Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 13 Der Israelit 27. März 1924 halb kein Grund für einen Minoritätenvertrag vorhanden ist, der als ein Mißtrauen gegen Polen aufgefaßt werden kann und sich mit den Souveränitätsrechten und der Würde des polnischen Staates nicht verträgt. Die litauische Nitualmordlegende aufgeklärt. R o © n o , 28. März. Wie bekannt, hat das der Regierung nahestehende Blatt „Ritas" in einer Notiz behauptet, es besteht die Wahrscheinlichkeit, daß ein dieser Tage verschwundenes christliches Mädchen von den Juden aufgegriffen wurde, um es aus Anlaß des bevorstehenden Passahfestes zu Blutzwecken zu mißbrauchen. Wie nun die Polizei mitteilt, hatte sich das verloren geglaubte Mädchen sofort bei seiner Mutter eingefunden, allein die Mutter, die sich gleich nach dem angeblichen Verschwinden' mit der Anzeige beeilt hatte, hat es nun verabsäumt, von der Rückkehr der Polizei Mitteilung zu machen. „Ritas" veröffentlicht nun eine ' verlegene Richtigstellung und tut fälschlicherweise so, als ob die Behauptung nicht von dem Blatt selbst aufgestellt, sondern daß nur Gerüchte wiedergegeben worden seien. In den Sejm-Couloirs hat das Vorgehen dieser Zeitung unter den jüdischen und liberalen Deputierten ungeheure Empörung hervorgerufen. Der Redakteur der „Ritas", Starkus, der ebenfalls Sejm-Abgeordneter ist, wurde von den linken Sejm-Mitgliedern zur Rede gestellt, er zog es aber vor, zu verschwinden. Wahrscheinlich wird die Angelegenheit auch vor dem Plenum des Sejms zur Sprache kommen. Tfetzertzs-Slswakei. Kein jüdisches Mandat in Karpathorutzland. Prag, 21. März. Das Ergebnis der am letzten Sonntag in Karpathorußland stattgefundenen Wahlen in das Prager Parlament ist nun bekannt. Es wurden im ganzen 254 406 gültige Stimmen abgegeben. Davon erhielt die Indische Volkspartei 18 032, die Konservative Partei 9909. In den Senat wurden 212 940 gültige Stimmen abgegeben. Hiervon erhielten Jüdische Volkspartei 15 940, Jüdische konservative Partei etwa 6000 Stimmen. Von den 10 Mandaten für die Nationalversammlung erhielten die' Kommunisten 5 Mandate; die ungarische Opposition 2 Mandate; die tschechischen Sozialisten, die agrarische Opposition und die sozialistsche Arbeiterpartei je 1 Mandat. In den Senat wurden 3 Kommunisten und 1 Vertreter der ungaischen Opposition gewählt. Don den jüdischen Parteien erhielt keine ein Mandat, da die Stimmen zersplittert wurden. (I. T. A.) Eine Moskauer Synagoge in ein Arbeiterwohnhaus umgewandelt. Moskau, 18. März. Das Präsidium der Baukommission des Moskauer Distrikts hat beschlossen, die Synagoge in der Slobodkastraße in Wohnungen für Arbeiter, die auf dem in der Nähe befindlichen Holzplatz beschäftigt sind, umzuwandeln. Als Grund dieser Verfügung wird angegeben, daß das Gebäude als Synagoge nicht hinreichend benutzt wird. (I. T. A.) Eine jüdische Erziehungskonferenz in Moskau. M o s k a u , 21. März. Eine Konferenz jüdischer Erzieher aus allen Teilen der vereinigten Sowjetrepubliken ist hier für den 7. April einberufen worden. Das Todesurteil gegen 22 Pogrombanditen. Minsk, 21. März. Ueber den vor kurzem in Borissow, Gouvernement Minsk, stattgefundenen Prozeß gegen die unter der Führung Jeger Monitschs gestandene Pogrombande, der mit einer Verurteilung von 22 Bandenmitgliedern zum Tode geendigt hat, wird noch Folgendes bekannt: Die Bande, die lange Zeit hindurch Weißrußland durch ihre Raubüberfälle terrorisiert hat, hat sich auch zahlreicher Judenpogrome schuldig gemacht. So kam es einmal vor, daß Monitsch an der Spitze seiner Bande den Schnellzug Minsk-Moskau überfiel und fünf jüdische Passagiere tötete. Dagegen wurde dein im Zuge mitfahrenden polnischen Konsul nichts geraubt, im Gegenteil, das Haupt der Bande entschuldigte sich bei dem Konsul wegen der Belästigung. Ein vom Gericht einvernommener Zeuge sagte aus, der Bandenführer Monitsch hätte ihn bald nach seinem Einbruch aus Polen gesagt, er sei eigens nach Weißrußland gekommen, um die Juden auszutilgen. Das Gericht verurteilte bekanntlich 22 Banditen zum Tode durch Erschießen, acht Banditen zu zehn Jahren Kerker, 27 zu Gefängnisstrafen in verschiedener Höhe. Drei zum Tode verurteilten Frauen wurden aus Grund der Frauenamnestie das Urteil in sechsjähriges Gefängnis umgewandelt. Monitsch selbst gelang es, nach Polen zu flüchten. (I. T. A.) ZiivUi Die Aufhebung des Oberrabbinats in der Türkei. Konstantinopel, 21. März. Von einem hohen Beamten der jetzt in Konstantinopel tagenden türkischen Nationalversammlung wurde dem Oberrabbiner Chaim Bejerrano Efsendi mitgeteilt, daß die Dolkspartei (die Regierungspartei) ein Gesetz über die Aufhebung aller religiösen Institutionen in der Türkei eingebracht hat. Er fügte noch hinzu, die türkische Regierung plane noch verschiedene andere Reformen betreffend die nichttürkischen Institutionen im Lande. Nach der Streichung des Kalifats, sagte er, hätten alle Bewohner des Landes, gleichviel welcher Religion sie angehören, freien und ungehinderten Zutritt zu allen türkischen Institutionen und Schulen. Das Bestehen besonderer Institutionen sei deshalb überflüssig; die Regierung will sie alle, ebenso das Rabbinat und das Patriarchat, streichen. Massenversammlungen und Protestresolutionen gegen die geplante neue Immigrations-Bill. Newyork, 21. März. Juden, Italiener, Slaoen, Griechen, Deutsche und Litauer in den Vereinigten Staaten, sowie geborene Amerikaner vereinigen sich zu einer energischen Kampagne gegen die von dem Vorsitzenden des Immigrations-Komitees des Repräsentantenhauses, Johnson, eingebrachte Jmmigrations - Einschränkungs - Bill. 22 Organisationen haben sich zu einem amerikanischen Gleichheitskomitee zusammengeschlossen. Demselben gehören u. a. an: Orden der Söhne Italiens, die slavische Jmmigranten-Eesellschaft, Steuben-Gesellschaft, der amerikanisch-jüdische Kongreß, Klub der polnischen Bürger, die litauische römisch-katholische Vereinigung in Amerika, die ukrainische Verteidigungs-Liga, der tschechoslowakische Brüderschaftsorden, sowie der ukrainisch-demokratische Klub. Alle diese Organisationen hatten für den 6. März in der Carnegie-Hall zu Newyork eine Massenversammlung gegen das einschränkende Einwanderungsgesetz einberufen. Es wurde eine Resolutionen angenommen, die dem Kongreß zur Kenntnis bringt, daß die Massen amerikanischer Bürger jedes Gesetz ablehnen, welches Rassenunterschiede macht und eine Rasse auf Kosten der anderen begünstigt. Richter Thomas W. Churchill führte den Vorsitz. Als Redner traten u. a. hervor: Gouverneur Alfred E. Smith, Lieut.-Gouverneur George Richard Lunn, Senator Royal S. Copeland, Kongreßabgeordneter Hamilton Fish, Richter Mahoney, Richter Salvatore A. Cotillo, Abgeordneter Fiorello H. La Guardia, Kongreßabgeordneter Samueb Dickstein, Kongreßabgeordneter Nathan D. Perlman, Herr Louis Marshall und Dr. Stephen S. Wise. In Minneapolis nahmen an einer Protestversammlung gegen die Johnson-Bill Vertreter von sieben Nationalitäten teil. Von Senator Magnus Johnson, der wahrscheinlich auch für die Präsidentenschaft kandidieren wird, war folgendes Telegramm eingelaufen: „Ich bin nach wie vor gegen eine Quotenfestsetzung, die auf dem Zensus von 1890 basiert. Wenn das jetzt noch geltende Gesetz in Bezug auf Verwandte entsprechend geändert wird, bin ich damit einverstanden. Auch in Brooklin wurde unter dem Vorsitz des Kongreßmitgliedes Samuel Dickslein, der auch dem Immigrations-Komitee des Repräsentantenhauses angehört, eine Protestversammlung abgehalten. Das Kongreßmitglied La Guardia sagte in einer Rede, die Bill beabsichtige eine Zurücksetzung der Juden und Italiener. Wenn die Quoten nach dem Zensus von 1890 festgesetzt worden, würde die jüdische Einwanderung von 80 000 auf 4000 heruntergehen. Die italienische Quote würde sich von 45 000 auf 300g vermindern. Aus aller Welt. Deutschland. Der Jüd. Frauenbund veranstaltet eine systematische Agitation für das aktive und passive Wahlrecht der Frauen in den jüdischen Gemeinden. — Die Deutschvölkischen im thüringischen Landtag wollen der Regierung das Vertrauen entziehen, weil diese dem Staatsbankpräsidenten Loeb ihre „Wertschätzung" ausdrückte. Laut „Vayr. Volkszeitung" ist vor kurzem bei einer Fahnenweihe in einer Nürnberger Kirche der Prediger bei Nennung des Namens des Stifters der christlichen Religion mit den Rufen: „Judensohn! Nun kommt er auch noch mit dem Judensohn" unterbrochen worden. Polen. In Nasiolsk bei Warschau wurden fünfzehn Agudisten verhaftet, die beschuldigt werden, eine zionistische öffentliche Bibliothek überfallen und vernichtet zu haben. — Rabbiner Finkel aus Odessa begibt sich zum dauernden Aufenthalt nach Amerika. Erez Jisroel. Felix Marburg aus Newyork ist hier eingetrosfen. Der Oberkommissar hat den Moskauer kommunistischen „E m e s" in Palästina verboten. Der bekannte radikale Freidenker, Dr. Lurje, das Oberhaupt des zionistischen Waad hachinuch, ist zurückgetreten. Amerika. Die vereinigten jüd. Organisationen von Massachuseth protestieren beim Präsidenten gegen das neue Einwanderungsgesetz. — Rosenberg, 2. Vorsitzender des Joint, spricht sich für das Krim-Siedlungsprojekt aus. Rußland. Die Tätigkeit des Joint in Rußland hört am 15. Mai auf; eine zurückgelassene Geldsumme reicht noch für Unterstützungen der bestehenden Anstalten bis 1. Juli. Litauen. Die Zeitung „Pitos" bringt anläßlich des Verschwindens eines zwölfjährigen Kindes eine aufreizende Notiz gegen die Juden im Sinne der Blutlüge. Personalien. Friedoerg (Hessen), 18. März. Herr Lehrer Heinrich E h r m a n n , der in diesem Jahre auf eine vierzigjährige segensreiche Tätigkeit als Kantor und Religionslehrer in unserer Gemeinde zurückblicken kann, wurde anfangs. Februar d. Js. auf Grund des Gesetzes über die Altersgrenze in den Ruhestand versetzt. Aus diesem Anlaß veranstaltete unsere Gemeinde am rwn »3 naw einen besonderen Festgottesdienst, der zu einer spontanen Kundgebung der Verehrung des Jubilars wurde. Als vor 40 Jahren Herr Lehrer Ehrmann sein Amt als Lehrer an der seinerzeit unter der Leitung Rabbiner Hirschs stehenden Präp arand enan statt zu Burgpreppach mit dem eines Religionslehrers in Friedberg vertauschte, da mag ihn die Ausgabe gereizt haben, Thoramissen' und Thoraleben in eine Gemeinde hineinzutragen, die schon jahrzehntelang von der liberalen Gedankenwelt angekränkelt war und eben im Begriffe stand, hie und da in die Liturgie einzugreifen und sie mehr den liberalen Anschauungen anzupassen. Daß dies seinerzeit verhindert wurde und daß noch heute unser Gemeindegottesdienst sich streng an die Gebräuche der orthodoxen Frankfurter Geineinde anpaßt, das ist das unbestreitbare Verdienst unseres Lehrers. Ebenso ist es seiner unzweideutigen, konzessionsfeindlichen Stellungnahme zu danken, daß in unserer Gemeinde sämtliche Institutionen des orthodoxen Gemeinwesens unversehrt erhalten geblieben sind. Und ebenso zielbewußt im Sinne der Orthodoxie war sein Wirken in der Schule. Seine Zöglinge folgten willig seinen Anleitungen, lauschten mit Freude aus die Worte der Thora, die er ihnen vortrug und meisterhaft erläuterte. Wenn es auch nicht gelang, diese jugendlich Begeisterten für immer zu Besolgern des Gottesgesetzes zu machen — wirkte doch das Elternhaus der Erziehung der Religionsschule sehr oft geradezu gewaltsam entgegen — so ist es zweifellos sein Verdienst, das Interesse für jüdisches Leben und jüdisches Wesen in den Herzen seiner Schüler für immer geweckt zu haben. Seinem Lehrsystem und seiner Lehrtätigkeit war aber nur deshalb dieser Erfolg beschieden, weil er seine Schüler die Thora nicht nur lehrte, vielmehr weil er ihnen das Gottesgesetz auch in eigener Person — n'w niivnaa nbp nixaa — vorlebte. Sein Wirken auf allen Gebieten des jüdischen Pslichienlebens ist mustergültig und seine Opferbereitschaft beispiellos. So ergänzt sich in ihm Mensch und Lehrer, und diese Verbindung macht ihn zu jener Persönlichkeit, die hoch geachtet und verehrt wird, nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch in den Reihen seiner nichtjüdischen Berufskollegen. Daß der wohlklingende Name Ehrmanns, den wir mit Stolz „unseren Lehrer" nennen, aber auch weit hinaus über die Grenzen unseres Städtchens bekannt und hochgeachtet ist, dafür hat seine Tätigkeit genügend gesorgt. (Wir wünschen» dem verdienten Lehrer, in dem - die gesetzestreue Lehrerschaft Hessens einen treuen Führer hat und wir einen langjährigen Freund und Mitarbeiter