Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1924)
- Date
- 1924-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fcHillcion- Beilage Der Israelit Nr. 15 \m Der große Herr. Eine jüdisch-russische VolkserzShlung. In der russischen Geschichte gibt es einen Kaiser, den das Dolksurteil mit dem Namen „der Grausame" gekrönt hat» Johann IV. oder Johann der Grausame. Nikolaus I. stand an Grausamkeit hinter seinem großen Vorgänger gewiß nicht zurück, wenn er auch diesen offiziellen Titel nicht trug. Daß letzteres nicht geschah, kann nur daran liegen, daß es die Romanows gern hatten, ihre Grausamkeiten als Wohltaten und Gnadenakte auszugeben und auch die nötigen Dichter fanden, die sie als solche besangen. Die Alten in den Iudengassen wußten aber viel Reales und Wirkliches aus der Regierungszeit des ersten Nikolaus zu erzählen. Kaum gab es einen unter ihnen, der nicht die Knute, die die Beamten des Nikolaus in dessen Auftrag schwangen, zu spüren bekam, und noch in späteren Zeiten war der Name Nikolaus in den jüdischen Städten gleichbedeutend mit Schrecken ohne Gleichen. Nur einen gab es im Städtchen, einen würdigen Greis, der immer in solchen Fällen mahnend sagte: „Seid gerecht, Kinder. Jeder Mensch trägt das Ebenbild Gottes auf seinem Antlitz, man muß das Gute nur zu finden wissen und anerkennen." Und er belegte diese Ansicht mit folgender Erzählung, die wir hier schlicht und kunstlos, wie sie aus seinem Munde kam, wiedergeben wollen. O •' Wie ihr mich hier anseht, begann der Mte, zähle ich bereits fünfundneunzig Jahre, meine Zähne im Munde sind noch vollständig, und wenn meine noch junge Frau nähen will, muß ich den Faden durch das Nadelöhr bringen und sogar ohne Brille, die ich nie benutzte. Vor fünfzig Jahren rühmte man mir Riesenkraft nach. Solche Gestalten sieht man heute gar nicht. Möglich, daß die vielen Leiden das Geschlecht so geschwächt haben. Und vielleicht habt Ihr es gar selbst verschuldet. Ihr verlangt vom Leben zuviel auf einmal, mehr als es zu geben imstande ist ... Ich besaß damals eine kleine Lederhandlung, und es ging mir grade nichtschlecht. Es war in der Kommode auch immer etwas übrig, um einem Nachbar mit einem Darlehn oder einem armen Bruder mit einer Unterstützung auszuhelfen. Ts hatte sich etwas Geld angesammelt und man sagte mir, es müßte damit etwas geschehn, damit es Früchte für die Zukunft trägt. Kommt da zu mir Mattel, der Makler und schlägt mir vor, einen Wald hinter Grodno zu kaufen. Don Waldgeschäften verstand ich zwar nicht viel, aber Mattel schwört bei allem, was ihm heilig ist, es sei ein goldenes Geschäft und man kann dabei so reich werden wie alle Rothschilds zusammen und Kindeskinder bis ans Ende der Zeiten versorgen. Nach solchen Reichtümern hat mir zwar der Sinn nie gestanden. Mer wenn Mattel, der Makler redet, kommt man selbst nicht zu Wort und zum Ueberlegen. Er packt jetzt die Sache von einer anderen Seite an. Gr sagt: „Bedenket, hundertjährige Eichen und Büchen werden gefällt, sie schwimmen in großen Flößen den Njemen hinunter durch Preußen, immer weiter und weiter. j über Meere und Seen bis zum großen Ozean, 1 an dessen Ufern große Kaufleute das Holz in Empfang nehmen und mit Gold bezahlen. Denkt Euch. Ihr fahrt nach Königsberg, nach Leipzig, nach Danzig, nach Hamburg und sogar nach der neuen Welt des Kolumbus. Eine Kleinigkeit, die neue Welt, Amerika, wo das Gold auf den Straßen liegt und es kein Mensch aufhebt ..." Das packt mich. Nicht so sehr das Gold, das ich ebenso auf der Straßen liegen lasse wie die anderen. Aber der Gedanke, die Welt zu sehen, die alte und die neue. Neue Menschen, neue Länder, neue Gebräuche, das war schon von jeher mein Fall. Es war mir immer so, als würde das, was ich suche und hier nicht finde, irgendwo auf fernen Inseln liegen. Und nun führen mich meine Bäume und Klötze dahin, warum sollte ich nicht einschlagen? Der gewünschte Betrag war nicht allzuhoch und überstieg meine Ersparnisse nicht. Auf der anderen Seite treten wieder Bedenken auf. Große verwickelte Geschäfte, Reisen, Zerstreuung. Wird man überall richtig „dawenen" können? Und wenn der Kopf voll ist mit Holz und Gold, kann da auch noch ein Wort der Lehre in den Kopf hinein, kommt man überhaupt noch dazu, in ein Seifer hineinzuschauen? Aber Mottel kann auch Gedanken lesen, und schon steht er, der leibhafte Iejzer Hora, und packt mich bei der Neschomo, von der er merkt, daß sie noch nicht ganz dabei ist. „Unsere Schul ist alt und baufällig. Einfach eine Gefahr, hineinzugehen. Wenn da mal eine Unglück geschieht, wenn sie grade gesteckt voll ist am Sabbat oder Festtag ... Daß es Gott verhüte! Wenn Ihr aber. Reb Israel, einmal Waldbesitzer seid und Holz habt, dann brauchten wir nicht mehr zu sorgen. Ihr seht, die reinste Fügung. Gott hat mich geschickt. . Ja, denke ich. das ist schon eine andere Geschichte, und darüber lohnt sich schon zu reden. Sich ein Denkmal setzen für ewige Zeiten in der Gemeinde durch den Neubau einer Schul, ist nicht jedem gegönnt, und ich sage kurz entschlossen: „Auf Mottel, wir kaufen den Wald!" Die Gegend, in der sich der Wald befand, war mir wohl bekannt. Die Waldungen dort gehörten irgend einem Fürsten, der weitweg wohnte und von dem keiner was genaues wußte. Er sei ein Deutscher, sagte man oder vielleicht auch ein Franzose. Er selbst kam fast nie in die Gegend, und versorgt wurden die Güter und Wälder von einem deutschen Verwalter, der in der Gegend wegen seiner Strenge sehr gefürchtet war. Wehe dem Bauer» der es gewagt hätte, sich etwas Holz aus dem Walde zu holen oder einen Hasen zu schießen! Es konnte ihn das Leben kosten. Es gab keinen Richter und keinen Kläger in dieser Gegend. Der Verwalter allein sprach Recht und brachte es auch zur Ausführung. Und mit diesem Verwalter sollte das Gechäft durch Vermittlung Mottels zustande 'ommen. Die Sache zog sich ein paar Wochen hin. Ich hatte durch' Mottel bereits die erste Rate eingezahlt und der Vertrag sollte an einem der nächsten Tage ausgefertigt und unterschrieben werden. Da stürzt Mottel atemlos in mein Haus, totenbleich vor Angst. „Was ist passiert?" frag ich. „Ein Eilbote ist da. Wir müssen morgen in aller Frühe im Walde sein und im großen Palais antreten." „Was ist geschehen?" „Der Fürst selbst ist plötzlich gekommen, und er will beim Abschluß des Geschäftes dabei fein." : . ■ ,/j: „Was kümmert mich der Fü.st?" sage ich. „Ob Herr oder Verwalter, ich zahle das Geld und bekomme den Wald." „Das wäre schon recht," meint Mottel und kratzt sich am Hinterkopf. „Aber von diesem Boten erfuhr ich, daß der Herr streng und grausam ist, ein wahrer Mörder, ein Haman. Gott weiß, was uns bevorsteht." „Ist es ein Russe oder ein Deutscher?" „Das mag der Teufel wissen. Mit dem Verwalter spricht er deutsch, mit der Dienerschaft russisch und mit seinen Begleitern eine ganz andere Sprache, die bis jetzt kein Mensch gehört hat, vielleicht französisch." „Werden wir mit ihm reden, was er will", sage ich. „Ich gehöre nicht zu den Aengstlichen." Aber Mottel kann sich nicht so leicht beruhigen. Er, der Mann mit der gelenkigen Zunge, der alles Krumme glatt zu reden weiß, er hat jetzt kaum Worte und zittert wie ein Esspenblatt. „Ja, Reb Iisroel, die Sache ist nicht so einfach. Wie mir der Bote sagt, ist der Verwalter selbst zu Tode erschrocken. Im Palais herrscht eine Aufregung wie bei einem Erdbeben, und hunderte von Dienern sind herbeigeeilt von allen Ecken und Kanten, mit Pferden, die hüpfen wie die Katzen und Hunden, die so groß sind wie die Kälber. Es ist ein Zittern und Beben in der ganzen Gegend." Da werde ich böse und komme völlig aus der Geduld bei dem Gerede dieses Hasenfußes. „Was fürchtest du. denn eigentlich? Wir sind alle in Gottes Hand. Menschen können mir nie Furcht einjagen, mögen sie sprechen, wie sie wollen und soviel Hunde und Pferde haben als ihnen Freude macht." Am -weiten Morgen begab ich mich mit Mottel in den Wald hinaus. Um das Palais herum sah es wirklich nicht geheuer aus. Als hatten sich alle Teufel zu einem Tanze vereinigt; neue Menschen, neue Gesichter, und alles ist geschäftig, aufgeregt und verängstigt wie beim jüngsten Gerichte. Eine Aufmachung, als wäre der Generalgouverneur selbst gekommen. . Kaum machen wir mit unserem Fuhrwerk Halt, als schon bewaffnete Männer vor uns stehen, uns fragen, woher und wohin und uns anglotzen, als wollten sie uns auf Herz und Nieren durchforschen. Mottel hält sich schutzsuchend hinter mir, und ich höre, wie ihm das Herz schlägt und die Zähne klappern. Er murmelt ein Gebet. Ich aber beantworte mit aller Seelenruhe und Gelassenheit alle gestellten Fragen. „Wir sind hierherbestellt," sage ich, „mit einem Ertraboten des Verwalters und weiter garnichts . . " Nach kurzer Weile kommt der Verwalter herbei und führt uns in ein sauberes Gemach. Er ist totenbleich und sein Sprechen ist mehr ein Lallen. Mottel mustert er mit bösen Augen, als wollte er ihn sofort aufhängen, vor meinem ruhigen Blick senkt er aber fast die Augen. Ich komme keinen Augenblick aus der Fasüng. Was kann uns passieren? denke ich. Gestohlen haben wir nicht und sonst was Anrechtes auch nicht getan. Machen sie das Gechäst, ists gut, wenn nicht, auch gut und wir ahren in Gottes Namen wieder heim, wie wir gekommen sind. „Wird man uns bald zum Gutsherrn führen?" frage ich. „Es wird bald ein Zeichen kommen," sagt der Verwalter mit heiserer Stimme. „Und wie muß man mit ihm reden, deutsch oder russisch?" . „Deutsch, deutsch," schreit der Verwalter. „Daß ihr es nicht wagt, ein russisches Wort zu sprechen." (Fortsetzung folgt.)