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Der Israelit · 1924-10-23 · Heft 43 (23.10.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 43 (23.10.1924)
Date
1924-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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23. Oktober 1924 Nr. 43 Seite 3 Wie bereits vor den Feiertagen bekanntgegeben, erscheint die heutige Nummer des „Israelit" ans technischen Gründen am Freitag statt, wie gewöhnlich, am Donnerstag. Frankfurt a. M. Verlag des „Israelit" G.m. b.H. immer waren, gehandelt. Man beginnt die Erörterung einfach mit der Ausführung und stellt die Juden und die Welt vor die fertige Tatsache. Die drei oder vier Juden, die in Budapest Medizin studieren, werden mit Knüppeln aus den Hörsälen und der Anatomie gejagt. Eine andere Universität in Ungarn kommt auf. den originellen Gedanken, nicht eher jüdische Hörer zuzulassen, als bis jüdische Leichen der Anatomie geliefert werden. Man sieht die jüdischen Leichen auf dem Seziertisch lieber als die lebendigen Studenten auf den Bänken des Hörsaales. Das Vergnügen wird ihnen aber nicht werden. Die Herren wissen wohl, daß das Ansinnen ohne schweren Verstoß gegen die klaren Vorschriften der jüdischen Religion nicht erfüllt werden kann. Also mögen die lebendigen Juden auch fort bleiben und der Zweck ist erreicht . . . An der Oedenburger Montan- und Forsthochschule sind sage und schreibe zwei jüdische Hörer immatrikuliert. Wegen dieser zwei Juden sind die Herren Kommilitonen in Streik getreten und die Regierung hat die Sistierung der Vorlesungen verfügt. Der Widerhall in Budapest drückte sich in einem Demonstrationsstreik der Studenten und des Bundes der Hochschüler aus. Auch aus D e * breczin und Fünftirchen wird über Streiks als Solidaritäts- und Sympathiekundgebungen für die Oedenburger Gesinnungsgenossen berichtet. Das ist ein trauriges Bild, das Freunde des Angarvolkes mit banger Sorge um Ungarns Zukunft erfüllen muß. Ausschreitungen arroganter akademischer Jünglinge hat es' als Einzelerscheinung zu allen Zeiten gegeben. Man nahm es nicht sehr ernst. Hier aber handelt es sich um einen festgeschlossenen Ring der ungarischen Studentenschaft, um eine lückenlose Absperrung gegen Licht und Recht, gegen Kultur und Freiheit. Wie wird ein Staat, wie wird eine Gesellschaft aussehen, die nach ein paar Jahren von Männern, die heute in solch' vergifteter Atmosphäre ihre Vor- Der Israelit bildung und ihre geistige Rüstung erhalten,, geführt und vertreten werden? Es ist dieses letzten Endes weniger eine jüdische Frage als vielmehr eine ungarische Frage. Der Kampf gegen die Tuberkulose in der jüdischen Bevölkerung. Eine der schwersten Folgeerscheinungen der Kriegsjahre und der mit dem Kriege verbundenen Einschränkung und Umgestaltungunsrer Ernährung stellt die ungeheure Ausbreitung der Tuberkulose dar, welche in weiten Volksschichten ihre Opfer forderte. War es früher möglich, durch rechtzeitige Erkennung und Heranziehung staatlicher und komnrunaler Hilfsmittel in vielen Fällen den gefährdeten Kranken Heilung zu bringen, so ist in den letzten Jahren infolge des Mißverhältnisses zwischen der Zahl der bedürftigen Kranken und der Höhe der verfügbaren Mittel die Möglichkeit, dieser Volksseuche, deren Ansteckungsfähigkeit eine ungeheure Gefahr bildet, Einhalt zu tun, ganz außerordentlich verringert. Auch in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung Frankfurts, ganz besonders natürlich in dem ärmeren Teil derselben, war die Tuberkulose auch vor dem Krieg bereits heimisch. In den letzten Jahren hat aber diese schwere Erkrankung in ungeahnter Weise zugenommen. Die ärmere Bevölkerung, deren materielle Verhältnisse sich noch weiter verschlechterten und durch Wohnungsnot sowie Mangel an ausreichender Ernährung und Kleidung nahezu trostlos geworden sind, weist eine außerordentliche Zunahme der Erkrankungen an Tuberkulose auf. Aber nicht diese Armen allein sind die Opfer dieser Krankheit, die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse des Mittelstandes haben es mit sich gebracht, daß auch diese Kreise nicht .mehr im stände sind, durch ausreichende Ernährung und rechtzeitige ärztliche Behandlung der Krankheit bereits im Beginn Einhalt zu gebieten. Seit einigen Jahren besteht hier in Frankfurt die Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose, welcher alle jüdischen Wohlfahrtsvereine angeschlossen sind. Das statistische Material der Arbeitsgemeinschaft gibt uns ein erschreckendes Bild von der Ausbreitung und Zunahme der Tuberkulose innerhalb der jüdischen Bevölkerung Frankfurts. Tatkräftige Frauen und Männer, welche auf Grund ihrer sozialen Arbeit die Notwendigkeit einer durchgreifenden Fürsorge für tuberkulös Erkrankte und Gefährdete erkannt hatten, sind bemüht, die Mittel zu beschaffen, um der dringendsten Not zu steuern. In Deutschland besteht für jüdische Lungenkranke lediglich die Anstalt in Soden, sowie die nur für Frauen und Mädchen bestimmte Lungenheilstätte N o r d r a ch. Für Kinder und Jugendliche besteht keine rituell geführte Anstalt. Die beiden genannten Heil-, statten mögen in früheren Jahren den Anforderungen genügt haben, für die zur Zeit bestehenden Erfordernisse reichen sie leider nicht aus. In dankenswerter Weise gewährte die Verwaltung der jüdischen Heilstätte Etania in Davos den von der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose eingewiesenen Kranken einen ermäßigten Preis, sodaß wenigstens die allerdringendsten Fälle einer sachgemäßen Heilbehandlung zugeführt werden konnten. Neben dieser auf eine Heilung der Tuberkulose hinzielenden Tätigkeit richtet die Arbeitsgemeinschaft ihr Au genmerk auch aus eine Besserung und zum mindesten eine Linderung der Leiden derjenigen Kranken, welche einer vollen Heilung nicht mehr zugeführt werden können. Eine erhebliche Anzahl dieser bedauernswürdigen. Patienten werden Krankenhäusern zugeführt oder durch wöchentliche Unterstützung mit Lebensmittel zum mindesten vor einer Verschlimmerung des Leidens bewahrt. Ein drittes Hauptgebiet stellt die P r o p h ylare dar. Die schulärztliche Untersuchung ergab. daß zahlreiche Kinder durch die Einwirkung eines gesundheitswidrigen Milieus bereits geringe Anzeichen einer Erkrankung verrieten. Diese Kinder müssen durch einen längeren Aufenthalt an der Nordsee in ihrer Konstitution gekräftigt und gestärkt werden, um sie gegenüber den Einwirkungen ihrer gesundheitsschädlichen Umgebung widerstandsfähig zu machen. So wurden in dem vorigen Jahre allmonatlich 10 bis 12 Kinder in der staatlichen Kinderheilstätte in Wyk auf Föhr, in welcher eine streng rituelle Küche eingerichtet wurde, mit gutem Erfolg behandelt. Die gesamte Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose droht nunmehr ein Ende zu finden. Sowohl die im Beginn ihrer Tätigkeit gesammelten Geldmittel als auch die noch im vorigen Jahr fließenden Beiträge von Vereinen und Einzelpersonen sind völlig erschöpft. Trotz der immer dringender sich erweisenden Notwendigkeit' der Erweiterung des Arbeitsfeldes, ist die Arbeits- Die Zeitung, die ich als Reiselektüre in der Hand habe, bringt lange genaue Berichte über die Wetteroerhältnisse in den Azoren, auf den Archipelen jenseits des Atlantus. Es ist wichtig. Eine gütige Sonne und gute Winde müssen Mitwirken, daß das große Luftschiff den Triumph des erfinderischen Menschengeistes über die Ozeane trägt... Ich lese die Wetterberichte und Prognosen für die nächsten Tage mit bangem Interesse, fast mit Andacht . . . Wir brauchen die Sonne und die guten Winde — für die Hütte unseres Festes, die seit tausend Jahren und mehr den Sieg des Weltengeistes, den Triumph des jüdischen Gedankens von Gottesschutz und Menschenliebe über Länder und Meere trägt. . . Die Sonne steht tief und westlich schief über den wunderbaren gelbgrünen Weinbergen und Baumhainen in der Gegend von K i tz i n g e n, und gegen vier badet sie vor dem Zubettgehen im Silberwasser der Donau, da unser Zug im Grenzstädtchen P a s s a u mit einem Ruck, als wäre er am Ende der Welt angelangt, hält. Drei Männer passieren eng hintereinander den schmalen Gang vor den Abteilen des Wagens. Paßrevision . . .! Hochstielige Amtsstempel rascheln, drücken sich hart und dumpf auf an die Türwand gelehntes Papier. . . Der Paß wandert an den Hintermann, den Oesterreicher, der die Prozedur mechanisch wiederholt. „Wieviel Geld führen Sie?" Und der dritte dahinter in gelbem Amtsrocke: „Haben Sie was zu verzollen?" „Nein, Wäsche und Kleider nur." Es ist die ewig gleichgestellte Frage des Dienstes, seitdem es Völkergrenzen und Landesschranken gibt, und die ewig gleichlautende etwas unsichere Antwort: „Kleider und Wäsche." Aber die kalte Hand des Dienstes nimmt Stichproben vor. Kisten und Koffer werden geöffnet. Die zitronengelb beärmelte Hand wühlt und stöbert, ohne Freude, ohne Haß, unpersönlich, wie die Hand des blinden Geschickes, die Gutes oder Unheilvolles aus dem Chaos der Erscheinungen hervorbringen kann . . . „Was ist d a s?" Ein wunderliches Ding kommt an die Oberfläche. Ein kleines niedliches Jäckchen in Miniatur, aus reinster, blendendweißer Wolle gestrickt, mit blauen Bändchen umbordet, mit roten Schleischen verziert, mit buntglänzenden Knöpfchen zusammengehalten. Das Ganze zu klein, um eine größere Puppe damit zu bekleiden. In dieses erste Kleidungsstück für einen zum ersten Lichte erwachten Menschen müssen selbst mechanisch arbeitende Fabrikmaschinen Liebe hineingewebt und hineingelegt haben, und von weiblich fühlenden Herzen geleitete schaffende Arbeiterinnenhände haben den blauen, roten und bunten Flitter dazu gegeben . . . Das liebe Dingelchen flattert in der Luft, ein Entzücken aller im Wagen anwesenden Damen. Aber der Beamte hat sein Menschenherz abgelegt, als er in seinem gelben Kaki in den Wagen trat, und die kalte Stimme des Dienstes legt sich über die fast weihevolle Stimmung im Wagen: „Ein neues Kleidungsstück, muß verzollt werden." Und die volle Sonne am westlichen Horizont lacht sich schier schief über den gelben Beamten und den glücklichen Großvater, die Hand in Hand den Wagen verlassen, um das ominöse Stück zu verzollen. Erste Großvaterfreuden dürfen nicht zollfrei über die Grenze. . . „Ich kenne es", lacht die liebe Sonne, „sehe es bereits an fünftausend Jahre Tag für Tag. Immer das gleiche Bild, seitdem die Menschen sich auf dem Erdenrund in Völkergruppen sammelten und Grenzen und Schranken zwischen sich aufrichten ... „ Arme kleine Menschen! Wie ähnelt ihr doch einander trotz der Grenzbarrieren und tiefen Gräben, die ihr zwischen euch errichtet und aufgeworfen! Ich, die ich täglich über alle Paßstellen und Zollgrenzen ungehindert hinwegwandele, in Paläste wie in Armenhütten hineinleuchte, ich könnte es euch sagen, wie zum Verwechseln gleich ihr alle im Glücke, im Leide, im Laster und insbesondere in euerer Narrheit und Kleinheit seid . . ." Züge, von fauchendem Dampf getragen von Amsterdam bis Belgrad und noch weiter, halten an der Grenze still, weil ein kleines Babyjäckchen erst verzollt werden muh. . . 0 (Fortsetzung folgt.) (Völkische Zchantasieeu). Der „Bund völkischer Lehrer Deutschlands" hat eine Anzahl allgemeiner Grundsätze ausgestellt, deren neunter lautet: „Wir bekämpfen keine Glaubensgemeinschaften. legen uns auf keinen konfessionellen Standpunkt fest; wir verlangen aber von unseren Mitgliedern, daß sie für die Entjudung der christlichen Kirche eintreten!" (Au der „Kalendervetrachlnrig zum Jahre 5685" in Nr. 41/42). Der späteste Termin für den ersten Tag N2VN ist für die nächsten 290 Jahre der 5. September, nämlich in den Jahren 6690 (1929), 5728 (1967), 5774 (2013), 5804 (2043). 5823 (2062). 5880 (2119), 8837 (2176), 5994 (2233). Auf den 6. September fällt er im Jahre 5975 (2214). Aus den 4. September fällt er im Jahre 5700 (1948), 5747 (1986), 5766 (2004), 5796 (2035), 5842 (2081), 6861 (2100), 5899 (2138), 5918 (2157), 5967 ,2-06). Leopold Mosbacher.

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