Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit lästina Kenntnis genommen hat. Die zionistische Organisation mutzte nun einsehen, datz ihre Politik, besonders aber ihre Bestrebungen, in Palästina Zwangsgemeinden mit Steuerrecht zu schaffen, zur Erbitterung der thoratreuen Massen führt. Statt endlich kluge Einsicht zu üben, hat sie trotzdem eine Pretzkampagne gegen die Orthodoxie vom Zaune gebrochen, in welcher die Beschuldigung der Orthodoxie, das jüdische Volk „verraten" zu haben, die glimpflichste Waffe war. Man glaubte mit Unterdrückung und Beschimpfungen mehr zu erreichen als mit Nachgiebigkeit und Verständigung. Dessen ungeachtet haben die Vertreter der Agudas Jisroel vor dem Völkerbundsrat in London vor den entscheidenden Verhandlungen über das Mandat alle formellen Anträge zurückgezogen, um die Ratifizierung des Mandates keinen Augenblick zu verzögern. Sie haben nur dem Wunsche vor dem Völkerbundrat Ausdruck gegeben, datz bei der endgültigen Regelung der jüdischen Verhältnisse in Palästina auch die Stimme der Orthodoxie gehört werde. Ein Wunsch, der selbstverständlich unerfüllt blieb. Bei allen Behandlungen der Iewish Agency-Frage und bei allen Deklarationen über diese jüdische Vertretung hat die zionistische Organisation bis zum heutigen Tage nicht die Adresse der Agudas Iisroel entdeckt. In Erez Jisroel selbst hat man die Versuche einer endgültigen Regelung der innerjüdischen Fragen, ohne eine Verständigung mit der selbständigen Orthodoxie herbeizuführen, fortgesetzt. Kurz, die thoratreue Iudenheit wird immer wieder, auch wenn es sich um ihre vitalsten Interessen handelt, auf ganz unglaubliche Weise brüskiert. In Anbetracht dieses Umstandes, auch in der der richtigen Erkenntnis der Tendenz der englischen Politik, mit den Arabern ein Uebereinkommen zu finden, haben die Führer der palästinensischen Aguda es für richtig erachtet, ihre alten guten Beziehungen zu den führenden arabischen Persönlichkeiten zugunsten der jüdischen Sache auszunützen. Während die zionistischen Kongresse platonische Resolutionen über die Araberfragen tzefatzt haben, die durch arabophobe Aeutzerungen führender zionistischer Persönlichkeiten gründlich ausgewogen wurden,hat die palästinensische Orthodoxie wertvolle Vorarbeit zu einer arabisch-jüdischen Verständigung geleistet. Der zionistischen Organisation ist diese Arbeit nicht geheim geblieben. Ihre Presse und ihre Vertreter haben sich nicht genug tun können, um diese Schritte der Orthodoxie zu verdächtigen. Doch nach der entscheidenden Wendung der englischen Palästinapolitik zugunsten der Araber, nach dem Bekanntwerden des Hedjas-Vertragsentwurfes würde man soviel politische Klugheit seitens der zionistischen Exekutive erwartet haben, datz sie vor ihrem Erscheinen bei König Hussein, der durch seine Kandidatur zum Kalif aller Mohamedäner einen übermächtigen politischen Faktor darstellt, sich mit den Führern der Orthodoxie, die wie bisher günstige Erfolge bei den Arabern aufzuweisen haben, verständigen hätte. Das war aber nicht der Fall. Der Vertreter der zionistischen Exekutive erschien vor dem König Hussein, und Herr Sokolow hat grotze Zurückhaltung an den Tag gelegt, bei der Beurteilung der Erfolge dieser Delegation. Acht Tage später empfing König Hussein die Delegation der selbständigen palästinensischen Orthodoxie unter Führung von Rabbi Ehaim Sonnenfeld. Die Delegation wurde von König Hussein mit auszeichnender Freundlichkeit aufgenommen.DieDelegation wurde der königlichen Hoftafel zugezogen und der Sohn des Königs, der Beherrscher Transjordaniens, Emil Abdula, hat eigenhändig den höchsten arabischen Orden an die Brust von Rabbi Ehaim Sonnenfeld geheftet. König Hussein hat in überaus freundlichen und politisch bedeutsamen Worten auch das Memorandum der Delegation, das vom ersten Bester verlesen wurde, in Empfang genomm^l. Dieses Memorandum, an dessen Ausarbeitung auch die Grotzrabbiner aus Polen teilgenommen haben, betont den Wunsch des jüdischen Volkes, mit allen Stämmen, die das heilige Land bewohnen, in friedlicher Zusammenarbeit beim Aufbau des heiligen Landes, das der zentrale Mittelpunkt der jüdischen Sehnsucht ist, milzuarbeiten. Agudas Iisroel, als Weltorganisation der selbständigen thoratreuen Iudenheit vertritt diese freundschaftliche Politik als heilige Tradition und will daher bei der Regelung der palästinensischen Verhältnisse nebst den anderen jüdischen Organisationen gehört zu pierden. König Hussein gab in seiner Antwort die Zusicherung, datz er mit Agudas Iisroel rechne und ihre Wünsche nicht übersehen werde. — So ist es zu hoffen, datz die Delegation der palästinensischen Aguda gut machen wird, was die unvernünftige zionistische Araberpolitik bisher verdorben hat. Aus dem Berichte des Herrn Sokölow anläßlich der Sitzung des zionistischen Aktionskomitees ist zu entnehmen, datz er mit der Delegation unter Führung von Rabbi Ehaim Sonnenfeld höchst unzufrieden ist. Da seine Angriffe, nach früheren Beispieleen zu schlietzen, nur den Auftakt zu einer allgemeinen Pretzhetze gegenüber der Orthodoxie bilden, können wir erwarten, datz man wiederum eine Flut von Beschimpfungen gegen Agudas Iisroel loslassen __ Nr. 13 Seite 3 wird. Agudas Jisroel stand in den jüngsten 6 Jahren nicht selten vor schweren Entschlüssen. Die Entwicklung der Dinge hat ihr bisher immer noch Recht gegeben. Die zionistische Politik der letzten sechs Iahre ist eine ununterbrochene Kette von schweren Mißgriffen und Fehlern. Agudas Jisroel ist nach der Kenessio gefestigt genug um in aller Ruhe abzuwarten, bis innerhalb der zionistischen Organisation politische Nüchternheit und ehrlicher Verständigungswille die Oberhand gewinnen." Die Kunst der Lebensverlängerung (Makrobiotik) im Talmud. Von Rabbiner Dr. Ansbacher in Stuttgart. Fragen wir einen Menschen nach dem Zweck seines Lebens, so werden die meisten eine Antwort geben, die auf den Sinn hinausläuft: Güter irgendwelcher Art zu erwerben. Je nach der Beanlagung des Gefragten wird er materielle. geistige Verdienste um die Menschheit, also Güter für eine höhere Welt und dergl. darunter verstehen. Es gibt jedoch noch ein Gut, das auch von vielen, ja von den meisten,, angestrebt wird, das man aber — so paradox es klingt — erwerben will, ohne es zu besitzen: es ist das Alter. Man wird alt werden, aber nicht alt sein, man will des Alters sicher sein, aber es immer noch aus der Ferne wissen. Gegen dieses Empfinden ist wohl auch vonr jüdischen Standpunkt aus nichts einzuwenden, im Gegenteil. Bei dem grotzen Pflichtenkreise, gerade des gesetzestreuen Juden, der an unser physisches und psychisches Können und Wollen besonders hohe Ansprüche stellt, dürfte es nicht nur gestattet, sondern sogar geboten sein, die Iugendkraft, den Höhepunkt unsrer Leistungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten. Vielleicht darf man — nebenbei — diesen Gedanken auch als Sinn des an Israel ergangenen Rufes deuten, iivv y'yrrn v?nrm Bewahre dir die Periode deines Lebensfrühlings. Ist es nun möglich, diese Wirkung zu erzielen, und damit unser Leben — die göttliche Hilfe vorausgesetzt — zu verlängern? Die Altersgrenzen der vorsündflutlichen Zeit scheiden selbstredend für uns aus. Nebenbei sei nur bemerkt, datz man gänzlich falsche Wege ging, diese hohen Zahlen zu. erklären. Wie unwissenschaftlich es ist, unter jenen Jahren etwa nur Monate zu verstehen, erhellt aus der Tatsache, datz man Familien, die die Nachkommenschaft der zur Zeit des Königs Tang angesiedelten Juden darstellen. Neben diesen Familien, die das historische Judentum in China repräsentieren, gibt es freilich mehrere Hunderttausend jüdische Ausländer, die im Reiche der Mitte leben. Ihre Zahl ist äußerst schwer festzustellen, weil im chinesischen Reiche seit mehreren Jahrzehnten keine Volkszählung vorgenommen wurde. Schätzungsweise dürfte man aber annehmen, daß die Zahl der Juden in China sich auf eine halbe Million belaufe." Die Ausgrabungen. Der die Ausgrabungen in der Davidstadt leitende Bevollmächtigte des Barons Edmond de Rothschild. Captain Raymund Weill, äußerte sich in einem Interview mit dem I. T. A.-Vertreter: „Laut der Bibel (Könige II) wurden David und zwölf seiner Nachkommen in der Davidstadt begraben. Es müßten dort demnach mindestens 13 Gräber vorhanden sein. Drei von diesen habe ich schon in den Jahren 1913/14 freigelegt und jetzt noch ein viertes entdeckt. Dieses vierte Grab unterscheidet sich von den anderen dreien dadurch, daß es vertikal und nicht, wie die anderen, horizontal in den Felsen gehauen ist. An, der östlichen Mauer des Grabes fanden wir einen Steinbruch aus der Römerzeit, und in der.Nähe der südlichen Mauer fanden wir eine Art Kammer, in dessen Fußboden sich vier quadratische Vertiefungen befinden; ich habe noch nichts herausgefunden, wozu diese gedient haben könnten. Die Freilegung des Ganges wird fortgesetzt. Ich glaube auch die Stufen entdeckt zu haben, die von Nehemiah erwähnt worden sind. An der südlichen Ecke, wo die ältere kanaanitische mit der neuen judäischen Mauer zusammenstößt, ganz nahe beim Verließ in einer Art vertikalen Einschnitt in den Felsen, befinden sich mehrere Stufen. An diesem Punkt der Burg war ein Eingang. Es scheint, daß dies die Stufen und der Eingang find, von denen Nehemia in der Beschreibung der Festungsmauern als von dem „Tor des Brunnens" spricht. ° Ein Gedenkblatt. Ein Gedenkblatt für die 12 000 jüdischen Gefallenen hat Professor Mar Liebermann dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gewidmet. Das Gedenkblatt stellt eine in edelster Haltung klagende Mutter dar, hinter der sich Grab an Grab reiht. Eine Frauengestalt an ihrer rechten Seite pflanzt ein Reis auf ein Heldengrab. Mar Liebermann hat in seiner begnadeten Meisterschaft dem Antlitz der Hauptfigur die Züge tiefsten, aber weihevollsten Schmerzes aufgeprägt. Daß ein Mann von der Bedeutung Mar Liebermanns gerade jetzt dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten dieses Blatt gewidmet hat, ist ein Zeichen dafür, wie sehr auch der große Künstler das Unrecht empfindet, das den jüdischen Kämpfern und vor allem den jüdischen Gefallenen fortgesetzt von völkischer, noch dazu von hoher militärischer Seite zugefügt wird. Vorausbestellungen auf das Kunstblatt nimmt die Geschäftsstelle des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Herr Ledermann, Berlin C. 2, Burgstr. 26, Zimmer 9/10, entgegen. Es wird eine Anzahl von Exemplaren auf Büttenpapier gedruckt und von Professor Liebermann handschriftlich gezeichnet werden. Eine größere Anzahl erscheint im Original-Steindruck. Auch die Herausgabe von Kunstpostkarten wird geplant. Wieviel du willst. Michel Nagid aus Stanislau ist während einer Geschäftsreise in Wien gestorben. Es war niemand bei ihm als sein Sozius und Bruder Leib. Nach seiner Heimkehr behauptet dieser, Michel habe, ehe er den letzten Atemzug, getan, ihn, Leib Nagid, mit folgenden Worten zum Erben eingesetzt: „Von meinem Vermögen sollst du meiner Frau geben, wie viel du willst;, das Uebrige soll dein sein." Auf Grund dieser Worte, die er mit lausend Eiden zu beschwören bereit ist, bietet Leib der Witwe seines Bruders aus dem Nachlaß, der 30 000 Gulden beträgt, die Summe von 3000 Gulden. Da die Frau daraus nicht eingeht, kommt die Angelegenheit vor den Rabbi von Stanislau, der den Streit schlichten soll. Zu ihm haben beide Parteien Vertrauen, denn er gilt mit Recht als ebenso kluger wie frommer und gerechter Mann. Die Witwe darf annehmen, daß er sich ihrer nach Thoragesetz annehmen werde, und Leib Nagid, den man als habsüchtigen Menschen kennt, baut darauf, daß der Nabbr an der Heiligkeit eines Wortes, das ein Sterbender gesprochen, nicht werde rütteln lassen. Darum weist er auch den Vermittlungsvorschlag des gelehrten Herrn, daß die Frau mindestens die Hälfte des Nachlasses erhalten solle, schroff ab und besteht auf seinem Schein. „Du kannst also beschwören, daß die letzten Worte deines sterbenden Bruders so gelautet haben, wie du behauptest?" forscht der Rabbi. „Das kann ich!" „Gut. Und nun wiederhole diese Worte, wie sie sich deinem Gedächtnis eingeprägt haben. Füge nichts hinzu und lasse nichts weg." „Also sagte mein Bruder Michel: „Du sollst meiner