Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1924)
- Date
- 1924-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 7 £■ c «. Israelit 14. Februar 1924 tum ist bie neue politische Entwickelung eine Enttäuschung und ein Schmerz, der nicht zu verwinden ist. LZ ist hart für einen, der das eigene Lcht ausgelöscht hat, das neue, große Licht als Irrlicht zu erkennen. Wir aber, die wir an die Zeit der Dulder von dazumal anknüpfen, dürfen wir überlrieben über schlechte Zeiten jammern? Ist es uns nicht, als hörten wir Stimmen aus den Märtyrergrabern am Rhein und an der We chsel und am Po: „Die Zeiten waren nie besser, aber die Menschen, die Inden, waren besser, dieweil ihnen die jüdische Kraft in breitem Strome zufloß, aus dem reichen jüdischen Innenleben! . . ." Schlechte Zeilen. Untersuchen wir einmal, worin d'ese schlechten Zeiten bestehen. Zunächst die politische Lage und der daraus resultierende Antisemitismus. Dann die wirtschaftliche Lage, schlechter Geschäftsgang, Teuerung, Lebensmi'telnot usw. Was die politische Not betrifft, so gestehen wir uns ein: wir find überempfindlich geworden m der jungen Sonne der Freiheit und reagieren heute auf Nadelstiche mehr als früher auf Beilhiebe. Unsere Väler waren wetterfester, hatten sich mit einer Art geistiger Hornhaut versehen, die ein guter Panzer der Seele war. Sie hatlen Stolz, die Selbstsicherheit des innerlich ausgegl'chenen, aufrech len Menschen, bei all den Widerständen, die oft zu äußerer Demütigung zwangen. Zu den alten Prager Geschichten gehört auch diese: Der Erzherzog fährt mit feinen Prinzen im fürstlichen Wagen am Rüstetage zum Lersöhnungstage durch die alten Iudengassen von Prag, und ihm entgegen wallen die Juden, gedrückt und gebückt, in Strümpfen und Sterbegewändern, zur Synagoge. Der Erzherzog, ein bekannter Menschenfreund, sagt zu seinen Kindern, indem er auf die Juden deutet: „Seht Kinder, es sind zwar Juden, aber immerhin Menschen, und man muh mit ihnen Mitleid haben!" Iust zur gleichen Minute packt aber rin alter Jude seinen Sohn an der Hand und ^agt, indem er auf den Wagen deutet: „Siehe Iossele, ein goldener Wagen, und der Mann, der mit den vielen Dienern darin fährt, ist ein Fürst, vielleicht gar der Kaiser se bst, aber welch Rachmones, ein Mensch, der keinen Jomkippur hat, wir müssen M.tleid mit ihm haben! . . ." Wir, die wir in der Lehre und Gedankenwelt der Alten wurzeln, können und müssen darauf zurückgreifen und uns mit Stolz und Selbstachtung wappnen. Wir sind Wir, und niemand kann uns unser Ich, unseren Sabbat, unseren Gott, unsere Thora nehmen. Schreit uns jemand auf dem Wege zur Synagoge ein Schimpffwort nach, sosind wir in unserem Innern so wenig davon betroffen, wie wenn wir von einem Hunde angebellt werden. Es ist nicht angenehm, aber auch nicht beleidigend. Wehe aber, wenn einem im Varietee oder auf der Rennbahn zugerufen wird: „Du bist Iude und hast hier nichts zu suchen": wehe dem, der die Verbindungen nach innen gelöst und den Anschluß nach außen nicht gefunden und so zwischen zwei S'ühlen vor dem Abgrunde schwankt. Nie hatte sich der Bankerott des lberalen Judentums so offenbar gezeigt, wie heute in der Zeit der politischen Not. Das empfinden die Liberalen selbst, und sie suchen sich, zum Teil auch mit gutem Erfolg, nach außen zu betätigen und ihre Existenzberechtigung nachzuweisen. Aus dieser Empfindung innerer Leere heraus ist der Zen'ralverein, sind die Gemeindeorganisationen und Verbände entstanden, auch die Abwehrvereine und der „Bund jüdischer Fron soldaten", die uns beim Ansteigen der antisemitischen Welle unstreitig wertvolle Dienste geleistet haben, dann der weniger begrüßenswerte Naumannsche „Verband der deutschnat'onalen Juden". Auch der Zionismus verdankt seinen Zuzug aus dem Westen zum giLen Teile diesem Zusammenbruch des Liberalismus. Allein diese Organisationen und Abwebrvereine, bei all ihren anerkennenswerten Leistungen, erinnern uns doch an den unvernünftigen Gartenbesitzer, der den Garten mit einer festen Schutzmauer versieht und viele Torwächter bestellt, daß kein Unbefugter eindringe. Im Innern des Gartens aber alles veröden und zerstampfen und die schönsten Edelfrüchte ungepflegt verkommen läßt. Regt sich das jüdische Selbstbewuß sein und der jüdiche Stolz auch in diesen Kre'sen, so setzt das voraus, daß man das auch hält und pflegt und betreut, worauf man nach außen stolz ist. (Schluß folgt.) Moderner Hellenismus, oder „die Geschichte von den sieben Zwerglein". Zwerglein sind es gerade nicht, die hier im Mittelpunkte unserer Gesch'chte stehen, es sind im Gegenteil Kraftmenschen aus dem Wiener „Hakoach", Helden zumindesten des Fußes, aber sieben an der Zahl wa^en s'e, als sie eine Reise nach Aegypten und Palästina unternahmen, um den Ruhm des jüdischen Fußballklubs in der Welt vom Abendlande bis zum Morgenlande zu verbrei'en. Das ist ihre Sache und wir hätten sicherlich von unserer keinen Tropfen Tinte vergossen, den sieben Wiener Jünglingen die Freude zu nehmen. Aber die Dinge wuchsen über ihre Köpfe, oder sagen wir, „über ihre Füße" hinaus. Im festsrohen modernen Palästina machte man daraus ein nationales Ereignis, ein Nationalfsst „zu Ehren und zum Ruhme Israels." Ein Empfang mit den üblichen, überfchwängl'chen Reden uns Hymnen im Hafen zu Jaffa, ein rauschendes Bankeit vom „Waad Hair", der zionistischen Stadtvertretung in Jerusalem — als hätte die Stadt Jerusalem heute gar keine anderen Sorgen —. Selbstverständlich wurde auch das Oberrabbinat in Bewegung gesetzt, dessen Oberhaupt, das muß bei aller Ehrerbietung vor der ragenden geistigen und sittl'chen Größe des Mannes gesagt werden, sich allzugern von einer Klique zu ihren Parteizwecken mißbrauchen läßt und daher auch jetzt in einer schwungvolle Rede die „jüdischen Helden" feierte. Das Schlimmste kommt nun jetzt: Die Hauptschaustellung in Jerusalem fand ausgerechnet am Sabbat statt. Das ging, das muß zu Ehren der jungen Leute gesagt werden, nicht von den W'enern aus: diese hatten wenigstens den religiösen Takt, den Sabbat in ihrem palästinensischen Programm sreizulassen. Aber die Ierusa'emi'en bestanden darauf und die Wiener „Kraftmenschen" gaben nach, und so erlebte die heilige Stadt Jerusalem eine öffentliche Schau st ellung der Sabbatentweihung, wie sie ihresgleichen höchstens in den hellenistischen Veranstaltungen vor 2000 Jahren findet. Für den Kenner der Geschichte ist dir Situation vollkommen k ar. Es war schon damals zur Zeit Jasons so. Der a ler and ritt i sch e Hellenismus hielt an den letzten Resten des Judentums, wenn er sie auch aus erster Quelle nicht kannte, noch k.ampfhaft fest, der palästinensische gab auch diese letz en Rests leichten Herzens auf. Psycholog sch kann man es sich erklären mit dem na 1 ionalen Selbsterhaltungstrieb, der die in der Daspora um ihre letzten Heiligtümer noch versammelt hielt, während die nichtüdischen Juden in Judäa sich durch andere nationalen Bande und territoriale Eeme'nschaft genügend verbunden wähnten, um auch auf die letzten Reste altjüdischer Reinkultur verz'chten zu können. Es ist heute wie damals: im ewigen Wellenschlag der Geschichte ändern sich nur die Namen und Formen, aber nicht die Ideen und Grundmotive, nicht einmal die Erscheinungen in der großen Lime. Jerusalem: ischer Hellenismus auf der einen, alerandrinischer, bezw. Wiener auf der anderen Seite. Und der letztere war und ist der sympalischere . . . Serie mmk Bemerkungen zum Wochcnabschnitt Von Rabb. Dr. WinNer in Kopenhagen. I. Bekanntlich fehlt in unserem Wochen«bschnittt mxrv der einzigen unter allen Sidros der Tauro (von ninw an gerechnet) derRamenMoses, u. z. wird dies darauf zurückgeführt. daß er ausrief: »Vergibst Du, o Gott, Israels Sünde nicht, so mögest Du meinen Namen aus Deinem Buche auslöschen I“ Aus dem Munde eines Frommen aber heroorgegangen, pflegt auch die bedingte Verwünschung einzutrefsen: .2"^ mr\ '2 mmn hp naoin :msn miun »irm. Hier möchte iä) nur noch auf die beachtenswerte Tatsache Hinweisen, daß diese Sidra mm in der allein, wie gesagt. Mosche Rabbenus Namen weggelassen ist, alljährlich -erade in der Woche verlesen wird, in der sein Geburts- und Todestag ist (7. Adar). Es -sollte wohl damit vor Augen oeführt werden, daß! unser großer Lehrer für sein Volk gelebt hat und j für dieses auch zu sterben bereit war iaxy ivaV •pBD» 82 '2na l'8 281 : 22822? 'vil'bs NN'ai?' Des Weiteren sei daran erinnert, daß im letzten Lebensjahre Moses in den Tagen vom 1. Schwat bis zum 7. Adar unsere Väter zu seinen Füßen saßen und die Erläuterungen zur Tauro sowie mannigfache Entscheidungen aus seinem Munde vernahmen epw C:78 a*» nviv »'8 yb ni2*n) :n2&an ™ inaipna D"2a2 *'n. Da Tage oom 1. bis zum 7. Adar verbrachte er auch unter inbrünstigem Flehen um Einlatzgewährung ins verheißene Land.; v"L nai B'W : 8"O nm D'T2?n- Schließlich sei auch der Ueberlieserung gedacht, wonach Moses Todesjahr ein S cha ltj a h r war : «"b nnn map : '2 '2"' nmo. II. nwxafr rrnw *]T n'T ]as? tVk inp'i »Sie sollen Dir klares ausgepreßtes Olivenöl bringen zum leuchten." In diesem Schrrftwort dürfte wohl auch der Ausspruch unserer Weisen (: '2 y* mmn) angedeutet sein: »Olivenöl, stärkt das Gedächtnis, bringt vergessenes Thorarvissen wieder in Erinnerung." rnnai? würde sonach heißen: den Verstand aufleuchten lassen. Diese Wirkung hat aber ausdrücklich nur jv»fi2 — n’r, das Oel. das aus der g ep retzten Olive herauskommt. die ganze Olive dagegen, als Frucht genossen. bewirkt das gerade Gegenteil: Sie schwächt das Gedächtnis und bringt das Gelernte in Vergessenheit 2'ffa nn psn , ri32? 'j?* bw Tiai? N22?a m — N2V "V* bv T)nb Auch von Israel, das'' durch Prophetsnmun d (:t"v '8"' '"»am) mit dem Olioenbaum verglichen wird, gilt das Gleiche: Es erstrahlt am meisten im Lichtglanz der Tauro, solange es rpri2 gestoßen und gedrückt ist: läßt man es ganz und unberührt, so kann es schon nach einer Generation die ganze Tauro vergessen haben, vgl. auch Midr. rabba z. St. — HI. Der Edelstein, der in des Hohepriesters Brustschild Benjamin zufiel, hieß 7,22?'. Darum auch begegnen wir unter den im Buche der Chronik (: 2"2 >?"B >'n K"m) ausgezählten Nachkommen Benjamins zwei, die nvV' hießen. IV. 12^ bs ^822?' '22 BD2?a 718 pilR 8D21. »Aron trage den Rechtspruch für die Kinder Israel ständig auf seinem Herzen". Als oberster Richter möge er bei der Handhabung des Rechts auch das Herz zu Rate ziehen, nicht den trockenen Verstand allein. kleines Feuilleton. Noch einmal Jüdische Namen. Nachdem meine bescheidenen Anregungen Anlatz zu kaum erhofften gründlichen Erörterungen über jüdische Namengebung geworden sind, möge auch mir nochmal« selber ein Wort zur Sache gestattet sein. Zu dem belehrenden Erkurse des Herrn Rabb. Dr. Weinberg habe ich das Folgende zu bemerken: