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Der Israelit · 1924-04-03 · Heft 14 (3.4.1924) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 14 (3.4.1924)
Date
1924-04-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 14 Nr. 5 Der Israelit Blätter L April 1924 Verfolgungen in Rußland so klingen können, wie er in dieser großen Versammlung klang: Nicht programmatisch kühl, lediglich mit verletzter Gewissensfreiheit begründet, sondern von einer heißen Welle beleidigter Religiosität getragen; nicht nur der in ihrem religiösen Leben gestörten Juden, sondern aller gottgläubigen und Gott dienenden Menschen aus religiösem Mitgefühl heraus sich annehmend, nicht bloß Protest, sondern auch Bekenntnis. Mit diesem Protestbekenntnis hat die Agudas Iisroel gezeigt, daß sie fühlt, was sie soll, und daß sie weiß, was sie will. Wenn sich die Welt schon abgewöhnt hatte, es für möglich zu halten, daß auch in einer jüdischen Versammlung ein unsichtbarer Finger gen Himmel weise, die Agudas Iisroel hat sie wieder eines Bessern belehrt. Ganz dem tiefsten Sinn der Agudas Iisroel entsprach es auch, daß von den sachlichen Verhandlungsgegenständen der Kenessio Gedaulo die Frage der Erziehung, des Unterrichts, der Lehre den allerbreitesten Raum einnahm. Denn wenn die Thora der alleinige Souverän im jüdischen Volke ist, dann darf ihr Herrschaftsbereich nicht zusammenschrumpfen,' dann müssen ihre alten Schulstätten erhalten und neue geschaffen, dann muß reichlich Gelegenheit geboten werden, Thora zu lernen, in ihr zu forschen, sich in sie zu vertiefen. Dann müssen Lehrpläne ausgearbeitet werden, die dem besonderen Lehrziel unter den verwickelten Voraussetzungen unserer Zeit entsprechen, und es müssen die Mittel aufgebracht werden, um die Pläne selbst zu verwirklichen. In allen diesen Hinsichten ist auf der Kenessio Gedaulo Erkleckliches geleistet worden, und es wird nur darauf ankommen, daß die Organisation hält, was ihre große Heerschau versprochen hat, und daß insbesondere die Institution des Äerert Hathauro (Thorafond) günstige Ergebnisse erzielt. Allerdings: Eine Erkenntnis ist auf der Kenessio Gedaulo nicht zutage getreten und vielleicht überhaupt in der Agudas Iisroel noch spärlich vorhanden — daß nämlich das Leben vorgemeistert sein muß, damit die Schule es weiter meistern kann, d. h. daß die schönste Schule nichts hilft, wenn man nicht feindselige Tatsachen beseitigt, welche die Schule sabotieren, und daß etwas geschehen muß, damit das jüdische Volk möglichst von den Tatsachen befreit werde, die mit größerer oder geringerer Schnelligkeit, mit mehr oder weniger Wucht, lärmend oder still seine Gottinnigkeit und seine Gesetzestreue und den Willen, sie zu bewahren, zermürben und zerstören. Es fehlte an großen religions-, wirtschafts-, berufs- und bevölkerungspolitischen Ausblicken im Zusammenhänge mit dem so starken Willen zur religiösen Tat. Denn daß speziell der Palästinaarbeit viel Aufmerksamkeit, Zeit und Liebe gewidmet wurde, kann wohl kaum als solcher Ausblick gewertet werden, abgesehen davon, daß hier die Absicht solchen Ausblicks — wieder aus dem tiefsten Sinne der Agudas Iisroel heraus — hinter der unmittelbaren Auswirkung des elementaren Verknüpftfeins des frommen Iuden mit dem verheißenen Lande und der elementaren Furcht vor dessen fortschreitender Entheiligung zurücktrat. Im übrigen kann es der Agudas Iisroel noch sehr zustatten kommen, daß sie die Lust nach Ausblicken nicht kannte, bevor sie die Reife dazu erlangte. Um ihre Reifung selbst aber braucht ihr, glaube ich, nach ihrer großen Wiener Heerschau nicht bange zu sein: Nicht nur, daß die golusgeschichtlich *) gewordenen Hauptgruppen der Iudenheit vertreten waren — die Vertreter dieser Gruppen waren auch aus deren ursprünglichstem, wesenreinstem, unverbrauchtesten Elemente, dem . Volkskern, herausgeholt, jede dieser Delegationen entfaltete ihre urwüchsige Eigenheit, und alle die verschiedenen Eigenheiten *) Der Verfasser bittet uns, hier anzumerken, daß das Wort „golusgeschichtlich" im „Juden" in der Form galuthgeschichtlich erscheint, daß aber diese Aenderung ohne sein Wissen geschah. — die hier viel stärker heroortraten. als sonst auf jüdischen Kongressen, wo die Verschiedenartigen schließlich doch alle an ein gemein-europäisches Paradigma angenähert sind — wuchsen im Einklang der Idee und der Lebensführung zur Kräfteeinheit einer ureigenen Volksgemeinschaft zusammen. Auch die Delegation aus Deutschland war in dieser Einheit inbegriffen. Denn wenn auch bezüglich der deutschen Iudenheit von einer Unterscheidung zwischen Volkskern und denjenigen. die nicht mehr Kern sind, nicht gut die Rede sein kann, weil die deutsche Iudenheit in allen ihren Schichten viel Fremdheit in sich ausgenommen und viel jüdische Eigenheit eingebüßt hat — ist dennoch gerade die Orthodoxie das Element, das durch seine Teilnahme an der Kontinuität des jüdischen Gesetzeslebens allein unter den deutschen Juden eine Brücke, die mehr als eine papierene Brücke ist, zu der originalen jüdischen Masse des Ostens offen hat. Und man konnte auf der Kenessio Gedaulo diese Brücke in aller Wirklichkeit sich wölben, man konnte sie die Kluft zwischen voller Eigenheit und Angefremdetsein, zwischen Plüschhut und Zylinder, Kaftan und Salonrock, zwischen jiddisch und deutsch überbrücken sehen. Man durste Zeuge sein, wie die deutschen Juden mit plötzlich wissenden Augen in den östlichen Brüdern die Ebenbilder ihres eigenen Seins — sowie es in einer noch nicht lange verschütteten Vergangenheit gewesen war — erkannten, und wie die Oestler mit einem Lächeln — halb Glück und halb sichs nicht glauben wollen — auf iyte so seltsam fernen und doch mit einem Male so seltsam nahe gekommenen Brüder aus Deutschland blickten, wie sie deren Anteil am gemeinsamen Werk willig und mit Vertrauen Hinnahmen. Und dieser Anteil war nicht klein, war um so größer, als er sich naturgemäß fast durchaus im Organisatorisch-Methodischen und Dialektisch-Programmatischen auswirkte und das andere, das inhaltlich Gestaltende, auf einem Kongresse weniger zur Geltung kommt. Ia, es hatte oft den Anschein, als ob die Vertreter aus Deutschland, da sie sich auch als' die berufenen Vermittler zwischen den anderen Gruppen gaben, die Geschicke der Agudas Iisroel in der Hand hielten. Das ist aber, zumindest vorläufig, gar nicht der Fall, und sollte es jemals soweit kommen, so müßte die Verantwortung dafür den Oestlern selbst zugeschoben werden, die dann bewiesen hätten, daß sie es nicht verstanden, ihr starkes jüdisches Wesenskapital zur Grundfeste der in der Agudas Iisroel organisierten Orthodoxie zu machen. , Der deutschen Orthodoxie am verwandtesten erwies sich die slowakische*). An sich stehen ja die stowakischen Juden gerade an der Grenze zwischen Osten und Westen, gehören weder ganz zu den Ostjuden, noch ganz zu den Westjuden, Ihre jüdische Lebenswirklichkeit ist nicht so breit wie die der ersten und doch viel breiter als die der letzten. Sie waren in ihrer Geistigkeit den Einflüssen der Außenwelt denn doch weit mehr ausgesetzt als jene und doch weit weniger als diese. Aber eben die Notwendigkeit, sich schließlich doch auf einen engeren Spielraum und eine anspruchsvollere Umgebung einzustellen, hat die slowakische Orthodoxie zu denselben Konsequenzen geführt, zu denen, nicht ohne ihren hervorragenden Einfluß, später auch die deutsche Orthodoxie gelangte: Zur stahlharten Forderung und zum Gedanken strenger Organisation. Nur daß sich bei ihr, der slowakischen Orthodoxie, *) Die Bezeichnung der Gruppe als tschechoslowakisch^ ist vollständig irreführend. Es handelt sich nicht auch etwa um eine böhmisch-mährische, sondern nur um die slowakische, d. h. um diejenige Orthodoxie, die in der Vorkriegszeit im Rahmen der damaligen gesamtungarischen Orthodoxie gegenüber dem Staate und den Nichtorthodoren organisiert war und heute selbständig organisiert ist. — Die heutige ungarische Orthodoxie ist, entsprechend den geänderten politischen Grenzen, ebenfalls selbständig organisiert, deckt sich aber im Wesen und in der Methode fast ganz mit der stowakischen. Sie hat sich erst vor Kurzem, schon nach der Kenessio Gedaulo, herAgudas Iisroel: angeschlossen. ' diese Konsequenzen mit dem doch weit intensiveren und selbständigeren jüdischen Leben zu einem Gesamtbilde von imponierender Wucht vereinigten. Und so sah man die „Slowaken" auch auf der Kenessio Gedaulo stark, unerbittlich und — gewandt. „Finstere Gestalten", sagte der rasch bereite Gegner. Oder „das Bewußtsein der Volksgemeinschaft verloren". Der Freund aber selbst der, der anderer Art ist und bleiben will — wußte: Unter diesen „finsteren Gestalten" gibt es eine ganze Reihe lichter, milder, gütiger Menschen nebst rauheren, leidenschaftlicheren und nichts weniger als bösartigen. Und wenn sie auch zeitweilig „das Bewußtsein der Volksgemeinschaft verloren" haben sollten, jedenfalls haben sie und ihre Väter und Lehrmeister vor ihnen dort, wohin sie gestellt sind und waren, in langer, zäher Arbeit ein großes Stück gefährdeter Iudenheit für das Gesetz Gottes und damit auch am wirksamsten für die jüdische Volksgemeinschaft gerettet. In verhältnismäßig geringer Zahl war die litauische Orthodoxie vertreten. Um so tiefer war der Eindruck, den ihre Abgesandten machten. Sie sprachen nicht viel, aber meist sachlich und eindringlich. Sie waren die Bescheidensten, die Anspruchlosesten in ihrem Auftreten und doch getragen von einem sichern Selbstbewußtsein. Und vor allem umgab eine unsichtbare und doch von allen gefühlte Aura ihre Persönlichkeiten. Es war, als wenn sie die Atmosphäre der großen Ieschiwaus Litauens mitgebracht hätten: sie strahlten den Glanz der reifsten und klarsten Thoraforschung aus. Keine lärmende Huldigung wagte sich an sie heran. Man huldigte ihnen mit stiller Scheu. In ihrer jüdischen Lebensweite, mit ihrem reichen jüdischen Wissensgehalte, auch zu innerst in ihrem Temperament ganz Ostjuden, — konnten sie doch durch ihre Gemessenheit und Sachlichkeit wie „deutsch" wirken. Zu den neuen Bekannten, den „Slowaken", vermochten sie. glaube ich, trotz mancher Berührungspunkte noch kein Verhältnis zu finden. Zu einer rascheren Intimität in Freundschaft, Feindschaft oder beidem hätten sie weniger Oestler oder zumindest, wie mit den deutschen und polnischen Iuden. seit jeher Nachbarn sein müssen. . Die Delegation aus Polen fiel am meisten auf. Schon durch die Zahl. Auch stellte man nicht ohne ein gewisses unabweisbares Gefühl des Bedauerns fest, daß sie über große parlamentarische Gewandtheit und Erfahrung verfügte, und ließ sich dann lieber von der sanguinischen Note ihres jüdischen Bekennens einfangen — gegenüber der schon die Vertreter aus Litauen, geschweige die aus Deutschland, als Phlegmatiker, die aus der Slowakei als Choleriker erschienen. Man erkannte an diesen Enthusiasten die Wirkung der großen chassidischen Welle, die ihre Vorfahren erfaßt hatte. Und ihr wird man wohl auch die restlos eigene jüdische Prägung zuzuschreiben haben, di? hier zutage trat. Der Chassidismus hat eben durch den gewaltigen religiösen Anstoß, den er gab, auch die volkaufbauende Kraft des jüdischen Lebens gefördert. Wenn sich nun darüber hinaus auf der Kenessio Gedaulo zeigte, daß der Einfluß auch der chassidischen Rabbinen von heute auf die polnische Iudenheit und damit auch in der Agudas Iisroel ein großer ist — namentlich trat dies bezüglich des anwesenden „Gerers" (des Rabbi von Gora Kalwaryja) hervor — so darf andererseits nicht übersehen werden, daß bei dem Vorhandensein solcher Gegengewichte, wie sie $te deutsche, slowakische und litauische Orthodoxie darstellen, ein Ueberwiegen des gedachten, Einflusses weder Tatsache wurde noch zu werden droht. Man darf aber auch gar nicht glauben, daß die alten Gegensätze innerhalb der überlieferungstreuen Iudenheit irgendwie auf der Kenessio Gedaulo in Diskussion miteinander gerieten.- Davon war nicht ein Spürchen zu entdecken Das Gebbt der Stunde, das für die Teilnehmer an der großen Versammlung mit

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