Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage Der Israelit Nr. ,Z \m AM Die Zündhölzer. Aus dem Litauischen übertragen von Orete Menfeld. Die Elektrische blieb bei der Brücke stehen und wartete, bis der Gegenwagen die Brücke passiert hatte. Ich satz beim offenen Fenster in Gedanken versunken und ein kalter Wind wehte mir ms Gesicht, ein Herbstregen rieselte in kleinen Tropfen hernieder. „Kaufen Sie Zündhölzer!" unterbrach meine Gedanken plötzlich eine zitternde, schwache Stimme. Unwillkürlich griff ich in die Tasche, zog aber aus derselben eine fast noch volle Schachtel Zünder hervor. „Ich -rauche keine", erwiderte ich und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Vor mir stand ein kleines, abgerissenes Iudenmädchen, schwarz wie die Erde. Ihr Gesicht war von kleinen Runzeln durchfurcht, die braunen tiefliegenden Augen waren ohne Leben; lediglich Kalte und Not spiegelte sich in ihnen; unter dem durchlöcherten Tuch, das der Wind jeden Augenblick in dis Höhe trieb, lugten Büschel schwarzer, zerzauster Haare hervor. „Kaufen Sie Zündhölzer!" sagte sie wieder, mich mit ihren erschrockenen Augen flehend ansehend. „Wenn ich aber noch habe." „Lassen Sie mich etwas verdienen.... Ich möchre gerne essen. . ." sprach sie, den Blick wie verschämt zu Boden senkend; „kaufen Sie wenigstens eine Schachtel", und sie schob mir mit der vor Kälte und Wind zitternden, mageren, schmutzigen Hand einige Päckchen zu. „Verdienst du viel im Tag?" fragte ich. „Viel.... viel... wenn ich den ganzen Tag herumlaufe, ein Pfund schwarzes Brot.... oft Mt einmal das.... denn ein guter Herr kauft.... doch ein anderer ruft bloh: „scher' dich zum Teufel!...." - „Und wo wohnst du?" „Wo ich wohne?.... wo es sich gerade trifft; manchmal schlüpfe ich auf irgendeinen Hof, manchmal nimmt mich ein mitleidiger Jude in seiner Stube auf, oft gehe ich in den Park, von dort vertreiben einen jedoch die Wächter, die schlecht sind und mit Auslieferung an die Polizei drohen." „Hast du denn keine Ellern?" Sie heftete ihre Augen verwundert auf mich, als hörte sie das Wort „Eltern" zum ersten Mal in ihrem Leben. Nach kurzem Schweigen flüsterte sie endlich undeutlich: „Weib ich es? vielleicht hatte ich gar welche...." Ich nahm eine Schachtel und gab ihr sechs Groschen. Die Augen des Mädchens leuchteten auf, jhr Antlitz strahlte, als wären ihr unerwartete Reichtümer in den Schob gefallen und der bittere Hunger und die unbarmherzige Kälte für immer in den tiefsten Abgrund versunken, von dem sie nimmermehr zurückkehren werden, sie M quälen. Cs war ihr froh zu Mute, weil sie ihre Ware so gut verkauft hatte. Sie hielt das Geld fest in der Hand und wartete, ob nicht noch jemand Zünder kaufen, nicht noch jemand sie viel, viel.... verdienen lassen würde. Geldgierige Menschen aber würden eher ihre Seelen und die Seelen ihrer Nächsten verkaufen, als einen Groschen hergeben; ununterbrochen grübeln sie darüber nach, wie man Geld verdienen, viel Geld verdienen könnte. Tag und nacht sinnen sie darüber nach, um dem Munde des Schwächeren den letzten, mit Tränen benetzten Bissen Brot zu entreiben; und ein heimatloses Kind möge sterben auf dem Pflaster, niemand wird nach ihm fragen!.... D, wie schrecklich sind die Menschen! Mit welcher Verbissenheit zerfleischen sie schamlos einander!.... Die kleine Händlerin verdiente nichts mehr; schon wollte sie weiter gehen, um wieder mit der zitternden, schwachen Stimme zu rufen: , .Kausen Sie Zünder", als plötzlich zwei fremde, zerlumpte Burschen, wie aus der Erde hervorgeschossen, bei der Elektrischen auftauchten. „Hau zu!" rief der eine, und der zweite lieh einen durchdringenden Pfiff ertönen und schlug mit ganzer Kraft mit der Faust auf die ausgestreckte Hand des Mädchens. Die Kupfermünze fiel klingend auf das Pflaster und die Schachteln zerstreuten sich ringsum. Die Strahenjungen hatten im nächsten Moment das Geld gepackt, liefen davon und lachten laut. „Ha. ha, ha,.... Die Krähe!..." Das kleine Mädchen stand dort wie in die Erde gewurzelt. mit herabhängender, schmerzender Hand. Ihr Gesicht verzog sich vor innerem Schmerz und sie begann leise, leise zu weinen. Und sie weinte jämmerlich, als hätten ihr diese Strahenjungen mit den Zündhölzern und dem Gelde auch ihr Herz entrissen, als wären jene Zündhölzer und die kleine Münze die einzige Freude, der einzige Trost ihres traurigen Lebens gewesen. Noch vor einer Weile fühlte sie sich reich und glücklich, und nun, im nächsten Augenblick, war sie so elend.... Sie weinte und der düstere Herbstwind stimmte in ihr Stöhnen ein.... Die Elektrische fuhr endlich weiter, aber in meinen Ohren klingt es noch immer nach: „Viel.... viel verdiene ich... ein Pfund schwarzes Brot, wenn ich den ganzen Tag herumlause!." Ein Segensspruch. Von Heinrich Einstädter in Frankfurt a. M. Im Süden unseres Vaterlandes zieht sich ein mächtiger Gebirgswall dahin, die Alpen. Sie umfangen in ihrem riesigen Bogen Landschaften verschiedensten Wesens: lachende, fruchtstrotzende, mit Seen besäte Niederungen, abwechslungsreiche üppig bewachsene, bewaldete Hänge, rauhe, steinige Wipfel der einsamen, in Schnee und Eis starrenden Berghäupter. Zu diesen konnten sich früher nur verhältnismäßig wenig Menschen vorwagen, starke^ widerstandsfähige, mutige Leute, die allen Entbehrungen, Mühen und Gefahren zum Trotz in tagelangen Wanderungen mit Hilfe erfahrener Führer weit in die Region des ewigen Eises vordrangen. Jedes Jahr fordert unter ihnen seine Opfer. Und dennoch nimmt die Zahl derer nicht ab, die zu jenen Gipfeln streben. Ein unnennbares Gefühl ist es, das sie treibt, eine Empfindung sonder gleichen, die sie lohnt, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, eine Hochstimmung, die bei uns Israeliten den Ausruf auslöst: Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du dasWerk der Weltschöpfung vollbracht hast! Die technischen Erfindungen der neueren Zeit haben es auch Menschen von weniger starker Körperbeschasfenheit möglich gemacht, die Gebiete kennen zu lernen, in denen kein Mensch mehr wohnt, keine Pflanze mehr sprieht. Kunstvoll angelegte Bahnen tragen sie bis zu Höhen, in denen der Schnee nie mehr zur Schmelze kommt, wo sie die Lawinen stäuben sehen und ihr Rollen gleich Kanonendonner hören können. Eine solche Bergbahn führt im Berner Oberland zur Scheideck, dem über 2000 Meter hohen Ueberganlgl, der Grindelwald mit dem Lauterb runnental verbindet. Dort ist der Ausgangspunkt der Iungfraubahn, einer großartig angelegten elektrischen Eisenbahn, die bis zum Eigergletscher über die Steinhalden hinglimmt, von dort aber unterirdisch emporsteigt bis zu dem sogenannten Eismeer und noch weiter bis zum 3600 Meter hoch emporsteigenden Jungfraujoch. Von den Halteplätzen führen Tunnels hinaus an die Erdoberfläche. Du schreitest hindurch', befindest dich am Ausgang. Aber unwillkürlich zögert dein Fuß. Dein Auge ist geblendet, dein Geist verliert für einen Augenblick seinen Halt. Alles, was du von der Welt, in die du trittst, gelesen und gehört hast, entspricht nicht der Wirklichkeit. Du kannst dich nicht rasch in die Umgebung finden, kommst dir vor, als ob du plötzlich aus allem Gewohnten herausgenommen und unvermittelt mitten in Ungekanntes gestellt worden bist. Unsicheren Schrittes wagst du dich vor. Dein Fuß tritt auf knirschenden Schnee. Der Wind treibt kleine, scharfe Kristalle gegen dich. Wo sie unbedeckte Stellen deiner Haut treffen, rieselt alsbald das Blut aus den Ritzen, die sie reißen. Du wagst kaum das Auge vom Boden zu heben, der neben dir abfällt zu unsichtbaren Schlünden. Dankbar empfindest du es, als man dir die Hand reicht. Das neben dir gesprochene Wort tönt infolge der dünnen Luft so hohl, als ob es von weiter Ferne käme. Du selbst aber bist noch nicht im Stande, zusammenhängende Worte zu formen. Endlich stehst du an freiem Platze. Du hebst den Blick und läßt ihn in die Weite schweifen. Und was gewahrst du? — Die Unendlichkeit tut sich vor dir auf. Zeit und Raum verlieren ihre Geltung. Was dir von Jugend an als groß erschienen war, wird klein, was dir als weit gedeucht, hier ist es, wenn überhaupt bemerkbar, eng und unbedeutend. Nein, es ist überhaupt nicht vorhanden. Denn von den Schneehäuptern, die allein in der ganzen weiten Runde zum Himmel emporragen, trennen dich unmeßbare Fernen. Du schaust in Tiefen so tief, wie gleich hoch noch nie dein Auge eine Entfernung geschätzt hat. Alle Begriffe sind aufgehoben. Die wenigen Menschen in deiner Umgebung gewahrst du nicht mehr. Wenn doch einmal ein Ton von ihnen dein Ohr trifft, er lautet so verändert, daß er dich nicht daran erinnert, er käme von Menschen gleich dir. Allein fühlst du dich in der Unendlichkeit. Du siehst über grenzenlos sich dehnende Weiten, räumlich und zeitlich. Die Welt, wie du sie stets gekannt, sie liegt hinter dir, unsichtbar, vergessen. Der Geist des Schöpfers aber, den du bisher kaum geahnt, wird dir auf einmal bewußt. Du fühlst, wie er allein das All, das dein Blick nicht zu umfassen vermag, durchdringt, umgibt, ja unfaßbar hoch überragt. Daß er als Einziger vor diesem Unendlichen gelebt hat, daß sein Wirken alle irdischen Begriffe übersteigt und die Ewigkeit erfüllt, wird dir, bisher Gewißheit, daher Glaube, nunmehr Erlebnis, daher Seeleninhall, und unwillkürlich heben sich deine Hände empor, und aus deiner Brust entströmt es in Inbrunst und unübersteigbarer Andacht: „Gepriesen seist Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der Du das Werk der Weltschöpfung vollbracht hast."