Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 9 Der Israelit ' 28. Februar 1924 sie im Drucke erscheinen zu lassen. Der unerbittliche Tod hat auch diesem Bemühen ein Ende gesetzt. Es wird die Aufgabe se.ner Schüler, der jüngeren Rabbiner, die s ch an seinem Geiste emporrank.en, sein, dieses Werk zu vol enden, dah die kostbaren Schätze unserer halach scheu Literatur nicht verloren gehen. Elf Kinder hinterlieh der Fünfundscchzigjährige, von denen einige Söhne, ebenso Schw egersöhne, angesehene Rabbinate in Rußland und Polen bekleiden. Ihnen wie dem um einen seiner Gröh en weinenden „Klall Jisroel" möge '"vn seinen Trost angedeihen lassen. Wochenrundschau. Zum Erez Jsroel-Problem. Die soeben veröffentlichten Ziffern über die Bevölkerungsbewegung in E.ez I sroel während des Jahres 1923 sehen sich, wie nicht anders 3U erwarten war, wenig ermutigend an. Während 6000 jüdische Seelen, zwei Drittel davon Frauen und Kinder einwanderten, sind 3500 Juden ausgewandert, sodah einschliehiich der natürlichen Vermehrung der geringe Bevökerungs-Ueberschuh von 37OO Seelen für das jüdische Palästina übrig bleibt, ein niederdrückendes Resultat, wenn man es an den Hoffnungen miht, die sich in weiten Kreisen an die Balfour-Deklaration geknüpft hatten. Die Ursachen der Auswanderung sind an dieser Stelle wiederholt erörtert worden; sie liegen zum Teil gew h an der wirtschaftlichen Ve.eiendung Mittel-Europas, von dessen gewa.tigen Palästina-Spenden das Wirtschaftsleben Palästinas in der Vorkriegszeit und später bis zum Währungszusammenbruch befruchtet worden war, zum Teil an der Teuerung und primitiven Wirtschaft in Palästina selbst, endlich auch an der falschen, irreligiösen Erziehung, die man dem Heranwachsenden Geschlecht im jungjüd schen Palästina angedeihen läht und die von vornherein die Sehnsucht nach der westlichen Kultur als mächtigsten bestimmenden Faktor in die Seele des jungen Menschen senkt. Allein für alle diejenigen, denen die zionistische Politik niemals die Besonnenheit geraubt hatte, liegt weder in den Ein- und Auswanderungsziffern ein Grund vor, einem die Tatkraft lähmenden Pessimismus Raum zu geben, noch in den politischen Nachrich'en, die aus dem Orient zu uns dringen. Die diploma'isch reservierte Antwort, die Ramsiy Macdonad im englischen llnterhause diese Woche auf eine Pa astina-Anfrage erteilte, die stolze Sprache König Husseins, der feiner Sache durchaus sicher zu sein scheint und der der Balfour- Erklä ung den letzten Rest ihrer internationalen Bedeutung zu nehmen sich ansch'.ckt — das a les kann unsre Beziehungen zu Erez Jisroel, das in Gottes Augen ewig unser Land bleibt, n'cht verändern. Wir können und müssen uns unter allen poliIschen und wirtschaftlichen Bedingungen, solange nur Leben und Eigentum nicht bedroht sind, auf eine aktive, lebendige, systematisch organisierte Palästina-. Arbeit einstellen, und wir begrüben es freudig,' daß nach dem, was unter Vorsitz Louis Marshalls vorige Woche im Hotel Astor in Newyork beschlossen wurde, ame.ikanisch-jüdische Kreise von gewaltiger wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ohne alle politischen Ziele ihre Kapita'ien und Intelligenzen in den Dienst der Siedlungkanbeit stellen wollen. Auch unter diesen verbesserten Vorbedingungen werden lange, lange Fristen notwendig sein, um politisch die Fehler des Zionismus und die von ihm ke a :fbeschworenen Gefahren zu überwinden und wirtschafUlch eine gesunde Entwicklung heraufzuführen. Wenn der ziontsttsche Moniteur in Berlin in einem so ernsten Augenblicke keine gröbere Sorge hat, als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob Herr Professor de Haan in Jerusalem, der schwarze Peter der zionistischen Presse, als Vertreter der „Agudas Jisroel" oder als angeblicher Korrespondent eines englischen Biattes oder als Privatmann bei König Hussein war, und wenn das Blatt darob zu wiederholten Malen inquisitorische Fragen an die Aguda richtet, so werden wir es in diesem Zeitvertreib nicht stören. Herr Prof, de Haan ist ein „Verräter" genau in dem Sinne, wie jeder besonnene Politiker als „Verrate." plakatiert wird, der die zionistische Kraftmeierei nicht mitmacht. Das jüdische Volk und die .üdische Geschichte aber wird „Agudas Jisroel" dereinst dankbar sein, dah ihre Politik nicht diejenige des Zionismus war. Der Antisemitenstaat Mecklenburg. Der Wahlsieg der Völkischen in Mecklenburg stellt sich als weit gröber heraus, als nach dem ersten Wahltag angenommen worden ist. Die zum ersten Mal als selbständige Partei aufgetretene Deutschvölkische Freiheitspartei hat auf sich nahezu 60000 Stimmen vereinigt und zwölf Sitze errungen. Die Deuischnationalen gemeinsam mit den gemätzig^en Völkischen verfügen über 18 Sitze. Deutschnationale, Völkische und Deutsche Vottspartei verfügen über die Majorität des mecklenburgischen Landtags und dürften zusammen eine Regierung ohne Demokraten und Sozialisten bilden. Als voraussichtlicher Ministerpräsident gut der Antisemit Graefe. Kein Wunder, dah die Rechtspresse angesichts dieses Sieges in Verbindung mit den Wahlresultaten in Bremen, Lübeck und in Thüringen ein stetes Forsch: eiten der völkischen Bewegung mit Jubel konstatiert. Sie betrachtet den Ausgang dieser Wahlen als ein. Symptom für die kommenden Reichslagswahlen im ganzen Deutsch and. Aber auch das Hauptorgan der deutschen Sozialdemokratie „Vorwärts" schreibt: „Es hiehe den Kopf in den Sand stecken, wenn man nicht das außerordentlich starke Anwachsen der vö.k.schen Bewegungen seiner Bedeutung nach würdigen wollte." Schon beeilen sich die Völkischen, ermutigt durch ihre Siege, ihre Richtlinien für die kommende Reichslagswahl bekann'zugeben. In der Vollversammlung, die der vö.k.sche Reichsausschuh der Deu schnationalen Volkspartei am 17. Februar im Reichstage abhielt, wurde eine Entschliehung angenommen, die u. a. lautet: „Der völkische S'aat entw'ckelt sich aus dem Zusammenwirken alter gesunden, artgleichen Kräfte unseres Volkes und auf der bemühen Ablehnung alles Fremdblütigen, Jüdischen und Fremdartigen in Politik, Kultur und Wirtschaft. Deshalb fordern wir: 1. Deutsch and ist von Deutschblüligen zu regieren! Nur Deutschblüttge dürfen zur Wahl in eine Volksvertretung aufgestellt werden. Heerwesen, Rechtsprechung und Jugenderziehung müssen in die Hände von Deutschblüligen gelegt werden. 2. Die deutsche Familie ist von fremdrassigen Eindringlingen freizuhalten. 3. Die deutsche Kultur ist von fremdrassiger Gedankenwelt zu säubern und rücksichtslos zu reinigen. 4. Die Herrschaft des jüdischen Weltkapitals und die Reste der marrist.schen W.rtschaft sind zu beseitigen und durch eine völkisch-soziale Wirtkchaftsreform zu ersetzen." Neu ist das Programm nicht, es ist das alte hamanitische, nur wortreicher und in anderer Form. Ob nicht bis zur Reichstagswahl das deutsche Volk doch noch zur Besinnung kommt?! l K21 Schekelopfer intb Sabbatheiligirilst. Eine Betrachtung zur Sidra von Irr. in Kt. Nachdem bereits an verschiedenen Stellen die Pflicht der Sabbatseier in eindringlichen Worten begründet worden ist, nachdem auch bei den ynvv ivnrnn der Sabbat bewblen. wird in den ersten Sätzen des Wochenabschnities Vna'n nochmals in ausführlicher Form die Pflicht der natf mw ans Herz gelegt, ein Beweis, welch bohe Bedeutung unsere Thora dieser heiligen Institution beimißt. Und doch setzen sich Tausende und Abertausende kalten Herzens über das Verbot der Sabbatheiligung hinweg. Gehen wir in die Grotzstädte, dann will uns das Herz brechen, wenn wir Zeuge der zahlreichen Sabbatentpieihungen sind. Und doch können wir nicht über alle Sabbatschänder den Stab brechen. Wenn auch der größte Teil ohne zwingenden Grund Pch über die Sabbatverbote hinwegsetzt, so sind auch viele darunter, die erst nach langen Kämpfen und Schwierigkeiten der Versuchung unterlagen. Wir können diese Kategorie der Sabbatschänder nicht entschuldigen ob ihres Abfalles, wir müssen sie aber als Opfer der Verhältnisse bedauern. Aus meiner langjährigen Erfahrung — ich stehe 3* - Jahrzehnte im öffentlichen Leben — kenne ich den Werdegang so manchen Kaufmanns, der den Sabbat unter dem Zwang der Verhältnisse preis gab. Nicht wenige dieser bedauernswerten Gesetzesschänder entstammen gesetzestreuen Kreisen, sind Kinder streng frommer Eltern und haben den Unterricht frommer Lehrer genossen. Wie läßt sich nun der Abfall so zahlreicher Jünglinge, die sich in gesetzestreuem Milieu bewegten, erklären? In zahlreichen Fällen haben die gesetzestreuen Kreise es selbst verschuldet, wenn so mancher, den wir früher zu den unseren zählten, fahnenflüchtig wurde. Es ist nicht zu bestreiten, daß gar vieles geschehen ist. um den ins Leben tretenden Jünglingen, die nntt m’atp zu ermöglichen. Vor einigen Dezennien trat der Schomre Schabbosverein in Wirksamkeit. Es bildete sich der Verein der Sabbatsreunde, dessen Bestreben daraus gerichtet war. den aus Sabbat reflektierenden Jünglingen Stellen zu vermitteln,, die an Sabbat und jüdischen Feiertagen geschlossen sind. Und neuerdings hat auch die Jugendorganisation der Agudas Jisroel eine Stellenvermittlungszentrale ins Leben gerufen. Aber alle diese Vereine und Organisationen kämpfen gegen den Wind, wenn es nicht gelingt, das Uebel an der Wurzel zu erfassen. Was nützen die Vereine, wenn die Anzahl der Stellenangebote um ein Vielfaches gegen die Nachfrage zurückbleibt? Es ist bereits vor ca. 12 Jahren in diesen Blättern aus den Mitzstand hingewiesen worden, daß zahlreiche Geschäfte, die Sabbat geschloffen haben, gar keine Rücksicht nehmen auf das Personal, welches auf Sabbatruhe reflektiert. Es wurde nicht mit Unrecht darüber geklagt, daß gar viele am Sabbat geschloffene Stellen Anwärtern übertragen werden, die aus Sabbatruhe gar keinen Wert legen, wodurch wieder umgekehrt gar manchem jungen Manne die Möglichkeit unterbunden wird, seinen Sabbat noch Vorschrift zu halten. Jedoch alle Mahnungen sind in den Wind verhallt. Im Gegenteil! Noch weit mehr am Sabbat geschlossene Stellen werden jetzt auf Kosten der mir jrraizr neologem Personal — ja in vielen Fällen sogar christlichen jungen Leuten — nicht selten leider auch waschechten Antisemiten an vertraut. Ich kenne jüdische Geschäfte, die nach Antisemitenmoral prinzipiell kein jüdisches Personal anstellen, in vielen geschlossenen Geschäften werden 20, 40, 50 und «0%. Christen beschäftigt. Was mögen wohl die Beweggründe solcher Chefs fein, den frommen jüdischen Anwärtern den Eintritt in ihr Geschäft zu verwehrend Sind die jüdischen jungen Leute vielleicht weniger für die kaufmännische Karriere prädestiniert? Ich glaube, daß diese Annahme durch die Erfahrung sicher nicht bestätigt wird. Man macht uns Juden im Gegenteil den Vorwurf, daß wir in erster Linie Neigung für den Handel und das geschäftliche Treiben besäßen Es könnte nur der eine Vorwand geltend gemacht werden, daß die jüdischen Angestellten höhere Gehälser beanspruchten. Dies mag vielleicht in vielen Fällen zutreffen. Man kann den jüdischen Angestellten darob keinen Vorwurf machen. Denn das rituelle Leben erfordert weit höhere Kosten», darüber sind wir uns wohl alle einig. Sicherlich wäre es eine große Ungerechtigkeit, dem jüdischen Augestellten die zu seinem Lebensunterhalt erforderlichen Gehälter vorzuenthalten, oder ihn dieserhaib bei Stellenbesetzungen zurückzusetzen. Ich verkenne nicht, daß die Durchführung der Sabbatfeier vielem