Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1924)
- Date
- 1924-03-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Beilagt mm Die große Ansfahrt. Von Bero Berlinger. 1. Der Winter. Ist sehr rauh und kalt der Winter, So sitzt man gemütlich hinter Einem Ofen und hält warm Brust und Rücken, Fuß und Arm. Tobt der Unhold, gibt es Schnee, Liegt man auf dem Kanapee, Und vermummt, verpelzt, vermufft Schluckt man frische Winterluft. Wer bejahrt ist, nun, der hat Bald den Winter gründlich satt, Denn aus seinem finstern Blicke Schauen Hinterlist und Tücke, Huia, springt er in den Nacken, Daß die morschen Knochen knacken Und die ganze Menschensippe Schüttelt sich vor Angst und Grippe. O, wie fürchterlich ist das, Was man nennet Ischias, Und der Menschheit Freunde nicht Sind die Masern und die Gicht. .Kranksein ist garnicht gesund, Bringt den Stärksten auf den Hund, Drum ist weise man und klug, So man schützet sich vor Zug, .lnd nur ein kompletter Narr Holt sich leichten Sinns Katarrh. Immer muß man darauf halten, Daß die Füße nicht erkalten, Doch mit Wolle und Trikot Wird man auch des Winters froh, Ganz besonders, wenn man kann Satt sich essen dann und wann. 2. Die Kinder. In den Betten, in den Wiegen Süße Säuglingslinder liegen Spielend, lächelnd, weinend, blinzelnd, Strampelnd, hitschernd, trinkend, winselnd, Bis vorüber ist der Winter, Dieser Menschenkinderschinder. Da auf einmal gibt's ein Staunen Und geheimnisvolles Raunen: Frühlingswinde kosen lind, Küssen sanft das Wiegenkind. Auf die Augen, reckt die Hälse! 'Weg die Wolle, weg die Pelze! Aus die Kammern, auf die Fenster! Weg die Trübnis, weg Gespenster! Angst und Sorge sollen fliehen, Und die Sonnenstrahlen ziehen liebevoll mit heißer Kraft Wiegenkindlein aus der Haft, Und die Kindlein allerwegen Strecken ihre Händchen gegen Das gewalt'ge Licht der Sonne: Frühlingsahnen, Frühlingswonne! Und 'aus Millionen Seelen llnd aus Millionen Kehlen Schallt deni Schöpfer Dankgesang, Frühlingslied und Frühlingsklang. — Auf den Gassen ein Gewimmel, Kinderwägelchengebimmel. Mütter kommen mit den strammen Mägdlein, Büblein, und zusammen Mi: den Bonnen und den Muhmen llnd mit Veilchen, Schlüsselblumen. Mütter, Schwestern, Brüder, Väter Tragen, fahren mit Gezeter vr. ii Neulingskinder in das Freie; Eine endlos lange Reihe Flutet auf die Promenade Zur Kleinkindergroßparade. — Weil gebrochen Winters Bann Freut man sich, so gut man kann. 3. Aus d er Fahrt. Auch ins Rabbihaus sich stahl In der Früh" ein Sonnenstrahl; Jubelnd wurde er begrüßt Und vom Meierchen beniest. An die Sonne hat getragen Man den neuen Kinderwagen, Setzte Bübelchen hinein: Sonnenschein in Sonnenschein. Mutter, Tante zogen beide An ein Kleid aus reiner Seide, Denn des Kindes erste Fahrt Feiert man auf hohe Art. Da schoß plötzlich aus dem Tor Der Papa, der Raw, hervor, Legte ab Rabbinerbürde, Hüllte sich in Vaterwürde, Und es schritten Frau und Mann Hoheitsvoll dem Zug voran. Sodann kam des Hauses Säule, Vierzigjährig, Witwe Bleule, Dann der Wagen mit vier Rädchen llnd davor das Kindermädchen, Dann der Onkel mit dem Stecken, Um zu scheuchen Hundeschrecken, Dann die Tante "mit dem Schirm, Zu verjagen das Gewürm Und die freche Stechemücke Zu zerhacken in zwölf Stücke. Doch es machte den Beschluß Mäusejäger Kater Buß, Der sich aber schleunigst drückte, Als ein Mopserl er erblickte. Stolz zog jetzt die Karawane Nach dem Teiche mit dem Schwäne, Nach dem Wäldchen und den Wiesen, Um Ozonlust zu genießen. Dort nun sagte Onkel Rüben Lieblich blickend aus den Buben: „Fährt der Sohn des Raw spazieren, Muß sein erster Gang ihn führen Nach dem Bethaus, um zu danken. Rechtsum, marsch! Hier gibt's kein Schwanken!" So ist man in weitem Bogen Hin zur alten Schul gezogen. 4. In der Synagoge. Allsogleich kam Schamesch Dan Mit des Hauses Schlüssel an, Hat laut an die Tür geschlagen, Um die Schedim zu verjagen, Und der Onkel trug hinein Büblein zu dem Thoraschrein, Zeigte Vorhang ihm und Krone llnd sprach dann zum Brudersohne: „Tfch, tsch, tsch — nun küsse hier Tsch, tsch, tsch — die Thorazier, Tsch, tsch, tsch — wie 's deine Pflicht, Tsch. tsch, tsch — doch lecke nicht." Bübchen mit den Augen kniff; Mit den Händchen es ergriff Deckchen, Krone, das Gehänge, Schließlich auch noch das Gestänge, Küßte dort und küßte hier Die gesamte Thorazier. (Diese kindlich reinen Küsse Waren Frömmigkeitsergüsse.) Jetzt mit ihm der Onkel schritt Hoch hinauf zum Kanzeltritt: „Nun, mein Söhnchen, predige, Und damit erledige, Was zu deinem Amt gehört, Du bist völlig ungestört." Stille wurde es im Raum. — Wachte man? War es ein Traum? Aus des Kindes Munde rang Sich hervor ein süßer Sang, Süß wie Davidsharfentöne Oder Lied der Kora-Söhne; Zitternd durch den Raum er schwebte, Daß die Mutter tief erbebte Und der Vater voller Wonne Strahlte wie die Mittagssonne. Tante Pine aber schloß Ihre Augen und vergoß Sieben Tränen. Uebervoll War ihr Herz, das überquoll. Sanften Sinnes und ganz leise Sagte sie zum kleinen Kreise: „Diese Predigt ohne Worte War von ganz besondrer Sorte. Durch Gedanken nicht gestört War die Wirkung unerhört. Ist dies kleine Kind nicht groß? Predigt, singt es nicht famos? Alle Eltern wollen haben Schöne und begabte Knaben, Aber niemand wird erreichen Unfern Meier. Seinesgleichen Eibls nicht mehr. So urgesund, Genial und kugelrund." Tante wollte in dem heißen Drange Meier an sich reißen, Schließlich trugen sie ihn alle Hin zur Synagogenhalle; Wieder in das Wagenzslt Ward gelegt der Tagesheld, Und man ist in weitem Bogen Freudevoll nach Haus gezogen. Onkel 'Rüben aber schritt Hocherhob'nen Hauptes mit. 5. Der Heimweg. Plötzlich schlug das Wetter um, Baff war alles, sprachlos, stumm. Schnee und Graupen, Hagel, Schlossen Von dem Himmel abwärts schossen, Und die Donner nimmer endend Und die Blitze augenblendend. Tante Pine war bekümmert Und ihr neues Kleid zertrümmert, Eltern waren schrecklich blaß, Weil der Junge klatschenaß. Aber dieser lachte, lachte, Als der Donner mächtig krachte, Und die Blitze blendend zuckten Und die Frauen krampfhaft schluckten, llnd der Hagel und die Schlossen Mensch und Tiere gut begossen, llnd der Sturm so riesig heulte Und des Onkels Hut verbeulte. Ja, noch mehr! Der kleine Mann Fing sogar zu singen an! Mitten in dem Sturmgebraus Sang er froh sein Lied hinaus, Mit dem Donner um die Wette Schrie er im durchweichten Bette. Da ging es wie helles Leuchten Ueber die vom Regen' feuchten Angesichter. Hingerissen Stampfte man in Regengüssen Ohne einen ttock'nsn Faden Zu den heimischen Kemnaten, Als miauend aus dem Tor Buß, der Kater, sprang hervor. Er, der graue Drückeberger, Hatte sichtlich großen Aerger, Daß durch Mopserls Niedertracht Ilm die Fahrt ward er gebracht. Doch man übersah ihn leider, Denn man hatte nasse Kleider, Und mit einer Gänsehaut Man nicht freundlich um sich schaut. Schließlich sagte Onkel Rüben Mit Beziehung auf den Buben: „War die Ausfahrt auch verregnet, Dennoch war sie reich gesegnet." — Meier aber, sehr erfrischt, Trank die Kuhmilch unvermischt, Schlief sodann in einem Eckchen! Seines Betts sich rote Bäckchen.