Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1924)
- Date
- 1924-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 10 D e r Israelit Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen ... hat man das System des Optimismus anvassen und sie uns als die beste unter den Möglichen Wellen andemonstrleren Wollen. Die Absurdität ist schreiend. Der Optimismus ist eine wahrhaft ruchlose Desart, ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit. So ein Gott, der aus Herzensfreude diese Welt der Not und des Jammers heroorbringt und dann noch gar sich selber Beifall klatscht mit seinem „Alles war sehr gut" — das ist nicht zu ertragen." — Nach Schopenhauers Anschauung ist die Welt die schlechteste aller möglichen Welten; wenn sie nur noch ein wenig schlechter sein würde, so könnte sie überhaupt nicht mehr bestehen. „In dieser Wel regieren der Wastn und der von ihm entspringende Egoismus." Und so gotz er die Schale seines Zornes und Spottes auf das Juden um, das diese Welt für das wohlgelungene Werk eines gütigen allweisen Gottes halte. Schopenhauer übersah aber, daß auch ein tiefernster, sittlicher Zug durch die Religion des Judentums geht. Unerbittlich geißeln die Propheten die Fehler und Schwächen des sündigen Volkes und drohen ihm die härtesten Strafen, Not und Verbannung, an. Die pesst'm stische Stimmung, wie sie zeitweise in dem Menschen auf tritt, kommt auch in der Heiligen Schrift in erschütternder Weise zum Ausdruck. Wer kennt nicht den wehmütigen Ruf: „Eitelkeit der Eitelkeit, alles ist Eitel" (Kohelet 1, 1) oder den schmerzensreichen Satz: „Me ne Tage sind flüchtiger als ein Weberschifflein, gehen zu Ende ohne Hoffnung (Jjob 7, 5)". Der Prophet Jona ruft in seinem Unmute aus: „Und nun. Ewiger, nimm doch meine Seele, denn besser ist mein mein Tod als mein Leben (4, 3)". Aber immer siegt in der heiligen Schrift der Gottesg^aube und ringt sich zu einer höheren, optimistischen Weltanschauung durch. Gott führt uns „durch das Tal des Todesschatten zu grünen Auen und läßt uns an ruhigen Wassern lagern." Trotz seiner harten Angriffe auf die jüdische Religion spendet Schopenhauer dem Judentum dort, wo er in demselben einen Anklang an seine pessimistische Wel anschauung zu finden glaubt, ein Wort des Lobes. So nennt er die biblische Erzählung vom Sündenfall einen „guten Gedanken", „den Glanzpunkt" der jüdischen Religion, einen Glanzpunkt, den das griechische Heidentum und der Islam nicht besitzen. Uebrigens hat Schopenhauer nur in seiner Theorie die optimistische Weltauffassung des Judentums bekämpft, in se'ner Praris war er selber ein Optimist der reinsten Art. Er liebte die Freuden und Genüsse des Lebens, Wenn Besonnenheit schläft, dann siegt die Leidenschaft, die immer wacht. Erweise Wohltaten dem, der sie verdient und auch dem, der sie nicht verdient. Im ersteren Falle hast du Gutes am rechten Platze geübt, im zweiten hast du Gutes für dich an sich getan. Klugheit besteht nicht im Wettmachen von Jrrtümern, sondern in deren Vermeidung. Um einen Menschen nach seinen geschriebenen Worten und Werken zu erkennen, mutz man die Fähigkeit besitzen, zwischen den Zeilen zu lesen. Der Midrasch in dcr deutschen Literatur. Wir brachten in Nr. 3 einen Aufsatz über Kierkegaard und den Midrasch und werden nun darauf aufmerksam gemacht, daß auch Hans Sachs, bewußt oder unbewußt, talmudische Mo.ioe verwertete. Zn einem Gedicht Hans Sachs^, das den Titel hat: Schwank: Woher die Männer mit der Glatze ihren Ursprung haben (13. April 1559wird erzählt: Ein Witwer, 50 Jahre alt, mit schwarze» und grauen Haaren, heiratete am gleichen Tage zwei Frauen, eine alte und eine junge, die viel miteinander zankten und beide sich bei ihm einschmeicheln wollten. Die Alte brachte es nicht weit in seiner Gunst, daher zupfte sie ihm jedes schwarze Härlein aus, „auf daß auch er würde an Gestalt — Ihr gleich geschaffen, grau und alt — Um seine Gunst dann zu erschleichen, — Da gleich sich freut mit seinesgleichen." Die Junge merkte das und tat nun das Umgekehrte. „Und wo war von einem zügellosen Ehrgeize erfüllt, schmachtete förmlich nach Beifall und Anerkennung und zollte seinem Vater vor allem Dank, daß er ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen habe, welches für ihn h'nreichte, „stets in Sicherheit zu leben." Wenn er arm gewesen wäre, sagte er einmal, so hätte er durch eine Kugel seinem Leben ein Ende gemacht. (Schluß folgt.) Korrespondenzen « ßacbricbten Deutscher Reich. Das Wort im Schulchan Aruch. Berlin, 29. Febr Das Amtsgericht Osnabrück hat eine Klage des Bezirksrabbiners Dr. Beermann in Heilbronn gegen den antisemitischen Schriftsteller Im holz abgewiesen, d«r eine Belohnung von 10.000 Mk. für den wissenschaftlichen Beweis, daß unter 0*12? im Schulchan- Aruch Sternanbeter zu verstehen seien, ausgeschrieben hatte. Das Gericht stützte sich auf ein Gutachten des Prof. Dr. A l b r e ch t in Oldenburg, das oehauptet, das Wort bedeute allgemein Nichtjude und Christ. Das Albrechtsche Gutachten kann einer wissenschaftlichen Nachprüfung natürlich nicht standhalten; wenn das Gericht das klassische Werk von Dr. Hoffmann über die Materie studiert, hätte, wäre es nicht auf ein zweifelhaftes neues Gutachten angewiesen gewesen. Emigrationssorgen. B erlin, 18. Febr. Seitens des Komitees für jüdische Einwanderung wird der I. T. A. mitgeteilt: In der jüdischen Presse weden in der letzten Zeit Nachrichten über Erleichterungen der Einwanderung nach Kanada lanciert, die geeignet sind, bei den jüdischen Emigranten falsche Hoffnungen zu erwechen. Das Emigrantendirektorium hat sich in dieser Angelegenheit mit den jüdischen Organisationen in Kanada in Verbindung gesetzt und festgestcllt, daß die erwähnten Nachrichten vorläufig als unbegründet zu betrachten sind. Die Regierung Kanadas hat ausnahmsweise in Bezug auf die aus Rumänien ausgewiesenen russischen Emigranten eine Ausnahme gemacht und gestattet, daß monatlich 400 dieser Emigranten in Kanada einwandern dürfen. Wie dir jüdischen Organisationen Kanadas dem Emigrationsfie graue Haare fand, — zupft sie sie aus mit flinker Hand — Und ließ die schwarzen steh'n alleine. — Auf daß der Mann recht jung erscheine." So ging das nun eine Weile fort: „Die Alte ihm die schwarzen rupfte, — Die Junge ihm die grauen zupfte, — So er von beiden Weibern war — Geraume Zeit bezupfet gar, — Bis kahl und glahig er gemacht." Schließlich bekam er von der jungen Frau einen Sohn, und der hatte nun auch kein einziges Haar auf dem Kopf. Daher die Kahlköpfe in der Welt. Hans Sachs gibt als Quelle eine Fabel an, die Rimicius ausgeschrieben habe. In Wahrheit ist es nur die Va ia.ion ei.ier bekannten Talmudstelle. (Baba Kama 60): Rabbi Ammi und Rabbt Isst saßen vor Rabbi Jizchak, dem Schmied (denn es gab zur Zeit des Talmuds Handwerker, die sehr gelehrte Männer waren). Da sprach der eine zu ihm: „Möge der Herr uns etwas aus der Hagadah vortragen, von den schönen Erzählungen und Deutungen der Alten." Und der andere sprach: „Möge der Herr uns lieber etwas von der Halachah sagen, von den Gesetzen und Vorschriften des Judentums." Wenn nun Rabbi Jizchak dem einen zu willen sein wollte und mit der Halacha begann, so ließ es der andere nicht zu. Und wollte er wieder diesem zuliebe Hagadah vortragen, erlaubte es jener nicht. Da sprach er zu ihnen: „Ich will euch ein Gleichnis erzählen. Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war jung, die andere alt. Die junge Frau riß ihm die weißen Haare aus, damit er nicht so alt aussehe, und die andere, riß ihm die schwarzen Haare aus, damit er nicht so jung erscheine, so wurde er kahl auf der einen und auf der anderen Seite." 6. März 1924 direktorium Mitteilen, ist es vielleicht möglich, daß im kommenden F ühfahr, im Zusammenhang mit dem Beginn der Feldarbeiten, irgendwelche Erleichterungen in der Einwanderung stattfinden werden. Sofort nach dem Eintreffen der Nachricht, daß jüdiche Emigranten aus Polen vom a rgentinischen Einwanderungsamt zurückgewiesen worden sind, hat das rereir.igte Komitee für jü ifche Auswanderung (Emigrationsdi.ektorirm) Schritte zur Klärung dieser Angelegenheit unternommen. Durch seinen Vertre'er in Argentinien. Herrn Latzki, hat das Komitee festgest.llt, daß im Monat Januar in der Tat eine Anzahl jüdischer Auswanderer aus Polen durch dis argentinischen Behörden zurückdeportiert worden sind. Bei der Kontrolle der Dokumente der Auswanderer hatten sich Vertreter der polnischen Behörden in Argentinien beteiligt. Dank der gemeinsamen Intervention des Vertreters des Emigrationsdirektoriums und der jüdischen Organisaonen in Buenos Aires wird jetzt die Angelegenheit neurdings untersucht, und es ist es ist gelungen, die Sache zu liquidieren. Der ausführliche Bericht wird in den nächsten Tagen vorliegen. Bericht über die Versammlung des Vereins der jüdischen Lehrer in den Rabbina^sbezirken Emden—Oldenburg—Bremen 1923. Esens, 5. Febr. Der Vorsitzende Wolff-Aurich begrüßt die Erschienenen in einer längeren Ansprache, in der er der Not des Vaterlandes gedenkt und die Mitglieder zu treuem Ausharren auf ihrem Posten ermahnt. In der Jahresschau erwähnt er die traurigen und frohen Ereignisse, welche die Mitglieder betroffen. Dabei widmet er dem in Halberstadt Heimgegangenen Kollegen Löwenstein 'V (früher Jever) warme Worte des Gedenkens. In seinen weiteren Ausführungen geht der Vorsitzende auf die Schritte ein, die unternommen wurden; um in den lehrerlosen Gemeinden Re'.igionsunlerricht einzurichten. Leider muß festgestellt werden, daß die Mühe meistens vergebens war, da die Gemeinden sich in. dieser Beziehung wenig opferwillig zeigten. Die Angelegenheit soll weiter verfolgt werden. Zu diesem Zwecke wird eine Kommission gebildet, bestehend aus den Herren: Landrabbiner Blum, Lehrer Wolff, Klein, Speier. Außerdem soll demnächst eine gemeinsame Versammlung mit dem Bezirksverband der Synagogengemei.iden des Landrabbinats abgehalten werden. Mit besonderem Lobe sei erwähnt, daß ein Herr B. aus Emden, ein vielbeschäftigter Kaufmann, jeden Sonntag in eine benachbarte Gemeinde reist, um dort ohne jede Entschädigung den Kindern Religionsunterricht zu erteilen. Den Höhepunkt der Versammlung bildete der Vortrag des Herrn Landesrabbiner Dr. de Haas-Oldenburg über: „Die Betätigung des Lehrers in den jüdischen Jugendvereinen". In seiner tiefgründigen Arbeit fesselte er bald die Zuhörer durch anschauliche Gegenüberstellung der alten und neuen Zeit. Sabbat-Anfang und -Ausgang. '71PO rot? Ort: Ans« Uhr rag Mi«. D c 1924 t u m 6684 Au Uhr 56- Min. Frankfurt a. M. 8 60 8. 2. 7 05 Berlin .... 5 50 März Adar II 6 37 München . . . 5 46 6 45 Köln. 5 60 7 05 Stuttgart . . . 6 — 7 — Breslau.... 5 45 6 15 Nürnberg . . . 5 40 6 48 Hamburg . . . 6 — 6 58 Wochenkalender. 8.—15. März 1924 / 2.-9. Adar II. 5684 Samstag März 8 ’Tlpfl 2 *n« Sonntag 9 3 2 Montag 10 4 Dienstag 11 5 Mittwoch 12 6 Donnerstag 13 7 Freitag 14 8 Samstag 15 rnx>*> 9 •vor wie