Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1924)
- Date
- 1924-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 10 ©ei. Israelit ncr und ihre Jünger den jüdischen Himmelsstürmern den Kampf nicht gerade leicht machen. Sie nehmen Leiden und Qualen ohne Ende auf sich, ohne um Haaresbreite von ihrer Religion zu weichen. Es kommt vor, daß Ieschiwözöglinge, die im Lehrhause abgefaßt werden, beim Verhöre den Inquisitoren ganz gehörig entgegengetreten rlnd sich frei und offen alles vom Herzen reden, was sich dort an Pein und Entrüstung gegen die jüdischen Verfolger angesammelt hat, ungeachtet,der schweren Strafen, die ihrer harren. Andere verweigern jede Antwort, setzen ihre Hüte auf und verrichten ihre Gebete, wenn die Gebetezeit herangekommen ist. Die jüdischen Kommissare verstoßen in ihrem Fanatismus auch gegen das Sowjetgesetz. Der „Emes" beklagt sich über die unbotmätzigen Melamdim, die, wenn ihre Schulen geschlossen sind, die Kinder in ihren Elternhäusern aufsuchen und dort mit ihnen lernen, da nur religiöse Schulen verboten sind, häusliche Religionsübungen aber das Gesetz der Glaubensfreiheit für sich in Anspruch nehmen können. Und die Zeitung spornt die Häscher an, ihr Augenmerk auf diesen Trick zu richten. So geht der Kampf und die Tragödie weiter. Das Flüchtlingselend in den polnischen und litauischen Grenzstädten wächst mit jedem Tage und im Lande selbst verzehrt sich eine Zweimillionenbevölkerung in Leid und verzweifeltem Ringen um das tägliche geistige Brot für Eltern und Kinder, um Sein und Zukunft. Und Europa, das heute noch mit Schaudern die Geschichte der spanischen Inquisition liest, schweigt. Ein europäischer Hof nach dem andern gewährt Sowjetrutzland die Anerkennung und sanktioniert damit bedingungslos auch seine Ausrottungspolitik gegen die Religion und ihre Anhänger, seine unglaubliche Taktik, eine ganze Bevölkerung ein paar unreifen, im Rausche des radikalsten Bolschewismus schwelgenden Jünglingen auf Gnade und Ungnade auszuliefern. Die Delegation, die jetzt die europäischen Großstädte bereist, sollte überall, nicht nur unter Juden, offenes Ohr finden und volles Verständnis für ihre Bestrebungen. Es geht um erstes Menschenrecht, um Sein und Nichtsein von zwei Millionen Menschen in einem jungen Staate, das, auf den Trümmern alter Rechtlosigkeit aufgebaut, um Liebe und Verstehen und Anerkennung der Welt ringt. Zweitausend Opfer des bolschewistischen Religionshaffes leben, wie bereits bemerkt, in den polnisch-litauischen Jeschiwos — zwei ausend meist jugendliche jüdische Seelen, die die Treue zu Gott und seiner Thora dem Beifall und . OL;v .«:» Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Von Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. I. »Tin halber Schekel aus den Kopf." Die Mechilta zu k*s iznrn *nrp bemerkt: »Ihr wolltet den halben Schekel für jede Person dem Heiligtum nicht bringen, so sollt ihr dafür fünfzehn Schkolim an eure Feinde entrichten". — Diese Bemerkung ist durchaus dunkel. Auch Masbim" gibt keine Aufklärung darüber. Don welchen 15 Schkolim mag wohl hier die Rede sein? — Doch, glaube ich, die Lösung gefunden zu haben: Sanhedrin96b heißt es nämlich: Als Ammon und Moab Nebukadnezar aufgefordert hatten. Jerusalem zu erobern, er aber aus die Frommen in Israel hinaiies. in deren Gebetes Macht es liegt, feine Pläne zu vereiteln, erwiederten sie ihm: im VPü npb *]D3.1 »Israels Gott hat den Silbergeld- 6. März 1924 dem Wohlwollen der Machthaber vorzogen und wie in den düsteren Tagen des Antiochos Epiphanes dem rnzrnp bs dvbj D’ioi» waren. Diese zweitausend Edlen gilt es vor dem Verhungern zu retten. Die Unterstützungen des Joint, von denen sie bisher lebten, haben aufgehört und es ist hauptsächlich die Sorge um das Schicksal dieser Märtyrer, was den bekannten Wilnaer Raw, Rabbi EhajimOserGrodsensky. veranlaßt hat, die erwähnte Delegation nach den westlichen Zentren zu entsenden, um die erforderlichen Mittel zu ihrer Erhaltung zu erlangen. Wir sind angesichts des Ernstes der Lage unsererseits gerne bereit, Spenden für diesen Zweck aus Deutschland und dem Auslande entgegenzunehmen und sie nach Wilna weiterzugeben. Wochenrundschau. Ein ehrliches Wort. Man erinnert sich, daß auf der „Kenessio Gedaulo" die deutsche Landsmannschaft eine gewisse Sensation dadurch erregte, daß sie eine einheitliche Stellung zu dem vorgelegten Satzungsentwurf nicht einzunehmen vermochte, sondern zwei Redner — pro und contra — vorschickte, von denen der eine den Gedankengang der Gemeindeorthodorie und des Misrachi vertrat oder mindestens rechtfertigte. Die große Mehrheit der östlichen Delegierten zeigte dafür wenig Verständnis und dieses Verständnis steigerte sich auch nicht, als dann neben dem offiziellen Korreferenten, der inzwischen der Führer einer gemeindeorthodor-misrachistischen Sonderorganisation außerhalb der „Aguda" geworden ist, ein anderer deutscher Delegierter, Oberrabbiner Dr. Altmann aus Trier ähnliche Töne anschlug und die gleichberechtigte Heranziehung aller positiv gerichteten Elemente, in welchem Lager sie auch organisiert seien, forderte. Herr Oberrabbiner Dr. Allmann veröffentlicht nun in der Wiener Wochenschrift „Die Wahrheit" eine Aufsatzreihe unter dem Titel „Ge st alten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung", in der er über seine Erlebnisse auf der „Kenessio Gedaulo" berichtet. Bisher liegt erst der Beginn des Berichtes vor. Aber gleich dieser erste Auffatz enthält einen so erfreulichen — in unsrer Zeit überaus seltenen — Beweis von sittlichem Mute, eine naxn bv hkti.1 von so. wir möchten sagen, altjüdischer Ehrlichkeit, daß sie hier festgehalten werden muß. Herr Dr. Altmann schreibt: ' - „Ich bin zu dem vom 4. bis 11. Elul, 16.. bis 23. August d. I. in Wien stattgefundenen ersten Weltkongreß der Agudas Jisroel-Bewegung nicht ohne einen starken Grad innerer Skepsis gegangen. Dom Standpunkte des parteilosen Einheitsgedankens!m positiven Judentume bangte es mir immer vor den Sonderzusammenströmungen und den Sonderkongressen, mögen sie von welcher Seite immer ausgehen. Sie haben stets nachgerade genug dazu beigetragsn, das ohnehin arg zerklüftete Judentum noch mehr in verschiedene Teiljudentümer zu zerschlagen. Der Ruf der Agudas Jisroel litt zudem vor dem Kongreß gemeinhin an der Vorstellung einer horizontbeschränkten Partei-Ideologie. In dieser Hinsicht hat auch die Kenessio Gedaulo — das sei wahrheitsgemäß schon gleich konstatiert — einen durchgreifenden und restlosen Wandel geschaffen. Deshalb hat mich der Kongreß beruhigt, denn die Jdeenvertretung an sich auf der Kenessio hat den zweifellosen Beweis erbracht, daß der Agudas Jisroel-Gedanke, wie er sich in den Köpfen seiner vorzüglichsten Vertreter malt, turmhoch über dem steht, was man gewöhnlich unter Parier begreift. Diese Tatsache hat meine Skepsis in eine Bejahung umgewandelt. Nicht, daß ich meine Anschauung, die ich gewohnt bin, bei jeder Gelegenheit zu betonen, etwa weil ich, wie man zu sagen pflegt, „auch dabei gewesen" bin, irgendwie gewandelt hätte. Nach wie vor glaube ich, daß nur ein Zusammenstehen aller positiv jüdisch Orientierten, ohne Unterschied der Parteistellung, letzten Endes den Ausweg für alle bedeutet. Habe ich doch dieser Auffassung noch vor Den beiden Kongressen in Karlsbad und Wien in diesem Blatte entschiedenen Ausdruck verliehen und mich auch auf der Kenessio veranlaßt gesehen, ihn zu vertreten und zu verteidigen, trotz der scharfen Polemik, in die ich durch diese Freimütigkeit meiner Ansicht mit mehreren markanten Köpfen des Kongresses verwickelt wurde. Aber gerade weil ich, vielleicht jetzt mehr denn je, an meiner Ueberzeugung Mthalte, glaube ich durch die Agudas Jisroel, wie ich sie in Wien auf mich habe wirken lassen, auf der rechten Fährte zu sein. Nach dem Erleben in Wien wage ich es auszusprechen, daß sich das positive Judentum in allen Lagern entweder im Zeichen der agudistischen Grundidee finden oder — was Gott verhüten möge — überhaupt nicht finden wir d." Wir empfehlen dieses ehrliche und mutige Wort eines Mannes, der von der Orthodoxie niemals durch Ehrenstellungen irgendwelcher Art in der Unabhängigkeit seines Urteils beeinflußt worden ist, der Beherzigung aller derer, die durch Neugründung von gesetzestreuen Organisation zur Mehrung des Friedens im Juden-- tum beitragen zu können wähnen. Religiöser Bolschewismus. Daß Warschau auf dem Wege nach Moskau liegt, erfährt man nicht allein aus dem Globus und der Eisenbahnkarte, sondern durch manche verwandte Momente im jüdischen Leben der beiden Hauptstädte. Eottseidank hat der Bolschewismus in der Weichselmetropole noch nicht die Alleinherrschaft wie in Moskau, wo von einem Zimmer im Kreml, in dem die beutel mitgenommen." Mit »Silber" sind die Zaddikim gemeint, denn fo heißt es. Hosea. 3, 2: »Ich erwarb sie mir um 16 Silberschekel". woraus bezüglich Cbulin 92b gesagt wird: Die Welt bestehe auf dem Verdienst von 30 Zaddikim, die im Heiligen Lande und 15. die in den übrigen Ländern leben, und diese 15 Gerechten hat Gott von der Welt genommen : du brauchst ihr Gebet also nichtzu fürchten." Das auch dürste demnach der Sinn der Mechilta sein, ihr werdet im Lande eurer Widersacher 15 Silberschekel abgeben müssen, d. h. 15 euch beschützende Zaddikim verlieren. H. VaiEr» ’ja wo*» ppan bstn pvn niVjmai. »Sobald sich die Wolke von dem Heiligtums erhob» brachen die Kinder Israel auf, auf allen ihren Zügen; und wenn sich die Wolke nicht erhob, so brachen sie nicht aus. bis zum Tage, da sie sich erhob." Das Heiligtum auf unserer Wanderung durch die Wüste der Leiden, unser Leitstern auf den Irrwegen irdischen Daseins ist das Judentum in seiner Reinheit und Ungetrübtheit. Doch nicht alle vermögen, es so und nicht anders zu betrachten. Manche sehen dieses Heiligtum überhaupt nicht und viele, die es ja zu sehen glauben, sehen es durch einen Nebel von Unwissenheit, Entstellungen und irrtümlicher Auffassung. — Solange nun diese Wolke vom Heiligtume sich nicht erbebt, können seine Bekenner auf der Bahn zur sittlich-religiösen Vervollkommnung nicht vorwärts schreiten. Erst wenn diese Wolke sich erhebt, dann brechen die Kinder Israel auf und ziehen gesichert ihrem Ziele entgegen. auf allen ihren Zügen! ifiinai mi2rQi nösrn Ein Schiuroortrag. (Schluß.) , Und auch beim Bau des Zentralheiligtums, desn a waren nm miam aasn Grundbedingungen. Gefühle widerstreitendster Art bewegen uns, wenn wir des hl. Tempels gedenken, wenn wir das hl., das teure Wort nur hören. War doch das richtige Erfassen des Tempelbegriffes, des Tempel- und Opferdienstes und die entsprechende Betätigung die Bedingung des Bestandes lüdisch-nationaler Selbständigkeit und mußte doch mtt der Trübung der hehren Idee und der daraus resultierenden Verflachung, Veräußerlichung, Herabwürdigung jüdischen Tatenlebens die jüdische Nation und mit ihr das Heiligtum in Trümmer sinken! In Betätigung der Pflichten gegen Gott und. Menschen liegt Israels Aufgabe, derart, daß diese beiden. Pflich enkrei e nicht etwa nebeneinanderherlaufen, sondern, sich gegenseitig innig durchdringen. Es ist bekannt und gerade heutzutage vielfach zu beobachtende Erscheinung, daß eine gewisse Einseitigkeit in dieser Beziehung herrscht. Da glaubt der eine in Betätigung sozialer Humanität seine Mensch- und Jsraelmission erfüllt, seine Pflicht getan zu haben, wenn er rechtlich handelt, Wohltaten erzeigt, ein Mensch unter Menschen sich betätigt. Die jüdisch-religiösen Sonderpflichten kümmern ihn wenig. Der andere ist in der Erfüllung der Rituals minutiös genau, er hält sich für „fromm"; die allgemeinen Menscheupflichten dagegen tritt er mit Füßen. Beide Aussaffungen sind verkehrt. Recht drastisch bringt uns dies der Prophet Amos in seinen Straf- und Mahnreden zum Bewußtsein, wenn er sich mit geradezu gegensätzlich anmutenden Redewendungen an die beiden Reiche Juda und Israel (Efraim) »endet. Jy Juda, wo auf