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Der Israelit · 1924-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1924) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1924)
Date
1924-04-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 6 Seite 19 17. April 1924 Lösung^..in den letzten fünfzig Jahren Ströme von. Tinte und Herzblut vergossen wurden, uns ganz fremdartig anmuten, wenn wir sie im Lichte des Schülchan Aruch prüfen. Dennes ist ja gar - nichts so, daß Hirsch und Hildesheimer, als sie vor fünfzig Jahren die Pflicht des Austritts ausden Reformgemeinden verkündet haben, erst umständlich in trpaiai darüber nachlernen mußten und nachgelernt haben, ob sie sich mit dieser Verkündung der Austrittsyflicht auch wirklich auf dem Boden des Schulchan Aruch und in Uebereinstimmung mit ihm befänden, ebensowenig wie man 70 Jahre vorher erst umständlich darüber nachgelernt hat, ob die Gründung der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. vom Standpunkte des Religionsgesetzes zu rechtfertigen sei. Beides erschien ihnen als ein immanente sPo st ulat d e r r e l igiösen Vernunft. Erst dann, als man auf der Gegenseite die Austrittspflicht in eine Austrittsfräge verwandelte und aus der unleugbaren Tatsache, daß nirgendwo im i'vi' faiK der Austritt als ein alter Frankfurter Minhag überliefert wird, zu folgern sich erkühnte, daß dieser Austritt denn doch nicht so ganz selbstverständlich sei; als man dazu überging, als ein schwieriges halachisches Problem zu betrachten, was schon einem so sachkundigen alten Frankfurter, wie es der isiv vun war, als eine Kabinettsfrage des Judentums erschien, erst dann mußte Hirsch sich notgedrungen dazu entschließen, in einer „scharfen, erschöpfenden und unwiderleglichen Argumentation" (wie Hildesheimer damals schrieb) nachzuweisen, daß auch dem Schul- Han Aruch das Moralische sich von selbst versteht. Ist es darum ein billiges Verlangen, was man heute von uns verlangt? Wir sollen den Standpunkt der Unionisten als einen mit dem unsrigen gleichwertigen betrachten! Cs ist das die Forderung einer Toleranz, die schlechterdings unvollziehbar ist. Wir können unseren gesetzestreuen Gegnern zugeben, daß sie subjektiv das Beste wollen und erstreben. Diese Toleranz wird ihnen aber schwerlich genügen. Denn sie wissen genau, daß wir die gleiche Toleranz auch gegenüber unseren liberal gesinnten Stammesbrüdern zu üben gewohnt sind . Wir geben ohne weiteres zu. daß auch die Unterzeichner der liberalen Richtlinien subjektiv das Beste wollten und erstrebten. Diese Toleranz gegenüber der persönlichen Ehre des Gegners hat aber mit unserer sachlichen Bewertung des gegnerischen Standpunktes nicht das mindeste zu tun. Sachliche Toleranz gegenüber dem Standpunkte des Gegners würde Preisgabe des eigenen Standpunktes bedeuten. Das alles ist so klar und von einer so banalen Selbstverständlichkeit, daß wir beim besten Willen nicht verstehen können, was unsere Gegner von uns wollen. Auch wir erstreben die Einheit des gesetzestreuen Judentums. Auch wir ersehnen den Tag, der die Spaltung im eigenen Lager schließt. Die Frage ist bloß, was zu geschehen hat, um diesen Tag herbeizuführen. Wir glauben, hierzu müsse folgendes geschehen. : Darüber kann bei Einsichtigen kein Zweifel bestehen, daß die bloße Existenz einer selbständigen orthodoxen Weltorganisation, wie es die Agudas Iisroel sein will und in gewissem Sinne heute schon ist, ganz abgesehen davon, was die Aguda tut oder unterläßt, ganz abgesehen auch davon, welche Normen für ihre Organisation im großen und kleinen maßgebend sind, eine ungeheure Stärkung des Standpunktes der föderalistisch gesinnten Orthodoxie bedeutet. Die unionistisch gesinnte Orthodoxie, die den orthodoxen „Separatismus" bekämpft, weil sie das Heil des Judentums nur in einträchtigem Zusammenwirken aller jüdischen „Richtungen", erblickt, müßte folgerichtig die Gründung der Agudas Iisroel als ein verhängnisvolles Unglück betrachten, weil sie der separatistischen Idee das weithin leuchtende Kleid einer über die ganze Welt sich erstreckenden Körpe,r- Der Israelit Bl 8 t t e r _. schüft verleiht. Nun haben wir es aber zu unserer freudigen Genugtuung erlebt, daß die Idee der Agudas Iisroel auch im Kreise der Unionisten durchaus sympathisch begrüßt wurde. Was Jacob Rosenheim auf der Delegiertenversammlung in Halberstadl von der seelischen Unmöglichkeit sagte, zwei so anspruchsvollen Herren zu dienen, wie Misrachi und Aguda, das gilt in Wirklichkeit nur von föderalistisch, nicht aber von unionistisch eingestellten Seelen. Dem Föderalisten ist es ein unfaßbarer Gedanke, wie es seelisch möglich fein soll, Misrachist und zugleich Agudist zu sein. Der Unionist dagegen, der stolz darauf ist, in seiner praktischen Arbeit für die Interessen des gesetzestreuen Judentums durch „unfruchtbare" Grübeleien über Organisationsprinzipien sich nicht stören zu lassen, wäre seelisch durchaus imstande, auch in den zentralen Verwaltungsorganen der Aguda eine hingebungsvolle praktische Tätigkeit zu entfalten; ja, falls ihm die Arbeit im Dienste der Aguda fruchtbarer erscheint als die im Dienste des Zionismus, würde er sogar seine ganze Kraft der Aguda widmen und seine Zugehörigkeit zum Zionismus nur durch regelmäßige Zahlung seines zionistischen Mitgliedsbeitrages bekunden. Nicht weil es ihm, dem Unionisten, seelisch unmöglich ist, ein tätiges Mitglied der zentralen Verwaltungsorgane der Aguda zu fein, sondern weil es für die Agudas Iisroel, diese Weltorganisatorische Verkörperung der Thora-Autonomie, eine seelische Unmöglichkeit darstellt, sich durch Persönlichkeiten repräsentieren zu lassen, denen das agudistische Organisationsprinzip im besten Falle gleichgültig ist, werden Angehörige von Organisationen, die sich im prinzipiellen Gegensatz zur Agudas Iisroel befinden, von der Wählbarkeit in die zentralen Verwaltungsorgane ausgeschlossen. Wir glauben nun, daß angesichts dieser seelischen Unmöglichkeit nur der gute Wille auf unionistischer Seite vorhanden sein muß. um wenigstens nach außen hin die Kluft zu schließen, die das gesetzestreue Judentum in Deutschland spaltet: der gute Wille, nur das Mögliche zu wollen und auf das Unmöglich e z u v e r z i ch t e n. M ö g l i ch ist ein praktisches Zusammenarbeiten auf dem weiten Gebiet der uns allen heiligen Mizwaerfüllung. Unmöglich ist auch der leiseste Versuch, das agudistische Organisationsprinzip von innen heraus verdunkeln oder schwächen zu lassen. Möglich ist die Achtung vor allemwas auch beim Gegner der Achtung würdig ist. Unmöglich ist die Anerkennung, daß auf beiden Seilen die Wahrheit des lebendigen Gottes ist. Hier muß, wenn wirklich Friede werden soll, die größere Hälfte der zu vollbringenden Tat dem geschichtlichen Walten der Vorsehung anheimgegeben werden. Wir haben die vorstehenden wertvollen Darlegungen insbesondere deshalb besonders freudig begrüßt, weil es in der Tat ein Gebot der Stunde ist, die Frage immer wieder ernst zu prüfen, in welcher Weise die Gegensätze innerhalb des gesetzestreuen Lagers wenigstens nach der persönlichen Seite gemildert werden können. Dabei scheint uns nun ein Gesichtspunkt in Ergänzung der Ausführung des Herrn Verfassers noch beachtenswert zu sein. Herr Rabbiner Dr. Breuer-Aschaffenburg formuliert die Forderung der Gegner dahin, daß wir den Standpunkt der „Unionisten" als einen mit dem unseren gleichwertigen betrachten sollen, und erklärt diese Art von Toleranz für uns unvollziehbar. Dies ist in der Tat unbestreitbar und muß unterstrichen werden; aber wir glauben nicht, daß eine so formulierte Forderung von den Vertretern des unionistischen Standpunktes allgemein gestellt wird. Nicht der Standpunkt soll als gleichwertig erachtet werden, sondern die Persönlichkeit. Auch der größte tr>m 81' kann von dem Grade der v'vv pxn* und nicht von der logischen Richtigkeit des Standpunktes bestimmt. Nur so ist auch die Darlegung aufzufassen, die in Halberstadt von dem Vorsitzenden des Frankfurter Geschäftsführenden Ausschusses zu dem Thema gegeben worden ist. Es galt dort lediglich nachzuweisen, daß der Ausschluß bestimmter Gruppen gesetzestreuer Brüder aus den zentralen Verwaltungsorganen der Gesamt-Äguda keine Verdächtigung des Grades ihrer v'vrp rmi'bedeutet, daß der Ausschluß vielmehr in der besonderen Intensität der Hingabe an die Aguda-Jdee begründet liegt, die von den Vertretern der obersten Verwaltungsbehörde angesichts der Natur der hier an der obersten Spitze zu leistenden Arbeit verlangt werden muß. Es handelt sich hierbei garnicht um die Repräsentation, sondern um die von der seelischen Ungeteiltheil bedingte Arbeit. Denn Repräsentanten der Aguda sind ja die Leiter einer Landesorganisation und einer Ortsgruppe ebenfalls. Wir glauben, daß der verehrte Harr Verfasser in diesem Gedankengang mit uns übereinstimmt, und wollten nur, um jedes Mißverständnis auszuschließen, das thema probandum nochmals klarstellen. (Red.). Der jüdische Minister. Das litauische Judentum steht seit Beginn der Selbständigkeit des litauischen Staates in einem fortwährenden Kampfe gegen Vernichtungsattentate von verschiedenen Seiten. Der Krieg hat in diesem Lande Werte, Menschen und Instilutionen vernichtet, die unersetzbar sind. Die Nachkriegszeit wütet mit besonderer Intensität gegen alles Jüdische. Trotz allem ge-, lang es. in Litauen das Recht der jüdischen Einwohnerschaft soweit zu verteidigen, svdaß die Lage der litauischen Iudenheit bis vor einiger Zeit eine leidliche gewesen ist. Die weitere Entwicklung der Verhältnisse brachte diesbezüglich einen Umschwung mit sich, der für die litauische Iudenheit ungünstig ist. In den letzten Monaten entbrannte wieder ein Kampf um zwei wichtigste jüdische Institutionen, der leider mit einer Niederlage für das litauische Judentum beendet wurde. Diese Tatsache wäre an und für sich betrüblich genug, aber sie ist noch außerdem beschämend und entwürdigend. Vor einigen Monaten kam das Sonntagsruhegesetz auf die Tagesordnung des litauischen Sejm. Es war sofort klar, daß die Annahme dieses Gesetzes ohne Rücksicht auf die strenggläubige Iudenschaft, den Keim eines großen Unglück für die jüdische Bevölkerung enthält. Wenn die Juden durch die Annahme dieses Gesetzes ohne jedwede Milderung, gezwungen wären, an zwei Tagen in der Woche zu feiern, würde das einen vollkommenen Ruin für die ohnehin verarmte Bevölkerung bedeuten. Nun gibt es in Litauen einen sogenannten Jüdischen Nationalrat und gab es noch vor kurzer Zeit ein jüdisches Ministerium mit einem jüdischen Minister an der Spitze. Der Nationalrat hat gar keinen Einfluß und keine Bedeutung im öffentlichen jüdischen Leben. Aus Parieiinteressen entstanden, von den Nationalisten geschaffen und geführt, ist derselbe nach den letzten Wahlen, an denen sich die orthodoxe jüdische Bevölkerung nicht beteiligte, zu einem Schatten einer überflüssigen Körperschaft herabgesunken. Das jüdische Ministerium, dem von der Regierung in den letzten Wochen der Garaus gemacht wurde, indem man das Budget bis auf eine lächerliche, geringe Summe zusammengestrichen hatte, existiert noch, wenn auch der jüdische Minister Dr. Rosenbaum, der bereits demissionierte, nur provisorisch die „Geschäfte" desselben leitet. Als das Sonntagsruhegesetz in der ersten Lesung des Sejm angenommen wurde, hat diese Tatsache die größte Entrüstung und die schlimmsten Befürchtungen bei der jüdischen Beirren; der Persönlichkeitswerl aber wird

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