Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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bST' Der Israelit nr- ,'g Das letzte Pessachopfer. Was hier erzählt wird, ereignete sich in be;r ersten Pessachnacht in Madrid, in den finsteren Jahren, da nur aus Scheiterhaufen, auf denen Menschenleiber rösteten, Licht aufloderte. deiner war von der Inquisition, die ihre grausigen Fang arme nach allen Richtungen ausbreitete, sicher. Der kleinste Verdacht brachte einen in den liefen Keller, und die Foltermaschinen taten das übrige und bereiteten die Opfer, die sich unter höllischen Qualen zu allem bekannten, in kurzer Zeit für das große Feuer vor, nach dem die Menge schon bestialisch schrie. Um diese Zeit spielte sich auch die folgende Geschichte ab. Im prachtvollen Palaste dss berühmten Ratsherrn Don Serrano war in einem geräumigen tiefliegenden Zimmer, zu dem ein geheimer Gang führte, der Sedertisch aufs herrlichste gedeckt. Dutzende Kerzen beleuchteten den geweihten Raum. Oben an der Spitze des Tisches stand der mit Kissen und Polster bedeckte Sessel für den Hausherrn Don Serrano. 'Daneben noch ein Sessel für seine Tochter Lea, die beim. Hofe und in der höchsten Gesellschaft unter dem Namen Donna Luise bekannt war. r Zehn Stühle. standen ut# den Tisch für zehn geladene Gäste. Gold und Silber und leuchtendes Kristall bedeckten den Tisch in reicher, blendender Fülle. Auf ihrem Platze saß Lea in ihren Festkleidern, ein Gebetbuch in der Hand. Ihre Augen ruhten auf einem großen Bild in goldenem Rahmen an her Wand ihr gegenüber. Es war das Bild der Mutter, die heute vor zehn Jahren in der ersten Sedernacht gestorben war. Durch die geheime Türe, die zu einem anderen Gelaß führte, drangen halblaut liebliche Melodien. Dort waren die Beter versammelt, um tief unten, wo sie die Blicke der feindlichen Welt nicht erreichten, gemeinsam zu ihrem Gotte zu flehen, dem sie oben öffentlich nicht dienen durften, und ihm zu danken für alle Gnaden und Wunder, mit denen er sie durch eine Welt des Hasses führte. Lea war heute mehr mit ihren stillen Gedanken beschäftigt. Der Todestag der Mutter ließ in ihr Erinnerungen aufleben, die sie mit Stolz auf ihre angestammte Religion, aber auch mit Haß und Trotz gegen die Häscher und Verfolger oben erfüllten. Die Melodien im Nebenraum verstummten und langsam ging die geheime Türe auf, durch die an der Spitze seiner Gäste Gabriel Don Serrano in das Zimmer trat. Er tauschte einen herzlichen Festesgruß mit seiner Tochter. Diese wischte sich Tränen von den Äugen. Alle wußten den Grund dieses Weinens und sprachen nichts davon. Aber der Vater sagte doch einiges über die Pflicht der Festesfreude und daß es nicht angehe, -die Freude durch traurige Erinnerungen zu trüben. Don Serrano lud seine Gäste ein, Platz zu nehmen. Es kannte jeder genau seinen Platz noch vom vorigen Jahr und von früheren ' Jahren her. Don Serrano sprach mit einer glühenden Begeisterung, wie ein Kind, das sich nach langer Abwesenheit wieder an die Mutter klammern durfte, das Kidduschgebet, in das die Gäste mit einem lauten Amen einstimmten. Es war ihnen nur selten gegönnt, in gemeinsamem Gebete sich um ihren Gott zu einen. ' Zur gleichen Seit, da die Marranen so um der Seder saßen, huschte durch die dunklen Gassen von Madrid eine dunkle Gestalt, ganz eingehüllt in einen schwarzen langen Mantel. Die Gestalt mied absichtlich den hellen Mondschein und hielt sich immer im Schatten der Häuser. Am Palaste Don Serranos angelangt, blieb der Fremde stehen und schaute spähend nach Fenstern und Türen. Es war nirgends ein Licht zu sehen. Aber der Mann ließ nicht nach, gelangte, eingeweiht, an eine Hintertüre. auf die er mächtig zu klopfen anfing. Drinnen hatten sie sich grade mit den Bechern in der Hand erhoben, und sie beteten: „Und dieses ist es, was unseren Vätern und uns beigestanden hat, denn nicht einer allein stellte sich gegen uns, um uns zu vernichten! . ." „Vater, es ist mir, als klopfte es draußen," unterbrach Lea das Gebet. Die Anwesenden hielten im Gebete inne und horchten aufmerksam. Da überzog Totenblässe ihr Gesicht. Es klopfte wirklich, immer wuchtiger und wuchtiger. Hastig erhob sich Don Serrano. drückte auf einen Knopf, daß zwei geheime Flügeltüren aufgingen. „Wir sind in Gefahr," flüsterte er, man hat uns verraten und scheinbar entdeckt. Eilet, Freunde, von dannen, so schnell ihr laufen könnt, und zwar nehmet Ihr denselben Weg, auf dem Ihr hierher gekommen seid!" In wenigen Minuten waren die Gäste verschwunden. Die Türen gingen zu und schlossen sich, daß sie wie eine festgemauerte Wand aussahen.- Don Serrano knit seiner Tochter blieben drin beim gedeckten Sedertische. Es war keine Zeit mehr zum Wegräumen, das Klopfen an der Türe wurde immer wütendeir. Man mußte durch einen Diener die Türe öffnen lassen. In das Zimmer trat hoch aufgerichtet Don Kellas, der spanische Kronprinz selbst. Vater und Tochter, aufs tiefste überrascht und erschrocken, verneigten sich tief. Don Kellas sah sich sehr aufmerksam im Raume um und sagte streng: „Also ist es wahr, was wir schon längst ahnten. Ihr seid nur nach außen Katholiken, im geheimen aber seid Ihr Juden. Außen ist der Palast in Finsternis gehüllt, innen leuchtet es aber festlich und es bleibt alles gut jüdisch. Ihr glaubt uns narren zu können. Ist dem nicht so, schöne Donna Luise?" Er sah Lea mit Augen bitteren Hasses an. Er hatte sie geliebt, um sie gefreit, war aber zurückgewiesen worden. Jetzt wußte er, warum sie, die stolze Jüdin, die Hand eines späteren Königs ausschlug. Er hatte ihr Rache geschworen und er sah nun die Zeit gekommen . . Eine Weile stand Lea still und niedergeschlagen da, dann hob sie ihr Auge zum Bilde im Goldrahmen gegenüber. Und da schrie es in ihr auf. Die jüdischen Martern von Jahrhunderten schrieen aus ihr heraus: „Ja, ich bin Ijldin und werde es immerfort bleiben!" „Jüdin!" . . . ging es wie im Widerhall durch das Zimmer, und es schien Lea, als würde das Bild in ihren Ruf einstimmen: „Jüdin!" Gabriel Don Serrano mit seiner Tochter wurden abgeführt. Die Inquisition konnte ihre Arbeit beginnen und schon nach wenigen Tagen brannte ein neuer Scheiterhaufen auf dem Quimadiro zu Madrid. Jahrhunderte waren seitdem verflossen. Wir sind wieder in der spanischen Hauptstadt, und zwar im Jahre 1869. Auf dem Platze Quimadiro, der so oft das letzte „Sch'ma" der Märtyrer gehört hatte, drängt sich die Menge. Es ist dieses Mal kein Scheiterhaufen, sondern eine blumengeschmückte Tribüne, auf dem die Führer der Demokratischen Partei Narrido, Kastilla und Ettigaro flammende Reden gegen den Geist des Mittelalters für Gewissens- und Glaubensfreiheit halten. „Spanier," donnert der redegewaltige Ettigaro in die Menge. „Auf diesem Platze stehen wir auf der Asche und den Gebeinen der unglücklichen unschuldigen Opfer unserer ewigen Schande, der verruchten Inquisition. Hier — und er schwang eine goldene Brosche in der Luft — hier ist ein Kleinod, das wir auf den Trümmern gefunden, das den Flammen und dem Zahne der Zeit getrotzt hat. Es ist ein Talisman, der die Brust einer jüdischen Tochter, des letzten Brandopfers, schmückte. Donna Luise Serrano. Ihre ganze Schuld bestand darin, daß sie Jüdin war und sich, von Festesweihe umgeben, frei' zum Judentum bekannte. Die Herrschaft der Inquisition ist längst gebrochen,, aber ihre Ausläufer leben noch in Fanatismus und Intoleranz. Solange wir Ausnahmegesetze haben für Andersgläubige, besonders für Juden, haben wir uns von der Schuld und dem Blute der Inquisition noch nicht reingewaschen. Im Namen der Zivilisation, im Namen der Menschheit, im Andenken an das jüdische Herz, das unter diesem Amulett zu schlagen aufhörte, im Namen dieses letzten Opfers der Inquisition beschwöre ich Euch, edle Spanier, daß Ihr nicht eher ruhet und rastet, bis die letzten Reste dieser finstern Unduldsamkeit geschwunden sind. Es lebe die Freiheit und Gleichheit! . . ." Die Worte und auch der Anblick des Amuletts verfehlten ihren Eindruck nicht. Es formierte sich ein Demonstrationszug zum Senate und zu dem Palaste, wo die provisorische Regierung über die neue Verfassung beriet. Die Führer traten an den Beratungstisch und stellten friedlich, aber kategorisch ihre Forderungen. Noch am gleichen Tag wurde ein Dekret erlassen, das gleiches Recht für alle proklamierte. Der große Herr. Eine jüdisch-russische Volkserzahlung. (Fortsetzung). Das Zeichen kam und man führte uns in einen großen Saal. Eine feierliche Sticke rings um uns herum. Es sieht aus, als wollten selbst die Wände in Angst und Ehrfurcht erschauern. Und ich denke in meinem Innern: »Heiliger Gott, Herr der Welt! Was ist das für ein Wald und was sind das für Menschen und was geht überhaupt vor? Würden die Menschen, Herr der Welt, vor Dir nur den tausendsten Teil von der Angst haben, die sie vor dem großen Unbekannten mit seinen Hunden und Pferden haben, es müßte in Deiner Welt viel schöner und besser aussehen." Mir kann die Sache gar nicht imponieren . . . Mottel aber klammert sich an mich wie ein Ertrinkender. Ich versuche, ihn zu beruhigen, aber er winkt, vollkommen verwirrt, ab. „Psch . . ." Da sich die Sache in die Länge zieht, setze ich natürlich meinen Hut auf und fange an, auswendig Tillim zu sagen. Man ist nicht zum Warten auf dieser Welt und die Minuten sind kostbar . . . Ich weiß nicht mehr, wie lange wir hier so gewartet haben. Ich war schon fast mir dem halben Tillim zu Ende, da lassen sich Schritte hören. Ich sage den Tillimsatz rasch zu Ende und nehme den Hut vom Kopf. Von einem inneren Zimmer geht rasch eine Türe auf und herein schreitet der Herr selbst, hochaufgerichtet, hinter ihm der Verwalter. Ich hebe die Äugen in die Höhe. Das war beim *