Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Sfaffct? kevaurgegeben von dev Caitdesovganij'afloit dev flgudas-Jtsvoel in Veutsekkaad. ^0. Jahrgang Frankfurt a. AD, den 17. April 1924 / 15. Nißan 568H Nummer 6 Mitteilungen der Landesorganisation.;; I. Zur Belebung und ständigen Förderung der Tätigkeit in den Ortsgruppen wollen wir eine tüchtige Werbekrast nach Gehallsklasse 13 anstellen. Verständnis für den Aguda-Gedanken, Hingabe für die Aguda-Aufgaben, Tatkraft und Werbefähigkeit werden beansprucht. II. Für das Büro der Landesorgamsation in Halberstadl bedürfen wir eines hauptamtlich tätigen Herrn, der zunächst nach Anleitung, dann selbständig die schriftlichen Arbeiten zu diktieren, die Buchhaltung zu überwachen, Protokolle anzufertigen und kleinere Reisen zu übernehmen hätte. HI. Die Plenar-Vorstandssitzung der Landesorganisation vom 30. März hat beschlossen, außer der Kopfsteuer von 1 Goldmark, die von j e d e m in Deutschland wohnenden Mitglied für die .Gesamt-Aguda zu entrichten ist, von den Ortsgruppen einen Jahresbeitrag von 4 Mark je Mitglied zu erheben. Der Gesamtvorstand hat den Vorort beauftragt, die Rate für das BierteljahrApril/Junisofort anzufordern. Wir bitten demgemäß die Ortsgruppen, diesen Quartalsbeitrag alsbald einzuziehen und auf das Postscheckkonto 18901 Berlin des Gruppenverband der „Agudas Jisroel" in Deutschland, Halberstadt, zu überweisen. Agnda-Ferienheim. Die rührige Jugendorganisation der „A g u d a s I i s r 0 e l" i n D e u t s ch l a n d hat durch ihre Stellenvermittlungs-Abteilung die Gründung eines Vereins „Agudah-Ferienh e i m" in die Wege geleitet, dessen Aufgabe sein soll, jüdischen Angestellten gleichviel welcher Parteizugehörigkeit einen Ferienaufenthalt zu billigem Preise zu verschaffen. Dem vorbereitenden Komitee gehören neben den Vertretern aus den Angestellten-Ausschüssen der Jugendgruppen auch Inhaber namhafter Firmen an. Mitglieder des Vereins können sowohl jüdische Firmen in Deutschland als auch einzelne Angestellte werden. Mit der Mitgliedschaft wird das Recht auf die Vorteile des Vereins erworben. Der Jahresbeitrag ist für Firnren bis zu 24 Angestellten 25 Gmk., bis zu 50 Angestellten 50 Emt., und mit über 50 Angestellten 100 Gmk.,' einzelne Angestellte zahlen jährlich 10 Gmk. Beitrag. Das vorbereitende Komitee hat, wie uns mitgeteilt wird, bereits mit zwei guten Kurort-Hotels Abmachungen getroffen, die es ermöglichen, etwa 200 Angestellte für je 14 Tage in diesem Sommer zu etwa halbemPensions preis unterzubringen. Die Einrichtung ist zu begrüßen und die Mitgliedschaft zu empfehlen. Mitteilungen an I. Sänger, Frankfurt a. M., Rothschild-Allee 38 (Postscheckkonto 143 014). Ziel und Weg. Von Rabbiner Dr. Klein in Nürnberg. Vorgänge der letzten Wochen haben die Frage, die in mehr oder minder latenter Form die gesetzestreue Judenheit in Deutschland seit Jahrzehnten in Atem hielt, die Frage nach dem Verhältnis der gesetzestreuen Gruppen zueinander, akut werden lassen. Selbständigkeit der Orthodoxie oder Zusammengehen mit Andersgesinnten soll wieder zur Debatte gestellt werden. Damit sind unterschiedslos die Probleme Trennüngsorthodorie — Gemeindeorthodoxie, Agudo — Misrachi in den Kreis der Erörterung gezogen. Es besteht die schmerzliche Tatsache, daß Gesinnungsverwandte in Widerspruch zueinander stehen, ja sich bekämpfen. So betrübend diese Tatsache ist, sie ist unvermeidlich. .Ideen fordern ihr Recht, sie müssen geklärt werden. Zumal Ideen, die ihre Träger mit einem Höchstmaß von Verantwortung für die von ihnen vertretene Ueberzeugung erfüllen. Und wer fühlt nicht die ungeheure Wucht der Verantwortung. die gerade diese Frage für jeden in sich schließt. Das Alter der Frage scheint indessen der Klärung eher hinderlich zu sein. Der Streit der Meinungen bewegt sich im alten Gleise, dreht sich um Schlagworte. Das Nachdenken derer, die sich aus tiefstem Herzensbedürfnis heraus ein Urteil über diese jüdische Schicksalsfrage zu bilden suchen — es sind deren nicht wenige — wird immer wieder auf den einen Punkt gelenkt: Sonderstellung der Orthodoxie aus P r i nz i p. Für Prinzipienfragen haben aber leider die wenigsten die nötige Einstellung. Der praktisch Orientierte fragt immer wieder: Wenn das Ziel das gleiche ist, wie kann um den Weg so heftig gestritten werden! Darum soll einmal in aller Offenheit die Frage aufgeworfen werden: Ist das Ziel dasselbe? Unterscheiden sich Agudo und Misrachi wirklich in nichts anderem als in ihrer Stellungnahme zum Prinzip der Selbständigkeit der Orthodoxie? Gegen ein Mißverständnis möchte ich mich ausdrücklich und nachdrücklichste verwahren, gegen die Mißdeutung dieser Frage als Verdächtigung der A b s i ch t e n der misrachistischen Führer oder gar ihrer jüdischen Qualität. Gewiß, sie wollen nvß»i mirv Dennoch ist die Frage berechtigt: Ist das Ziel das gleiche? Denn nicht das Wollen ist entscheidend, sondern die in der Idee schlummernden Keime. Solange es sich um Gemeindeorthodorie und Selbständigkeit handelt, kann mit einigem Recht die Behauptung verteidigt werden, daß die Stellung zur Selbständigkeitsfrage die a l l e i n i g e Differenz bildet. Denn Limud Tauro, Kaschrus und sonstige Gemeindeeinrichtungen können, soweit sie von gesetzestreuer Seite verwaltet werden. theoretisch ebenso ungehindert und so vollendet geschaffen werden wie in unabhängigen Gemeinden. Es ist nicht unbedingt notwendig, daß die gesetzestreuen Einrichtungen unter dem Einfluß der Liberalen leiden. Freilich würde es sich lohnen, Umschau zu halten, ob diese theoretische Möglichkeit auch überall praktische Verwirklichung finden konnte,- ob die Gemeindeorthodorie wirklich überall in der Lage war, ihre Bestrebungen zu eigener Zufriedenheit durchzuführen, Einrichtungen nach eigener Herzenslust zu schaffen. Aber das kann dahingestellt bleiben. Dagegen ist völlig unmöglich zu verkennen, daß es sich bei Agudo und Misrachi nicht lediglich um die Frage nach der Methode, wie man am besten für religiöse Ideale eintritt, handelt, sondern um das Wesen dieser Ideale selb st. Denn bei der Zusammenarbeit des Misrachi mit dem Zionismus handelt es sich nicht bloß um ein friedliches Nebeneinander entgegengesetzter religiöser Gestaltung. sondern um gemeinschaftliches Schaffen und Formen derselben Gebilde,' um Schaffung einer aus den gegensätzlichen Anschauungen resultierenden jüdischen Kultur, um die Diagonale aus dem Parallelogramm der Kräfte. Und da ist nun allerdings die Frage, was soll aus den zur Aktivität drängenden Kräften im Judentum werden, was sollen sie schaffen, was soll das Schöpferische, das Gestaltende werden: die Tauroh oder Fremdes? Die jüdische Seele ist im Erwachen begriffen. Die westeuropäische Judenheit ist aufgerüttelt. Sie fängt an, dunkel zu fühlen, daß ihr etwas Unersetzliches fehlt, daß ihr ungeheure Werte geraubt wurden und sucht tastend nach 'einem neuen Inhalt für ihr leeres Dasein. Und sucht ihn auch bei der zu Zeiten so verhöhnten, als Friedensstörer verfemten Orthodoxie. Die jüdische Seele des Westens sucht den jüdischen Geisll Aber auch die jüdische Volksseele im Osten ist erwacht. Sie fühlt nicht nur, sie weiß und erkennt mit absoluter Deutlichkeit, daß ihr etwas gefehlt hat: die Fähigkeit, ihr eigenes politisches und materielles Sein — so weit dies in Menschenhand liegt — selbst zu formen. Sie war bis jetzt geführt, nicht immer in ihrem Sinne. Nun aber will sie in dieser Welt der Dinge mitzureden haben. In dieser Sehnsucht nach Welt, liegt ein Vergleichspunkt mit den Strömungen im Westen vor ' hundert und mehr Jahren. Aber sie hat von' den verhängnisvollen Sünden des Westens die Lehre gezogen und will nicht diese Sünden wiederholen. Sie wird ihren Anteil an Welt nicht erkaufen um Erbgüter, die im Westen so gedanken- und gewissenlos verschleudert wurden, daß wir noch heute darunter leiden. Die jüdische Volksseele des Ostens — soweit sie nicht fremdem Einfluß bereits erlegen ist — die große Masse der Treuen und Jüdischen wird nicht nur nichts von den vererbten heiligen Gütern preisgeben, sondern sie will mit ihren Lehrern und Führern sich eine von der Tauroh bestimmte, von ihr gestaltete Welt erarbeiten. Dies gilt für alle Gebiete: Erziehung, Wirtschaft, ja selbst politische Arbeit. Und diese Sehnsucht nach einer den höchsten Ideen dienstbar gemachten, ihren Stempel tragenden, von ihnen gestalteten Welt lebt vielleicht noch brennender in der Seele des denkenden gesetzestreuen Juden im Westen, weil er soviel Abfall sieht, weil er diese Fragen mit dem gleichen Verantwortungsgefühl wie der ostjüdische Gesinnungsbruder, aber bewußter und zusammenhängender durchdenkt und durchlebt. Dieses heiße Sehnen ist in der Agudo verkörpert. (Fortsetzung folgt.) Discite moniti! Von Dr. Raphael Breuer in Aschaffenburg. I. Da stand vor kurzem in der Wiener Jüdischen Presse ein treffliches Wort von der Entrüstung, mit der vor 50 Jahren in Deutschland die Gegner Hirschs und Hildesheimers in der Austrittsfrage die inzwischen von der Entwicklung