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Der Israelit · 1924-10-23 · Heft 43 (23.10.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 43 (23.10.1924)
Date
1924-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 43_ ggemeinschaft außer stande, auch in geringem Umfange ihre Erfolg versprechende Fürsorge fortzusetzen. Sie wendet sich nunmehr an die gesamte jüdische Bevölkerung, nicht nur im Interesse der bedauernswerten Opfer der Tuberkulose, sondern auch in ihrem eigenen Interesse hier helfend einzuspringen: denn jeder tuberkulös Erkrankte, welcher nicht einer Heilbehandlung zugeführt wird, bedeutet eine Gefahr für seine Umgebung und dadurch auch für die Gesamtheit. Eine ganz besondere Pflicht aber hier zu helfen hat die religiöse Bevölkerung, da der nicht rituell lebende Jude in der Lage ist, die staatlichen und privaten Heilstätten Deutschlands in Anspruch zu nehmen, sofern ihm die Mittel seitens der Versicherungsanstalten und Krankenkassen oder aus anderen Quellen zur Verfügung stehen, während der rituell lebende Jude infolge der ungenügenden Zahl der zur Verfügung stehenden Anstalten sowie aus Mangel an den erforderlichen Geldmitteln in den meisten Fällen von einer Heilbehandlung unter Wahrung seines religiösen Standpunktes ausgeschlossen ist. Auf Veranlassung des jüdischen Frauenbundes wird in den nächsten Tagen ähnlich, wie es im übrigen Deutschland bereits an den Sukkothtagen geschehen ist, durch die Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose in Frankfurt in allen jüdischen Häusern eine Haussammlung stattfinden, um zunächst 'der Arbeitsgemeinschaft die zur Fortsetzung ihrer segensreichen Tätigkeit erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, dann aber auch um in Deutschland eine streng religiös geführte Heilstätte für Lungenkranke zu errichten. Kein Haus, keine Familie, keine Einzelperson darf sich von der Beteiligung an dieser Sammlung ausschlietzen. Wenn es jemals eine Notwendigkeit gab für Bedürftige und Kranke helfend einzuspringen, so muß sich jetzt in ganz besonderem Maße jeder Jude seiner Pflicht bewußt werden. Als Mindestbeitrag ist ^er Betrag von G. M. 1.— bestimmt worden. Wer in der Lage ist mehr zu geben, möge es als eine Ehrenpflicht betrachten, nach Maßgabe seiner Kräfte seinen Beitrag zu bemessen. Wir hoffen von ganzem Herzen, daß die Frankfurter Sammlung zur Bekämpfung der Tuberkulose von Erfolg gekrönt ist und die Arbeitsgemeinschaft in die Lage versetzt, das ihr gesteckte Ziel zu erreichen und der Weiterverbreitung dieser schweren Volks- MresponSenrev * Naebricbte». ©tftttfd?«* Reich Ein Psalmenwort im preußischen Landtag. Berlin, 10. Oktober. 3m preußischen Landtag geißelte der Abg. Dr. Badt die traurige Rolle gewisser Behörden im Borkumskandal und rief in flammender Entrüstung die hebräischen Worte in den Saal: isawi D->!?en nai Vw ivr>r?n ’nn „Wie lange wollt ihr Gewalt richten und das Antlitz der Uebeltäter erhöhen." (Psalm 82.) Vorstoß gegen jüdische Wohlfahrtspflegerinnen. Breslau, 16. Oktober. In der letzten Sitzung der Breslauer Stadtverordnetenversammlung richteten die völkischen Stadtverordneten unqualizierbare Angriffe gegen jene jüdischen Frauen, die vor 10 Jahren zu Kriegsbeginn die Mittelstandsfürsorge begründen halsen und selber große Opfer brachten, um den Notleidenden zu helfen. _ Der Israelit_- , Die Deutschvölkischen brachten den Antrag ein, vom Wahlvorschlag für die Vorstandsmitglieder der Mittelstandskommission sämtliche Juden zu streichen. In einer Begründung des Antrages erklärte Stadtv. Dr. Speer (Dt. Bölk.), daß 20 Prozent der vorgeschlagenen Personen offensichtlich Juden seien. Auch sonst befinden sich in der Wohlfahrtspflege außerordentlich viel jüdische Hilfsarbeiter. Dieselbe Erscheinung zeige sich in der Rechtspflege. Es stünde schlimm mit dem deutschen Volke, denn die Juden besähen die Macht. In scharfer und sachlicher Form setzte Stadtrat Tilgner den Antragstellern heftigen Widerstand entgegen. Pastor Moering (Dem.) erklärte: Die Taktik, die ehrenamtliche Tätigkeit der Helfer zu bezweifeln, sei doch wenig deutsch. Warum beteiligen sich denn nicht die besitzenden christlichen Kreise unserer Stadt an der Wohlfahrtsarbeit? Stadtv. Wolff (Soz.) stellte fest, daß dieser deutschvölkische Antrag eine allerschlimmste und niedrigste Judenhetze darstelle. Der beschämende Eindruck, den dieser Antrag in der Oeffentlichkeit machen müsse, könne nur geändert werden, indem man an dieser Stelle öffentlich den genannten, im ehrenamtlichen Dienst der Wohlfahrtspflege stehenden Persönlichkeiten den Dank der Stadt ausspricht. Hierauf spricht Stadtv. Dr. Fritsch (Dt. Bölk.), während dessen Rede die Sozialdemokraten und Demokraten den Saal verließen. Stadtv. Thum (Dtnatl.) lehnt im Namen seiner Fraktion ebenfalls den deutschvölkischen Antrag ab. Im Schlußwort erklärt Dr. Spoer (Dt. Bölk.), daß sie mit Besorgnis das Vordringen der Juden im deutschen Volke sehen, was Deutschlands Untergang bedeute. Das sei ihre heilige Ueberzeugung. In der Abstimmung wird der deutschvölkische Vorschlag mit allen gegen 6 Stimmen abgelehnt. Die Rettung der jüdischen Säuglinge in Rußland. Berlin, 22. Oktober. Wie die I. T. A. erfährt, tritt die Gesellschaft für jüdischen Gesundheitsschutz „Ose" nunmehr an eine systematische Tätigkeit auf dem Gebiet des Gesundheitsschutzes für die besonders gefährdeten jüdischen Säuglinge in Rußland heran. Im Verlaus des kommenden Monats wird das Milchoerforgungsnetz der „Ofe" um 15 neue Milchversorgungsanstalten in Weißrußland und in den Kreisen Kiew, Berditschew, Zytomir, Jekaterinoslaw, Krementfchuk usw. erweitert werden. Ungeachtet der finanziellen Krisis, welche die Ose- Organisation jetzt durchmachen muß, hat die Leitung sich nicht versagen können, sofort an die Rettungsarbeit für die jüdischen Säuglinge heranzugehen, da nach den letzten aus Rußland eingetroffenen Berichten der Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung sich immer mehr verschlechtert. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung ist gezwungen, sich wegen medizinischer Hilfe an private Organisationen zu wenden, da die staatlichen medizinischen Anstalten für sie verschlossen sind. Die Orthodoxie und die Vorstandswahren in die Wiener Kultusgemeinde. Wien, 22. Oktober. Nachdem alle Bemühungen, einen alle religiösen Gruppen der Wiener Judenschaft umfassenden Block zu schaffen, ergebnislos blieben, tritt die Wiener thoratreue Judenschaft in vier Gruppen in die Kultuswahlen ein. Die anläßlich der Wahlen im Jahre 1920 geschaffene vereinigte orthodoxe Wahlgemeinschaft, die bisher drei Vertreter im Vorstände hatte, schloß mit den übrigen Parteien des bisherigen Kultusgemeindevorstandes, auf Grundlage ihrer bisherigen Stärke, ein Wahlkompromiß, um eine größere Wahlagitation, die mit Rücksicht auf die triste Wirtschaftslage und gespannte allgemeine Situation in Oesterreich nicht geboten erscheint, zu vermeiden. Hingegen wollen die Achduspartei, Misrachi und die neugegründete Wirtschaftspartei, an deren Schaffung auch einige Orthodoxe teilgenommen haben, mit besonderen Listen sich an den Wahlen beteiligen. Die Alliance Jsraelite und die Entrechtung der Juden in Rumänien. Paris, 22. Oktober. Das Organ der Alliance Jsraelite Universelle, „Paix et Droit,, („Friede und Recht"), veröffentlicht 23. Oktober 1924 einen Bericht über die Lage der Juden in Rumänien. Dieser erwähnt die scharfe antijüdische Kampagne inr Lande, sowie die Exzesse an den Universitäten. Der Bericht stellt dann fest, daß der Vertrag zu Trianon die Gewährung gleicher bürgerlicher Rechte an die Juden vorsieht, ob sie nun zum früheren Königreich Rumänien oder zu den annektierten Gebieten gehöten.. Der Vertrag setzt ihre unmittelbare Naturalisation „mit vollen Rechten ohne irgendwelche Formalitäten" fest. Trotzdem das rumänische Parlament diesen Vertrag ratifiziert hat, fügte die Regierung, den antisemitischen Forderungen nachgebend, eine nachträgliche Bestimmung bei, durch die der Trianonvertrag und die den Juden durch die Konstitution gewährten Rechte gebrochen wurden. Dieser Paragraph erkennt nur denjenigen das Bürgerrecht zu, die den Beweis erbringen können, daß sie im Jahre 1918 im Lande wohnten und das Heimatrecht in einer Gemeinde des Landes bereits besaßen. Dieser Nachweis kann selbstverständlich nicht von allen erbracht werden, auch von diesen nicht, die tatsächlich heimatberechtigt sind. Mehrere waren infolge der Kriegswirren in diesem Jahre außer Landes. Der Willkür ist Tür und Tor offen gelassen. „Dies ist der legale Trick, durch welche sich das „Größere Rumänien" den Verpflichtungen entzieht, unter die es in Trianon seine Unterschrift setzte; ebenso wie einst das Rumänien von 1878 sich den vom Kongreß zu Berlin ihm auferlegten Verpflichtungen entzog. Der Repräsentant des Joint Foreign Committee und der Alliance Jsraelite lenkte in Genf die Aufmerksamkeit der rumänischen Delegierten beim Völkerbund, der Herren Duca und Titulescu, auf die falsche Interpretation, die ihre Regierung den feierlichen internationalen Verträgen gibt. Diese beiden Minister waren zu schlau, um nicht die Gefahren zu sehen, die ihrem Lande drohen. Sie versprachen, die Ernennung eines Untersuchungskomitees zu fördern, das die Angelegenheit prüfen soll." Palästina. Sir Herbert Samuel über die Beendigung seiner Amtstätigkeit. Je ufalem, 19. Oktober. Sir Herbert Samuel, der britische Oberkommissar für Palästina, kündigte in seiner am 14. Oktober stattgefundenen ersten formellen Unterredung mit den Pressevertretern in Palästina an, daß seine Amtszeit im Juni 1925 beendet sein wird. Die Frage der Nachfolge sei noch nicht in Erwägung gezogen worden. Sir Herbert Samuel kündigte ferner an, daß der Unterstaatssekretär Sir Gilbert Clayton im kommenden Frühjahr seinen Posten verläßt. . Im Laufe seines Gespräches mit den Pressevertretern sagte Sir Herbert Samuel, die Parlamentswahlen in England halten die Durchführung der Palästinaanleihe auf. Die Durchführung ist erst möglich, wenn das Parlament die notwendige Bill angenommen haben wird. Durch die Wahlen verzögert sich auch die Erledigung der Vürgerfchaftsfrage, die nach Inkrafttreten des Laufanner Vertrages hätte geregelt werden müssen. Das Bürgerschaftsgesetz, sagte Sir Herbert Samuel, ist im Entwurf fertig und zur Veröffentlichung vorbereitet. Es verleiht allen Einwohnern ohne Unterschied, Juden und Nichtjuden, nach zwei Jahren Landesansässigkeit das palästinensische Bürgerrecht. Die jüdische Gemeindeordnung ist im Prinzip gebilligt worden, aber auch hier ist infolge der dazwischenkommenden Wahlen eine Verzögerung möglich. Zum Schluß erklärte Sir Herbert Samuel, die Nachricht, daß Transjordanien durch Palästina annektiert werden wird, fei unrichtig. Transjordanien sei ein Teil des britischen Mandatlandes. Ueber ein Abkommen zwischen dem Emir Abdullah von Transjordanien und der britischen Regierung, welches die Bedingungen einer transjordanischen ^Verwaltung regelt, wird jetzt noch verhandelt. Aus aller Wett. Deutschland. Der Fall des Staatsbankdirektor Löb beschäftigt noch weiter den thüringischen Landtag. Die bibisherigen Untersuchungen legen den antisemitischen Hintergrund der ganzen Affäre klar. — Entgegen bett Behauptungen antisemitischer Blätter, stellt die J.T.A. fest, daß das berühmte Film-Wunderkind Jakie Coogan von nichtjüdischer Abstammung ist. Seine Eltern und Vorfahren sind und waren gute Katholiken aus Irland. — Wie mitgeteilt wird, wird für Studierende an dem in

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