Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- eite 2 Nr. 18 D e . Israelit 1. Mai 1924 werden sehen, daß der Name Gottes über' dich genannt wird? (Menach. 35 b.) Ueber derartige kleinliche Gesinnung lohnt es kaum ein Wort zu verlieren. Wollt ihr wissen, ihr augenoerdrehenden Söldlinge des Jezer Hora, in welchen Dingen Spott und Hohn gegen Thora und Mizwaus liegt? Weit mehr darin, daß man mit andersgläubigen Reisegefährten keine geistvolleren Gespräche zu führen versteht, als höchst interessiert zu fragen, in welchem Gasthofe die beste Küche geführt wird, oder ob es da oder dort den besseren Wein gibt. Geradezu erdichtet ist es, daß an den erwähnten Orten die nötige Andacht und Sammlung fehlen müsse. Aus den Quellen werden wir- Nachweisen, was zur Störung der Sammlung führen must,- darüber hinaus ist alles nur Pastorales Wortgepränge, wobei zugegeben werden soll, daß wir nach Meinung maßgebender Glossatoren zur eigentlichen wahren Andacht überhaupt nicht mehr befähigt sind. Mit derartigen Vorwänden jedoch wird, wie sonst gar oft, auch hier zur Zerstörung traditionellen Brauches Unfug getrieben. Bei der jetzigen Kommunikation kann jeder, der will, andächtig und gesammelt beten: wer aber nicht will, wird auch zuhause keine Andacht haben. Schließlich zu den „Viehhändlern, die in gewöhnlichen Schenkstuben oder auf der Landstraße Tephilin legend, mit entblößtem Arme beten" und dadurch angeblich „großen Unfug und unverzeihliche Entweihung der Religion herbeiführen." Der von solchen Radomontaden nicht Verschüchterte verspürt hiervon nichts. Freilich, seitdem diese modernen Priester das große, weite Judentum in die Zwangsjacke der. Synagoge einzuzwängen versuchen, seitdem man eifrigst bestrebt ist, alles bis auf den Theaterkoup von Orgelklang und Chorgesang, Lied und Predigt, vom Judentum fernzuhalten, seitdem muß es allerdings als frecher Unfug und unverzeihliche Entweihung der Religion gelten, wenn ein Laie, und noch dazu ein Viehhändler, sich unterfängt, unter freiem Himmel, wo die großmächiige Nalur einen ganz anderen Gesang anstimmt, als alle Chorknaben und -Mädchen zusammen, sein Gebet zu verrichten: sich unterfängt, in gewöhnlicher Schenkstube, mitten unter rohen, ungebildeten Menschen, dem prachtvollen bm ’JK wbsv jm praktischen Ausdruck zu geben. So ganz ohne Priester, ohne Arien und Duette, so für sich selbst, auf sich allein gestellt, seinen Gottesdienst abzuhalten, das ist eine gewaltige Frechheit. Der Geist des Schulchan Aruch freilich sagt: so oft als irgend möglich übe ein jeder nb’um pb'Bn mx». Fürchtet er, sie sonst zu versäumen, weil es z. B. die letzten Momente der hierfür vorgeschriebenen Zeit sind, und ein besserer Platz ist nicht vorhanden, so mag er sie getrost an allen Orten, soweit sie rein sind, erfüllen. Von einem Hindernisse, Tiere vor sich herzutreiben oder sogar an der Hand zu führen, weiß der Schulchan Aruch nichts, höchstens daß es zu wirklichen, in den Kodizes genau umschriebenen Hinderungen führen kann. Aber zu entscheiden haben nur diese Vorschriften. Keineswegs sind Eile oder andachtsloses Herplaudern notwendige Konsequenzen."*) Wir könnten zu diesen aus dem Herzen guillenden Worten nur noch hinzufügen, daß wie beim Beten und Tephilinlegen, die an öffentlichen Orten verrichtet werden sollen, eine Scheu vor Andersgläubigen nicht am Platze ist, so auch bei allen religiösen Handlungen. Der Jehudi muß nicht nur seiner Pflicht der nix» eingedenk, sondern auch — gerade im Verkehr mit Andersgläubigen — des hohen sittlichen Gehalts der Gottesgebote sich voll bewußt sein, damit man die nix» an allen Stellen nicht nur ohne jede Scheu, sondern auch mit stolzem Bewußtsein ausführt. Dies kann viel zum Abbau des Antisemitismus beitragen, denn Selbstbewußtsein führt zur Achtung. ' Gerade Mangel an Selbstbewusstsein ist einer der Gründe der Mißachtung der Juden seitens Andersgläubiger. Wochenrundschau. Das Kant-Jubiläum. Unsre Väter erzählten uns von dem Sturm der Begeisterung, der Deutschland durchbrauste, als 1859 Schillers hundertster Geburtstag begangen wurde. Die Spannung der mißhandelten Volksseele entlud sich in jenen Tagen in dem Jubel einer ganzen Nation, der einem Unsterblichen im Reiche des Schönen galt. Damals hielt Samson Raphael Hirsch in seiner Schule in der Schützenstrabe jene denkwürdige Rede, die für ihre Zeit eine Tat war, und die noch heute ein mustergültiges Beispiel für die prinzipielle E i n st e! l u n g des gesetzestreuen Judentums zur Geisteskultur der Umwelt bildet. Das freudige Aufspüren des dem Judentum entgegenleuchtenden rein Menschlichen und Göttlichen in der ästhetischen und wissenschaftlichen Kultur der Menschheit einerseits, die Anwendung *) Gesammelte Aufsätze von Rabb. Dr. Jsr. Hildesheimer, Frankfurt a. M. Hermon-Verlag. Zu beziehen durch M. A. Wahrmann, Frankfurt a. M., Am Schwimmbad. der Thora andrerseits als absoluten Gradmesser für die sittliche Bewertung wie für den Wahrheitswert dieser Kultur — diese beiden Grundprinzipien Hirsch'schen Denkens, sie sollten auch heute noch, gegenüber mancherlei Abirrungen nach beiden Seiten, die Leitsterne sein für jeden jüdischen Denker, der. nicht eine Brandmauer zwischen zwei einander fremden Kulturwelten in der Seele tragen, sondern aus der min die Welt und ihr geistiges Sein und Werden einheitlich verstehen will. Das ist für uns auch der rechte Standpunkt gegenüber der gewaltigen Lebensleistung Immanuel Kants, dessen zweihundertsten Geburtstag das deutsche Volk — allerdings in unvergleichlich geringerer Gefühlsbetonung als vor 65 Jahren, den Schillertag — soeben begangen hat. Kant hat die Metaphysik als beweisbares Produkt menschlichen Denkens zertrümmert und sie dann im „Busen des Menschen" als Ahnung des Gemütes und Befruchterin des Willens wieder auferbaut. Die jüdische Ueberlieferung läßt ganz dementsprechend das Volk der Gottesoffenbarung und die suchende Menschheit aus getrennten Wegen gemeinsamem weltgeschichtlichem Erkenntnisziele eipgegengehen. Dort — im jüdischen Volke — lebt, seitdem vor dem flammenden Sinai Gottes Sein und Wollen nicht kritisch erklügelt und mathematisch errechnet, sondern von der Volksseele intuitiv in prophetischer Schau erfaßt ward, die Gewißheit des Göttlichen in so beispielloser Intensität, daß sie das ganze Einzelnnd Volksleben von jeder Regung des Intellekts bis zum Aufbau der Gesellschaft dem Diktate eines allumfassenden, zu Lehre und Gesetz gestalteten Gotteswollens unterwirft. Hier, in der Menschheit aber lebt der Funke reinen göttlichen Geistes, den der Schöpfer dem Menschenantlitz am Anfang alles Werdens eingehaucht, lebt höchstens noch der Nachhall einer llroffenbarung, die in dem weiten Rahmen weniger regulativer Bindungen (ru ’in mxa 'r) der Menschheit freiesten Entwicklungsspielraum auf der Suche nach dem verlorenen Paradiese der Gottesnähe gewährt. An die Stelle des luftleeren Raumes, den die „Kritik der reinen Vernunft" mit erbarmungsloser Logik geschaffen und den auszufüllen auch nach Kant nichtsdestoweniger das ewige Bedürfnis der Menschenseele geblieben ist, tritt für den Juden das nationale Erlebnis vom Sinai, das sich ihm Tag für Tag vor dem Buche seiner Lehre ebenso intuitiv erneuen kann, wie ks sich dereinst historisch vollzog. Kleines Feuilleton. Illustrierte Haggadah-Drucke. Anläßlich des Pessachfestes veranstaltete hier im Kunstgewerbemuseum die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler eine Ausstellung illustrierter Haggadahdrucke. Diese Schau zeigt der jüdischen Oeffentlichkeit ein Gebiet, das — in solcher Reichhaltigkeit — zu studieren, man bisher kaum Gelegenheit hatte. Gleichzeitig soll aber auch diese Ausstellung weitere jüdische Kreise zur Unterstützung dieser Forschungsarbeit anregen. Die Ausstellungsobjekte selbst sind in der Weise angeordnet, daß der Entwicklungsgang der einzelnen Typen leicht anschaulich wird. Die Ausstellung beginnt mit zwei Handschriften des 15. Jahrhunderts, die den Charakter der Buchmalerei dieser Zeit wiedergeben, aber auch gleichzeitig als Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung gelten können. Der Versuch, diese neuer Form, die gedruckte Pessach-Haggadah, der anders gearteten Technik anzupassen (Konstantinopel, Soncino) geschieht zuerst auf nur rein ornamentalem Wege, wobei die Sorgfalt auf die Gestaltung des Schriftsatzes, der Randleisten und der Vignetten gelegt wird. Eine andere Lösung war erst mit der Prager Ausgabe von 1526 bei Gerson Hakohen gefunden, die als die erste vollständig erhaltene, illustrierte Ausgabe auf uns gekommen ist. Bereits mit dieser Neugestaltung war eine sehr achtbare künstlerische Höhe erreicht worden. Die großen Drucktypen und Holzschnitte ergeben — besonders auf jenen Seiten, die ganz von Randleisten umgeben sind — ein Bild von außerordentlicher buchtechnischer Schönheit. Frei an diese Ausgabe hält sich die Mantuaner Haggadah (Rufsinelli 1560). Diese ist der Prager Haggadah, was die Illustration und Drucktypen anbelangt, mindestens gleichwertig, wenn sie nicht noch höher einzuschätzen ist, bedeutet jedoch nach der ornamentalen Seite einen Niedergang. Denn diese Ausgabe zeigt —- wie auch alle folgenden — verschiedenartigste Randleisten, die ohne jegliche Bindung aneinander gefügt werden. Verrät noch diese Ausgabe künstlerisches Verständnis, so zeigen die folgenden Drucke (Venedig 1599, di Gara: Prag- Amsterdam) eine Verflachung der Jllustratkonen. Eine zweite, ganz neue Gestaltung wurde in Venedig 1629 bei Bragadini geschaffen. Diese Ausgabe stellt eine sehr glückliche Lösung der Aufgabe dar, Text, Illustration und Kommentar zu einer Einheit zu formen. Die ganze Haggadah ist nach diesem einheitlichen Gesichtspunkt gestaltet. Deshalb treten auch die eigentlichen Bildillustrationen zurück, obgleich sie sich noch immer auf achtbarer Höhe hallen. Die Weiterentwicklung dieser Ausgabe erfolgt ausschließlich in Italien, vornehmlich in Livorno bis zu unserer Zeit. Trotzdem auch hier mit der Zeit eine Verflachung in der künstlerischen Auffassung zutage tritt, hat doch dieser Haggadahtypus nie schablonenmäßige, geistlose Formen angenommen. Der dritte Typus ist den deutschen und auch den östlichen Juden der bekannteste, weil er hier nicht nur in den Drucken und Handschriften, sondern auch auf Sederschüsseln und Stickereien immer wiederkehrt. Diese Ausgabe wurde 1695 in Amsterdam bei Abraham Wesel verlegt und war mit Kupferstichen des Proselyten Abraham ber Jakob geschmückt. Die Nachfolgeausgaben lassen sich beguem in zwei Gruppen einteilen, solche die sich an das Original oder spätere Ausgaben halten und dieselben nachzufchöpfen suchen, und solche, die in mehr oder minder freier Anlehnung nur die ursprünglichen Darstellungsthemen wiederholen. In die erste Gruppe gehört die noch recht gute Frankfurter Ausgabe von 1710, die Ausgabe von Amsterdam 1712, Fürth, Sulzbach und Osfenbach. Diese Drucke zeigen einen langsamen Verfall. Man stellte die Szenen nicht mehr im Kupferstich, sondern im vergröbernden Holzschnitt dar, nahm nicht mehr das Original, sondern spätere bereits verschlechterte Ausgaben zum Vorbild und brachte so alles mißverstehende Schöpfungen zuwege. Den tiefsten Stand bildet wohl die Offenbacher Ausgabe von 1712. Die andere Gruppe, mit Ausgaben von Bafel, Wien und Metz, hat stets eine künstlerische Höhe bewahrt. Vielleicht daß nichtjüdische Künstler die Ausgaben geschaffen haben, oder auch, was aus einigen ganz deutlich ersichtlich ist, daß man sich ähnliche Darstellung der Wirtsvölker zum Vorbild nahm. Ein letzter Ausläufer dieser zweiten Gruppe ist die mit Radierungen von Josef Budko versehene Haggadah. Die Bedeutung dieser Ausgabe liegt nicht so sehr in den — durch eine mangelhafte Reproduktionstechnik leider nicht in vollster Wirkung gezeigten — Illustrationen, als in den ornamental ausgeschmückten Seiten. Die neuen Frankfurter Ausgaben sind direkte Nachschöpsungen des Amsterdamer Originales von 1695. Die Ausstellung zeigt als letztes die 1923 erschienene Haggadah mit Holzschnitten von Jakob Steinhardt. Hier sind Schriftkünstler und Illustrator wirklich neue Wege gegangen. Die seelischen Empfindungen des Ostjuden beim Sederabend mit seiner Erzählung von den großen Wundern haben hier in einer Reihe von ausgezeichneten Holzschnitten Niederschlag gefunden. Aber gerade die Subjektivität dieser Darstellungen wird sicherlich das nicht heroorbringen können, was jene anderen neuen schöpferischen Ausgaben von Prag, Venedig und Amsterdam vermachtem eine neue Anregung auf einem langsam verflachenden Gebiete. E.