Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450299--71160-2528444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 16 Nr. 13 Der Israelit 27. Marz 192-1 KmberecFe. immer Sabbatgeist. Von Hermann Seckbach. Ein langer Winter: Schnee und wieder Schnee wirbelt zur Erde. Hub, wie der Wind pfeift! Draußen tollen die Kinder, werfen Schneeballen, wälzen sich mit kindlicher Lust im Schnee herum. Gleichgültig sehen von einem vornehmen Haus aus zwei Damen dem Treiben zu. . . . „und ich sage Dir, Jose gefällt mir gar nicht, den Jungen läßt aber auch alles teilnahmslos. Ihr verwöhnt ihn beide zu sehr . . „Ach was, verwöhnen, wenn man nur den einen hat — und dann will man doch schließlich das Veste. Bubi soll später mal was werden. Dazu gehören — Manieren. Soll er etwa wie Jsaac Feibels Kinder werden?" „Ach so. deswegen schließt Ihr ihn peinlich von den anderen aus. Aber Ihr vergebt eins, das Blut seiner Ahnen rollt durch seine Adern. Jose hat — laß' michs Dir sagen — wie sein Großvater eine — Iosefsnatur —. Er ist gut und tief religiös angelegt. Hier bei Euch, in Eurem feinen Milieu mit den vorgeschriebenen Formen verkümmert seine Seele — trotz aller Liebe." „Weißt Du, Mama, Du siehst dies mit den Augen Eurer kleinen Verhältnisse in Burghausen an. Dort, ja dort mag das ungebunden Naturelle angebracht sein. Hier ist dies was anderes. Der Verkehr, die gesellschaftliche Stellung, die wir einnehmen, bringen eben Verpflichtungen mit sich, denen wir uns nicht entziehen dürfen." Schweigend blickten die Damen zum Fenster hinaus —. Drunten tollen noch immer die Kinder: wilder und ungezügelter wird ihr Tun. Da plötzlich ein Schreien, ein Tosen. Eine Rotte Iungens stürzt wie wild einem kleinen Mädchen nach, einen Schneeball nach dem andern auf das Kind werfend. Hilflos weiß das Kind — eine kleine Jüdin — nicht ein und aus. Immer bedrohlicher wird ihre Lage, die Jungen lassen nicht nach — da trifft ein Ball besonders hart das Köpfchen. Das Kleine stürzt hin und wäre gewiß noch weiter bedrängt worden, wenn nicht ein mutiger Junge, der gerade hinzukam, sie schnell ins Haus gezogen hätte. Der Retter war Jose. Atemlos blickten die beiden Frauen dem Vorgang zu. Mit Entsetzen sahen sie, wie der gerade heimkehrende Jose mitten durch die schneeballierenden Kinder sich Bahn schaffte und unerschrocken das ohnmächtige schutzlose Mädchen öefreite.-— Als Recha aus ihrer tiefen Ohnmacht erwachte, blickte sie verwundert um sich. Wo war sie nur? War es ein Traum oder Wirklichkeit? Sie lag in einem schneeweißen Bettchen, so mollig, so herrlich, so warm wie im Himmel. Und dann das Zimmer — alles blitzhell, die Wände bemalt mit entzückenden Bildern — märchenhaft schön. Da ging leise die Türe auf und herein kam Jose. „Wo bin ich?" fragte die Kleine. „Du bist bei uns, Großmutter und Mama brachten Dich herauf und ließen Dich auf mein Bitten hier." „Aber — ich — muß — doch zurück — zur Mutter — es ist — bald Schabbos." „Gewiß, Sabbat, und was machst Du denn da?" „Wir essen heute was Gutes." „Na, das tun wir alle Tage," meinte Jofe. „Ja, aber Mutter zieht sich fein an, kommt Vater dann mit Jsaac, Moritz und Simon aus Schul, ach, dann ists schön, dann singen wir gemeinsam „Scholaum Alechem" und, denk mal, sogar die kleine Rifka singt schon mit. Und wir dürfen alle aufbleiben und Semiraus mitsingen. Schön warm ists auch, und alle Lichter brennen —." So drollig sprudelte die Kleine das alles heraus, daß Jose ganz verwundert zuhörte. Nicht alles verstand er, was Recha da erzählte, aber das fühlte er, daß sein Schützling ein so großes Glücksgefühl hatte — wie ihm es trotz allen Reichtums wohl noch nie beschieden war. Er, dessen Wünsche fast stets und immer erfüllt wurden, — der tagtäglich vom Lurus umgeben war, merkte mit feinem kindlichen Verständnis — daß es etwas Höheres, Edleres gab, als die für ihn so leicht erreichbaren Freuden, und einer plötzlichen Eingebung folgend, sagte er: „Weißt Du, was ich mache, ich gehe mit Dir und bring Dich nach Haus. Warte ein Weilchen, ich gehe zur Mutter und sage ihr dies." Die beiden Damen — die noch ganz unter dem Eindruck des kurz vorher Erlebten standen, überlegten gerade, wie wohl am besten das Kind wieder zu ihren Leuten gebracht werden könne, als Jose ins Zimmer kam. „Liebe Mama, ich möchte die kleine Recha gerne nach Hause bringen." „Du, ja, wie kommst Du bloß auf diese Idee? Hast Du die Kleine denn gesprochen?" „Ja, Mama, sie hat mir soviel von dem schönen Freitagabend erzählt, daß ich doch gerne — allzugerne das mal sehen möchte." „Aber Junge, bist Du ganz von Sinnen? Du willst jetzt zu diesen einfachen Leuten Dich begeben, die gar nicht zu Dir passen, was denkst Du Dir denn! Und was wird der Vater dazu sagen?" „Papa ist einverstanden, das weiß ich, und Du. Muttchen, hast mich viel zu lieb, als daß Du mir diese Bitte abschlagen könntest." „Aber ich kann Dich doch nicht allein dorthin lassen." „Ra, Marga, laß' mal gut sein — erinnere Dich, was ich Dir vorhin über Jose sagte — ich mache einen Vorschlag zur Güte. Jose bringt die Kleine nach Hause, aber ich — gehe mit." „Großmutter, Du bist goldig," — voll ffreube umarmte der Junge beide Frauen. — Bei Feinbergs herrschte große Aufregung. Es ist bald Schabbos, Recha ist schon stundenlang weg und noch immer nicht zurück. Wenn dem Kinde nur nichts zugestoben ist. — Schon ist der Vater mit dem Jungen zur Schul und Frau Feinberg im Begriff, die Sabbatlichter zu entzünden. Wehmütigen Herzens, voll Angst um das liebe Kind, entquellen ihr bittere Tränen. Da fährt ein feines Herrschaftsauto vors Haus und ihm entsteigen eine ältere Dame, ein Junge und — ja wirklich Recha. Mit einem Freudenschrei stürzt die Mutter die Treppe hin unter und auf ihr Kind zu, es immer und immer wieder umarmend, nicht fragend wieso und weshalb. Erst nach einigen Minuten läßt sie sich von der freundlichen Dame den Sachverhalt aufklären. und nun ist sie beglückt über den lieben Besuch, den sie innig bewillkommt. Und als der Vater mit seinen Jungen von der Synagoge nach Hause kam, und Sabbatgeist und Sabbatstimmung den lichterfüllten kleinen Raum durchwehten, da wurde das Erlebnis der kleinen Recha zu einem Dankesfest für den Mlgütigen, der alles so wundervoll gefügt. Jose, dessen Herz vor Freude jauchzte und dem noch nie Schöneres vor Augen kam, fühlte sich beglückt in diesem Kreise. Wer beschreibt das Erstaunen aber, als mitten in den Semirausgesängen, bei denen die fünf Kindelstimmen so wundervoll hervortlangen Joses Eltern hinzukamen. Sie wollten sich nur nach dem Befinden der Lernen Recha erkundigen. Ms sie aber diese glücklichen Menschen beobachteten und sahen,, wie freudestrahlend Jose dabeisaß, da nahmen sie sich vor, diesen Sabbatgeist mit in die eigene Häuslichkeit zu nehmen. „Jaum se lejisroel auro wesimcho, am» wesimcho Schabbos Menucho!" nvn vr> v'nn twW WIK 7N8N von 'is dk vtzv nw*u ■»so ’P’Vffni Z. Lubinskk. nnbio T>n \a (• r & Näheres siehe Anschlagsäulen! Adler s Kur-Hotel »Bellevue« Besitzer Emil Adler BAD-NAUHEIM Terrassenstrasse direkt am Kurhaus Telefon 40 unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld-Gießen Erstklassig geführtes Haus mit bekannt guter Verpflegung. Mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet. Saisoneröffnung am 1, April. Für Pesach bestens empfohlen. Frühzeitige Anmeldung erwünscht. Säle für Hochzeiten und Festlichkeiten. Beste Referenzen stehen zur Verfügung. Für die Vorsaison Preisermäßigung. Man bittet bei Anfragen sich genau obiger Adresse zu bedienen. Tenidie Gust. Schwarz Gutleutstr.14 — Kein Laden — Konditorei und Kaffee »HoUild« BAD HOMBURG Louisenstraße 16 Elisabethenstr. 49 (am Markt) Telefon 297 (am Kurgarten) GRUDEN Gas- und Kohlenherde Komb. Herde Transport. Kachelöfen Horstkötter, Knodt & C2 Am Eschenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683