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Der Israelit · 1924-10-23 · Heft 43 (23.10.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 43 (23.10.1924)
Date
1924-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 43 D er Isra e I i t 23. Oktober 1924 Nun aber tut Rosenzweig den entscheidenden Schrur, der ihn — das muß ausgesprochen werden — in schärfsten Gegensatz nicht etwa zu S. R. Hirsch und I. Breuer, sondern zum G e - samtgeist des historischen Judentums bringt, weil er verabsäumt, die Grenzlinie zu ziehen zwischen einer wohl zu verstehenden zeitweiligen pädagogischen Konzession an die Schwäche des Zöglings und der objektiven Anpassung des Gesetzes an die Willkür der wechselnden Generationen. Denn nun überläßt er schließlich den Individuen — mit der mystischen Begründung, daß sie ja alle „Söhne" und damit nach der Ueberlieferung auch „Bauleute" seien — aus der „Fülle des Tubaren" je nach ihrem seelischen „Können" das wirklich zu Tuende auszuwählen. Wir sagten schon: hier mündet der Gedanke durchaus im Mystischen. Denn die tatsächliche Willkür und Unzulänglichkeit des Individuums, die von tausendfältigen ererbten und erworbenen Hemmungen, Leidenschaften, intellektuellen Tendenzen bestimmt sein kann, maskiert sich hier für Rosenzweig in eine Art von providentiell geleiteten N21VN-Jnstinkt, der, an die Kette der gesetzübenden Geschlechter vor uns geknüpft, den späten Enkel in seinem dunkeln Drange den rechten Weg schon führen wird. „Darum dürfen wir erwarte n*), uns irgendwie und irgendwann*) in jedem Wort und in jeder Tat der Väter wiederzufinden ..." Wer bürgt für die Erfüllung dieser „Erwartung" von irgendwie und irgendwann? Wer insbesondere bürgt dafür, daß die „Bauleute" die „Pflöcke des Zeltes der Thora" immer nur „hinausrücken" und nicht vielmehr unter Berufung auf das in ihrer Seele waltende Dämonion die Pflöcke e i n r e i ß e n werden, um draußen neues, subjektiv durchaus wahrhaftiges, dem Vätergeiste aber gänzlich fremdes „Gesetz" zu schassen? Ist das Gesetz inhaltlich fest umgrenzt, — in dem bestimmten Sinne, in dem das geschichtliche Judentum es von jeher gelehrt hat — so darf und braucht dem unter schwerer Pein aus gewohntem Denken und Tun zur Thora Heimkehrenden gewiß kein hartes „Alles oder nicht" entgegenzuschallen; denn dann bleibt ja der Gesamtkomplex dieses Gesetzes unerschüttert durch die mehr oder minder bruchstückweise Verwirklichung, die es einstweilen im Leben der „Söhne" findet. Wohin aber kommen wir, wenn einer jeden Zeit das Gesetz in dem vollen Ausmaß seiner Vollendung erst aus der G esamttat d er es *) Von mir hervorgehoben. Vers. ¥ Vollbringenden erkennbar werden Und diesen selbst andererseits die zwangsläufig wirkende „Stimme des eigenen Seins", nicht die Stimme, die von Sinai gesprochen, Offenbarer und Gebieter sein soll? Offenbar, so ungewollt auch immer, zum vollendeten Subjektivismus, zur Gesetzlosigkeit. Der Grundirrtum aber, aus dem unseres Erachtens mit einer gewissen Folgerichtigkeit diese sich selbst aufhebende Konsequenz des Rosenzweigschen Gedankengangs hervorgeht, ist die Art und Weise, in der er zuvor mit Hilfe einer ganzen Reihe agadischer Stellen in Talmud und Midrasch den — sit venia verbo — über» sinaitischen Charakter des Thoragesetzes zu erweisen und dogmatisch zu verwerten suchte. Wir sagen: die einseitige „Art und Weise" dieser Verwertung bedeutet vom Standpunkt der Ueberlieferung einen schweren Irrtum, nicht etwa die Behauptung selbst, die weder von S. R. Hirsch noch von seinen Vorgängern und Nachfolgern jemals bestritten worden ist. Diese Theorie, die wir daher gleich zu Beginn dieser Betrachtungen im Wortlaute wiedergegeben haben, muß etwas eingehender geprüft werden. In ihr gipfelt der Gegensatz zwischen abrahamitischem und mosaischem Judentum. (Fortsetzung folgt.) Wochemundschau. Die Lage in Erez Jisroel. Zwei hochpolitische Ereignisse sind während des Festmonats eingetreten, die sich für die Entwicklung der Dinge in Erez Iisroel als bedeutsam erweisen können: die Verdrängung König Husseins durch die siegreich in Mekka eingezogenen Wahabiten und die englischen Neuwahlen, die wohl zum Rücktritt der Labour- Regierung führen werden. Noch läßt sich nicht voraussehen, welchen Grad von Konsolidierung die Wahabiten-Herrschaft in Mekka erlangen und ob der Sieger Mäßigung bewahren oder sein Vordringen bis Transjordanien, ja Palästina und Aegypten fortsetzen wird. Wahrscheinlich dürste dieser arabische Wüstenstamm doch schon genügende politische Schulung besitzen, um eine Verständigung mit der englischen Macht der 'blinden Befriedigung bloßer Eroberungsgier vorzuzHen. So ist zu hoffen, daß Erez Jisroel vox kriegerischen Verwicklungen bewahrt bleibt. Jedenfalls zeigt der Vorgang, in wie unsicherer Und gefährdeter Lage der ganze vordere Orient noch immer sich befindet, und wie das Schicksal des heiligen Landes mehr' als je in den Strudel der Völkerpolitik mit all ihren Kämpfen auf Leben und Tod hineingerissen ist. Die außenpolitische Haltung Englands wird auch hinsichtlich der Stellungnahme zü den arabischen Machthabern durch einen Regierungswechsel kaum berührt werden. Wohl aber ist zu hoffen, daß hinsichtlich der inneren Fragen der Erez Iisroel-Politik jede andere Regierung ein größeres Maß von Unabhängigkeit gegenüber den zionistischen Herrschastsgelüsten betätigen wird als die. Arbeiterführer im Kolonialamt, die — gewiß aus den edelsten Motiven heraus — in engstem Freundschaftsverhältnis zu den linksgerichteten Kreisen des Waad leumi stehen, und die es ihrem Sozialismus schuldig zu sein glauben, die Machtposition dieser Kreise in Erez Jisroel zu stärken. Die Orthodorie Erez Jisroels wird mit verstärktem Nachdruck auf das durch den bekannten Gemeinde-Gesetzentwurf geplante Attentat auf d i e E e rv i s s e n s f r e i h e i 1 Hinzuweisen und alle ihre Kräfte zu mobilisieren hüben, um diesen Entwurf zu Fall, zu bringen. Sie hat durch den eingereichten Gegenentwurf gezeigt, daß sie keineswegs bloß zu negieren und kritisieren versteht und darf Erwarten, daß das neue Parlament — dessen Anrufung hier, da es sich um Sein oder Nichtsein handelt, gewiß nicht gescheut werden darf — Verständnis für den Kampf des religiösen Konservativismus um fein Daseinsrscht zeigen wird. Ein erfreuliches Symptom ist jedenfalls Herbert Samuels Erklärung in Jerusalem, daß infolge der politischen Ereignisse auch der Gemeindegesetzentwurf eine „Verzögerung" erleiden werde. Der Numerus clausus in ungarischer Handhabung. Jndeß man in vielen Ost- und Randstaaten sich noch darüber den Kopf zerbricht, wie man ohne grobe Verletzung der übernommenen Minoritätsrechte durch irgend eine Hintertüre dennoch den Numerus clausus einführen könnte, um die Juden vom Universitätsstudium und den akademischen Berufen fern zu halten, wird in Ungarn, praktisch und tatooll, wie es die Magyaren ' m Anmerkungen zu WMN2 's Don Rabbiner Ar. Winkler in Kopenhagen. I. . iwmi Der Schöpfüngsbericht beginnt mit 2« Wie dieser Buchstabe von allen Seiten geschlossen und nur von einer Seite offen ist, so steht auch Dir kein Recht zu, zu forschen nach oben und unten, nach dem, was vor der Entstehung der Welt war und nach ihrem Untergänge fein werde, fondem allein nach dem, was in ihr feit den Schöpfungstagen sich vollzieht". Ierusch. Chag. II, 1. ii. r>'VrN3. Sprüche der Väter VI d zählen s Gegenstände auf. die Gottes Eigentum genannt werden. Das Salomonische Heiligtum, Abraham, Himmel und Erde, Israel und die Taüro. Ich finde diese fünf Sachen im ersten Torawort enthalten: nämlich setzt sich aus den Anfagsbuchstaben von mir»' tow (pa) ormx qwui nn zusammen. in. Im 18-Gebet sagen wir: -,3*3 nsn tni6 pin nn« »Du verleihst dem Menschen ErkennMis und lehrst den Sterblichen Vernunft". Eigentlich, fo fragt Rabbi Izchak Lurje, müßte doch nra bei tm und nn bei stehen, weil tn# im Range über vrato, wie nrn über npy höher stehe? Und gibt zur Antwort, die Meinung sei: „Du gibst dem geistig hochstehenden Menschen die Möglichkeit, sein reiches Wissen einzuschränken. um. solcher Gestalt dem gewöhnlichen Menschen Dernunstlehren beibringen zu können." — Zn gleicher Weise erkläre ich auch unser Raschiwort: „Nach Unserer Gestalt", d. h. wie Gott »*3bei der Erschaffung des Endlichen Seine Unendlichkeit einschränken mußte, so soll auch der geistig emporragende Mensch die Fähigkeit haben, sich einschränken zu können, panS um Anderen Wissen und Einsicht zu vermitteln. — Zur Abwehr. Herr Rabbiner Dr. Kaatz weist in Nr. 39 des „Israelit" meine Korrekturen zu tjpm mit emem Federstrich zurück: Kizwo sei durchaus korrekt, weil es auch eine Form Rizfo gibt. — Ich frage bloß: Wenn wir ein neues Wort bilden, sollen wir uns nach der Regel oder nach der Ausnahme richten? In der Regel treffen wir immer einen Dagesch in der zweiten Silbe an, so in Ki s b o, Li s chko (Iecheskel 40, 17 etc.), Milko, Mizpo, Richbo (ibid. 27. 20) und auch Rizpo (II. Sam. 3, 7; 21, 8 etc); Rizfo (in Iecheskel 40. 17, 18; 42. 3) dagegen?ft eine Ausnahme, vgl. Gef. Gramm. § 94 — Völlig unverständlich ist die Begründung, mit der er meine zweite irmenoanon aorur: Wie uoucye, Durchaus falsche Lesart „Mi jeoni umi jeofchex" sollte deshalb beibehalten werden, weil der Verfasser geflissentlich die Nifalsorm wählte. — Also konsequentermaßen müsse man auch anstatt „kamo jaawrun" „kamo jeowrun" und nicht mehr „mi jonuach umi jonua um! jorurW", sondern „mi sinauach umi jinaua — umi jeraum", alles in der Nifalsorm, lesen! — Kleines Feuilleton. Heilige Tage i» Wien. Menfchengrenzen. Als der Schnellzug im Morgendümmer die Frankfurter Bahnhofshalle verließ, empfing uns nicht wie sonst die große wohltuende Helle des freien Lustraumes, denn grauer Nebel wyb und riefelte und zog um das Coupeefenster einen dichten undurchdringlichen bleifarbenen Vorhang zusammen. In A s ch affen b u r g zerriß der Nebelvorhang allgemach und ließ durch Ritzen und Spalten den Blick offen auf die durch das taufeuchte Grün und Gelb gemähter Wiesen und Felder schimmernde Morgensonne. Zn Würzburg stand schon die Sonne! hell und majestätisch am blauen Horizont und strahlte über Bayern voller Güte und allvergebend... 3n, Nürnb e rg aber.ergoß sich gegen zwei Uhr won oben so viel Glanz und Wärme, .daß wir die Heizung im Wagen auf Kalt stellten und das Fenster weit herunterließen, um den zarten Hauch und die satten Farben des sonnigen Herbstes unmittelbar einzusaugen. Noch e i n paar Tage, liebe Sonne, ich bitte dich...I

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