Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-02-07 · Heft 6 (7.2.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 6 (7.2.1924)
Date
1924-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450292--71027-2528304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Serie 6 Nr. 6 Der Israelit 7. Februar 1924 Die jüdische Erziehung in Rußland in Gefahr. Berlin, 30. Jan. Seitens einer vor kurzem aus der Ukraine eingetrosfenen jüdischen. Persönlichkeit wird der I. T. A. mitgeteilt, daß das jüdische Erziehungswesen dortselbst in einem rapiden Niedergang begriffen ist. Die jüdische Jugend, die fast keine andere Möglichkeit hat, als nur Sowjet-Schulen zu besuchen, bleibt ohne jüdische Erziehung. Auch die kommunistischen jüdischen Schulen werden allmählich russifiziert bezw. ukrainisiert. So z. B. wurden inr Sommer 1923 die russischen Schulen in Kiew von 8000 russischen und 7000 jüdischen Kindern besucht. Ferner besuchten 2500 jüdische Kinder die ukrainische Schule. Die Bestrebungen gehen im allgemeinen dahin, in der ganzen Ukraine nur zwei Arten Schulen gelten zu lassen: ukrainische und russische. Offzielle Demcn ierrmg der Pogrommeldrmgcn aus der Akra ne. Berlin, 24. Jan. Auf eine Anfrage bei der Berliner Sowjet- Gesandtschaft über die näheren Umstände der gemeldeten Pogrome wird dem I. T. A.-Vertreter mitgeteilt, es liegen offizielle Berichte der Regierungsbehörden m bec Ukraine vor, die erklären, alle Meldungen über stattgefundene Unruhen und Pogrome seien von Anfang bis zu Ende erfunden. Die Ansicht der Sowjetkreise geht dahin, daß die Meldungen von sowjetfeindlicher Seite zu dem Zwecke ausgestrcut worden sind, um den Eindruck der Begnadigung der Sozialrevolutionäre abzuschwächen, sowie um die gegenwärtig fortgesührten Verhandlungen der Moskauer Regierung mit England ungünstig zu beeinflussen. Minister Rosenbüpm vor dem litoiüfd^cn Sejm. Kowno, 4. Febr. In der letzten Sitzung des litauischen Sejm erteilte der Minister für jüdische Angelegenheiten, Dr. Rosenbaum, aus die betr .Anfrage eines litauischen klerikalen Deputierten eine Antwort über das Wesen der jüdischsten Gemeinden in Litauen. Nach dem Gesetz ist es nicht klar, ob man einen Juden zwingen kann, Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu werden. In der Praris aber hat sich bis jetzt kein Jude der Mitgliedschaft entziehen wollen. Die jüdische Gemeindesteuer ist obligatorisch, dennoch werden die Zahlungen meist freiwillig geleistet. Die Aussichten auf eine Milderung des Sonntagsruhegesetzes in Litauen haben sich vermindert. Die christlichen Demokraten erklärten, sie würden in Bezug auf Ausrechterhaltung der jüdischen Betriebe an den Sonntagen keine Konzessionen machen. Lettland. Die neue lettische Regierung und die jüdische Autonomie. - Riga, 1. Febr. j Der neue lettländische Ministerpräsident, Herr W.! Samuel, lud, bevor er sich dein Sejm vorgestellt hat,! den jüdischen Sejmdeputierten Rabbiner M. Nurock zu sich em und setzte ihm seine Stellungnahme zu den Minderheiten im allgemeinen und zu den Juden im besonderen, auseinander. Der Unterredung wohnten auch der neue Kriegsminister, Herr Birkenstein, sowie der Vildungsminister Strauberg bei. Nachdem der jüdische Deputierte eine klare Antwort inbezug auf das jüdische Autonomiegesetz verlangt hatte, erklärte der Premierminister, er stimme bis auf einige ihm notwendig scheinende Aenderungen in der Sprachensrage dem Gesetzentwurf der jüdischen Autonomie voll und ganz zu. Der Premierminister sagte weiter, er gebe zu, daß das Gesetz über die Revision der Staatsbürgerschaft, durch welches sich viele Juden in ihren Rechten bedroht fühlen, unbillig sei. Er versicherte ferner, das neue Kabinett werde mit allen Kräften gegen jede chauvinistische Strömung kämpfen und die nationalen Minderheiten als vollberechtigte Bürger behandeln. (I. T. A.). Josef Israels' hunder stcr GebArlstag. Amsterdam, 30. Jan. Am 27. Januar wurde in ganz Holland der hundertste Geburtstag des berühmten in Holland geborenen jüdischen Malers Josef Israels feierlich begangen. Die ganze holländische Presse feiert den erst vor wenigen Jahren im hohen Alter verstorbenen Künstler als den letzten Vertreter der ganzen holländischen Schule. (Siehe? Feuilleton.) Rücktritt des britischen Vertreters in Transjsrdanien. London, 30. Jan. Wie „Times" berichten, fand vor dem Palast in Amman, in welchem König Hussein wohnt, eine Kundgebung statt, bei welcher die offiziellen Gäste aus Palästina und Syrien zugleich mit Mitgliedern der politischen Delegationen, an den König von Hedjas die Bitte richteten, ein unabhängiges, vereinigtes, arabisches Königreich zu schaffen. Es wurde König Hussein ein Memorandum mit der Forderung übermittelt, Palästina in den arabischen Länderverband aufzunehmen, die Balsourj Deklaration aus der Welt zu schaffen und auch in! irgendeiner Form Syrien in den Länderverband mit \ einzubeziehen. | Sodann zogen die Demonstranten vor die Wohnung! Major Philby's, des britischen Vertreters bei Emir Ab-! dullah in Amman, und trugen auch ihm ihre Wünsche j vor. Major Philby habe zwar einer Abordnung ver-; sprachen, ihre Resolutionen der britischen Regierung zu! übermitteln, jedoch noch am selben Tage sein Rücktrittsgesuch eingereicht.! Nach einem Bericht der „Lissan el Arab" ist Major St. John Philby von seinem Posten zurückgetreten. Sein Nachfolger soll — wie das Blatt weiter bemerkt — wahrscheinlich der frühere politische Ratgeber der palästinensischen Regierung. Captain Richmond, sein, der wegen seiner aniizionistischen Haltung bekannt war. Palatina, König Hussein und die Balfour-Deklaraliom Jerusalem, 30. Jan. Wie der I. T. A.-Vertreter erfährt, hat die jüdische Delegation aus Jerusalem während ihrer Besprechungen mit König Hussein in Amman eine Interpretation der Balfour-Deklaration gegeben. König Hussein, wie sein ber den Besprechungen anwesender Sohn Emir Abdullah von Transjordanien, nahmen diese Interpretation in einer Haltung des Verständnisses entgegen, jedoch' bestanden sowohl König Hussein als auch Emir Abdullah auf einer formellen Anerkennung der politischen Rechte der arabischen Bevölkerung in Palästina. Beide gaben dem Wunsche Ausdruck, daß die jüdische Bevölkerung der ganzen Welt den arabischen Problemen im allgemeinen ihre Unterstützung zuwenden möchten. Emir Abdullah erklärte noch besonders, daß die in Palästina lebenden Araber ihre Wünsche den Interessen der in anderen Teilen der arabischen Halbinsel lebenden Araber angleichen müßten. Die palästinensisch-jüdische Delegation dci König Hussein. — Uederreichung eines Grand-Cordon- Ordens an Oberrabbiner Jacob Meir. Jerusalem, 2. Febr. Zwei Mitglieder der palästinensischen jüdischen Delegation bei König Hussein in Amman, Oberrabbiner Jacob Meir und David Pellin, sind am 28. Januar wieder kn Jerusalem eingetroffen, während der dritte Delegierte Colonel Kisch noch in Amman geblieben ist. Denl Jerusalemer I. T. A.-Vertreter teilten die beiden Mitglieder der Delegation mit, daß König Hussein sie in der freundschaftlichsten Weise empfangen habe. Vier Berittene erwarteten sie vor der Stadt und geleiteten sie zum Palast des Königs. Die Delegierten hatten zwei Unterredungen mit König Hussein, die sich in den freundschaftlichsten Formen vollzogen haben. Bei den Besprechungen waren zugegen: Emir Abdullah, der britische Vertreter in Transjordanien, Major Philby und die Minister der transjordanischen Regierung. Am 27. Januar gab König Hussein zu Ehren der jüdischen Delegation ein Diner. Oberrabbiner Jacob Meir brachte einen Trinkspruch auf die Gesundheit König Husseins aus. Die Reden der Delegationsmitglisder wurden sämtlich in Hebräisch gehalten. König Hussein hat dem Oberrabbiner Jacob Meir den höchsten Orden des Königreichs Hedjas, den Grand- Cordon-Orden überreicht. Der „Gerer Rebbe" ln Jerusalem eingetroffeir. Jerusalem, 24. Jan. Am 23. Januar ist der „Gerer Rebbe", begleitet von den Rabbis von Radin und Sokolow, sowie 30 polnisch-jüdischen Industriellen, in Jerusalem eingetrosfen. Die Reisegesellschaft wird einige Wochen dort bleiben, um die Möglichkeiten der Handelsverbindungen zwischen Polen und Palästina zu studieren. Der „Gerer Rebbe" gedenkt, zum Pessachfest wieder in Polen zu sein. Die palästinensische „Agudas Jisroel" bei König Hussein. Jerusalem, 23. Jan. Oderrabbiner Chajim Sonnenfeld hat namens der palästinensischen „Agudas Jisroel" ein Schreiben an König Hussein gerichtet, worin die verzweifelte Lage der Juden im Jemen und die Verfolgungen, unter denen sie leiden, dargestellt und der König um Schutz und Hilfe gebeten wird. Das Schreiben wurde deni König Hussein durch Professor Jacob Israel de Haan persönlich in Amman übergeben und hat den vorläufigen Erfolg erzielt, daß der Hedschas-König in freundlichster Weise versprochen hat, seine ganze Macht für die bedrückten Jemeniten einzusetzen. Personalien. Wolf Jawetz London, 3. Febr. Ein Großer in Israel, ein wahrhaft Großer ist gefallen. Der rühmlichst bekannte jüdische Historiker, Dichter und Pädagoge Wolf I a w e tz ist nicht mehr. Donnerstag, den 18. v2P ist er in London abberufen worden. Jawetz war gleich groß in seinem Leben wie in seinem Wissen und Können, er war in jeder Beziehung eine ungewöhnliche Erscheinung, eine auserkorene Natur, wie nur sehr wenige. Er war ein vollendeter Typus eines wahren von wie ihn unsere Weisen charakterisierten. Er war eine religiös-sittliche, eine echtjüdische Größe, bei welcher das irdische Leben ein ununterbrochener, verklärter, andächtiger Gottesdienst in rvoiv v'VSvi nim war. Wenn das charakteristische Merkmal des rrn ist i-Qv mm so war Jawetz ein mustergiltiges Vorbild eines ri'n- Zu gleicher Zeit war er. ohne selbst zu wissen und zu wollen, durch sein ganzes Wesen und seine Haltung, durch die vielen großen Tugenden, die ihm eigen waren, durch sein ganzes Wirken und Schasfen Lehrer, inr eminenten Sinne des Wortes. Sein lebendiges Beispiel wirkte anregend und nacheifcrnd. Er war liebreich gegen alle und jeden, friedliebend und mild in seinem Urteile über seine Mitmenschen, wortkarg und von seltenem reinen Munde. Von Natur aus ernst angelegt, mied er jedes leere Geschwätz und v'-l-va trim, sprach ungern von seinen Nächsten und ganz besonders von sich selbst, von seinen: Tun und Lassen und von seiner eigenen ereignisreichen Vergangenheit. Jawetz gebrach es keineswegs an Verständnis für witzige Einfälle, er war nicht abgeneigt einem gesunden, harmlosen Humor, er war aber ein ausgesprochener Feind von Spötterei, von rmx’V und verdammte in ihr eilr Grundübel des „Maßkiltums" und seiner gemeinschädlichen, frivolen Produktionen, die so viel Unheil unter der jüdischen Jugend Rußlands und Polens angerichiet haben. In der genauesten, peinlichsten Beobachtung der Gesetzesvorschriften, ser es ethischer Eigenschaft, sei es die des Kultus, ohne dabei zu frömmeln, vielmehr sorgfältig auch den Schein der Frömmigkeit möglichst meidend, war Jawetz mit den O'oi Pinn EP*pDn zu vergleichen. Mir war es vergönnt, eine lange Reihe von Jahren mit Jawetz in näheren Beziehungen zu stehen und auch feine innige Freundschaft zu genießen, und. dennoch konnte ich nicht aufhören, ihn zu bewundern, zu bewundern die Reinheit seines Lebenswandels, seiner innigen, verklärten Religiösität, sein tiefes, vielseitiges, enormes Wissen, seine reiche, verschiedenartige Begabung, seinen unermüdlichen Fleiß im Studium und Schaffen, sein zartes, poetisches Empfinden, fein ästhetisches Maßgefühl, seinen ausgesprochenen feinen Schönheiis- und Kunstsinn, sein hervorragendes Darstellungstalent, seine außerordentliche stilistische Fertigkeit im Hebräischen und bei allem dem seine seltene Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. Im aufmerksamen Beobachten dieser großartigen Persönlichkeit und wie sie sich in der Außenwelt manifestierte, lernte ich an seinem lebendigen Beispiel die nrp» kn nm von den 48 Mitteln, wie die n->m erworben wird, verstehen. Wenn tw’V p2'->8 bv ■pVw NN'V so gilt es in hohem Grade von den Aeußerungen von W. Jawetz. So fällt mir eben folgender in seinem Munde geläufiger Spruch ein: „Was uns teuer zu stehen kommt, das wird Tritt der Zeit unserem Herzen teuer. Das Judesein kam unseren Vätern sehr teuer zu stehen, es war ihnen mit vielen Entbehrungen verbunden, daher war die nw, des Judentums teuer bis zu vor nwvv teuer. Jetzt aber macht man es sich so leicht, so bequem als möglich, daher wohl geht man auch so leichtsinnig milnixvi n-vm um." Es dürfte sich verlohnen, die Jawetzschen Aussprüche zu sammeln und einem größeren Publikum zugänglich zu machen. (Wolf Jawetz als H i st o r i k e r zu würdigen, behalten wir uns vor. Red.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.