Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1924)
- Date
- 1924-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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21. Februar 1924 Sette 4 Nr. 8 Der Israelit Synagogales Frauenwahlrecht. Frankfurt a. M., 31. Jan. Mit D^ugnahme auf einen Bericht unsres Lontonet Korrespondenten von Ende Dezember, in dem «. a. behauptet war, daß auch die Union of Jewish Wonnen sich gegen das synagogale Frauenwahlrecht ausgesprochen habe, teilt uns diese Körperschaft durch ihre deutsche Vertretung mit, die Behauptung entspreche nicht den Tatsachen. In Wirklichkeit scheint auf Seiten der Union — wie sich aus dem aussührlichen Sitzungsbericht des Jewish Ch oui l: e g bt — irgendeine Unstimmigkeit oorgekommen zu sein, sodatz ein Brief vom Juni nicht recht im Einklang mit den späteren Kundgebungen des Verbandes stand. O.fenbar hatte sich unser Korrespondent auf jene frühere Erklärung der Union gestützt. Zur Frage der Berufswahl. Würzburg, 5. Febr. Mit dem zu Ende gehenden Schuljahre tritt an viele jüdische Eltern die schwierige Frage der Berufswahl für die aufwachsenden Söhne heran. Ob es sich nun um den 10 jährigen Jungen und seinen beabsichtigten Eintritt in eine Mittelschule handelt oder um den 13 jährigen, der die Volksschule verläßt, um den Absolventen der srchs.lassigen oder der neunklassigen Mittelschule, immer ist das Problem ein äußerst heikles. Die akademischen Berufe sind weitaus zum größten Teil überfüllt. Die wirtschaftliche Depression zwingt nicht nur den Staat, sondern auch Privatbetriebe zum Personalabbau. Handel und Industrie stagnieren. Alle Aussichten sind trübe. Da dürfte es nicht unangebracht erscheinen, auf eine Berufssphäre hinzuweisen, die aus berechtigten materiellen Erwägungen in den letzten Jahren keine Gegenliebe finden konnte, deren Verhältnisse sich aber doch wesentlich gebessert haben und weiter zu bessern versprechen: der Beruf des jüdischen Lehrers und Kultusbeamten. Durch das Eingreifen der Berussvereme und Gemeindeverbände, sowie durch die Zuschüsse des Staates ist doch in sehr vielen, vielleicht den meisten Gemeinden eine Eingruppierung nach staatlichen Sätzen erfolgt und aus die Dauer werden auch die noch widerstrebenden Gemeinden nicht gegen den Strom zu schwimmen vermögen. Die jetzt von Woche zu Woche sich mehrenden Stellenaussch eibungen jütischer Gemeinden drängen den Schluß auf, daß heute zahlreiche offene Stellen, deren Bezahlung nach staatlichen Normen geregelt ist. schon keinen Bewerber mehr finden. Der jüdische Lehrerstand ist durch Fehlen des Nachwuchses bereits soweit dezimiert, daß jüdische Gemeinden, welche in der Vergangenheit geglaubt haben, unter Tarif bezahlen zu dürfen, in Zukunft über Tarif werden zahlen müssen, um bei dem mangelnden Angebot der Stellensuchenden berücksichtigt zu werden. Daß andererseits der beregte Beruf hohe ideale Befriedigung zu geben vermag, ist nie bestritten worden. Eire lleberproduktion an jüdischen Lehrern ist auch kaum zu befürchten, denn ein großer Teil der jüdischen Lehrerseminare ist in den letzten Jahren eingegangen. Wer die Verhältnisse überblickt, kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Frage des Lehrernachwuchses für das deutsche Judentum in den nächsten Jahren eine ernste Sorge bilden wird. Alle, denen es um die Erhaltung des deutschen Judentums ernst ist, sollten schon heute zu der Frage Stellung nehmen, wie dem durch Lehrermangel drohenden Zerfall der jüdischen Gemeinden vorgebeugt werden kann. Jedenfalls dü ften aus dieser Sachlage heraus die Aussichten des jüdischen Lehrerberufs nach der wi.'.schaftlichen Seite hin günstiger beurteilt werden, als es in der Vergangenheit der Fall war. Die irraeli i che Lehrerbildungsanstalt Würzburg hat in nun 60 jährigem Bestehen ihre Lebenskra.t erwiesen und die schwere Zeit der Not überdauert. Sie marschiert. obgleich auch bei ihr die Frequenz aus kaum die Hälfte der früheren Besuchszifser herabgesunken ist, hinsich l ch der Schülerzahl an der Spitze ihrer Schwesteranstal en. 7 Schüler der Oberklasse werden sich der am 17. März ds. Js. beginnenden Abschlußprü.ung unterziehen und voraussichtlich in die Schulpraris entlassen werden. Aehnllch liegen die Verhältnisse bei der einzigen m Deutschland noch existierenden Präparander.schule: der Anstalt in Höchberg. Zum 1. Mai finden Neuaufnahmen statt. Außer den regulär aus den Präparandeullassen ins Seminar Uebe.tretenden können auch Schüler anderer höherer Schulen Aufnahme finden. Die Reife für Obersekunda (7. Klasse) berech igt zum Eintritt ia die unterste (1.), die Absolutorialrei,e (9. Klasse) zum Eintritt in die oberste (3.) Seminarklasse. Es ist zu erhoffen, daß recht viele diesbezügl. Anmeldungen erfolgen. Der Fortbestand der Seminarklassen ist durch das Aufrücken der zur Zeit in der Präparandie Höchberg befindlichen, wenn auch geringen Zahl von Zöglingen, gesichert. Schüler, welche die Volksschule absolviert haben, finden in der Präparandie Aufnahme. Mit dem Seminar ist zur Zeit auch ein Schülerheim verbunden. Damit wurde einem großen Bedürfnis Rechnung getragen. Schüler der Würzburger Mittelschulen finden Aufnahme und — was besonders hoch anzuschlagen ist — ausgedehnte jüdisch-religiöse Unterweisung. letztere na!ü lich unentgeltlich. Eine Talmud- Thorasch le ist auch mit der P.äpa andenschule Höchberg verbunden. Knaben, die sich eventuell dem Lehrerberuf zuwenden wollen, können auf Stipendien, bezw. bedeutende Ermäßigung des Pensionspreises rechnen. Auf die Anzeige der bayrischen Lehrerbildungsanstalten im Inseratenteil dieser Nummer sei besonders hingewiesen. Daß die Lehrerbildungsanstalten in ihrer materiellen Existenz hauptsächlich auf die Gebesreudigkeit der Glaubensgenossen angewiesen ist, dürfte bekannt sein. Möge die jüdische Oef.entl chleit sich auch nach dieser Richtung ihrer P,licht bewußt bleiben und durch reichliche Unterstützung die ebenso segensreichen als unentbehrlichen Anstalten erhalten und fördern helfen. Gestehe leb. Tie Wiener Soziald:mokra'en und U: Kultusgemeinde. Wien, 17. Febr. Der Parteioorstand der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs hat die Zustimmung dazu gegeben, daß für die nächste Wahl in den Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde in Wien eine sozialdemokratische Liste kandidiert, die von der Parteiorganisation offizrell und direkt unterstützt werden soll. Gegenüber den Gegnern einer solchen Beteiligung wurde vom Parteivorstand erwidert, daß nach Mitteilungen ei izer Kultusangestellter von 52 000 Steuerzahlern der jüdischen Gemeinden 30 000 Angestellte seien. Man könne möglicherweise auch die Mehrheit im Kultusoorstand erlangen. (I. T. A.) Psleir. Die zarischkn Judenbeschränkungeu im polnischen Sejm abgelehnt. Warschau, 19. Febr. In der letzten Sitzung der polnischen Sejm wurde der Dring ichkci soorsch.ag des jüdischen Parlamentsklubs wegen Abschaffung der aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden verhandelt. Der jüdische Deputierte Hartglas führte aus, seit dem Jahre 1919 verhandelt man über diesen Gegenstand, ohne daß bis jetzt eine Regelung stattgefunden hat. Die Akten wurden so verlegt, daß man ein halbes Jahr nach ihnen suchen mußte. Die Referenten halten in der Regel die Akten stets viele Monate lang bei sich, um dann mit Hilfe von Ausreden eine Vertagung herbeizuführen. Als ein Beispiel dieser Beschränkungen führte der jüdische Deputierte an: Das Bergamt in Dombrowe hat einem gewissen Stephan Lubezki einen Bescheid zukommen lassen, daß ein von ihm eingereichter Gesellschaftsvertrag deshalb ungültig sei, weil einer der Gesellschafter ein Jude ist und als solcher kein Recht hat, sich in der Bergindustrie zu beteiligen. Solcher Beschränkungen gibt es viele. Vor drei Jahren hat der polnische Gesandte in Amerika erklärt, daß die Judenbesch änkungen in Polen gemäß dem Versailler Vertrag abgescha.fi sind. Solche Erklärungen wurden wiederholt gemacht, die aber in der Wirklichkeit kerne Grundlage haben. Der der Abstimmung wurde der Dringlichkeitsantrag gegen die Stimme der Sozialdemokraten und der Minderheiten aügelehnt. (I. T. A.) Die Schechita-Frage in Polen vertagt. Warschau, 16. Febr. Auf der Sitzung der administrativen Sejm-Kommisslon vom 7. Februar teilte der Vorsitzende mit, der Antrag der rech en Parteien auf Verbot der jüdischen rituellen Schlachtung müsse von der Tagesordnung abgeseht werden, da der Referent nicht erschienen ist. Wie der I. T. A.-Vertreter erfährt, wird eine Diskussion über die Schechita-F.age für lange Zeit hinaus nicht stattfinden^ da die jüdisch-orthodoxen Abgeordneten gegen eine solche Diskussion den allerentschiedenste» Protest einlegten. Die jüdischen Anträge zum Militärgesetz in Polen ^bgelehnt. Warschau, 17. Febr. Das neue Gesetz über die allgemeine Militärpflicht in Polen wurde vom Sejm angenommen. Die Anträge der jüdischen Abgeordneten, daß ebenso wie die polnischen Religionsleh er auch die jüdischen Religionslehrer, die Rabbinerqualifikation besitzen, vom Mili ärdienst befreit werden sollen, ferner daß die Studierenden der Theologie im Mobilisalionssall nur als Sanitäter verwendet werden, wurden abgelehnt. (I. T. A.) Kehi lrhwahlen in Polen und anderes. Warschau, 15. Febr. Auf der letz'en Sitzung der Dudgetkommission de» polnischen Senats beschwerte sich der jüdische Senator Rothenstrauch darüber, daß in Galizien seit dem Jahre 1905 und in Kongreßpolen seit dem Jahre 1910 keine Wahlen in die jüdischen Gemeinden oorgenommen worden sind. Die polnische Regierung hat an die Spitze d« Gemeindeverwaltungen Kommissare gestellt, die in denk Wirtschastssystem der Kehilkah nicht bewandert fi.ib und die oft Kehillah-Gelder für eigene Zwecke mißbrauchen» Unterrich smi ister Mikla'chewskk erwiderte, der Mi .isterrak hätte befchl f'en, die Wahlen in die jüdischen Gemeinde» Kongreßpolens und Galiziens noch vor den Osterfeier» tagen auszuschreiben. Jnbezug auf die Wahlen in Wo^ hynien wurde noch kein Beschluß gefaßt. In der letzten Sitzung der Budget-Kommission de« polnischen Senats fragte Senator Rothenstrauch de« Bildungsmiuister an, ob er das berüchtigte Numerus claufus-Zirkular Glombinskis an die polnischen Hochschulen zurückgezogen habe oder nicht. Minister Mi.laschewski antwortete ausweichend, man habe ihn, den Minister, zu Unrecht verdächtigt, daß er ein Anhänger des Numerus clausus sei. Die jüdische Presse hätte ihn sogar als ein Opfer antisemitischer Psychose hingestellt. Tatsache aber ist, daß er seit 1905 keinerlei politischen Partei angehört hat. Ein Numerus clausus existiert an den polnischen Hochschulen nicht. Die Frage der Aufnahme von Studenten ist von Raumve.hältnissen abhängig. Zu dem vom Staatspräsidenten Wojciochowski und seiner Gattin veranstallelen poli i'chen Dejeuner im Belvedere-Schloß, welchem eine Reihe Staatsmänner unb Polililer beiwohnten, wurden auch der Präsident des südlichen Parlamentsklubs Dr, Leon Reich und Deputierter Kirschbraun eingeladen. Religiöse Gärungen bei den Arbciscrn. Warschau, 8. Febr. Auf einer Massenversammlung der jüdischen Zektungsträger suchten einige radiale Teilnehmer Propaganda für die „Dolkszeitung" zu machen. Die Versammlung beschloß aber, das Blatt solange zu boykottieren, als es sein Erscheinen am Sabbat nicht einstellt. Ein Redner, der gegen die Religion auftrat, mußte den Saal verlassen. — Ein Mitglied, das wegen des Nichterscheinens im Bereinsklub zu 10 Millionn Strafe verurteilt wurde, entschuldigte sein Fernbleiben mit dem Fehlen von Mesusaus an den Türen des Derei ishauses. Er habe sich wiederholt bereit erklärt, auf eigene Kosten Mesusaus anzubringen, aber von der Vereirsleitung die Genehmigung dazu nicht erhalten. Stadtratwahlen. K a l i l ch, 8. Febr. Die Ende Januar stattgehabten Stadtratswahlen ergaben die Wahl von 11 Juden neben 23 Polen. Letztere sehen sich aus 12 Rechtsstehenden und 11 Linken zusammen. Von den jüdischen Mandaten entfallen 9 auf die bürgerlichen und 3 auf die linken Parteien. Als Kandidaten der „Agudas Jisroel" find gewählt: Oberrabbiner Ch. L i p f ch ü tz (Vorsitzender der Agudas Harabbonim in Polen), R. I. M. Heber (Mitglied des Z. K. der Aguda), Jzchok Ader. Zwischen den jüdischen Parteien war ein Wahlabkommen geschlossen worden. Misrachi beteiligte sich an de» Wahlen nicht und erhielt auch kein Mandat.