Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1924)
- Date
- 1924-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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65. Jahrgang Frankfurt a. IN., den 6. März 1924 30. Adar L 56*4 Nr. 10 (|L Der Israeli! Ein Centralorgan lOr das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 19:14: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Vierteliahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deulsch-Lsterretch: 80000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich IS Fr.; Belgien IS Fr.; Hollands fl.: Italien SV Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs; Schweiz 6 Fr.; Tfchecho-Elowakei 80 Kronen; Ungarn 18000 Kronen; Dänemark S Kronen; Norwegen S Kronen; Schweden 3.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellensuchende 80 Goldpf., für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 80 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 90 Pfg.. vorletzte Texrseite 1.80 Pfg.; Ehiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen, tarifm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Inseratenannahme durch den Verlag des Israelit G.m. b. H.. Frankfurt a. M.. Gr. Eschenheimer Straße 83, Tel. Hansa 8848 sowie durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands Alleinige Inseratenannahme für Frankfurter Geschäftsanzeigen: Sul. Schmidt. Langestraße 8. Platzvorschr'ften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt.(Main) Nr. 19803. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79608 — Postsparkassenamt Budapest Nr. 18431 — Postscheckamt Zürich Nr. VW 7234 — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24889 — Böhmische Unionbank in Prag — Ban<a Marman sch, Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Bücher zrr pvtifan für 3sraelif'Slbonnenfcn: Statt: Abonnenten: Hirsch, Pentateuch 6 Bde geb. Hirsch. Gebete. (nur noch wenige Exemplare) Lehmann. Samuel Ha-nagid Schachnowitz, Merelaika „ Luftmenschen „ Jenseits „ Dm Judenstaat der Ehasaren „ Salomo, der 80.- 7.- Sudäur, Basischem von chelstadt Falascha von Mtbrosch. 3 — geb. 8.80 Lieferung gegen vorheiige Einsendung des Betrages zuzüglich Versand-Porto oder gegen Nachnahme. Frankfurt a. M. Verlag des JSraelit G. m. b. H. Die Religiousverfolgungen in Rußland. Es ist bereits viel über dieses traurige Thema geschrieben worden, mehr vielleicht, als manchem Leser lieb ist. Aber das Thema kann nicht eher ausgeschöpft sein, als bis nicht eine Wandlung und eine Besserung eingetreten ist. Diese ist leider noch nicht in Sicht. Und man fragt sich, ob heute, im Zeitalter des Wellradio, die Schreie unserer ihrer Religion wegen bis aufs Blut verfolgten Brüder doch nicht das Ohr der Welt irgendwie erreichen sollten, ob sich heute, da Sowjetrutzland von den meisten europäischen Staaten anerkannt ist, sich doch nicht ein Weg fände, das europäische Gewissen aufzurütteln. Die Wiener „Jüdische Presse" gibt Berichte von Augenzeugen, man könnte fast sagen, Blutzeugen wieder, die, selbst nach allem, was wir schon wissen, . doch ganz unglaublich kiingen. Zweitausend junge Flüchtl'nge befinden sich in den Grenzstädten Zwischen Nutzland und Po^en, die wie Verbrecher Heim und Hof verlassen mutzen, weil sie am Sabbat nicht arbeiten wollten, weil man bei ihnen einige Blätter der Bibel gefunden hat, weil sie die Miloh an ihren Bindern vollziehen ließen und ähnlicher Slaatsverbrechen sich schuldig machten. Und das traurigste an der Sache: Diese Verfolgungen gehen nicht von derruss.schen Regierung als solcher aus, sondern von den jüdischen Kommissaren in der Regierung, der sogenannten Jüdischen Sektion, die die marristische „Kulturarbeit" unter den Juden in die Hand genommen hat. Run hat sich zu Gunsten dieser Märtyrer und zu Gunsten der noch im Lande unter der roten Knute seufzenden Glaubenshelden eine Delegation gebildet, die die Hauptstädte Europas bereist. Von dem gewaltigen erschütternden Material, das diese Delegation milführt, bringen wir hier nur ein Protokoll zum Abdruck, das die Nummer 26 trägt und bei einem Flüchtling aufgenommen wurde; es ist nur ein kleines Blatt in der Tragödie unserer russischen Brüder. Das Protokoll lautet wörtlich: Am 6. September 1922 satz ich in Minsk im Lehrhause Kozowyscher Synagoge, Samlovergvsse, mit vier Schülern im Alter von 12 bis 15 Jahren beim Studium des Talmudtraktates Nedarim. Ele ch,eilig lernten abgesondert drei junge Leute mit Namen: Aron Levi. 28 Jahre alt, Leib Barosch, 27, Jakob Sandrowitz, 17 Jahre alt. Plötzlich drangen Beamte der Gepov (russischen Geheimpolizei ähnlich der Tscheka) in das Lehrhaus ein und verhasteten uns, woraus wir in das Ge.ängnis der Eepoo in der Serechevskygasse überstellt wurden. Wir wurden nun zwei Wochen in Ha,t behalten und einem peinlichen Verhör unterzogen, das daraus hinauslief, um zu erfahren, ob die Synagoge, in der wir angct o.fen wurden, ein Lehrhaus (Jrschiwah) im engeren Sinne gewesen sei, ob der Synagoge Funktionä.e vorgestanden wären, wie deren Namen karteten, und ob wir von dem seinerzeitigen Oberrabbiner Rabbinowitz unterstützt worden wären. Auf diese Frage antworteten wir, datz eine Jeschiwah nicht bestanden hätte, daß infolgedessen es auch keine Vorsteher gegeben habe, und datz wir von einem Rabbiner Rabinowitz nichts wüßten. Diese Antwort war daraus berechnet, um einen Ausweg aus dieser S.tualion zu finden. Nach zwei Wochen wurden wir nun in das Hauptgefängnis überführt, wo wir in einer gesonderten Zelle untergebracht wurden. Das Ee ängr.is beherbergte ansonsten schwere Verbrecher, sowie wegen verschiedener schwerer * DeU.te abgestraste Personen, mit denen wir in unmittelbarer Gemeinschaft leben mutzten. Während unserer Haft ward es auch uns unte: sagt, sich etwa Talmud- oder Bibeleremplare zu bescha sen. Die sonstige Behandlung war keine besonders gute, sondern eine alles eher denn den Gesetzen der Menschlich.e t entsprechende, in diesem Zustande verbrachten wir 10 Wochen. Der letzte Tag unseres Aufenthaltes war der 12. Oktober 1922. Der U itersuchungsrichter Burak unterzog uns einem neuerlichen Verhör, worauf die Hauptrerha dlung ,ür den 10. Dezem er 1922, einen Sabbat, angeodnet wurde. Die Verhandlung fand vor einem revolutionären Tribunal statt, dem angehörten: Der Vorsitzende Kort, der Staatsanwalt Pry-s, die Richrer Mariasin und Rubinstein, sowie die Verteidiger Zeit.io und Gurewi sch. Aus der Anklagebank satzen wir. Rabbi er Rabiiowitz und die tatsäch'ihen Vorsteher der Sy a^oge, zwei B.über Zertow, Ru^e.i Ravinfchick und Samuele Pe.lmann. Die Verhandlung dauerte von 11 Uhr vormit ags bis 12 Uhr nachts. Das Urteil ging dahio, datz die Requisition der Schul und deren Umwandlung in einen Spielklub ausgesprochen wurde, datz über die Vorstände der Sycknagoge eine Geldstrafe von 200 Goldrubel verhängt wurde und datz wir über die Dauer von eineinhalb Jahren in ein Konzentrationslager im Innern Rußlands evakuiert werden sollen. Rabbiner Rabinowitz wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Durch die Ottoberamnestie wurden wir auf freien Fuß gesetzt, jedoch uns das Verdikt ausgesprochen, im Innern Rußlands Zwangsaufenthalt zu nehmen. Jakob Sendorowitz wurde seiner Jugend wegen davon befreit. Barosch mutzte ebenfalls aus Krankheit Zurückbleiben, hatte jedoch die Pflicht, in den vo.n der Sowjetregierung eingerichteten Schuten ein Lehramt auszuüben. Ich und Aron Lesy wurden in das Innere Rußlands verwiesen. Als wir aber in Aussicht stellten, an die höchste Instanz zu appellieren, wurde uns gedroht, nach Sibirien oder Archangelsk evakuiert zu werden. Darauf wurden wir weitere 6 Wochen in Haft behalten. Bisher zusammen 16 Wachen. Rur mit schwerer Mühe gelang es uns, die u.sprüigliche Strafe, nämlich die Verschickung in das Innere Rußlands, zu erlangen. Zur Vorbereitung hierfür wurden wir auf 7 Tage freigelassen, und zwar am 3. März 1923. Meine Verurteilung verstieß zwar gegen das Gesetz, nachdem ich polnischer Untertan bin. jedoch wurde mir erklärt, datz bei einem solch schwerwiegenden Deli t kein Unterschied zwischen In- und Ausländern gemacht werden könne. Um der Verbannung zu entgehen, flüchtete ich nach Polen, und zwar nach Rakow. Aron Le i wurde nach Moskau verschickt. Die Synagogenvo.stände mutzten die ihnen auferlegte Kontribution von 200 Goldrubel bezahlen. Dies alles bezeuge ich durch meine Unterschrift usw. (Folgen die Unterschriften.) Aus anderen Quellen erfahren wir: Alle jüdischen Druckereien im Lande hat die ..Iewsiektia" beschlagnahmt, um ihre kommunistischen Zeitungen und Plakate herzustellen. Iüd sche Bücher zu drucken gibt es keine Möglichkeit. Der einzige jüdische Druck, der in den letzten Jahren nach vielen Mühen und Opfern ermöglicht werden konnte, war der Luach. Als man in Petersburg aus stereotypem Satze ein Gebetbuch zusammensteklen wollte, wurde die Genehmigung. nachdem sie schon erteilt war. wieder zurückgezogen, weil dem Gebetbuch ein hebrä sches Alphabet angehängt war. „Alphabet", so entschied die Weisheit und Gerechtigkeit der jüdischen Sektion, „ist für Binder berechnet, und Kindern darf die Religion nicht ausgedrängt werden." Das obige Protokoll datiert vom vorigen Jahre. Inzwischen ist von Moskau aus den Provinzbehörden Vorsicht und taktvolleres Vorgehen gegen Kirche und Konfession anempfohlen worden. Allein die jüdischen Kommissare nehmen in ihrer Haltung gegen ihre eigenen Brüder und eigene Religion gar keine Ro.itz von deser Parole. Der Kampf gegen die Chedarim und die Melamdim geht in gesteigertem Matze weiter. Es mutz freilich mit Srolz konstatiert werden, daß die Melamdim und ihre Schüler, die Rabbi-