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Der Israelit · 1924-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1924) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1924)
Date
1924-04-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Verte 14 Nr. 16/17 Der Israelit 17. April 1924 Himmel ein ganz bekanntes Gesicht. War es möglich? Aber zum langen Aeberlegen ist keine Zeit. Ich greife nach meinem Hut, setze ihn auf den Kopf und spreche ganz laut: „Gesegnet, der von Seiner Herrlichkeit einem Menschen von Fleisch und Blut zuteilwerden m - - Da sieht mich der Herr mit Augen an, die wie glühende Spieße mich zu durchbohren drohen. „Was faselt da der Jude?" fragt er in deutscher Sprache. „Nur keine Angst, Iisroel," spreche ich mir selbst Mut zu. Kommt die Angst, so ist das Spiel verloren. Und schon liege ich auf den Knieen und rede russisch: „Der Herr und Kaiser kann sein geheiligt Antlitz nicht verleugnen. Wir sehen es täglich auf den Bildern an den Wänden unserer Häuser. Und wenn mir jetzt die große Gnade geworden ist, das erlauchte Antlitz zu schauen, so muß ich den Segensspruch sagen, so befiehlt es das heilige Gesetz." „Was welscht da der Mann?" fragt der Fürst wieder, als verstehe er kein Wort Russisch, das Auge nach dem Verwalter gerichtet. Da der Verwalter wie in den Boden geschlagen dasteht und kein Wort findet, rede ich weiter, und erst recht russisch, übersetze den Segensspruch und erkläre dessen Sinn. Ein Lächeln huscht für eine kurze Weile über das strenge Gesicht. Dann steht der Fürst wieder streng und unerbittlich da mit kalten Augen und stechenden Blicken. Aber der Ton klingt gar nicht mehr unfreundlich, als er da in deutscher Sprache sagt: „Höre Jude, .Kaiser hin, Kaiser her. Sei kein Narr. Vor dir steht kein Kaiser, sondern ein Waldbesitzer, mit dem du Geschäftchen machen willst. Wieviel glaubst du bei dem Geschäfte zu verdienen?" Und er spricht das Wort Geschäft und Geschäftchen so aus, als wäre dieses nichts anderes als 'eitel Schwindel und Betrug. „Auf großen Verdienst habe ich von Anfang an nicht gerechnet," sage ich ruhig, „aber nun ist schon Verdienst gar Nebensache . . „Du bist mir ein ganz kluger . . Und der grotze Herr lächelt. Und wenn ich noch je daran gezweifelthätte, so sehe ich es jetzt: ein Mansch wie alle Menschen. „Wieviel zahlt der Jude?" wendet sich der Herr an den Verwalter. Der Verwalter nennt eine Zahl. „Willst du noch was darauf geben?" richtet jetzt der Besitzer die Frage an mich direkt. „Wieviel befiehlt der hohe Herr?" „Noch zweitausend." „Zu Befehl!" rufe ich wie ein echter Soldat. „Kluger Jude", lacht der Herr mit dem ganzen Gesichte und winkt, datz wir gehen konnten. Wie ich hinauskomme, werde ich von der Dienerschaft und sogar von Herren mit blinkenden Knöpfen begrüßt, als wäre ich selbst ein Fürst oder so was ähnliches. „Ein kluger Jude", loben sie alle. Ich kann mich nicht genug wundern, warum sie mich alle so ehren und mich einen „klugen Iuden" rühmen. Welche Klugheit wohl darin steckt, mit einem Menschen wie ein Mensch zu reden! Wir Iuden hatten schon viele große Herren und sind mit ihnen allen fertig geworden. Einen Herrn haben wir, den sollen wir fürchten, und ihm sollen wir dienen, es ist der Herr der Welt, der Gott Israels. Ein Geschäft haben wir mit dem Walde gemacht, allen guten Iuden gesagt! Unsere neue Schul und das große Lehrhaus, die so schön und geräumig dastehen, sie waren erbaut von den ersten gefällten Eichen aus meinem Walde. Und in Königsberg, Danzig und Leipzig erinnert mau sich heute noch meines Namens sehr gut. Eine ganze Welt sprach davon. Ich Hab ein ganzes Leben in Stille und Ruhe verbracht, sehr viel Tillim gesagt und zuweilen auch sonst in ein heiliges Buch hineingeschaut. Habe vielleicht auch manch gutes Werk an Mitmenschen getan. Wer achtete darauf, wer sprach davon? Täglich dreimal halte ich stille Zwiesprache mit dem Herrn der Welt und in jeder Minute meines Lebens bin ich ihm nahe. Wen kümmert das, wer macht sich was daraus? Weil ich aber einmal die Bekanntschaft eines großen Herrn gemacht und mir beschieden war, drei Worte mit ihm zu tauschen, sucht alle Welt meine Freundschaft. Ich wurde gesucht, gefeiert. Und mein Geschäft? Nun ihr wißt ja, ich rühme mich dessen nicht gern. Aber es fing von dem Momente ab an. So sind die Menschen. . . Aber was ich euch hauptsächlich erzählen möchte: Es war nicht das letztemal, daß ich mit dem großen Herrn zusammenkam. Zehn Jahre später stand ich wieder vor ihm. und zwar in Petersburg. Und das Geschäft war womöglich noch ein besseres. Es hatte damit folgende Bewandtnis: In unserer Nähe brannte eine ganze jüdische Stadt bis auf den Grund ab. Die Bewohner hatten buchstäblich kein Hemd auf dem Leibe und kein Brot für den Tag. Der Iammer war unbeschreiblich. Wir taten, was wir konnten und gaben das letzte her. Aber es war alles wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir teilten mit den Leuten unseren Bissen. Aber wie sollte 'denn den vielen Hunderten Häuser errichtet, Obdach geschaffen werden? Es wurde beschlossen, zwei Sendboten nach Petersburg zu schicken, um dort bei den reichen Iuden für die Unglücklichen zu sammeln. Die Wahl fiel auf den Rabbi der abgebrannten Stadt und auf mich. Also war ich ein Abgesandter der Gemeinde, und da gab es kein Zögern. So fuhr ich mit dem alten Rabbi nach Petersburg. Wir gingen dort von Haus zu Haus. Es wohnten damals nicht viele Juden in Petersburg und die wenigen waren nicht besonders wohlhabend. Aber immerhin konnten sie etwas geben, während in der Provinz die Armut so groß war, datz nirgends ein Groschen zu haben war. Eines Tages, da wir. der Rabbi und ich, so in Pelz und Streimel mitten im lebhaftesten Verkehr einer Petersburger Hauptstraße stehen, ruft es: „Halt!" Eine Polizeipatrouille hält uns an: „Woher und wohin, ihr Iuden? Habt ihr Paß? Habt ihr Wohnrecht?" Daran hatten wir freilich nicht gedacht, und wir mußten mit aufs Revier, und von dort ins Gefängnis, wo es nicht gerade lieblich aussah. Unsere Sammeltätigkeit schien ein Ende erreicht zu haben. Der Rabbi war zu Tode erschrocken und sprach schon etwas von Sibirien. Ich aber sagte: „Nur keine Aufregung. Ich kann noch mit hohen Herren sprechen, wenn es sein muß.. Dieser Rabbi allerdings, ein sehr ehrlicher, frommer Mann, der nie in seinem Leben Geschäfte gemacht hat und daher nicht wissen konnte, datz man zuweilen auch die Wahrheit verschweigen muß, hat uns bös hereingelegt. Er erzählte auf dem Revier, bevor ich ihn warnen konnte, treuherzig den Zweck unserer Petersburger Reise und die ganze Geschichte mit der abgebrannten Stadt und glaubte noch, damit auf die Herren Schreiber und Polizisten Eindruck zu machen. Diese aber fragten nur nach den Namen der Iuden, die wir besucht hätten und deren Wohnung, und sie schrieben sie auch genau,auf. Ich sah das Unglück, aber es war zu spät. Es war mir klar, daß unter diesen Iuden welche sind, die nicht angemeldet sind oder mit deren Wohnrecht sonst irgendwie nicht ganz in Ordnung war. Ich faßte den Entschluß, nicht eher Petersburg zu verlassen, als bis auch diesen Leuten geholfen würde. Und was meint ihr? Es ist geglückt! Die .Schriften und der Vertrag, die ich immer bei mir hatte und die Geschichte mit dem Wald und dessen Besitzer, sie wirkten Wunder. Der Rabbi und ich, wir waren wieder auf freiem Fuß, mutzten uns nur verpflichten, auf dem nächsten Wege nach Hause zurückzukehren. Ich aber sagte? Gemach! Ich hätte noch ein kleines Geschäft zu erledigen, gerade in Sachen des Waldes, mit dem Besitzer desselben ... Ich erfuhr, daß ein halbes Dutzend Juden von denen, die wir besucht hatten, in Haft waren und ihrer Austreibung entgegensahen. Da hieß es etwas tun, und möge es das Leben kosten! Es war nicht gerade leicht, aber es ging. Ich bekam Einlaß bis zum Kaiser. Die Verträge, der Wald, das wirkte. Und wie ich vor ihm stand, ihr dürft mir glauben öder nicht, erkannte er mich und wußte noch ganz genau, welche Bewandtnis es mit dem Segensspruch hatte, den ich natürlich gleich wieder hersagte. Als ich reden durfte, erzählte ich kurz die Geschichte. und nannte die Namen der Verhafteten. „Warum hat man sie verhaftet?" fragte der hohe Herr. „Sie hätten kein Wohnrecht, sagt die Polizei." „Sie sollen es von heute ab haben," erwiderte der Kaiser kurz und winkte, daß ich gehen konnte. Ich zauderte aber. „Na. noch was?" „Und was soll mit den Unglücklichen in der abgebrannten Stadt werden, die kein Dach über dem Kopfe haben?" „Fahr heim, es wird ihnen geholfen werden. In meiner Residenz wird nicht gebettelt und werden keine Spenden gesammelt ..." Und nun glaubt ihr etwa, das Kaiserwort wurde nicht gehalten? Kaiser bleibt doch Kaiser. Wie wir heim kamen lag schon Befehl da, aus den Staatswäldern soviel Holz an die Leute herzu geben, als sie zum Wiederaufbau ihrer Häuser, der Schul und der Lehrstätten brauchen. Die Bezahlung wird gestundet bis in unbegrenzte Zeiten. Der Greis hatte seine Geschichte beendet. Und seht ihr, schloß er, ich lasse auf keinen Menschen etwas kommen, und wenn es auch.der grausame Nikolaus ist. Jeder Mensch trägt das Ebenbild Gottes auf seinem Gesichte und hat seine guten Minuten. Man muß nur das Glück haben, sie auszunutzen. . . Schir-haschirim. Von S. Brückheimer in Marktbreit. Weißlichgelbes Mondlicht floß in milden Strömen durch weite Himmelsräume. Die Schatten der hochgegiebelten Häuser des kleinen Städtchens lagen wie die Körper wilder Tiere in den lautlosen Straßen. Die gespreizt ausgestreckten Pranken dieser gespenstigen Ungeheuer wurden von den Silhouetten der Drachenköpfe, Schnecken und Hörner gebildet, die als alte Zierraten die Ecken der Dachrinnen schmückten. Aber je höher der Vollmond in die dunkle Sammetbläue hineinstieg, desto mehr krochen diese Schattenwesen in sich zusammen; ein schmaler Streifen nur zog sich noch an den Mauern entlang. Und damit war selbst der Phantasie jede Möglichkeit genommen, der jichtseligen Nacht etwas Furchterregendes anzudichten. ' Herausgehoben von den vergangenen Nächten, den winddurchbebten, vom Regen durchschüttelten glitt es — von ewigen Fernen kommend — wie wehende Zauberschleier durch sie hin. Und aus deren vielen Falten troffen in unaufhörlichem Segen traumhafte Ruhe und tief beglückender Frieden: es war die erste Pessachnacht.. Lei! schimurim. — Ein wenig zurückgeschoben von der Hauptstraße lag ein villenähnlicher Neubau in einem ihn rings umgebenden Garten. Die Türe, die zum Balkon führte, öffnete sich und zwei hochgewachsene Gestalten traten bis an die steinerne Einfassung vor. Und wie sie schweigend in das Geäst der knospenden Obstbäume hknabblickten, verspürte» sie den von keinem Laut gestörten Nachtfrieden, und im wonnigen Gefühl des Geborgenseins schlang die Schwester mit einer lieblichen Bewegung ihre Arme um den Hals ihres älteren Bruders. Als dieser nun leise über ihr Gesicht strich, rollte eine Träne, die wie ein Diamant im Mondlichte hell aufblickte, über ihre heiße Wange und fiel hinunter in das Beet der frühen Veilchen. „Meine kleine Schwester weint?" Sie verneinte. Denn ihre von.der glühenden Sederherrlichkeit her noch tief bewegte Seele hätte ihr aus gleichem Grunde ein befreiendes Aufjubeln gebieten können. Unter die Türfassung setzten sich jetzt die Beiden, damit sie der Stimme ihrer Muster lauschen konnten, die im Zimmer nach alter Gewohnheit das „Hohe Lied" laut durchlas: „Der Winter ist vorüber, der Regen längst dahin!

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