Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450302--71214-2528501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16/17 Seite 15 17. April 1924 _,_ Blumen schauet man am Boden. Die Zeit der Lieder ist gekommen!" ,;Mir ists," sagte leise die Schwester, „als ob diese Worte aus der unendlichen Tiefe der Nacht heraustönten. Als ob die schwellenden Baumknospen sie heimlich flüsterten oder die gleichmäßig kreisenden Sternbilder sie niederklingen ließen. Aus ihnen singt das ewig gleichbleibende Jauchzen der Natur ob ihrer Auferstehung." „Ja, durch Schir hafchirim zieht der betäubende Geruch frisch aufgebrochener Erde; aus 'ihm heraus weht der Frühiingswind, der im Herzen unbewußte Sehnsucht quälend weckte. Und sonderbar! Solange ich das „Lied der Lieder" nicht gelesen habe, fehlt mir in jedem Jahre die Empfänglichkeit für die Schönheit des neuen Werdens." In das Himmelsgewölbe riß eben eine Sternschnuppe einen feurigen Streifen, den ein ganzer Wirbel glänzender Lichtpunkte umstäubte. Doch schon lag über jenem fernen Geschehnis das Licht des Mondes wie eine leichte Gaze- Aus dem hell erleuchteten Raume aber klang die warme Stimme: „Was ist dein Freund vor andern? o, du der Frauen Schönste?" „Mein Freund ist weiß und rot; sein Haupt das feinste Gold. Seine Locken kraus und wallend wie schwarze Rabenfeder. Die Lippen rote Rosen, sein Gaumen Süßigkeit! So ist mein Freund, mein Liebster, ihr Töchter von Jerusalem!" Die Schwester hielt ihren Kopf — sinnend in die Weite blickend — aus die Hand gestülpt. „Welch glühende Sprache!" entfuhr es ihr. „Wie leuchten doch die verwendeten Farben in aller Sinnenfreudigkeit!" „Weißt du auch, meine liebe Ella, daß gerade Dieser lebhaften Tönungen halber bei der Sammlung unserer heiligen Schriften ein tiefgehender Streit der Geister einsetzte, ob das „Hohe Lied" überhaupt in den Kanon ausgenommen werden dürfe? Erst als die Auffassung durchdrang, daß es sich hierbei keineswegs um die Darstellung irdischer Liebe handle, daß vielmehr das innige Verhältnis Sulamits-Israels zum ewigen Gotte gezeichnet werden solle, erfolgte seine Einreihung." Die Schwester war» hastig aufgesprungen. Ihre schlanke Gestalt stand wider den hellen Nachthimmel, wo der Mond bereits zum Niedergang sich anschickte. Und mit einer Geste, als wolle sie all das Schlafende ringsumher zur Hilfe herbeirufen, brach es aus ihr voll des innersten Gefühls: „Weshalb war es notwendig, dieses Lied der Liebe in solchem Sinne heilig zu sprechen? Ist denn die Liebe bei uns eine Sünde, weil man ihre Schilderung verpönt!" Da strich ihr eine weiche gütige Hand die blonden Haare aus dem brennenden Gesichte. Die Mutter war hinter sie getreten und zog die von den vielerlei Spannungen dieser seltsamen Nacht Erregte zu sich heran. „Meine Tochter, das Judentum verlangt keine Askese! Die Liebe ist auch nach seiner Anschauung notwendigerweise im Schöpfungsakte inbegriffen. Aber indem es den reinen Sinnengenutz als ungöttlich streng verwirft, versucht es die menschliche Liebe vor dem Schalwerden zu bewahren. Unsere Weisen waren Menschen wie wir mit glutvollem Herzen und fieberndem Blute. Ihre Augen jedoch sahen deutlicher unsere Schwächen und ihr grübelnder Verstand merkte ungetrübter die irdischen Zusammenhänge. Und wer in der Liebe höchsten und letzten Genuß erblickt, den wird es einmal vor der Welt frösteln, wie es dir geschieht, wenn nach einem Feste der aufdämmernde Morgen die in Unordnung geratenen Tische mit ihrem verbrauchten Schmucke wesenlos beleuchtet." Neue Bahnen. Von Karlheinz Arens. (Mit zwei Bildern.) Es kann nicht die Aufgabe einer gewissenhaften Kunstkritik sein, die bedauernswerten Entgleisungen unserer in allen Fugen erschütterten Zeit zu unterstützen, die Kometen gleich am Kunsthimmel auftauchenden Modegötzen mitanzubeten. Mag Irreführung moderner Kunstzeitschriften auf Unkenntnis oder rücksichtsloser Spekulation beruhen, dem Volke und der Kunst ist damit nicht gedient, daß Sensation den Markt beherrscht. Das Kunstwerk soll Kräfte des Gemüts erwecken und Sache des Künstlers ist es diesen Kräften Leben zu geben, die zur Veredelung des Innenlebens führen. Eine Zeit wie die unsere, erfüllt von Zerfahrenheit und Aberglauben, kann nur wenige Künstler hervorbringen, die solche Kräfte des Gemüts zu lösen imstande sind. Ziellosigkeit und innere Leere zeichnen die meisten Erzeugnisse unserer Zeit aus. Während falsche Grützen von sich reden machen, werden die still Ringenden übersehen. Angesichts des Wirrwars, der zurzeit noch bei den bildenden Künsten herrscht, ist es deshalb gut auf Künstler zu stotzen, die nicht Mitläufer um jeden Preis sind, sondem in zielbewutzter und zäher Entwicklung ihr Ich entfallen. Der Israelit Was Siegfried Gillis' Federzeichnungen auszeichnet — zu einer Zeit frech-plntter Seinsverhimmelung — ist Verinnerlichung, seelisches Insichversponnensein und Religion. Man kann seine Zeichnungen in drei Serien einteilen: Charaktertöpfe des Ostjudentums, die Zeremonien des orthodoren Judentums und als dritte Serie biblische Motive. Die Charakterköpfe geben uns ein getreues Abbild der jüdischen Rasse. Siegfried Gillis ist es gelungen letzte künstlerische Feinheiten herauszuholen. Wles ist Leben an diesen Zeichnungen, jede Runzel der von langen Bärten umrahmten, durchgeistigten Gesichter erzählt von dem tragischen Geschick des jüdischen. Volkes. Im Disput glaubt man die U, '#■> xm:- Charakterkopf von Siegfried Gillis. überzeugungstreue, durch Gebärden unterstützte Sprache des Rabbiners zu vernehmen, während sein Gegenüber zur Vortäuschung von Ruhe und Überlegenheit seine Hände in den Hosentaschen vergraben hält. Meisterhaft gelungen sind Siegfried Gillis die Zeichnungen „Heimatlos" und „Von Land zu Land" (Mserez-Leerez). Ueber vereiste Schneefelder der russischen Steppe schleicht der alte Jude gebeugt unter der Last seines Hab und Gut enthaltenden Bündels, von Haus und Hof vertrieben. „Von Land zu Land" veranschaulicht den tragischen Gipfelpunkt des jüdischen Volkes. Spät Jeremias. Federzeichnung von Siegfried Gillis. am Abend ist der alte Jude in einem kleinen Städtchen angelangt. Vergebens hat er an alle Türen gepocht, um Einlatz und Asyl wenigstens für eine Nacht zü erbitten. Auch das hat man ihm verweigert. So hat er sich denn mit dem seiner Rasse eigenen Stoizismus entschlossen, die Nacht vor der letzten Tür, die ihm verschlossen blieb, zuzubringen. Der Schalten der Nacht senkt sich auf ihn herab, sein Bündel hat er neben sich gestellt, fröstelnd lätzt er Arme und Schultern sinken und traumhaft zieht er seine Fütze an. Von den religiös-zeremoniellen Zeichnungen seien genannt: „Im Gebet"; ein alter Jude, im Gebet vertieft, den Gebetriemen (Tfillin) um den Kopf geschnürt, während seine Lippen ein Gebet murmeln, welches seine Vartspitzen vibrieren lätzt; ferner der „Vorsänger" (Chason beim Tfilloh), angetan mit dem Gebetmantel, am Gebetpult die Arme voll Inbrunst zum Himmel gerichtet, verklärt sein Gesicht der Ausdruck tiefinnerster Frömmigkeit. Autzerdem gehören dieser Sammlung noch an: „Das Klopfen". „Verlesen des Buches Esther", „Das Mondgebet". Von der dritten Serie, die sich biblischen Motiven entlehnt, erschienen bisher: „Jeremias" und „Moses". Von der Zeichnung „Moses" sei noch hervorgehoben die neue Art der Darstellung. Abweichend von dem bisher Gesehenen, wo Moses die Gesetzestafeln in seinen hocherhobenen Händen hält, um sie zu zerschmettern, hat Gillis den Moses dargestellt, wie die Trümmer der Gesetzestafeln bereits zu seinen Fützen liegen und Moses schinerzerfüllt seine geballten Fäuste an das Gesicht pretzt. Siegfried Gillis' Kunst ist modern in der Feinfühligkeit der Empfindung, im Streben zur Rückkehr zum seelischen Ausdruck. In allen seinen Schöpfungen tritt uns eine persönliche Note, gepaart mit individueller neuer Auffassung, entgegen. Sparsamste Geste und Entsinnlichung alles Körperlichen adeln seine Werke und lassen nicht zweifeln, datz Siegfried Gillis zu den wenigen Auserlesenen gehört und sich den Platz unter den Grotzen erobern wird, der ihm gebührt. lttinderecke. Wer Andern eine Grube gräbt . . . l. In Jerusalem lebte einst ein Renegat mit Namen Abu A l t u s ch, der seine früheren Glaubensgenossen bitter Hatzte. An einem Freitagnachmittag schlich er sich ungesehen in die „Churba" genannte Synagoge ein, holte den im Schranke aufbewahrten Kiduschwein heraus, leerte ihn und gotz in die Flasche Blut hinein. Kein Mensch wutzte um das Kommen und Gehen des Eindringlings. Frohgemut ob des Gelingens seines Streiches eilte Abu Alkusch nach Hause. Schon morgen in aller F.ühe wollte er den Behörden Anzeige erstatten, datz die Juden Christenblut in ihren Synagogen gebrauchen, und er freute sich dämonisch, wie sich die Horde mordend und plündernd auf die Juden stürzen würde. In der Vorfreude schlief Abu Alkusch die ganze Nacht nicht und schon die erste Morgenstunde sah ihn beim Pascha, bei dem er die fürchterlichste Verleumdung gegen seine früheren Glaubensgenossen anbrachte. n. In der gleichen Nacht konnte aber auch der Synagogendiener keinen Schlaf finden. Wie er aber einschlummerte, hatte er einen merkwürdigen Traum. Ein würdiger Greis erschien vor ihm und sprach: „Eile, was du kannst, die Synagoge steht in Flammen!" Erschrocken erhob sich der Schammes von seinem Lager und lief ins Gotteshaus. Es war kein Feuer zu sehen, aber die Türe stand auf. Sein erster Blick fiel auf die Thorarollen, die waren in Ordnung. Da fiel sein Auge auf die Weinflasche, die auffällig matte Farbe hatte. Es schien ihm etwas nicht geheuer und er roch an der geöffneten Flasche. Es roch nach Blut. Die Sache war sehr rätselhaft, aber ohne limge Ueberlegung gotz er den Inhalt aus, spülte die Flasche sauber aus und füllte sie mit neuem Wein. Dann stellte er