Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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65: Jahrgang Frankfurt a. M., den Nr. 18 W. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. »NAbonnement ab Januar 1824: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Vierteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsm-Öfterretch: 80000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 15 Fr.; Belgien 15 Fr.; Holland2 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauer; 7.50 LU.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs; Schweix 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn 15000 Kronen^ Dänemark 5 Kronen; Norwegen ren; Ungarn 15000 Kronen; Dänen 6 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Sreüensuchende 20 Goldpf., für die iiebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 75 mm breite Reklarnezeile: letzte Textseite!.20 Mk., vorletzte Textseite 2.— Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. 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Mangel an Zurückhaltung in manchen indischen Kreisen. In der Tat: wo es sich um freiwillige öffentliche Betätigung oder um unbekümmertes Gehenlassen im Kreise Andersgläubiger hand'elt; wäre manchem Manne und mancher ' Frau etwas Scheu and Scham, gedämpftes Sprechen und geringeres Herausstreichen der Persönlichkeit wohl zu wünschen. Nur an einer Stelle ist die Scheu vor der Oeffentlichfeit nicht angebracht, nur in einer Lage ist die Furcht vor Verkennung der Motive nicht djfi Platze, und Mar bei der Ausübung religiöser Pflichtgebote. Hier heißt es, tim mit den Worten der Weisen zu sprechen: "">212 tv 'i,> „sei mutig und unerschrocken wie «in Leopard", lasse dich nicht durch Kopfschütteln oder Spott Andersdenkender von einer mxa abhalten. Man merkt aber manchmal, daß die Hebung von Geboten in Anwesenheit Andersdenfend'er au? FuLcht vor Anstoß unterlassen wird. Ja,'Äan empfiehlt aüderen,' jedwede religiöse Handlung nur zuhause zwischen den vier Wänoen zu verrichten, um nicht, so wird behauptet. Judenfeindschaft zu verursachen. Gewiß kann man eine nisb mit mehr Andacht und mehr Innigkeit ausüben, wenn es im Kreise Gleichgesinnter geschieht. Ohne Rücksichtnahme auf andere können Herz und Gemüt ihre innigen Ergüsse vor Gott ausschütten. Man bemühe sich auch, die rma nur in einem geschlossenen Raum auszuführen. In vielen Fällen ist dies auch durchführbar. Jedoch gibt es Momente, da die Ausübung einer mxa in Anwesenheit andrer nicht zu vermeiden ist. Da muß jede Scheu, eine Rücksichtnahme auf andre wegfallen. Hier heißt es: bi 'n nxy jnri nmn pi nv2N pk" 2122 ]■»»;n ^i!?n Dip» Es gibt keine Weisheit, keine Vernunft und keinen Ratschlag gegen den Ewigen. Wo eine Entweihung des Gottesnamens — Verletzung der Gebote — zu befürchten ist, muß die Ehre des Menschen zurücktreten. (Berach. 19 b). Das klassische Beispiel hierfür: So jemand auf der offenen Straße in seinen Kleidern Schaatnes fände, wäre er verpflichtet, sie sofort auszuziehen, ja muß sogar die Schaatneskleider des .andren entfernen (ibid. Jore Dea 303 a). Geschäftsreisende sind oft genötigt, in der Bahn Tephilin zu legen und ihr Gebet zu verrichten. Ueber die Ausübung ' dieser ms» an öffentlichen Stellen hört man zwei verschiedene Meinungen. Manche meinen, die Ausübung dieser Gebote in der Bahn und an andren öffentlichen . Stellen, gibt, soweit dieselbe nicht in gar zu auffallender oder gar in aufdringlicher Weift geschieht, gar keinen Anlaß, über das Judentum irgendwie abfällig zu urteilen. Im Gegenteil, der Beter erhöht nur Respekt und Achtung gegen sich selbst, weil er nirgends unterläßt, sein Bekenntnis ganz offen und ohne Scheu abzulegen. Selbst antisemitische Kreise können oft nicht umhin, dem einfachen Beter, der sich nicht scheut, seinen Gott überall anzurufen, eine gewisse Achtung zu zollen. Es gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten, daß antisemitisch gesinnte Bahnangestellte dem jüdischen Beter ihre Dienstzelle' freiwillig einräumen, damit er Ungestört Heien kann: ein Beweis'für die weitverbreitete Ächtung vor dem. Beter- Rur liberale Kreise der Äudenheit, die selbst längst aufgehört hahen, diese Gebote ausztiführen, sprechen von dem Anstoß, den die öffentliche Verrichtung der Gebote angeblich verursachen soll- Es gibt Menschen, die die Ausführung eines jeden Gebotes ernst nehmen. In keinem Fall würden sie eine Vorschrift aus Furcht vor dem Spott Andersdenkender unausgeführt lassen. Im äußersten Falle würden sie Tephilin auch im Züge legen- Jeddch schon angehaucht vom Zeitgeist suchen sie nach Auswegen: entweder möchten sie Tephilin legen/ hevor es noch Tag wird, umso etwa zuhause dies Gebot auszuführen, oder sie warten mit der Ausübung, bis sie wieder zuhause sind, auch wenn dies erst am späten Nachmittag ist. Morgens beten sie im Zuge ohne Tephilin, ohne Rücksicht auf den Ansspruch der Weisen *62 N»V rnrSp KUpn "i»sx2 ipV rmy tj» i^k? p’sn „Ein jeder, der morgens das Schma ohne Tephilin liest, ist, als hätte er ein falsches Zeugnis — im Schma ist gerade das Tephilingebot enthalten — vor Gott abgelegt (Berach. 28)." Grade heute, da in unsrem Nachbarlande Polen das Tephilin-Legen in der Eisenbahn sogar den Anlaß zu einer parlamentarischen Aktion gegeben hat, mag es nun angebracht erscheinen, in diesem Zusammenhänge auf ein Gutachten Israel Hildesheimers hinzuweisen, das dieser im Jahre 1862 in diesen Blättern veröffentlichte und das neuerdings in der im Hermon-Verlag erschienenen Sammlung seiner Aufsätze wieder zugänglich geworden ist. Damals hatten sich „gebildete konservative Israeliten" an den . Trierer Oberrabbiner gewandt und ihm ihre Verlegenheit in Fällen einer Reift vor Tagesanbruch geschildert. Im „Ben Chananja" hatte der Oberrabbiner nun in der Tat den gewünschten irnnbei Nacht Tephilin zu legen, erteilt und quasi „halachisch" begründet. Hildesheimer wendet sich nun scharf schon gegen den Ä u sg a n g s p u n k t det ganzen Anfrage. „Durchaus falsch ist es. daß „gebildete konservative Israeliten" in große Verlegenheit geraten müssen, wenn sie in Gesellschaft von Nichtjuden ihr Gebet' verrichten müssen. Weder fühlen sie sich verlegen, noch kommen sie in Verlegenheit. Um etwa auf mich! zu eremplifizieren, so bin ich zur Gebetszeit sicher schon so oft, wie durchschnittlich nur irgend ein Israelit in Dampfschiffen, Postwagen und Eisenbahnen mit Nichtjuden verschiedenster Stände zusammengetroffen und habe nicht nur pflichtgemäß die Tephilin, sondern auch das Tallis benützt. Aber diese Observanz hat mir nicht nur keine Verlegenheit bereitet, sondern hat mir, wie sicher schon vielen andren, erwünschte Gelegenheit geboten, meinen Reisegefährten, nach ergangener Aufforderung, über »ms»si p’an ms»* Aufklärung zu geben, und so zur Hebung des Ansehens der jüdischen Relsgion beizutragen. Nur die jüdischen Pfaffen, welche jedem, der dem snn mr einen Fingerreicht, auch noch die anderen hinzuzugeben anraten, können dem Glaubenstreuen durch derartige Lächerlichkeiten diese wie viele andere Freuden zerstören wollen. Unwahr ist ferner die Behauptung, daß durch das öffentliche Tephilinlegen der Anstand verletzt und nicht nur diese Mizwa, sondern die Religion im ganzen zum Gespött gemacht werde. Die Ansichten über Anstand sind bekanntlich wechselnd. So gilt es heutzutage für ungehörig, wenn junge Mädchen mit aufgelöstem Haar über die Straßen gehen. Fragen wir nun einmal dieselben Nörgler, ob sie glauben, daß ein katholisches Mädchen sich freuen würde, bei Prozessionen mit offnen Haaren zur Kirche zu gehen. Nein! Durch andächtiges Verrichten des Gebetes wird auch den strengsten Ansprüchen des Anstandsgefühles genügt: nur darf dessen Verletzung nicht durch würdeloses Gebahren herbeigeführt werden. Sollen wir uns etwa mit unseren Tephilin verstecken? Gerade mit ihnen, auf die ein großer Lehrer wie Rabbi Clieser hagodaul das Schrifiwort angewendet hat: 'fi Dw '2 p8N ^2 1821» Alle Völker