Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-03-06 · Heft 10 (6.3.1924) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 10 (6.3.1924)
Date
1924-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450296--71092-2528373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6. März 1924 vkr. 10 Seite 5 Bor allem fei es falsch, sich der selbständigen Jugend-! bewegung entgegenzustellen; im Gegenteil, sie ser auf jede! Weise zu fördern. Nur mutz der Lehrer dafür sorgen, datz es seinem Einslutz gelingt, sie in rechte Bahnen zu lenken, um sie auch wirklich zu einer jüdischen Jugendbewegung zu gestalten, in der vor allem die jüdische Erziehung der jungen Menschen gefördert wird. Um die schulentlassene Jugend — um die handelt es sich ja hauptsächlich — zu verstehen und beeinflussen zu können, mutz der Lehrer sich selbst ein jugendliches Herz und eine jugendliche Geistesfrische bewahren. Das beste Mittel hierfür ist, immer ein Lernender zu bleiben, wie das unsere Thora ja auch von uns verlangt, vor der wir immer, selbst im höchsten Greisenalter noch als Jünger dastehen sollen. Neben dem allseitigen jüdischen Wissen beherrsche der Lehrer aber mindestens noch ein profanes Wissensgebiet derartig, datz er zu jeder Zeit daraus einen Bortrag halten kann, sei es deutsche Literatur, Musik o. a. Angelpunkt fei aber immer die Thora und jüdisches Wissen in jeder Gestalt und Form. Gegenwartsfragen, die den Einzelnen oder die Gesamtheit berühren, kann man ebenso vom Standpunkt der Thora besprechen, wie ein in der Thora begründetes Thema; dadurch wird das Interesse an der Sache gefördert, das jüdische Wissen erweitert und wir erreichen unser Ziel, unsere jüdische Jugend jüdisch zu beeinflussen. Neben die Theorie mutz aber auch die Praxis treten. Die Betätigung des Jüdischen im Leben: kijum mizwaus ist etwas, was unsere Jugend heute meist nur noch vom Lehrer, nicht mehr vom Elternhaus und von anderen Erwachsenen lernen kann. Gelegenheit dazu geben die Vergnügungen und die gemeinsamen Ausflüge, die recht oft zu veranstalten sind. Auch zur Ausübung der verschiedenen gottesdienstlichen Funktionen soll die Jugend rechtzeitig angehalten werden. Nicht zu unterschätzen ist die Mitwirkung der Gattin des Lehrers, die durch ihre freundliche Gastlichkeit die jungen Gemüter gern in das Lehrerhaus zieht. Ber allen Unternehmungen aber mutz es der Lehrer vermeiden, durch etwa zur Schau getragene Ueberlegenheit, die jungen Gemüter einzuschüchtern und abzustotzen; die Jugend mutz sich zu ihm hingezogen fühlen und freiwillig unterordnen. So erziehen wir uns selbst die künftigen Führer, die das weiter entwickeln, was wir in ihre jungen Herzen gestreut. Dadurch wird es uns vielleicht gelingen, wieder das Bedürfnis des Lernens in unserer Jugend zu wecken; denn das Haupthindernis all unserer Bestrebungen, jüdisches Wissen in der Jugend zu verbreiten, liegt darin, datz sie kein Bestreben und kein Bedürfnis zeigt, die in der Schule erworbenen Kenntnisse des Jüdischen zu erweitern und zu befestigen. Haben wir die Jugend erst so weit gebracht, datz sie erkennt und begreift, datz alles Heil für die Jugend und für das Alter, für den Einzelnen und für die Gesamtheit daran hängt, datz wir zur Thora zurückkehren, „uz'dokoh tije lonu", dann haben wir es weit genug gebracht, dann wird die Jugend von selbst auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiterwandeln. Den mit bewegtem Herzen vorgetragenen Ausführungen folgte, allseitiger Beifall, den der Vorsitzende noch in besondere Worte des Dankes kleidete. Die Besprechung zeigte das allgemeine Einverständnis mit den vorgetragenen Gedanken. Ein Ausspruch in der Besprechung sei jedoch hier besonders festgehalten, da er zur Ermutigung mancher am Erfolge zweifelnder Lehrer dienen kann. Herr Landrabbiner Blum führte im Namen seines Lehrers, des Herrn Dr. Feilchenfeld i-"r in Posen, dessen Grundsatz an: Solange ich nicht weniger als einen Zuhörer habe, lerne ich. Das wollen auch wir uns zur Richtschnur nehmen und nicht ermüden in unserm Streben, jüdisches Wissen und jüdische Erziehung zu fördern und zu verbreiten. Cs folgte dann der Vortrag des Herrn Lehrer Klein-Norden über: „Stunden- und Lehrplan im Reli'gionsunterricht der Grundschule". Die Grundschule ist für die jüdische Schule, wie schon ihr Name sagt, die Hauptsache. In ihr mutz das feste Fundament für den weiteren jüdischen Unterricht gelegt werden; denn es ist bekannt, datz die meisten Eltern, in dem Streben, ihren Kindern eine weitergehende Bildung angedeihen zu lassen, nach Vollendung der Grundschuljahre, ihre Kinder einer höheren Schule zuführen, wo dann das Jüdische nicht mehr so gepflegt werden kann. Darum vor allem Pflege des jüdischen Uebersehungsunterrichts. Alles andere kann leichter nachgeholt werden als dieses. Ist aber, hierin ein fester Der Israelit 'Grund gelegt, so baut sich später leicht darauf weiter. Daneben mutz das Haus für die Ausübung des in der Schule Gelernten interessiert werden. Im Anschluß hieran sprach Lolheim-Aurich über den Uebersetzungsunterricht unter Zugrunderlernung der Bücher von I. B. Levy, die er zu diesem Zwecke besonders empfiehlt. Es sollen mit diesen Büchern weitere Versuche gemacht werden, um zu einem abschließenden Urteil über sie zu kommen. Inzwischen war Herr Leo Munk- Köln eingetrofsen, um die Versammelten über Zwecke und Ziele der Aguda näher zu unterrichten. In herzergreifenden Worten schildert er die geistige Not der schulentwachsenen jüdischen Jugend und bittet die Versammelten, in ihren Gemeinden und Kreisen im Sinne der Aguda tätig zu sein und vor allem die Kenntnisse des Jüdischen zu verbreiten und zu vertiefen. Er versprach geistige und materielle Beihilfe für diese Zwecke. Seine Ausführungen fanden großen Beifall und fielen auf fruchtbaren Boden, da sie die Zuhörer immer wieder aufs neue' anspornten, in ihrem Streben, Thorakenntnisse zu verbreiten, nicht zu erlahmen, wenn die Erfolge anfangs auch noch so schwach sind. Mit Dankesworten an alle Vortragenden und den besten Wünschen für die Teilnehmer wurde die Versammlung geschlossen. , ■ . .<*, mung des Rabbinats hier nichts zu erreichen sei. Mit einem schamlosen Angriff auf Rabbinat und Gemeinde tritt dann der Obmann der jüdischen Studenten Landau hervor. Cr behauptet entgegen dem Senior der polnischen Rabbiner, Perlmutter, es lägen gegen die Sezierung keme religiösen Bedenken vor, und kündigt einen scharfen Kamps gegen Rabbinat und Vorstand an, falls sie noch weiter in ihrer Ablehnung verharren. Man wäre von seiten der Studenten längst zu Gewaltmitteln geschritten, wenn nicht der Rektor immer warnend eingegrissen hätte. Es kam zu keinem Beschlüsse. Das Hakenkrenzlertirm der österreichischen Richterschaft. Wien, 9. Febr. In der letzten Sitzung des Budget-Ausschusses des österreichischen Parlaments versuchte der Vizekanzler und Justizminister Dr. Frank die Angriffe verschiedener Redner auf die österreichische Richterschast abzuwehren. Der Minister sagte, er müsse dagegen protestieren, datz der Abgeordnete Dr. Eisler die Richtervereinigung als Hakeukreuzlerverein bezeichnet hat. Wenn ein Richter vor der Wahl in den Personalsenat für sich agitiert und sich als ein Anhänger des Numerus clausus in der Justiz empfohlen hat, so halte auch die Regierung eine solche Agitation als unvereinbarlich mit der Würde eines Richters. Dr. Eisler erwiderte hierauf: „Wenn der Vizekanzler wissen wollte, was die Sozialdemokraten unter hakenkreuzlerischer Auffassung der Richter verstehen, so möge er zur Kenntnis nehmen, datz sie darunter jenen Geist der Gehässigkeit und der vollständigen Beugung jedes Rechtes und demokratischen Gefühles meinen, der jetzt diejenigen Kreise, die unter dem Einflüsse der hakenkreuzlerischen Schlagworte stehen und leider auch viele Richter beherrscht." Die „Wiener Morgenzeitung" richtet in ihrer Nummer vom 7/'Febr. schwere Angriffe gegen den Justizminister und Vizekanzler Dr. Frank, der der Urheber der Rassenverordnung bei der Volkszählung ist. Die Zeitung führt eine Reihe von Tatsachen an, aus denen hervorgeht, daß das österreichische Richtertum antisemitisch infiziert ist. (I. T. A.) Sezierung jüdischer Leichen. Warschau, 25. Febr. Im Rektorate der Warschauer Universität fand eine Konferenz zur Lösung einer schon lange die Gemüter erregenden Frage statt. Es wird nämlich von den jüdischen Spitälern die Herausgabe von Leichen an die Anatomie verlangt» wogegen sich das Rabbinat und ein Teil des Vorstandes mit aller Kraft wehren. Bei der Beratung waren zugegen vomRabbinateRabbiner Perlmutter von der Gemeinde Ratmann S e i d m a n n, ein Vertreter des Ministeriums, Spitalärzte und Vertreter der jüdischen Studentenschaft. Der Rektor eröffnet die Sitzung und bittet das Rabbinat, guten Willen zu zeigen und sich eventuell über die Sache mit den ausländifchen Rabbinern zu verständigen. Darauf ergreift Rabbiner Perlmutter das Wort und setzt in längeren Ausführungen den ganzen Sachverhalt auseinander, nachweisend, datz ein Nachgeben hier nicht möglich sei, da dieses einen schweren Verstoß gegen die Religion bedeuten würde. Synagoge und Studentenheim. Warschau, 25. Febr. Allen Protesten zum Trohe wird am Studentenheim direkt vor der alten Synagoge „Prager Schul" weitergebaut. Ein Komitee von Gesetzestreuen hat sich wiederholt bereit erklärt, einen anderen Platz für das Heim auf seine Kosten anzukaufen, doch gehen die Radikalen darauf aus, gerade hier vor Synagoge und Mikwoh ihr Heim zu errichten, um nl"vn und rny’jx zu verdrängen. Ganz nach russischem Muster! Die polnische Negierung und das jüdische Schulwesen in Polen. Marschau, 7. Febr. In der letzten Sitzung der Bildungskommission des polnischen Senats erteilte der polnische Bildungsminister Miklaschewski eine Antwort auf die an ihn seitens der jüdischen Senatoren Rabbiner R u b i n st e i n und Ingenieur M. Körner gestellten Fragen. Der Minister begann mit der Erklärung, die jüdischen Schulwünsche fänden Berücksichtigung, allein die Wünsche der jüdischen Bevölkerung gingen auseinander. Ein Teil derselben schickt die Kinder in polnische, ein Teil in jüdische Schulen mit polnischer Unterrichtssprache, wieder andere ziehen Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache vor. Die Juden, sagte der Minister, seien die Einzigen in Polen, die ein Privilegium besitzen, indem sie ihre eigenen öffentlichen religiösen Schulen haben dürfen. Der Minister führte darüber Klage, datz die Vorschriften der polnischen Schulinspektoren von den jüdischen Schulen nicht beachtet werden. Zu der Frage des Numerus clausus übergehend, bringt der Minister die folgenden Ziffern über den Prozentsatz jüdischer Studenten an verschiedenen Hochschulen: Universität Krakau 25,04 Proz.; Lemberg 33,78 Proz.; Warschau 32,91 Proz.; Wilna 12,55 Proz.; Posen 1 Proz.; Lemberg, Polytechnikum 15,91 Proz.; Warschauer Polytechnikum 14,79 Proz.; Hochschule für Landwirtschaft 0,01 Proz. (1 Student); Bergakademie 1,8 Proz.; Veterinär-Institut 13,6 Proz.; Kunstakademie 8,39 Proz.; Zahnärztliches Institut 62,83 Proz. Juden. Der jüdische Senator Körner wandte sich scharf gegen die Ansicht des Ministers, als ob die Juden irgendwelche Privilegien genießen. In dem Lehrprogramnl der polnischen Staatsschulen nehmen die jüdischen Unterrichtsgegenstände keinerlei Raum ein. Die Zahl der öffentlichen religiösen Schulen, von denen der Minister sprach, ist aber wegen der beschränkten Mittel der jüdischen Bevölkerung verschwindend gering. Es stimmt nicht, datz sich die jüdischen Schulen über die Vorschriften der Inspektoren hinwegsehen, sondern im Gegenteil, die polnische Schuladministration achtet auf die genaueste Erfüllung auch der widersinnigsten Formalitäten, um eine Handhabe zu bekommen, die Konzessionen zu entziehen. Die Ziffern, die der Minister über die Hochschulen vorgebracht hat, sind keineswegs überzeugend. Senator Rabbiner Rubinstein erklärte, die Antwort des Ministers über das Numerus clausus-Zirkular Glombinskis könne nicht befriedigen. Die jüdische Gesellschaft empfindet diese Frage besonders brennend. Der Minister möge klar antworten, ob er das Zirkular abschaffen will oder nicht. Ferner forderte Rabbiner Rubinstein den Minister auf, das von Grabski zurückgezogene Gesetz über die Abschaffung der zaristischen Begrenzungen gegenüber den Juden wieder in den Sejm einzubringen. (I. T. A.) Der Sanoker Raw nach Pieterkow gewährt. Pieterkow, 24. Febr. Der bekannte Sanoker Raw, Rabbi Meier S ch a - _ _ Der Chefarzt des jüdischen Spitals ausipcro wurde zum Oberrabbiner der Gemeinde Pieter- Tschifte Dr. Schweizer spricht sich dahin aus, datz k o w gewählt. Die Zionisten zusammen mit den Assidurch ein Regierungsgesetz wohl ein Entgegenkommen der milanten machten so starke Front gegen diese Wahl, jüdischen Gemeinde zu erzielen wäre. (?) Auch Seidmann s datz Schapiro seine ohne sein Zutun aufgestellte Kanditellt fest, datz auf offiziellem Wege, d. h. mit Zustims datur zurückziehen wollte; er ließ sich aber vom besseren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.