Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450302--71215-2528502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 16 Nr. 16/17 Der Israelit dis Flaschs in den Schrank und begab sich nach Hause, um den gestörten Nachtschlaf nachzuholen. Wie sie am Morgen mitten im Gebete standen. wurde die Türe wuchtig aufgerissen und herein stürzte der Pascha mit vielen Beamten, Hinte - ihnen viel Volk von der Straße. Todesschrecken bemächtigte sich der Beter, allein der Schammes blieb unbeweglich und ruhig auf seinem Platz. Draußen umringten Soldaten mit gezogenem Schwert das Gotteshaus. Zunächst stand der Pascha betroffen von der Weihe und Stille des heiligen Ortes da. Dann aber erinnerte er sich seines Amtes und ordnete eine Haussuchung an. Man suchte überall und fand nichts. Abu Alkusch führte aber die Beamten an den Schrank und sprach: „Hier ist das Christenblut aufbewahrt." Man holte die Flasche heraus und prüfte den Inhalt. Es war reiner Wein. Abu Alkusch stand bestürzt da und rief in seiner ersten Aufregung: „Es gibt einen Gott in Israel, der Wunder an seinein Volke vollzieht!" Abu Alkusch wurde noch am gleichen Tage getötet, seitdem ist es aber Brauch in der „Churba" zu Ierusalem, keinen Wein mehr aufzubewahren und kein öffentliches Kidusch zu machen. Nene Sederlieder. Von Heinrich Einstädter. I. Des Lebens Seder. ,, Kadesch u r ch a tz " als erste Mahnung Schreibt euch die alte Ordnung vor. „Ihr seid ein heilig Volk von Priestern!" Hallt's noch vom Sinai euch im Ohr. Drum weihet euch dem Dienste Gottes Und reinigt von den Fehlern euch! Dann werdet ihr durchs Leben schreiten Den gottgesandten Engeln gleich. Ihr werdet mit den Dürftgen teilen. Was ihr besitzt an Geist und Gut- Für Matzo und für Moraur danken Dem Herrn, bei dem das Schicksal ruht. Ihr werdet segnend nur genießen. Was euch der güt'ge Vater reicht, Iisroels Pflicht in Demut üben; Bescheidenheit der Matzo gleicht. Dann werdet bis zum Schluß ihr bleiben In Gottes Schutz des Lebens froh Und noch in euren späten Tagen Aufjubeln laut: Halle!, Nirzo. II. Lej! Schimmurim. In trüber Nacht durch Nebeldunst Irrt müd' ein Wandrer einst allein am Strand. Das Haupt gebeugt, den Blick gesenkt, Wankt trostlos er dahin durch tiefen Sand. Sein Glück war Glas, sein Reichtum Schein: An einem Tage sank der Glanz ins Meer. Das Gut zuerst, danach der Stolz — Und Hoffnung, Zuversicht dann hinterher. Er wünscht den Tod als einzig Ziel, Daß bald zu Ende sei der Leiden Lauf. Da taucht aus Dampf, aus Nebelglast * Ein Häuschen vor ihm in dem Düster auf. Er tritt hinzu. Am Sedertisch Steht er geblendet von der Lichter Schein. Acht Augenpaare blitzen nach ihm hin EZtaunt die Frage: Wie kommst du herein? Doch nicht der Mund fragt jetzt den Gast: Man lädt vielmehr ihn freundlich ein zum Mahl: „Sei uns willkommen, Mann, zum Seder hier!" Da schüttelt er das Haupt in bittrer Qual. „Ich und ein Fest? Mich hält der Schmerz Mit Eisenkelten hart in Kerkers Nacht." Da zeigt der Greis, der oben thront, Ihm die Hagada, und sein Auge lacht. „Hier heißts von Ihm. der ewA lebt, Dem wir heut' singen mit gehobner Brust: „Er führt vom Leid zum Freudentag, Aus Nacht und Knechtschaft zu der Freiheit Lust." „Das galt einmal," der andre seufzt, „Als noch die Hoffnung lebt' und Zuversicht." „Du irrst, o Fremdling," spricht der Greis, „Aus tiefstem Dunkel geht der Weg zum Licht. Nicht unsren Vätern nur. auch uns Hilft wunderbar Gott aus Gefahr und Not. Nur glauben mußt du und vertraun Und kindlich folgen göttlichem Gebot." Da nickt der Gast und blickt empor In stiller Inbrunst und mit heißem Flehn. — Schau! Hinter ihm vom Schlafgemach Sieht man die Türe jetzt halb offen stehn. Ein Iüngling ists, den man erst heut' Aus wilder See in Sicherheit gebracht. Den noch der Wahn, des Fiebers Traum, Bis jetzt gefangen hielt in Geistesnacht. Er steht und schaut und fasset kaum Die Worte, die sich drängen an sein Ohr. Doch nun ein Schrei: „Mein Sohn! Mein Sohn!" Der Fremde wankt. Der Iüngling stürzt hervor. Ein Schluchzen nur, ein lautlos Wort, Umarmung, Tränen, unfaßbares Glück. — — So zeigt sich klar und wunderbar Ein göttlich Wirken auch der Kinder Blick. Sie fühlen all die Nähe hehr Des Herrn, des Gnadenwunder hier geschieht, Und preisend, dankend jubeln sie Aus voller Seele ihm ein Neues Lied. Mazzo und Schn»so r. Eine schwierige Rambam-Stelle. Von Dr. Felir Kanter in Zwittau (Mähren). Der »"a»n in 'inaVn n"ö isw m2Vn entscheidet: Wer irrilp bläst, um es zu lernen, hat die Pflicht nicht erfüll! rr» Kr kV nsw nrpna pojman- Der Grund hierfür wird im Traktat Rosch-Haschana 2 8a und b angegeben, und zwar n:i2 niD’is ms», bei Ausübung einer ms» muß man die Absicht und den Vorsatz haben, diese ms» zu erfühlen. (Vergl. auch nVi^n *1K2 zu Orach Chajim. Kap. 589, Abs. 8). Hingegen lehrt der »"»an: Wer ns» ohne Absicht und Vorsatz gegessen hat, z. B. wenn ihn Räuber zwangen, ns» zu essen, der hat diese Pflicht trötzdem erfüllt. Vergl. rs nsai p»nni2Vn ä*an*v Daraus geht unzweideutig hervor, daß nns pns orK msa» welche Entscheidung in direktem Widerspruch zu der vorgenannten steht, worauf übrigens schon an Ort und Stelle aufmerksam gemacht wird. Dieser Widerspruch ist umso ausfallender und krasser, als nach der zitierten Talmudstelle (Rosch-Haschana 28 a, b) beide Fälle in gleicher Weise zu beurteilen und voneinander abhängig sind. In beiden Fällen handelt es sich um die Kardinalfrage, ob rni2 mms ms» oder nicht. Was in dem einen Falle maßgebend ist, muß auch im zweiten Falle gelten. Der»"»»» aber entscheidet in jedem dieser Fälle anders und gerät daher nicht nur mit der zitierten Talmudstelle, sondern mit sich selbst in Widerspruch! Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen und zu lösen? Derselbe Widerspruch ist auch in Orach Chajim vorhanden und es ist auffallend, daß keiner der Dezisoren darauf aufmerksam macht (wenigstens in der Ausgabe, die mir vorliegt). Im Orach Chajim, Kap. 475, 4 heißt es: Wer Mazzo ohne ,*U12 ißt, z. B. wenn jemand von Räubern dazu gezwungen wurde, erfüllt trotzdem seine Pflicht. Im Orach Chajim, Kap. 589, 8 aber heißt es: Wer die Schauforstimme hört ohne nai2 z. B. wenn jemand Schauforstimme bläst, um zu üben oder zu lernen, er¬ __ . 17. April 1924 füllt diese Pflicht nicht, weil eben die rni» fehlt — ein Widerspruch, auf den, wie erwähnt? niemand aufmerksam macht. Beachtet man aber genau den Wortlaut der zitierten Talmudstelle (Rosch-Haschana 28) und den Wortlaut im ‘»"2»*v dann finden wir des Rätsels Lösung mit Leichtigkeit. Im Talmud heißt es ns» V2K1 ik»2 „man hat ihn genötigt und er hat Mazzo gegessen." Im traan aber heißt es: Vi»kV wvvV iK »"12V imoiKW po mi2 kV» ns» V»k „Wer Mazzo ohne mn» gegessen hat, z. B. wenn ihn Heiden oder Räuber gezwungen haben, Mazzo zu essen" usw. Nach dem Talmud bezieht sich der Zwang (die Nötigung) nicht auf das Essen von Mazzo, sondern auf etwas anderes. ns» V2K1 1K£D» d. h. er wurde genötigt (zu etwas anderm) und er aß unbewußt Mazzo, und zwar in der Weise, daß er über-- Haupt nicht wußte, daß es Pessach oder daß' der Gegenstand, den er ißt, Mazzo sei. Nach dem »"»»»aber bestand die Nötigung ausschließlich und hauptsächlich im Mazzo-Essen. i,tunket Vi2kV D"l3sr „die Heiden oder die Räuber zwangen ihn, Mazzo zu essen." Dieser Zwang und diese Nötigung ist grundverschieden von dem Zwang und der Nötigung, von denen im Talmud die Rede ist. Demnach handelt es sich um zwei grundverschiedene Fälle, und der.Schluß, den der Talmud zieht, läßt sich auf den Fall, den der »"»»» anfitfjrt, überhaupt nicht anwenden. Diese Behauptung scheint im ersten Augenblicke gewagt, sie findet aber ihre Bestätigung im Orach-Chajim, Kap. 475, 4, wo es wörtlich heißt: »'vvV ik »"las inioüKw p» n:i2 kV» ns» V»k a"n Kimm nos nV'Vrnr? inr» Kinw p» rrr Vi2K^ nt pw iK bin Kinn »i»v mn »k V»k ns» nV’2Ki Kr kV ns». Demnach fallen alle Fragen und „Schwierigkeiten" von selbst weg. Der »"»»» (wie auch Orach-Chajim) stehen auf dem Standpunkte, daß nro mans ms»' daher erfüllt der die ms» von ILM nsrpn nicht, der Schofar bläst, um zu lernen oder sich darin zu üben. Wer aber gezwungenermaßen ns» ißt, kommt es auf die Art des Zwanges an. Wird er gezwungen, ns» zu essen und weiß dabei, daß es nvs ist und das, was er ißt, ns» ist, dann hat er seine Pflicht erfüllt. (Vergl. darüber Tossaphot in Pessachim 115 a). Wurde er gezwungen, ns» zu essen ohne zu wissen, daß es Mazzo oder daß es Pessach ist, dann hat er die Pflicht nicht erfüllt, — Man sieht aus diesem kleinen Beispiel, wie genau jeder Ausdruck des »"»»» zu beachten ist. Bücherbesprechungen. nVapm »»».»-Schrift und Tradition von Rabbi Jakob Zw i Mecklenburg. Verlag I. B u l k a, Nürnberg. Der um die jüdische Wissenschaft sehr verdiente Verlag hat wieder ein großes Werk, das längst vergriffen war und wegen seines für den Bibelforscher unentbehrlichen Inhalts sehr gesucht war, erscheinen lassen. In ganz eigener origineller Art löst der Verfasser das Doppelproblem, das jeden Bibelforscher bewegt: einerseits die heilige Schrift mit der Tradition in Einklang zu bringen, anderseits den sich so ergebenden Wortsinn grammatisch und ethymologisch zu begründen. Seine souveräne Beherrschung des Stoffes offenbart sich in der umfassenden Zitierung von pn mm zur Unterstützung seiner geistreichen, oft überraschenden Erklärungen, die immer wissenschaftlich fundiert sind. So wird uns die innere Einheit von Schrift und Tradition in überzeugender Weise demonstriert. In welch idealer Form der Verfasser von nbapm aron die ihm gestellte Aufgabe auch gelöst hat, beweisen Männer wie Hirsch und Hoffmann, die in ihren Kommentaren zur Thauro sehr viel aus den Ausführungen von nVapm aron verwendet haben. In seiner Einleitung zu Leviticus meint Hoffmann, daß nVa?m avan soviel des Guten enthalte, daß es von einem' jeden gelesen zu werden verdient. Die Vereinbarung von Schrift und Tradition ist Mecklenburg besonders gelungen. Mit außergewöhnlich starkem Impuls sucht gegenwärtig das Judentum die in ihm ruhenden religiösen Kräfte zu vertiefen und zu konzentrieren. Wir erleben so eine bedeutsame, religiöse Erneuerung. Diesen Prozeß zu unterstützen und zu fördern, ist gewiß heilige Pflicht aller Berufenen innerhalb der Juden heit; das Sepher von Mecklenburg ist besonders dazu geeignet, die neu erwachten Kräfte zu stärken. Die Güte des verwendeten Papiers sowie die ganze äußere Ausstattung genügt auch den verwähntesten Ansprüchen. Dr. A. Neuro ir th, Halberstadt.