Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Vir. 13 Seite 5 27. März 1924_-___ nunö war, förderte er nicht nur seine seelische Stärke, sondern auch seine physische Lraft und Lebensdauer. Nun hören wir, wie R. Nechunja hagodaul sein hohes Alter erklärt, man» ’rfcap *6 „er habe niemals Geschenke angenommen" und bemft sich dabei im Namen R. Eleasars auf keinen Geringeren als den Weisesten aller Weisen Salomo, der in seinen Mischle-Sprüchen sagt: nm' rmna kjw- Wer Geschenke haßt, wird leben. (15, 27.) Ja, wenn R. Eleasar solche angeboten wurden, wies er sie zurück mit dem Einwand: „Willst du nicht, daß ich lebe'', betrachtete es also gleichsam als ein „Attentat" auf sein Leben. Man denkt hier wohl nicht an Aufmerksamkeiten, die etwa bei freudigen Anlässen unter Freunden und Freundinnen getauscht werden, obzwar auch diese, besonders unsere Damen beim Gedanken an die Reoanchepflicht nervös machen können. Denn es sind oft nur „Darlehen", die je nach Lust und Fähigkeit, sich zu revanchieren, auf höheren oder niederen Zinsfuß gegeben werden. Hier hat man wohl Aufmerksamkeiten im Auge, die den Gelehrten nach dem Grundsatz: *waa maarn erwiesen wurden, um ihnen ein sorgenloses Studium der min zu ermöglichen. Nun gibt es aber Menschen, für die es nichts Erniedrigenderes gibt, als anderen zu Dank verpflichtet zu sein. Viele Menschen fühlen sich nur dann leiblich und geistig wohl, wenn sie völlig unabhängig von ihrer Mitwelt leben, ihre Ueberzeugung frei und unverhohlen aussprechen können, nur kein geistiges Sklaventum zu tragen haben. So meinte wohl R. Nechunja, durch Ablehnung aller Geschenke habe er seine Lebenskraft jung und frisch erhalten. Aehnlich verstehen wir auch Nechunja's Wort: 'n"n 'ttaaa pm „ich war freigebig mit meinem Vermögen." Es gibt Menschen, die fürchten, mit jeder Spende, die sie leisten, könnten sie ihre eigenen Lebensbedürfnisse kürzen. Nicht so die jüdische Lebensanschauung. Wer gewöhnt ist, Gemilus Chesed zu üben, der wird wohl schon oft empfunden haben, daß das Bewußtsein, eine Träne des Andern getrocknet, einen Schmerz gelindert, ein gebrochenes Herz aufgerichtet zu haben, uns mindestens soviel oder oft mehr persönliches Wohlbehagen verleiht, als uns selbst dafür einen Genuß erlaubt zu haben, der zuweilen „für einen kurzen Wahn eine lange Reue" eintauscht. Merkwürdig klingt noch R. Sakkai's Antwort: Er habe niemals den Sabbat- Lidusch über Wein versäumt, einmal habe er sogar dafür seinen seidenen Gurt verpfändet. Es kann selbstredend nicht das Glas Wein gewesen sein, das ihm sein Leben verlängerte, das hätte er ja zu jeder anderen Zeit auch nachholen können. Aber die Energie, die er entfaltete, sein Prinzip durchzusetzen, sich Wein unter größten Opfern zu verschaffen. trotzdem er ja zur Not auch mit zwei Broten die Lidusch-Pflicht hätte erfüllen können, diese gab ihm immer wieder Lraft zu neuer Lebensentfaltung von Woche zu Woche, und er hatte so sein langes Leben dem «mp l" zu verdanken: denn die jüdische Anschauung ist, daß der Geist, die Seele, der göttliche Teil in uns nicht abhängig ist von dem Sklaven, dem Leibe, sondern bis zu einem gewissen Grade ihn zu beherrschen vermag, und ein Ideal, das wir uns gesetzt, zwingt auch den Lörper unter unsere Botmäßigkeit. Und damit befinden wir uns auch in Gesellschaft nichtjüdischer Denker. Um nur einen herauszugreifen, den Theologen und Philosophen Fr. Schleiermacher, der gewiß nicht im Verdachte eines alttestamenllichen Dogmatikers steht, der in seinen Monologen über „Jugend und Alter" sagt: „Ich glaubte auch einst, mich vor dem nahenden Alter beugen zu müssen, aber ermannte mich und rief die Jugend zurück. Denn warum soll der Geist, der freie und ungemessene früher entrinnen als das irdische, dem Tode Der Israelit preisgegebene. Ein selbstgeschaffenes Vorurteil ist oft das Alter, das dem Wahne entspringt, der Geist sei - abhängig vom Lörper. Ist der Wille in uns stark, so werden wir uns des Lebens freuen können, nicht so lange der Lörper, sondern der Geist dazu die Lräfte liefert." Fassen wir nun das hier Ausgeführte zusammen, so ergibt sich, daß wir — den göttlichen Beistand vorausgesetzt — imstande sind, unsere Jugendkraft zu erhalten und unser Leben zu verlängern und zwar auf negative und positive Weise. Einmal indem wir mit Energie nach Möglichkeit alles fernhalten, was unser inneres Gleichgewicht stören oder uns zur Verweichlichung führen könnte. Ferner indem wir uns bestimmte Ideale setzen, durch deren Erstreben unsere Lräfte wachsen, wie dem Adler die Schwingen, dem Turner die Muskeln durch Benützung stärker werden — indem wir uns bemühen, unseren geistigen Besitz, stets zu vermehren wie jener R. Seoeda durch ein stets waches Aug und Ohr beim Lehrvortrag sein Leben verlängerte. — Doch wir wollen nicht durch zu weitschweifende Ausführungen den Leser in Versuchung bringen, dem Schlaf zu verfallen und rn dessen Lebensenergie schwächen statt zu stärken. Sollten diese Worte beim einen oder anderen verjüngend und auffrischend gewirkt haben im Sinne des a'axn tznn ri» iiav, so sollte sich die Mühe des Schreibens und Lesens gelohnt haben. Komrpsnäenre« * ßacbricMen Reich. Tagung des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Berlin, 18. März. Am Sonntag den 16. März tagten hier die Vertreter der im preußischen Landesverband vereinigten jüdischen Gemeinden Preußens. Es wurden Berichte über die bisherige Tätigkeit des Landesverbandes, insbesondere über den Stand der staatlichen Genehmigung und die Tätigkeit auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung erstattet. Längere Zeit beschäftigte auch die Frage der Staatszuschüsse und die Finanzlage der einzelnen Gemeinden die Tagung. Zu den verschiedenen Punkten des Berichtes gab der Geschäftsführer des Verbandes, Dr. Jsmar Freund, ausführliche Einleitungs- Referate. Das Hauptinteresse der Tagung konzentrierte sich aus die Frage der Wahlen zum ersten Derbandstag. Nach der Verfassung sind die Abgeordneten kn allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Verhältniswahl derart zu wählen, daß auf 3000 Seelen ein Abgeordneter entfällt. Von verschiedenen Sekten wurde gewünscht, daß zunächst die staatliche Anerkennung des Verbandes herbeigeführt werde. Ein Antrag der Herren Justkzrat Makower und Rechtsanwalt Stern (Berlin) forderte die sofortige Ausschreibung der Wahlen. Gegen diesen Antrag sprachen Dr. Wolfs (Berlin) und Dr. Baerwald (Frankfurt a. M.),. Sehr warm befürworteten die baldigste Ausschreibung der Wahlen im Interesse der Popularisierung des Landesverbandes die Herren Rechtsanwalt Dr. Kollenscher und Loeb. Die nach der Erklärung des Vorsitzenden lediglich deklaratorische Abstimmung ergab diee Ablehnung der Wahlen. Die Großgemeinden Frankfurt a. M., Breslau, Köln, Magdeburg, Stettin, Cassel usw. waren gegen, Königsberg für Wahlen. Im ganzen stimmten 19 Gemeinden mit ja, 13 mit nein. Unter diesen 13 befanden sich aber die Großgemeinden, die mehrere Stimmen repräsentierten. Die Debatte wurde sehr bewegt, als Rechtsanwalt Kollenscher den Vertretern gewisser Großgemeinden Sabotage an der demokratischen Ausgestaltung des Verbandes vorwarf. Der Vorstand der Berliner Gemeinde bleibt weiterder Geschäftsführer des Verbandes. Er wird nunmehr zu prüfen haben, ob er von der Ermächtigung, die Wahlen auszufchreiben, von sich aus Gebrauch machen soll. Die Thüngener Unruhen vor Gericht. T h ü n g e n, 23. März. Am 21. Oktober 1923 veranstaltete der Bund Bayern und Reich unter Führung des Baron von Thüngen einen sogenannten deutschen Tag. Dazu waren noch auswärtige vaterländische Verbände Oberland u. a. m. geladen. Bis zu den Zähnen bewaffnet, trafen diese hier ein. Am Bahnhose schon stießen verschiedene Angekommene schwere Drohungen gegen die hiesige Einwohnerschaft aus. Sie wurden darob mit Pfuirufen empfangen. Die Stimmung war gereizt. Vor dem Schlosse stellte sich der Zug auf. Außer dem Baron und einiger seiner Bediensteten schlossen sich hier nur noch 2—3 Einwohner an. Wüster Lärm und lautes Gejohl einer großen Volksmenge begleitete den Zug. Am Kriegerdenkmal sollte eine Feier stattfinden. Dieses wurde jedoch von den hiesigen jungen Leuten verhindert. Sie umstellten das Denkmal. Sie wollten das Andenken ihrer gefallenen Brüder, Freunde und Kameraden durch politische Reden der Hakenkreuzler nicht schänden lassen. Der Baron kommandierte: „Platz räumen!" In diesem Augenblick zogen die sogen. Vaterländischen blank. Ein unbeteiligter hiesiger Arbeiter erhielt einen tödlichen Stich. Darauf herrschte ungeheure Erregung. Die Landespolizei von Würzburg wurde, telefonisch herbeigerufen. Sie verhaftete vom Platze weg 10 junge Leute, darunter 7 Israeliten. Um den Mörder kümmerte man sich nicht. Wie Schwerverbrecher wurden diese gefesselt, gleichsam zur Schau durch die Straßen des Städtchens Karlstadt geführt. Sieben Wochen schmachteten sie in Untersuchungshaft. Die Erbitterung des hi-sigep Ortes richtete sich gegen Baron von Thüngen. Laute Verwünschungen wurden gehört. Die schöne Harmonie, die bisher zwischen den hiesigen Konfeessionen geherrscht hat, wurde nicht getrübt. Am Volksgericht Würzburg fand vom 13. bis 15. März die Hauptverhandlung wegen Landfriedensbruch gegen 13 Angeschuldigte, darunter 7 Israeliten, statt. 55 Zeugen waren geladen. Die Verhandlung ergab die volle Haltlosigkeit der ganzen Anklage. Die Verdächtigung in der Anklageschrift: „Die Juden in Thüngen haben beschlossen, den deutschen Tag mit Gewalt zu verhindern und da sie glaubten, dazu zu schwach zu sein, haben sie sich mit dem Fußballklub verbunden," hat selbst der Staatsanwalt fallen lassen. Die Angeklagten wurden teils freigesprochen und teils wegen Unfugs zu 3—5 Wochen Haft, verbüßt durch die Untersuchung, verurteilt. Dieser Wahrspruch ist ein glänzender Sieg der Wahrheit und des Rechtes gegen niedrige, böswillige Verleumdung und konfessionelle Entzweiung. Der gesunde Sinn der hiesigen Einwohner ließ sich durch die propagandistischen Absichten des deutschen Tages nicht betören. Die hiesige Bevölkerung will mit ihren jüdischen Mitbürgern, die nahezu ein Fünftel der Ortsbewohner zählen und im Weltkrieg 7 tapfere Söhne auf dem Altar des Vaterlandes geopfert haben, auch weiterhin wie bisher in Frieden und Eintracht leben. Das Fiasko des deutschen Tages wird für den voll völkischen Schlagworten berauschten jungen Baron — der im Gegensatz zu den Bekundungen aller Zeugen seine Leute wehrlos und die hiesige Bevölkerung mit Kntztteln bewaffnet sah — und seine Hintermänner eine heilsame Lehre bleiben. Polnisches Borgehen gegen den Minoritätenvertrag mit dem Völkerbund. Warschau, 21. März. Wie der I. T. A.-Dertreter» erfährt, berät der Senat über eine Resolution, die die Regierung beauftragen soll, den im Juni 1919 zu Versailles zwischen den alliierten Mächten und der polnischen Republik geschlossenen Vertrag, laut welchem die Mknderheitsnationen unter den Schutz des Völkerbundes gestellt find, zu annullieren. Die Forderung wird damit begründet, daß die Vereinigten Staaten den Minoritätenvertrag nicht ratifiziert haben. In der Resolution wird ferner darauf hingewiesen, daß die polnische Verfassung die Rechte der Minderheitsnationen vollkommen garantiere, wes-