräber erbrechen. Sabbat-Anfang und -Ausgang. *nna na» Ort: Änfang Uhr >Mtn. Do 1924 ttum 5684 Äusg. Uhr jMin Frankfurt a. M. 7 03 3. 29. 8 40 Berlin .... 7 30 Mai Nitzan 8 22 München ... 7 13 8 l.i Köln ..... 7 25 8 45 Stuttgart . . . - .- - - Breslau.... — -- - — Nürnberg . . . 7 — 8 20 Hamburg . . . 7 35 8 50 Wochenkalender. 3. - 10. Mai 192*1 29. Nissan bis 8. Jjor 8884 Samstag Mai 3! 'INN 29sv'2 Äosch-Lhaudesch-Bensrheit Mol.: Sonnt, früh 3,24»/«, U. Sonntag 30 - 1. Nosch-Chaudesch-Tag Montag 5! ih"R 2. Rosch-Ehaudesch-Tag Dienstag 6j 2 Mittwoch N l Donnerstag 8| 4 Freitag 5| S..>nstaa H 6>

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