Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 6 17. April 1824 Der Israelit MB l ä t t «sr**** Teim hellsichtige Kassandra jich'S einfalfen.Ließe, als richtig erwiesene Behauptung zurückgewiefen hatten, daß ihnen „unbewußt eine nationale Bedeutung und Konstruktion der örtlichen Gemeinde^ vorgeschwebt habe, „in welcher: das Religiöse als Schattierung, mehr als Fasson im Sinne des Ausspruches von Friedrich dem Großen zu figurieren hatte." Dieses Wort unterstreicht an einem lehrreichen Beispiele den verhängnisvollen Grundfehler, den wir uns auch heute vielfach bei unserer inneren Einstellung zu religiösen Fragen zuschulden kommen lassen und der darin besteht, daß wir nicht imstande sind, über uns selbst in das Wesen der Dinge hineinzuschauen und von vorübergehenden Stimmungen, ephemeren Zeitlagen, berauschenden und verdunkelnden Schlagworten zugunsten einer wirklich objektiven Erfassung des gedanklichen Kernes, um den es sich in Wahrheit handelt, uns mannhaft loszusagen. Nichts liegt näher, als aus der Verwandlung des Gegensatzes von orthodoxem und nichtorthodoxem Judentum in eine harmlose Differenzierung des einen und desselben Judentums eine Entwicklung hervorgehen zu sehen, die alle religiösen Anschauungen und Standpunkte, und mögen sie noch so weit auseinandergehen, unter einem gemeinsamen, nationalistisch konstruierten Oberbau vereinigt. Und wenn trotzdem, obwohl damals Hirsch und Hildesheimer sehenden Auges und blutenden Herzens die Gegnerschaft ihrer Gegner als eine Verzögerung und Hinausschiebung unserer " „geistigen Geula" gekennzeichnet haben» die Möglichkeit einer solchen Entwicklung, vermutlich unter Hinweis auf die allem jüdischen Nationalismus gänzlich abholde Stimmung jener Tage, bestritten worden wäre, so erklärt sich diese Kurzsichtigkeit nur daraus, , daß eben innerhalb der deutschen Orthodoxie seit Mendelssohns Tagen die von der Hand in den Mund lebende Bereitschaft zu allerhand Hauroas-Schooh-Erperimenten größer und stärker gewesen ist als der Wille, fern allen Umwegen und Winkelzügen dem historischen Judentum im Sinne des „Iikauw haddin es hohor" mitten durch das Gebirge den graden Tunnelweg zu bahnen. Es ließe sich ein interessantes Buch über die Folgen der Kurzsichtigkeit in der jüdischen Galuth-Geschichte schreiben. Mit Bar Kochba finge es an und es schlösse — vorläufig — mit der Fanfare von St. Remo. All die religiöse und politische Wirrnis, die in fast zweitausend Jahren ein kurzsichtiges Verkennen politischer Möglichkeiten und religiöser Anforderungen über das jüdische Volk gebracht hat, müßte in einem solchen Buche dargestellt und aus ihr eine dröhnende, an die Gegenwart gerichtete Mahnung abgeleitet werden, auch in den religiösen und politischen Fragen, die uns heute beschäftigen, die Grenzen Mischen dem wahren Sein und dem flüchtigen Schein immerdar fest im Auge zu behalten. Bis jetzt hat noch immer in der jüdischen Geschichte die ruhige Besonnenheit, die nüchterne Ueberlegung, das sachliche Denken gegenüber dem brausenden Sturm, der blühenden Romantik, dem phantastischen Traume Recht behalten. Bis jetzt hat noch immer auch die leiseste Umwertung religiöser Werte im Judentum (von den Versuchen ihrer Ausrottung garnicht zu reden) — man braucht bloß an den Streit der Rabbaniten und Karäer zu denken'— zunächst zur Schwächung des Ganzen und dann zu ihrer eigenen Selbstauflösung geführt. Bis jetzt bat noch immer die Betäubung der politischen Vernunft durch die Narkotica nationalistischer Verstiegenheiten — man braucht bloß an die Geschichte Sabbatai Zwis und seiner Nachfahren zu denken — zu übelsten Folgeerscheinungen eines grausamen Erwachens, geführt. Warum sollte die Kurzsichtigkeit in Zukunft straflos bleiben? Wer bürgt uns dafür, daß die bedenkenlose Art, wie heute vielfach der Komplex religiöser Werte, den man gemeinhin mit Thora bezeichnet, zeitlichen Strömungen in Sold gegeben wird, nicht schon in der kommenden Generation in Folgen sich auswirken werde, die man heute als Gespensterseherei verlachen würde, wenn sie^ mahnend und warnend? am die Wand? zu malen, die aber sicherlich, falls nicht schon in der nächsten, -so doch vielleicht in der. übernächsten Generation eintreten werden) so gewiß wie ist aller Vergangenheit über Kurzsichtigkeit und Verblendung die geschichtliche Nemesis hereingebrochen ist? Sind wir denn schon am . Ende der Zeiten? Wir müssen über uns selbst: und über die Gegenwart hinauszuschauen trachten. Wir müssen in Generationen denken und versuchen, die Folgen unseres Wollens und Tuns im Spiegel der Zukunft zu erforschen. H. Die große Masse der Orthodoxie siedelt im Osten. Ihr Judentum, ihre Frömmigkeit, die Welt ihrer Gedanken und Gefühle, ihr jüdisches Lernen und Leben — kurz: die Gesamtheit aller Eigenschaften, die nach alter traditioneller Vorstellung das jüdische Wesen kennzeichnen, ist dort, wo sie vorhanden ist — und sie ist noch in reichem Maße vorhanden — von jener ungebrochenen Kraft, die weite Kreise der deutschen Orthodoxie nur vom Hören und Sagen kennen, und die sich immer und überall durchsetzen muß, wenn und wo keine künstlichen Hindernisse sich ihr entgegentürmen. Es hätte darum in Wien ganz unnatürlich zugehen müssen, um den Einfluß der östlichen Orthodoxie aus der ihr gebührenden dominierenden Stellung zu verdrängen. Von ihrem Verständnis aber, das sie für die ungeheure Verantwortung, die ihrer Stellung in der Aguda innewohnt, stets zu bekunden hat, wird es abhängen, was sie in Zukunft der jüdischen Gesamtheit bieten wird: neue Antriebe jüdischen Lebens oder bloß notdürftige Erhaltung des Bestehenden, frische Fruchtbarkeit des jüdischen Denkens oder bloß mechanisches Fortspinnen des ewig Gestrigen, Eroberung der Welt oder feiges Verkriechen vor ihr, Heiligung oder bloß Knebelung der Seele, und ob sie das einmütige Vertrauen, das die gesamte Kenessio ihren verehrten Führern entgegenbrachte, auch wirklich verdient hat. Einstweilen können wir schon heute als das für die deutsche Orthodoxie vielleicht wichtigste Ergebnis der Kenessio die erfreuliche Tatsache konstatieren, daß unter dem Einfluß des rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, der ja ganz unter östlichem Einfluß steht, auch bei uns im Westen eine neue Einstellung zu den Grundfragen jüdischer Politik sich anbahnen dürfte. Denn es gibt doch viel zu denken, daß bei den spontanen Ehrungen, welche die Kenessio dem Ehrenpräsidium des rabbinischen Rates, dem Chofez Chajim, dem Czortkower Rebbe, dem Gerer Rebbe, zuteilwerden ließ, unsere Vertreter nicht etwa kalt beiseite standen, vielmehr aus allen Herzen.ein warmes Milsühlen und Mitbegreifen der bei uns im Westen schon längst versunkenen, aber dort im Osten noch immer lebendigen, elementaren Kraft der mmn hervorbrach. Aus diesem Zusammenfluß der Seelen dürfen wir die Hoffnung schöpfen, daß etwas von jener natürlichen Selbstverständlichkeit, mit der ein Chofez Ehajim nicht, wie wir so oft, über jüdische Dinge politisch, sondern über politische Dinge jüdisch dentt, auch zu uns hinüberströmen und endlich einmal mit allem aufräumen werde, was aus den Zeiten des Austrittskampfes, der Diskussionen über Zionismus und Misrachi usw. in unsere Tage verstimmend, verwirrend, vergiftend herüberwirkt. Jahrzehntelang haben wir uns über Dinge , den Kopf zerbrochen, die dem Chofez Chajim selbstverständlich sind. So über die Frage, ob sich die Orthodoxie als ein Appendix des liberalen und zionistischen Judentums begreifen oder im Bewußtsein der Autonomie und Souveränität der Thora auf eigene Füße stellen soll. Nach den Erlebnissen in Wien greift man sich., an den Kopf und fragt, ob es denn wirklich einmal möglich war, daß es bei uns vernünftige Menschen gab, die das Heil der Thora in ihrer Verkoppelung mit allem, was nicht Thora ist, erstrebten. Oder sollte es am Ende auch nach Wien noch Menschen geben, die sich den Chofez Chajim als Führer einer orthodor-neologen Zwittergemeinde oder als Dekoration eines Zionistenkongresses vorstellen können? III. .._. Ein tragisches Verhängnis waltet über dem orthodoxen Judentum in Deutschland. Wer noch vor kurzem der Meinung war. daß es dqr Agudas Jisroel gelingen müsse,, in praktischer Arbeit für Zwecke der Thora die gesamte deutsche Orthodoxie zu vereinen und so das Werk zu vollenden, das vor 17 Jahren die in Berlin neu organisierte Freie Vereinigung begann, sieht sich heute bitter enttäuscht, lieber den Zeitraum eines halben Jahrhunderts züngeln die Flammen des Haders zu uns herüber, der einst Hirsch und Bamberger entzweite und der an verhängnisvoller Tragweite Zwistigkeiten aus früheren Perioden der jüdischen Geschichte, wie etwa den Streit zwischen Eibenschütz und Emden, um dessentwillen bei weitem übertrifft, weil bei dieser Austrillsfrage, die nur dem oberflächlichen Blick als eine taktische Frage jüdischer Gemeindepolitik erscheint, in Wirklichkeit, d. h.' wenn man sie zu Ende denkt, die Zentralidee des Judentums berührt wird und letzte llrfragen unseres Verhältnisses zu Gott und Thora und der lebendigen Verwirklichung dieses Verhältnisses in organisierten Gemeinschaften aufge-- wühlt werden. , : . Fragt, man nach den Ursachen dieser bitteren Enttäuschung, so wird man Zu hören bekommen, daß an eine wirkliche Einheit des gesetzestreuen Judentums in Deutschland erst dann zu denken fein wird, wenn erst einmal die Föderalisten (wie wir die Anhänger und Verfechter der Idee einer selbständigen Orthodoxie bezeichnen wollen) zu einer völligen Gleichbewertung der Unionisten (wie wir nach historischem Vorbilde die Gegner der Föderalisten nennen wollen) sich innerlich durchgerungen haben werden. Was für den Streit zwischen Bes-Schamai und Bes-Hillel galt, daß ihre gegensätzlichen Meinungen in gleicher Würdigkeit als Worte des lebendigen Gottes bewertet wurden, das muß auch heute für den Streit zwischen Föderalisten und llnionisten gelten, wenn wenigstens im gesetzestreuen Israel wirklich Friede herrschen soll. Was ist zu diesem Gedankengang zu sagen?! Zunächst und Mvr allem gilt es hier, den Begriff der Toleranz in seiner Anwendung auf jüdische Dinge zu prüfen. So gewiß im Rahmen der Thora verschiedene Meinungen toleriert werden, so erstreckt sich diese Toleranz doch nur auf solche Dinge, die den Rahmen selbst unberührt lassen. Die Rahmenfüllung, nicht aber der Rahmen selbst darf zum Gegenstand einer Streitfrage gemacht werden. So gibt es eine ganze Bibliothek halachischer Stteitsragen über die Ausführungsmodalitäten des Werkverbots am Sabbat. Dagegen steht der Sabbat an sich mit der ewigen Derpslichtungskraft seines Werkverbotes außerhalb jeder Diskussion. Eine Streitfrage würde hier zu einer Kabinettsfrage des Judentums werden. Dazu darf es aber niemals kommen, man müßte denn etwa Toleranz im Sinne friederizianifcher AufklLmng als eine Sittenpflicht proklamieren, vor der auch die Majestät der Thora sich zu beugen habe. Findet aber Toleranz im Judentum dort ihre Grenze; wo dieses Judentum aufhört, Judentum zu sein, dann ist es unzulässig, von einem Mangel an Toleranz zu reden, wo dieser angebliche Mangel in einer sachlichen Unmöglichkeit begründet ist. Kabinettsfragen des Judentums werden im Schulchan Aruch nicht erörtert. Daher kömmt es, daß die Streitfragen, die uns heute so heftig bewegen, ob es religionsgesetzlich statthaft ist, jüdischen Organisationen anzügehören, welche die Souveränität der Thora nicht anerkennen; ob es im Sinne der Thora ist, diese Thora nicht als Judentum schlechthin, sondern bloß als eine Richtung neben anderen gleichberechtigten Richtungenim Judentum hinzustellen; daher kommt es, sage ich, daß diese Streitfragen, zu deren