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Der Israelit · 1924-03-13 · Heft 11 (13.3.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 11 (13.3.1924)
Date
1924-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Israelit Nr. 11 Seite 3 13. März 1924 gcs tzos, wie überhaupt von Gesetzen, die aus dem Geiste der jüdischen SozialeU.ik erwachsen sind, mit ailen Kräften Mitarbeiten. Uns fehlt die nötige Lotalkunde für die Sachlage in Warschau. Für unsere Verhüt nisse wäre selbstoe stündlich das Mieterschutzgesetz durch ein Schntzgesctz auch für die Hauseigentümer zu ergänzen. Wie es erste menschliche und jüdische Pf.icht ist, die Mieter, besonders die vom schwer ringenden Mittelstände, nicht zu bedrücken und zu bedrängen, so müssen auf der anderen Seite auch die Rechte der Hauseigentümer, die in ihren Grundstücken vielleicht ihr einziges Vermögensobjekt und einzige Erwerbsquelle haben, vor unvernünftigen und ungerechten Mietern, die im Westen nicht immer die wirtschaftlich Schwächeren sind, geschützt werden. Einem Gesetze, das die Interessen der einen wie der ande.en nach den Grundsätzen von Recht und Billigkeit wahrnimmt, ist von vornherein unsere oo le Sympathie sicher, nicht zuletzt aus den vom Sanoker Raw entwickelten Gründen, aus dem Grunde, weil alles, was gut und gerecht und den Geist der Liebe atmet, auch jüdisch ist. Freifrau Hanna Mathilde von Rothschild Geboren am 3. Adar I! 5592, Gestorben am 3. Adar H 5584. An dem Tage, an dem sie ihr zweiundneunzigstes Lebensjahr in wunderbarer Frische des Geistes und Körpers vollendet hatte, ist Freifrau Hanna Mathilde von Rothschild, die Mi we des unvergeßlichen p'iri 12N Wilhelm von Rothschild die letzte Vertreterin des Hauses Rothschild in Frankfurt, am Sabba-Ausgang sanft hinübergesch.ummert in die Welt der Ewigkeit. Mit ihrem Heimgänge hat ein charak e.istisches Stück deutscher und jüdischer Geschichte in ihrer innigen Verschwisterung einen spä.en Abschluß gefunden, ein Stück Geschichte, das mit dem Aufstieg der Rothschilds aus der Frankfurter Iudengasse zur Weltmacht begonnen, in der originalen Gestali Wi ly von Rothschilds seinen Höhepunkt erreicht halte und durch dessen Tod mit dem Erlöschen der Frankfurter Firma dem sicheren Ende bereits en'gegengegangen war. Charakter besitzt die Geschich.e der Rothschilds nur insoweit und solange, als die bewußt Wahrung jüdischer Tradi.ion den führenden Persönlichkeiten den geistigen Stempel aufdrücki und sie hoch hinaushebt über den Typus des Geld auf Geld häufenden Kapitalisten, sie schützend zugleich vor der nivel.ierenden und mechanisierenden Mrcht des sozialen Anstiegs und der sozialen Augleichung an das Fremde. In diesem Sinne war Freiherr Wilhelm von Rothschild, dessen geistiges Werden und Emporwachsen zu einer der fesselndsten Erscheinungen des letz en Jahrhunderts noch der würdigen Darstellung harrt, psychologisch der Höhepunkt der Geschichte des Hauses Rothschild, und in diesem Sinne verdient auch seine treue Lebensgefäbr in, dis aus dem Wiener Mi ieu nach der Mainstadt verpflanzte Hannä Mathilde, nun, da ihr Lrben abgeschlossen vor uns liegt, ganz besondere Würdigung. Für die junge Wienerin bedeutete der Ehebund, mit dem wie durch ein Wunder zur Thora zurückgekehrten Neapeler Vetter — um talmudisch zu sprechen — eine Act *po o* nsrnp» einen erschlossenen Bruch mit der Vergangenheit, eine sittliche Tat von ungeheurer Kühnheit. Bei den hohen Getstesgaben, die gewiß die jugendliche Baronesse nicht minder auszeichneten wie die hochbe'agte Greisin, konnte diese Tat nur in klarster Brunch heit, in voller Erkenntnis der Konsequenzen vollzogen werden, und mehr als siebzig Jahre lang hat sie es verstanden, dies« Ton ihrem Gatten im Leben zu bewähren und über seinen Tod hinaus gewissenhaft weiterzupflegen. Von den vielen klein scheinenden und doch vom G.schispunkte jüdischer Ethik wertvollsten Einze zögen sei hier nur ein einziger festgehallen. Wilhelm von Rothschild hatte, um die Arbeit der v'iviv anzuregen und daneben Gelegenheit zur unmerkbaren Un'erstützung dieses oder jenes Raws zu finden, die Gepflogenheit sich jahraus, jahrein neue schreiben, unfertigen und Nachsehen zu lassen. So hinterließ er einen Vorrat an — nebenbei auch an jedes mit dem zugehörigen farbenpräch igen sndenen Beutel —, der heute mancher Hebräischen B.'chtandlung sehr willkommen wäre. Die Wi we überlegt, wie der Vorrat am besten und würdigsten zu verwerten ist und beschließt, je ein Paar und wbv Verehrern und Freunden des Heimgegangenen Gatten überbringen zu lassen. Eine Rothschild'sche Equioage führt jedem der Beschenk.en die kostbare Gabe zu. Und nun erinnert sich die treue Sachwalterin Willy v. Rothschi.ds, daß hier eine religiöse Verantwortlichkeit vor iegt, die ihrem Gallen schlaflose Nächte verursacht haben würde. Sie gibt strikte Weisung, jedem Beschenkten ausdrücklich mitzuteilen, daß die j'bsn jahrelang unbenutzt gelegen hätten, und daß es Sache des Empfängers sei, sie vor der Benutzung nochmals öffnen und nachsehen zu lassen! Und auf. ein Wort der Anerkennung für dieses msaa nm*tt meint sie nur stotzbescheiden: „— Ganz umsonst ist man denn doch nicht ein halbes Jahrhundert lang an der Seite Willy von Rothschilds durchs Leben gewandert." — Nein, es war nicht umsonst. Wenn der Gatte seinen eigenen mit auf die Sommerreise genommen hatte, so ließ sie bis ins höchste. Alter, wann immer sie einen fremden Ort aufsuch'e, mit gewissenhafter Umsicht zue st genau feststellen, nicht nur, ob ein vnnu am Platze sei, sondern auch, von wem er «ftnp habe. Woche für Woche muß en die Zei en fürri2V y^und 7i2V ’xsia ihr sch. iftlich zur Kenntnis gebracht werden, und die Einsame noch, deren Lebensabend von manchem stillen Kummer überschattet war. ließ in ihrer Einsamkeit doch von keiner der das Leben zierenden 7m», die Glücklichere tm frohen Fami.ienkceise zu begehen pflegen. Nicht stumpfe Gewohnheit darf genannt werden, was sie so zur treuen Erbin des Heimgegangenen Gatten machte; denn ein lebendiger, vielsei.iger Geist war es. der bis zuletzt sie erfü ll hat. Die Liebe zur Musik, die sie von früher Jugend an beseel e, und zu schöpferischer Tä igkeic als Komponistin drängte, ein tiefes Verständnis für Malerei und Kunstgewe.be und ein ausgebrei e es allgemeines, insbesondere kunsthistorisches Wissen ve einig en sich in ihr mit dem angeborenen In eresse für die prak ischen Gebie e der Wirtschaftsführung und des gesellschaf.lichen Zusammenlebens im Großen und Kleinen. Diese letzteren Eigenschaften kamen ihr vor allem bei dem wei verzweigten philanthropischen Hilfswerk zugute, in dessen Mittelpunkt sie ihr Leben lang stand, und das bis zum letz en A emzug den eigentlichen Inhalt ihrer täglichen A beit cmsmach'e. Hierbei hat sie auch ihre berech.igte Eigenart gegenüber derjenigen des Gatten zu wahren gewußt. Während dieser eine Art besonderer nii2S da m erb.icke. Abend für Abend nach beendeter Geschäftsaibeit, auf jeden der ihm aus allen Enden der E.de zugehenden Notrufe, dem Hausierer und dem Melamed, der Wi we und dem Waisenknaben, jedem einzelnen eine Gabe von bestimmter Höhe persönlich zu bewi ligen, hat die Heimgegangene das Schwergewicht ihrer Hilfsarbeit auf die Gründung von Institutionen und Anstalten konzentriert. Die große Reihe dieser Schöpfungen in Frankfurt und der näheren und weiteren Umgebung hier aufzuführen, ist kaum möglich. Sie hatte das G.ück, für diese G.ündungsta.igkeit großen Stils in dem bekannten Herrn vertreiben, sein wohlverdientes Ende am Rade fand. Man hätte wohl damals im Frankfurter Ghetto gern auf den Vollzug der Strafe verzichtet und sich mit der Wiedereinsetzung der Juden in ihre Rechte vollkommen begnügt. Am Tage der Hinrichtung, am 20. Adar. herrschte auch nicht wenig Angst, Unruhe und Unbehagen in der Judengasse, deren Führer noch obendrein gezwungen waren, der Prozedur beizuwohnen. Allein auf den Gang der Justiz konnten die Juden keinen Einfluß nehmen. Der 21. Adar war aber und blieb Frank,urter Purim. In Prag wird am 22. Teweth eine eigene Megillah gelesen, die eine wundersame Geschichte enthält und ebenfalls ein Alter von 300 Jahren hat. Aus dem Haufe des Herzogs Lichten st ein wurden kostbare Vorhänge und Teppiche geflöhten. Der Diebstahl wurde im ganzen Lande bekanntgegeben. Da meldete sich ein Jude beim Vorstand der jüdischen Gemeinde mit den Vorhängen, die er nach seiner Angabe nichtsahnend der zwei Soldaten erstanden hatte. Der Vorstand hielt Beratung.ab und beschloß, ungeachtet der naheliegenden Gefahren, die kostbaren Gegenstände dem Eigentümer zu bringen. Es geschah dieses durch den Vorstand, ohne Namensangabe des Käufers. Der Stadthauptmann Rudolf Wald stein, ein sehr resoluter Herr,/, wünschte aber die Auslieferung des Mannes, der die' Vorhänge angeblich gekauft hatte. Jni Verweigerungsfalie drohte er, den ersten Vorsteher, Rabbi Jalob Thumim, hängen zu lassen. Rabbi Jakob wußte aber selbst den Namen nicht, da der Mann durch Vermittlung des Synagogendkeners die Gegenstände dem Vorstand überbrachte, der seinerseits einen hei.igen Ei) bei der Thorarolle geleistet hatte, den Namen nicht zu nennen. Jetzt drohte der Stalhauptmann, Vorsteher und Synagogendiener aufhängen zu lassen, und es blieb nichts anderes übrig, als den Käufer zu nennen. Der Mann wurde zum Tode verurteilt. Cs gelang nach vielen Mühen, die Todesj strafe in eine hohe Gelsstrafe umzuwandeln, und die Gemeinde brachte 10 000 Gulden auf. Als das Geld in Goldgulden überbracht wurde, verlangte aber der Stadlhauptmann, das Geld in kleinen Silbermünzen und zwar 10 Säcke von je tausend Gulden kleiner Münze in einem Sack. Noch mehrmals wurden sie hin- und hergejagt und als sie die Säcke endlich voll und beisammen hatten, mußte jeder der 10 Vorsteher einen Sack auf die Schulter nehmen und so würden sie von der Stadtpolizei durch die Straßen gehetzt, dem Spotte des Pöbels ausgeseht. Am 22. Teweth wurde endlich Josef Tein, so hieß der Mann, aus seinem Gefängnis, wo er in eisernen Ketten seiner Hinrichtung harrte, befreit. Die Gemeinde Prag machte dirfen Vorfall zu ihrer Angelegenheit, da die Gemeinde als solche stark bedroht war, und fetzte an dem Tag emen Purim für alle Zeiten ein. Die genannte Megilah D'yVpn B’iis nVnm, ist von dem Schammes Rabbi Ehannoch ben Mosche Altschul, dem gleichen, der die Uebergabe an den Vorstand vermittelt hatte und dadurch selbst in große Gefahr gekommen war, verfaßt. Unzählige Purimgedenktage haben die Gemeinden in Wolhynien und P o d o l i e n , die an die Schreckei s age der Kosakenau, stände erinnern. Die Stadt Myzobyz, die Geburtsstadt des Baal Schem Tauw, hat ihren Purim am 11. Teweth und erzählt folgende Geschichte: Als die Heidamaken in Anmarsch aus die Stadt waren, flüchtete sich die ganze Gemeinde in das Schloß jenseits des Bug und brach alle Brücken hinter sich ab, in der Hoffnung, daß die Mörder nicht hinüberkonnten. Zum Unglücke trat in der Nacht vorher brennender Frost ein, sodaß der ganze Strom eine einzige feste Eisbrücke wurde. Schon hatte sich die Horde nachts in Bewegung aufs Eis gefetzt, als sich einige beherzte; Juden aus Pferde schwangen, Trommeln in die Hand nahmen und unter ohrenbetäubendem Trommelgewirbek den Kosaken entgegenzogen. In der Dunkelheit der Nacht glaubten die Kosaken, die polnischen Legionen, mit - denen sie damals im Kampfe lagen, kämen herangezogen und flüchteten, was sie konnten. Am Margen war die Gemeinde befreit und der Tag wird „Purim Mordechai" genannt, womit auch dem Manne ein Denkmal gesetzt wird, der diesen klugen Rettungsplan ausgedacht hatte. Unter den Purimgedenttagen in Palästina fet der 4. Kislev in Tiberias genannt, der an eine der vielen Austreibungen in der reichen Leidensgeschichte dieser Stadt erinnert. Hebron feiert einen Purim am 1. A o, außerdem auch noch am 14. Teweth. An diesem Tage soll der Gemeinde vor vielen Jahrhunderten auf wundersame Weise, vielleicht durch Engel oder den Propheten Eiiah, eine ungeheuer große Geldsumme zugetragen worden sein, die-der Pascha von ihnen unter Androhung völ.iger Ausrottung verlangte. Dieser Purim wird „Purim Taka" genannt, d. h. „Fenster", und es wird in Tiberias noch das Fensterchen an der alten Mauer gezeigt, durch welches das Geld dem Gemeindediener gereicht worden ist. Wollte man noch die anderen Purim-Gedenktage des Golus erwähnen, man müßte die Gesch'chte der alten Gemeinden der Diaspora der Reihe nach durchgehen. Kaum gibts einen Tag im Kalenderjahr, an dem nicht irgendwo ein Wunder an dem auf dem Erdrunde verstreuten jüdischen Volke geschehen ist, das einen lokalen Purnn rechtfertigte.

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