Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. Februar 1924 — Der Sinn der Mizwans. Von Seminaroberlehrer L. Anfänger in Würzbnrg. Daß: naiw rr^2 ^2 N112 ^2 friss» eine an sich gottgefällige Betätigung, ausgeübt ohne rechte Uebcrlegung und je für den E'mzelfall gebotene subjektive Verfeinerung, also rein äußerlich ge wohnheitsmähig, einem Körper ohne Seele gleicht, also tot ist, tot — mit allen daraus sich ergebenden Konsequenzen, ist eine uralte Wahrheit, nur leider viel zu wenig erkannt und noch weniger beachtet, beherzigt. ms:»! Das Wort — ich sage bemüht und absichtlich „das Wort" und nicht „der Begriff" spielt in der jüdischen Volksseele und darum im jüdischen Volksleben in fast allen, auch den ^nur noch lose im Judentum wurzelnden Volksteilen eine äuherst wichtige, bedeutsame Rolle; fast möchte man das Eoethe'sche „Treiberin Trösterin" hier. angewendet wissen. Der Großteil der jüdischen Betätigung erfolgt ja tatsächlich nisrs vV^.Was aber unter dem ms:» »^verstanden werden will, das ists, wo sich die Geister scheiden. Es geht hier, wie auch sonst so oft im Leben und im Verkehr der Menschen untereinander. Da gibt es Leute mit angeborenem Taktgefühl, die in selbstverständlichster Weise in allen Lagen und Verhältnissen das Richtige treffen, deren Verhalten, Tun und Lassen immer ein wohltuendes Gefühl der Befriedigung auslöst im Gegensatz zu jenen anderen, die, was sie auch machen und wie. sie es auch machen, es immer falsch machen, die stets das im Einzelfalle Unrichtige treffen, die nach einem treffenden aufs Manuelle gerichteten Volkswort „fünf Daumen an jeder Hand" zu haben scheinen. Nur ist natürlich hinsichtlich der Betätigung der ms:» die Sachlage noch viel verfeinerter und komplizierter, besonders auch in punkto rechter Belehrung viel heikler und schwieriger, und es kann angeborenes Gefühl allein bei weitem nicht genügen: Kennen und Erkennen subjektiv und objektiv durch Lernen und Erfahren bilden die ergänzenden Elemente. Es ist bekannt, dah wir im wesentlichen die msr» scheiden in solche gegen Gott und solche gegen die Nebenmenschen. Es soll hier nicht über die Berechtigung und Richtigkeit solcher Scheidung geurteilt werden; wir nehmen sie einmal als gegeben hin. Da zeigt sich nun aber die beachtenswerte Tatsache, dah die ms:» der ersten Kategorie — nicht nur vom sogen. p»n ay auch vielfach von Leuten, die für und mindestens ns» 'zni' angesprochen werden wollen — garntcht so sehr gewertet und betätigt zu werden pflegen als jene gegen die Der c ß e l \ i Nr. 9 H Nebenmenschen, daß man im Falle einer dies bezügl'chen nroin recht verwundert angeschaut werden kann, dah aber unter Umständen auch Unangenehmeres dem belehrenden Zurech tweiser in Aussicht stehen kann. Es g'bt Leute, die sich — man verzeihe das etwas harte Wort — als die reinsten „M zwosjäger" beiä igen, bei denen der Zylinderhut „nicht kalt wird", die von einer Beschneidung zu einer Trauung und von da »"2 zu einer Beerdigung eilen, besonders gerne, wenn gar noch Droschken oder Autos zur freien Benutzung bereit stehen, die aber ein Jahrzehnt und länger das gleiche a^ benützen und sich vielleicht gar den mnx dazu von einem „guten Freund" für „e'nen Augenblick" ausleihen, deren Tefillin und Mesusos ganz besonders haltbar sind und jahrzehntelang oder überhaupt keiner Revision bedürfen und dergleichen mehr. Hirsch y'sst reiht im allgemeinen das, was hier und nach dem Volksmund als ms:» Gott gegenüber bezeichnet erscheint in die Rubrik der nny (Denkmäler für Jisroels Leben begründende Wahrheiten), vielleicht auchrniap (Gottesdienst). Und er führt in der Einleitung in die miay (Horeb, 6. Abschn., Kap. 98, 8 616) gleichsam übersichtlich zusammenfassend aus: „Unser ganzes Leben, wenn es rein das ist, was es nach Gottes Willen sein soll, ist „Awaudah Haschem" ('n t-niap), ist Gottesdienst, Dienst Gottes, Erfüllen göttlichen Willens mit allem uns Gewährten in jeder Zeit. — Wenn wir die Wahrheiten, in denen Thaura h unterweisen, behe.zigen in Geist und Gemüt, wenn wir sie darstellen und verewigen für uns und andere durch Edauh, wenn wir sie in Genuß und Wort und Tat durch Gerechtigkeit und Liebe verwi.klichen, wie Mischpotim und Chukim und M zwaus uns lehren: dann sind wir 'n 'N2Y. Diener Gottes und 'H 12V. Gottes Diener ist der höchste Name, den ein Mensch in seinem Leben durch sein Leben zu erringen vermag." Nun ist es absolut nicht anzuzweifeln, dah auch alle jene, die oben etwas hart als Mizwosjäger angesprochen wurden, dle löbliche Absicht haben, ihr Leben zum fortwährenden Gottesdienste zu gestalten; aber es dhlen eben vielfach die bereits als Grunderfordernisse hervorgehobenen Elemente: rechter Takt. Kennen und Erkennen subjektiv und objektiv. Hirsch nennt die msr» Gebote der Liebe und führt als erste ms:» an „(Sott nachstreben in tätiger Liebe". Mizwoh lehrt dich Liebe, ruft dich auf, Segen zu werden ringsum, lehrt dich über Bruderschöpfung dich zu Gott zu heben inl Llebeswirken. Denn Liebe ist das Wirken, das, ohne Anspruch der Wesen, ihr Wohl und Heil fördert. (Horeb 8 480). Liebe also ist. der Sinn der ms:». Llebe aber ist Wirken, ist Tat, nicht vages, unkontrollierbares Gefühl. So ist das elementare Grundgebot der Liebe aufzufassen, das P»r> •pn1? nar«n (Lcvilic. 18, 19), das der weise Hillel umschreibt mit dem bekannten Wort masm x*? ‘pan*? •»so und dem er seine hehre Bedeutung gibt mit der Anfügung mm *?u nunms *]tki n*?ia nmnn *?a ii ».dies '.st das ganze Gesetz, alles andere ist nur dessen Erläuterung, gehe und lerne sie." Zweierlei heben wir aus der Fülle der Anregungen besonders hervor, erstlich aus dem “p»a das Recht zur Selbstliebe. Hier zeigt sich wieder so deutlich die Wahrheit des Weisenwortes, dah das Thorawort nur mit Tatsächlichem, mit Wirklihküten, mit Vorhandenem, Möglichem, Erreichba em rechnet, und darum stellen wir zweitens fest: Lieben ist Wirken, Liebe ist Tat. Du hast ein Recht, dich selbst zu lieben. Die absolute Selbstaüfaabe, Selbstentäuherung nur im Interesse anderer ist etwas Unnatürliches, ja Widernatürliches und kann nicht verlangt werden. Und auch Gefühle können nicht auf Kommando eingestellt und umgestellt werden, Gefühle lassen sich nicht gebieten — was natürlich nicht ausschlieht, daß wir auch mehr und mehr Herren unseres Gefühles werden sollen — und darum befiehlt uns das na,-mieden, liebe, übe Werke der Liebe. So erkennen wir im Hillelwort die negative Umschreibung des positiven Thorawortes. Ich kann wohl nach dem. was oben über nny aus Horeb angeführt wurde, mich nur auf die msa im engeren Sinne, also „Liebeswerke unter Menschen" beschränken und die Frage stellen, haben die M zwos-Veflissenen, von denen wiederholt gesprochen worden ist, den Sinn der mss» erkannt? Versuchen wir, nur ein Beispiel aus der großen Zahl herauszugreifen: das v'*?in mpa. „Gott ist Arzt der Kranken; aber Menschen sollen das ihrige tun, dem Leidenden die Leiden zu mindern, in Ertragung derselben ihm beizustehen, durch ihre Teilnahme sie zu erleichtern" — sagt Hirsch. Das also ist „Zweck" des Krankenbesuches, nicht aber ist es, wie viele zu glauben scheinen, „Selbstzweck" und darum schließt der Altme'ster seine Angaben über Zeit und Zahl der Besuche mit der Kardinalforde-. rung: „nur sorge, dah du nicht störend oder lästig. werdest." Mit der Beachtung dieser Bedingungsteht ünd fällt alles und ihre M hachtung kehrt die ms:» ins Gegenteil: Wohltat wird Plage. Es ist wohl nicht nötig, deutlicher zu werden. Wir sind zum Ausgangspunkt zurückgekehrt: N»V1 x^a *p]D mis 8^>2 ms:». Die mia. d. h. der Sinn der ms:» aber ist und sei die Liebe. Kausleuten schwere Opfer auferlegt und daß es auch gar manchem schwere Sorgen macht, wie er die Gehälter der Angestellten ousvringen soll. Es ist sicherlich kein Leichtes, einer Anzahl Angestellten Gehälter für einen Tag zu zahlen, an dem sie nicht beschäftigt sind. Jedoch auch hier ruft uns das Thorawort zu fnm kV mwsrn. Die Opserspende des jüdischen Arbeitgebers, als des wirtschaftlich Stärkeren, ist nicht zu groß. Er kann als der wirtschaftlich Stärkere schon ein größeres Opfer bringen. x*? dn.rn. Auch der Angestellte mutz feine Opferspende leisten. Der Angestellte, als der wirtschaftlich Schwächere, mutz ein Opfer bringen. Er darf sich durch etwa günstigere Angebote in Geschäften, die am Sabbat geöffnet sind, nicht verleiten lassen, seinen Sabbat über Bord zu werfen. Bringt er dieses Opfer, so hat er gleichen Lohn zu erwarten wie fein Arbeitgeber. der durch Schließung seines Betriebes am Sabbat die höchsten Geldopfer bringt. Man mute aber dem jüdischen Angestellten kein Opfer zu, das er nicht zu leisten imstande ist. Man halte die am Sabbat geschlossenen Stellen für ihn offen. Man treibe ihn nicht durch langandauernde Stellenlosigkeit in die Arme der Sabbatschänder. , Mögen die am Sabbat geöffneten Geschäfte christliches Personal beschäftigen, gebe Gott, daß sie uur christliche Angestellte hätten, aber von den am Sabbat geschlossenen Geschäften verlange man, daß sie nur Personal onstellen,. das gewillt ist, den Sabbat Zu halten. Tun sie das nicht, so sind sie mitschuldig daran, wenn die wirtschaftlich Schwächeren, die stellenlosen Anwärter dazu getrieben werden, den Sabbat zu opfern. Beide Parteien — Arbeitgeber und Arbeitnehmer — müssen sich Opfer auserlegen, nelde müssen dazu beitragen, das Heiligtum, den Sabbat, zu schützen. irunai rtmroi naans Ein Schiurvorlrag.! Die zweite Hälfte des 2. Buchrs Mofis beschäftigt •; sich großenteils mit Bau und Einrichtung des Nationallheiigtums, des Sifiszeltes. Zrei hervorragende Kunsthandwerker, Bezalel und Ohotiob waren von Gott ausj erwählr worden zum hl. Werke und ihrer Kunstfertigkeit spendet das Gotteswort höchstes Lob, wenn uns berichtet wird (Erod. Kap. 31 u. 35), datz sie erfüllt waren vom Geiste Gottes: nsmi rmarai nnam* Hiezu bemerkt der Midrasch: Drei Geisteskräfte wirkten bei der Weltschöpfung, denn so heitzt es: Mit Weisheil (nrsn) gründete der Herr die Erde, mit Einsicht (rumn) festigte er den Himmel und in seiner Erkenntnis (vsi) spaltete er die Tiefen; diese drei Geisteskräfte wirkten auch bei Errichtung der Stiftsbütte, wie es heitzt: Und ich erfüllte ihn mit göttlichem Geiste, mit Weisheit, Einsicht und Erkenntnis; ebenso wirkten sie beim Tempelbäu, denn es steht geschrieben: Er war der Sohn einer Witwe aus Naphtal/s Stamm und erfüllt von Weisheit, Einsicht und Erkenntnis (Kön. I, 7, 14); und auch wenn dereinst der Herr wieder errichten und aufbauen wird fein Heiligtum, müssen diese drei Geisteskräfte wirksam sein, denn es heitzt: Mit Weisheit wird das Haus erbaut, mit Einsicht fest begründet und mit Erkenntnis sollen die Räume sich füllen (Sprüche 24). Begriff. Urteil, Schluß — das ist die Trilogie, nach der sich alle Geistestätigkeit, alles - Denken und Forschen vollzieht. Die uns innewohnende nrwn, die uns von Gott verliehene Anlage und geistige Fähigkeit ermöglicht die Bildung von Begriffen, bewirkt, datz das, was unsere Sinne ausgenommen, zum geistigen Eigentum wird. Indem so nach und nach durch die Pforten der Sinne zahlreiche Begriffe dem geistigen Besitzstand zugeführl werden, erweitert sich der geistige Gesichtskreis, verknüpfen sich die verschiedenen Begriffe, lernen wir das Wesentliche vom Unwesentlichen scheiden, die Dinge und Zustände nach ihrem wahren Wert beurteilen, gelangen wir zu einer entsprechenden Einsicht. Wenn unsere Einsicht so weit gereift ist, datz wir nach Analogie oder Divergenz selbständig Schlüsse ziehen können, haben wir die höchste geistige Stufe, die der Erkenntnis, erreicht. Nichtige Anschauung wird zu richtigen Begriffen und Urteilen führen, auf Grundlage richtiger Prämissen ergeben sich richtige Schlüffe, während andererseits falsche Voraussetzungen zu falschen, zu Trugschlüssen führen müssen. In den vier Momenten, die der Midrasch betont: Welt, Stiftshütte, Tempel, Zukunftshoffnung, ist es nun ganz besonders wichtig und notwendig, nsm nnam noan: Weisheit, Einsicht und Erkenntnis richtig zu verwerten, nur richiige Begriffe zu bilden, nur richtige Urteile zu fällen oder anzuerkeimen, nur richtige Schlüsse zu ziehen, alles Unrichtige, Trügerische aber, wenn auch für den ersten Augenblick vielleicht berückend und bestechend, weit von uns zu weisen. Der erste Satz unserer Thora, der erste Fundamentatsatz unseres Glaubens lauiet o'it'X »na : „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Nun tritt eine sogenannte Wissenschaft aus und erklärt dies alles für Märchen. Die nach unwandelbaren Naturgesetzen wirkenden Naturkräfte in ihrer Selbstentwicklung sollen die Welt ins Dasein gerufen haben; aus der Urzelle habe sich das Urtier gebildet uff., durch „Zuchtzahl" und inl „Kampf ums Dasein" die höchst entwickelten Lebewesen. Trugschlüsse! Die in der ganzen Schöpfung zutage tretende höchste Weisheit führt naturgemütz zu der Einsicht, datz ein höchstes Wesen existieren mutz. Gesetze setzen einen Gesetzgeber voraus; können Naturkräfte und Urstoffe von selbst entstehen? Gerade die ' i f l ff . -.ch . --» . . r ■ - ‘,'S j ms, i: ' v ' V ife ■ ‘.s f . r