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Der Israelit · 1924-03-06 · Heft 10 (6.3.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 10 (6.3.1924)
Date
1924-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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6. März 1924 Der Israelit Nr. 10 Sette 3 jüdischen Kommissare sitzen, der Kampf gegen den Himmel und alles, was damit zusammenhängt. mit allen Künsten der Strategie'geführt wird. Aber die kongenialen jungen Herren in Warschau machen es ebenfalls nach bestem Können. Entgegen dem RaLbinate und seinen Entscheidungen wird die Herausgabe jüdischer Leichen an die Anatomie von den Spitälern erzwungen. Und eine jüdische „Volkszeitung" hat Warschau, die zwar auf der Leiter der Himmelsstürmung noch nicht die Höhe des Moskauer „Emes" erreicht hat, aber immerhin ein beträchtliches Stück hinaufgeklommen ist. Das sie demonstrativ allen Protesten zum Trotze am Sabbat erscheint, gehört schon zum wenigsten Nun nimmt sie die Offensive gegen die Orthodoxie auf der ganzen Linie auf, in einer Weise, der man förmlich den Schmerz darüber ansieht, den Worten nicht nach Moskauer Art mit der roten Knute Nachdruck verleihen zu können. In einem Artikel in einer ihrer letzten Nummern zieht sie los gegen die „klerikale Schlange", die das ganze jüdische Leben in Polen umfangen hält und spart nicht mit Liebenswürdigkeiten an, die Adresse der nationalen und gemäßigten sozialistischen Blätter, die zum Auf-, wärtskommen des „klerikalen Regimentes" reichlich beigelragen hätten. Sie spricht von einer „schwarzen Gefahr", die man bis auf die Wurzel bekämpfen müsse, um nicht vor ihr kapitulieren zu müssen. Mit dem Rest der Ergüsse möchten wir feinere Ohren verschonen. Der jüdische Arbeiter, so diktiert die „Volkszeitnng", habe keinen Grund, die jüdische Tradition zu berücksichtigen, sie berücksichtige auch ihn nicht, sondern stehe ihm auf Schritt und Tritt im Wege. Sie bedeute „die Herrschaft der Finsternis, die Versklavung des Arbeiters" usw. usw. Es ist leider zu befürchten, daß bei der Unwissenheit, die heute in den niederen Schichten des Ostens Platz gegriffen hat, die demagogischen Worte Eindruck machen. Es seien darum die jüdischen Arbeiter bestens eingeladen, ins Lehrhaus zu kommen und sich an den Schiurim der „Böurgeosie" zu beteiligen, wo sie aus den alten Büchern so manches erfahren, etwa daß „wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält, fünf Gebote Übertritt," und ähnliches mehr. Sie werden erfahren, daß von Moses bis zum letzten Rabbi die jüdischen Lehrer die besten und wärmsten Arbeiterfreunde gewesen sind, dah ein Jesajas und ein Jirmijahu mehr wie ein scharfes Wort gegen die Besitzenden und Arbeitgeber gerichtet haben, um sie an ihre Pflicht gegen ihre Untergebenen und die wirtschaftlich Schwächeren zu gemahnen. Moriah's Höhe der Tempel stand, wo Priesterdienst und Levitensang, Opserdust und Eebetkult ihre Stätte hatten, war im großen und ganzen der erste Pflichtentreis weniger vernachlässigt worden, umsomehr der zweite; da herrschte der soziale Verfall. Anders im Reiche Efraim. Dort war ja die Reichsgründung gleich mit Sanktionierung des Kälberdienstes erfolgt, dort wurde der erste Pflichtenkreis, der spezifisch jüdisch-rituelle vernachlässigt: umsomehr rühmte man sich seiner sozialhuman-menschlichen Tugend. Sollte man nicht, erwarten, daß der Prophet in Juda den sozialen, in Efraim' den religiösen Verfall rügen werde? Hören wir das Prophetenwort: (Amos 2, 4) ... „daß sie die Thora Gottes verachten und seine Ehukim (Zeremonialgesetze?) nicht gehütet" heißt es gegen Juda, dagegen (Amos 2, 6) „daß sie für Geld den Gerechten verkaufen und den Armen für ein Paar Schuhe" in der Rede gegen Israel. Dem sich so „fromm" dünkenden Juda wird der Vorwurf gemacht, daß sie Thora und Ehukim, Lehre und Gesetze, das spezifisch Jüdische vernachlässigt, bei Efraim aber wird die Verletzung der „allgemein menschlichen Moral" gerügt. Sehr begreiflich! Wie das soziale Tatenleben vom Geiste des göttlichen Gesetzes durchdrungen sein muß, da es sonst ausartet in Egoismus und Utilitarismus, so muß auch das spezifisch religiöse Leben uns Wegweiser und Richtschnur, Symbol und Erleuchtung für unser soziales Wirken sein. Eine folgenschwere Täuschung war es, wenn man in Juda sprach: „Wir sind ja das Gottesvolk, haben ja den Tempel, die Priester, die Opfer, uns wird kein Unheil nahen." vamar an 's» naS Was soll der Opfer Menge, wenn sie nicht die wahre jüdisch-menschliche Gesinnung in uns wecken, uns nicht aneisern zu eigner Aufopferung in liebedurchgiühtem Dienste für Gott und Menschheit? Diese Erkenntnis in ihrer Betätigung hätte dem Gottesstaate Bestand verliehen, ihre Verkennung und Nicht- Das beste Gegenmittel gegen die Demagogie der „Volkszeitung" ist das B eth H ame.drasch. Und die Arbeiter in ihren Mußestunden dahin zu bringen, das wird die erste Sorge der im Rahmen der Aguda wirkenden orthodoxen Arbeitervereine sein. Das eine hat Warschau vor Moskau Eottseidank noch voraus, datz dort Synagogen und Lehrhäuser von den Volkszeitungskreisen nicht geschlossen werden können, die Quellen offen bleiben, aus denen den jüdischen Arbeitern die Wahrheit entströmen mutz. Bildungsanstalt für Religionslehrer an der Jeschiwa zu Frankfurt a. M. Das Kuratorium der Frankfurter Thoralehranstalt schreibt uns: Seit ihrem Bestehen hat die Frankfurter Jeschiwa der Lehrerausbildung ihr besonderes Interests zugewandt. Die Gegenwart stellt die Jeschiwa auch in dieser Hinsicht vor große Aufgaben. Jeder Kundige weiß, datz die ernsteste Sorge für die Zukunft des deutschen Judentums die Gewinnung tüchtiger Religionslehrer ist. Für Gemeinden aber, in denen Rabbiner und jüdische Volksschullehrer fehlen, ist die Heranbildung in Thorakenntnis hochstehender, in allgemeinem Misten den Anforderungen der Zeit und ihres Berufsansehens wirklich entsprechender Religionslehrer die brennendste Lebensfrage. Die Jeschiwa hat nunmehr ihrer Anstalt eine Schule angegliedert, in der junge Leute im Alter von 15—16 Jahren in einem systematischen Lehrgang von 4 Jahren zu tüchtigen Religionslehrern herangebildet werden sollen. Gediegene talmudische Ausbildung steht im Mittelpunkt der Ertüchtigung auf den Gebieten jüdischer Wissenschaft, der sich die Pflege der für den Lehrerberuf notwendigen profanen allgemeinen Bildungselemente anschließt. Auch soll Gelegenheit zur Ausbildung zum Beruf des Schochet und Chason gegeben werden. Den Schülern werden im Bedürfnisfalle, um ihnen ein sorgenfreies Studium zu ermöglichen, Stipendien gewährt. Baldige Anmeldungen sind an Herrn Rabbiner Dr. S. Breuer, Friedberger Anlage 4, zu richten. beachtung riß den Tempel nieder. So führt die richtige Auffassung, der richtige Begriff von Tempel und Tempeldienst zu einem richtigen Urteil über unser Tatenleben und so gelangen wir zu dem Schluß, daß unser Geschick nur Folge unseres Tatenlebens, so führt uns gerade die im Tempel verkörperte jüdisch-nationale Idee naana nsnai naianai zu dem dritten jüdischen Fundamentalgrundsatze von iwwi “dpm von dem Walten einer ewigen, ausgleichenden und vergeltenden Gerechtigkeit. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; wir müssen nur ihre Lehren und Mahnungen zu verstehen bemüht sein. Wenn wir einen Rückblick werfen auf die Geschichte der Väter, aus ihre Schuld und auf ihr Leid, und wenn wir dabei so recht den Kausalzusammenhang ins Auge fassen, dann wird uns ein Prophetenwort klar an'vsn iiavn 'vvvai ia^n ’pma irm nrr 'wvsi (Ezech. 36, 27, Haft .z. nis 's), das ich übersetzen möchte: „Was ich tat, geschah nur Euch dahin zu bringen, daß Ihr in meinen Gesetzen wandelt und meine Rechtsvorschriften beachtet und demgemäß handelt." Wir haben zunächst hier wieder den Hinweis auf die Gleichbedeutung und Zusammengehörigkeit der beiden Pslichtenkreise. Hatte deren Vernachlässigung Untergang und Zerstörung gebracht, so wird ihre treue Betätigung im Leben neues Leben, neue Blüte bringen, wie der Prophet a. a. O. fortfährt: „Dann werdet Ihr friedlich wohnen in dem Lande, das ich Euern Vätern gegeben, Ihr werdet mir zum Volke und ich werde Euch Gott sein" . . . „und auserbaut werden die Trümmer" (Ez. 36, 33), also Wiedererstehung des Gottesheiligtums in nie vergänglicher Herrlichkeit: die heißersehnte Heileszukunst. Heeresmacht, Bündnisse, Politik, Staalsklugheit haben nicht vermocht, den jüdischen Staat zu erhalten, da ihm das göttliche Ideal entschwunden war. Aeuhere Umstände und Verhältnisse werden auch nie vermögen, die Heileszukunft herbeizuführen; in uns und aus uns, aus Schopenhauers Verhältnis zum Judentum. Von Dr. I. Münz in Berlin. Vor nicht langer Zeit fand in Danzig die Schopenhauer-Tagung statt. Der große deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer wurde in der Stadt, wo einst seine Wiege gestanden, in seiner ganzen wissenschaftlichen Größe und Eigenart gewürdigt und viele philosophische Fragen, die mit seiner Lebensarbeit im Zusammenhänge stehen, wurden erörtert. Aber ein bedeutsamer Punkt ist, soweit aus den ausführlichen Berichten der „Danziger Zeitung" zu ersehen war, mit Stillschweigen übergangen worden: Schopenhauers Verhältnis zum Judentum. Die nachfolgenden Zeilen sollen sich mit diesem Punkte beschäftigen. Das Judentum bejaht das Leben und verkündet seit ältester Zeit einen sieghaften Optimismus. Sechsmal heißt es auf dem ersten Blatte der Heiligen Schrift bei der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott sah, datz es gut sei." Einmal im Kreisläufe des Jahres, am Versöhnungstage ordnet die Heilige Schrift ein strenges Fasten an, die völlige Enthaltung von Speise und Trank von einem Abend bis zum andern Abend. Aber kaum ist dieser große Tag vorüber, fordert die Schrift uns auf, daß wir den düsteren Ernst vergessen und zur heiteren Lebensfreude zurückkehren sollen. „Und freut euch vor dem Ewigen, eurem Gotte." Die Freude an den drei Nationalfesten war geradezu eine religiöse Pflicht. Wer seinen Leib kasteit und von den berechtigten Genüssen der Welt Abschied nimmt, wird ein Sünder genannt. Keine Sprache auf Erden hat so viele Bezeichnungen und Ausdrücke für Freude und Jubel als die hebräische; sie stellen gleichsam eine ganze Stufenleiter von verschiedenen Arten der Freude dar. — Diese optimistische, lebensfrohe Weltanschauung. die die Bibel verkündet, vererbte sich naturgemäß auf das Volk der Bibel, auf die Bekenner des Judentums. Trotz der vielen harten Leiden und Verfolgungen ließen sich die Juden in dem Glauben an den einstigen Sieg der Wahrheit und des Guten nicht irre machen; trotz ihres tausendjährigen Martyriums blieben sie die geborenen Optimisten. Arthur Schopenhauer, der große Pessimist, war der entschiedenste Gegner dieser jüdischen Weltanschauung. Mit den schärfsten Ausdrücken befehdete er diese Auffassung des „Alten Testaments" und des Judentums. Nur eine Kraftstelle sei hier angeführt. „Dieser der jüdischen Gesamtheit heraus muß sie erblühen. Sagt uns darum die naan, wie im Geschicke der Vergangenheit deren Geschichte sich abmalt, läßt uns die naian den Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit erkennen, dann zeigt uns naian klar und deutlich für die Zukunft unsere Aufgabe, zu wirken für uns und die Menschheit als Kulturträger der göttlichen Ideen. Und kann uns eine richtige Betätigung unserer Geisteskräfte nur den Thoraweg als die rechte Bahn zeigen und werden wir treu und unentwegt diesen Weg wandeln, dann wird die Heileszukunst uns erblühen, dann wird «ai> ■pnyV das Gotteshaus neu erstehen naianai naana nsnav Die Zukunstsherleshofsnung, fest verankert in den drei ersten Postulaten, ist ein vierter Fundamentalsah unseres hl. Glaubens und so harren wir vertrauensvoll der Zeit der höchsten geistigen Entwicklung entgegen, da die wahnnvn, die wp!?« nsn Gemeingut aller Menschen sein und bleiben wird. kleines Feuilleton. Goldene Worte des Jedaja Hapenini. Rechne nicht darauf, Rat bei Leichtsinnigen, Weisheit durch Zwist und Glück im Reichtum zu finden. Wer seiner Leidenschaft folgt, wendet sich von Got ab, mehrt seinen Schmerz, stärtt seine Reue und ver doppelt seine Strafe. * * ♦

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