Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1924)
- Date
- 1924-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Nr. 6 Der Israelit Schechita im engeren Sinne des. Wortes bezogen, datz 36 Prozent die Büro ans gaben betrugen und datz nur 14 Prozent aller Ausgaben für andere Zwecke (5 Prozent für Wanderlehrer usw.) verwendet wurden. Ich hübe erllärt, datz die Schechita nur xine Seite der jüdischen Religion bedeute, datz sie nicht den einzigen und ausschlietzlichen Inhalt des Judentums ausmache. Ich habe darauf hintzewiesen, datz de facto im modernen Judentum ein innerer Widerspruch bestehe,, indem ein groher Teil der Juden, auch unter denjenigen,, die für die Schechita intervenieren, nicht rituell lebt, datz wir, verglichen mit unseren Eltern oder Grotzeltern, vielleicht 1 prozentige Juden sind. Mfln beschränkt sich darauf, zur Jahrzeit oder am Rosch-Haschonö und Jom-Kippur m die Synagoge zu gehen. Die modernen Juden wollen die Lücken aussüllen, indem sie die ethischen und sozialen Gebote der jüdischen Religion, verwirklichen wollen und datz das Züricher Statut diese Zwecke erreichen wolle. Ich habe in keiner Hinsicht gesagt, dätz der G. B. für die rituell Lebenden nichts tun solle, ich habe nur behauptet, datz sich die Tätigkeit des G. B. nicht hierauf allein beschränken solle. Ich habe mit keinem Wort gesagt, datz die Koscherfleischbeschassung nicht von Belang sei. Ich erinnere mich, datz, als ein Redner das Koscherfleisch als die Hauptsache Gezeichnete, ich lediglich den Zwischenruf gemacht habe: „Man könne schließlich auch vegetarisch leben". Erfunden ist die Behauptung des Berichterstatters, datz ich von „Lächerlichkeiten" gesprochen habe. Ich habe nur die Art der Intervention kritisiert. Datz ich die ganze Angelegenheit als eine ernste bezeichnet habe, geht aus einer folgenden Aeutzerung hervor, die ich mich erinnere gemacht zu haben. Ich habe gesagt, datz in erster Linie Juden, und zwar auch modern denkende Juden, für die anderen intervenieren sollen und datz der moderne Jude, auch wenn er selbst nicht auf streng rituellem Boden steht, mit viel mehr Erfolg würde intervenieren können. Er, der moderne Jude, hätte erklärt, ich stehe freilich nicht auf diesem Boden, ich weiß aber, wie meine Eltern gelitten hätten, wenn sie gezwungen wären, nicht koscher zu leben; ich fühle daher mit denjenigen, die so leben, wie meine Eltern gelebt haben und schon aus Pietät an das Andenken meiner Eltern trete ich für das Recht derjenigen ein, die rituell leben wollen." Wenn Herr Dr. Farbstein, dies alles, wie er selber zugibt, gesagt hat. dann kommt es noch gar sehr darauf an, wie er es gesagt hat. Der Ton^macht die Musik. Und Berichte objektiver Ohrenzeugen aus verschiedenen Städten der Schweiz und religiös verschieden gearteten Kreisen besagen übereinstimmend, datz der Eindruck der Hörer der war, Redner betrachte alles, was rituell d. h. Religionsgesetz ist und damit zu tun hat, als kleinlich und nicht von Belang. Einige Wendungen klangen wie eine Lächerlichmachung religiöser Uebungen, wenn auch der Redner das Wort „Lächerlichkeiten" gerade nicht gebraucht hat. Wenn Herr Dr. Farbstein uns mitteili, datz er es mit der Religion — im Prinzipe wenigstens — ernst meine, wiederholt gegen den Schreibzwang am Sabbat in den Schulen interveniert hätte und ihm auch auf der besagten Tagung jede Perhorreszierung der Religionsübungen fernlag, so nehmen wir mit Freude davon Kenntnis, geben ihm aber den Rat, nächsthin bei Behandlung religiöser Punkte etwas vorsichtiger auch in Form, Ton und Ausdruck zu sein, damit die Worte bei objektiven, gebildeten Leuten nicht den Eindruck erwecken, der hier tatsächlich entstanden ist. Wenn Herr Dr. Farbstein sich auf die Frömmigkeit und Gelehrsamkeit seiner Väter beruft, so kennt er auch die von den Talmudweisen ausgesprochene Warnung: aanmn nmn arnan. Moderne pädagogische Bestrebungen in jüdischer Beleuchtung.^ Eine der bedeutungsvollsten Aufgaben, die der Lösung durch die Agudas Iisroel harren, ist die der jüdischen Erziehung. Wenn die Frage des liin im Augenblick mehr in den Hintergrund getreten ist, so ist mit ein Grund die autzerordentliche Schwierigkeit, die der Lösung entgegensteht, und die durch die Verschiedenartigkeit der Aufgabe je nach dem Lande, in dem unsere Brüder wohnen, bedingt wird. Für uns besteht jedenfalls die dringende Notwendigkeit, uns mit den Bewegungen auseinanderzusetzen, die in den uns *) Aus einem Bortrage des Herrn Professors Dr. M. Schüler in der Agudas Jisroel-Ortsgruppe am 27. Dezember v. Js. umgebenden Kreisen mächtig sind. Es gilt zu sichten, das Wahre, Schöne und Gute, das mit der jüdischen tleberlieferUng in Einklang steht, anzunehmen; das unseren Prinzipien Widersprechende, wenn es auch blendet und von Augenblickserfolg gekrönt ist, abzulehnen. Besonders mächtig ist die von Rousseau ausgehende Naturalist fche Pädagogik, die die absolute Freiheit des Kindes kündet. Wortführerin dieser Richtung ist in neuerer Zeit die Verfasserin des „Jahrhundert des Kindes", Ellen Key. Wir vermissen bei ihr die systematische Erziehung zur Pflicht. Und das ist natürlich; sie glaubt, ihrer nicht zu hedürfen, da sie von her Hypothese der absoluten Güte des Menschenkindes ausgeht — das angeblich durch die frühe Erziehung und namentlich durch die Schule ruiniert wird —, während wir die Bedeutung des -in ix' nicht verkennen; zahlreiche Aussprüche in Talmud und Midrasch veranschaulichen diese. Die Erkenntnis der Notwendigkeit der Erziehung zur Pflicht bringt die dem Juden eigene Achtung vor Lehrern, Lehrhäusern und Lernbetrieb mit sich. Weitgehende Uebereinstimmung aber stellen wir fest in bezug auf das grotze Postulat der Modernen: Freiheit dem Kinde in der Selbstentfaltung seiner Kräfte, 1211 's Vy -isnV -pin ist die klassische Prägung des Gedankens der individualisierenden Erziehung, den von den Neueren von allen S. R. Hirsch aufgegrrffen und so nachdrücklich verfochten hat. Und datz die zweite Forderung Ellen Keys: „Milde und Duldsamkeit gegen alle Lebensäutzerungen des Kindes" dem Geiste unserer Weisen en spricht, dafür nur ein Beleg: Krrn aburb pim mipa i'a'i nim bxm- — Zu einer Reihe ihrer pädagogischen Forderungen können Parallelen aus dem jüdischen Schristuin gegeben werden: Nicht zu früher Schulbesuch, beschränkte Schülerzahl, Schonung des Ehrgefühls der Kinder, freundliche Behandlung, Mabeftimmungsrecht des Lehrstoffes durch den Schüler, Ablehnung systemloser Wissensanhäufung, heurist fche Lernmechode, Schätzung der Handfertigkeit usw. Aehnliche Parallelen lassen sich zu Ludwig Gurlitts — eines zweiten pädagogischen Reformers der Gegenwart — Hauptforderungen anführen: Mehr Ruhe im Unterricht! Mehr Heiterkeit! Mehr Gemeinschaft! — Der Kern der „Hauslehrerbestrebungen" Verthold Ottos und seiner Schule ist der intensive geistige Verkehr mit Kinhern; die Ablehnung der Redensart: Das verstehst du doch nicht. Das entspricht durchaus dem jüdischen Erziehungsideal. Weniger lätzt sich das — aus allgemein-pädagogischen Bedenken — von dem sogenannten „Gesamtunterricht" behaupten. Auch für eine Zahl von Wynekens organisatorischen Wünschen hätten unsere Akten Verständnis gehabt. Aber in schroffem Gegensätze zu unserer Sitte und unserem Gesetz steht Wyneken mit seiner Gleichstellung von Erziehungssubjekt und -objekt, mit seiner Unterschätzung der Bedeutung, die die Erfahrung der Aelteren hat, wie sie sich in der von ihm eingeführten „Schulgemeinde" zeigt. Wohl kennt auch die jüdische Erziehung eine Gewöhnung zur Kritik, aber zur sachlichen Kritik am Lehrstoff; nirgends ist der Geist so kritisch tätig wie beim Lernen des Talmud. Also selbständige Tätigkeit des jugendlichen Intellekts wird aufs intensivste gefördert. Nicht aber ist im jüdischen Kreise die ehrsurchtlose Kritik an der Weltanschauung der Ahnen üblich, nicht die Auflehnung gegen die Sitte, nicht das Vesserwissenwollen des Anfängers. Daher lehnt das Judentum trotz sachlicher Übereinstimmungen mit dem, was Wyneken will, dessen Geistesrichtung ab. Entsprechend ist auch die Stellung zur Jugendbewegung. Die drei Begriffe „Freiheit" (physische und sittliche Freihett), „Gemeinschaft" und „reines Menschentum" sind auch uns Ideale. Aber wenn Freiheit zur wesentlichen Emanzipation vom Alten und von den Alten wird, Gemeinschaft Aufsehen im Verkehr mit gleich- 7. Fehrugr 1924 alterigen Kameraden bleutet ünker Negierung des dem Judentum heiligen Perhältnisses vpn Sohn zu Pater und (Schüler zu Lehrer) i'&m zu 21. und wenn reines Menschentum zur, Geringschätzung der positiven Religion, führt, dann trennen wir uns bei aller Anerkennung des Wertvollen der Jugendbewegung von dieser. Einen viel weiteren Weg als mit der naturalistischen Pädagogik können wir mit her idealist.scheu, besonders mit her Persönlichkeitspädagogik Zusammengehen. Diese betont zunächst die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit, und darin stimmt unsere Anschauung durchaus mit ihr überein. Man denke an Aussprüche wie 2in bk wpn' Vk 1*6 aki .inwa mm wpa’ *]H*?a^ nan. Die Üebertreibung mancher moderner. Persönlichkeitsfanatiker aber liegt der jüdischen Pädagogik fern; sie erkennt sehr. wohl den Wert der Methodik an, wie aus den zahlreichen im Talmud verstreuten methodischen Regeln heroorgeht. Vor allem ist uns aber Persönlichkeitspädagogik die Heranbildung des Schülers zu einer Persönlichkeit als Hauptziel der Erziehung und des Unterrichts. Die unermetzliche Äufgabe, die nach Eucken das Persönlichkeitwerden bedeutet, wird nirgends mehr erkannt als im Judentum: vw uv buu aaina aik Vw. Das ganze System der /nisa dient ja dazu, dem jüdischen Menschen seine hohe Aufgabe stündlich ins Vewutz sein zu rufen. Bei der Erziehung ist die Berücksichtigung der Eigenart des Kindes von der grötzten Bedeutung für die Entwicklung zur Persönlichkeit. Deshalb sind alle modernen Mittel, die die Feststellung der Eigenart fördern, von unserem Standpunkte aus schätzenswert; so die Arbeitsschule, unter welchem mehrdeutigen Namen wir allerdings hier nicht an technische Arbeitsschulen wie die Blonskysche, sondern an die Schule der Selbsttätig keil denken; ferner die Jntelligenzprüfungen, die Kinderpsychologie, wozu Ansätze schon in den >,Sprüchen der Väter" zu finden sind. In diametralem Gegensätze zu dem, was Persönlichkeitserzrehung will, stehen die Bestrebungen, die individuelle naiurgewachsene Eigenart ausleben zu lassen. Die Züchtung von Egoisten und Herrenmenschen ist dem Geiste des Judentums gerade entgegengesetzt. Die Individualität zur Persönlichkeit umzugestalten, zu vervollkommnen, lautet die Aufgabe. Eine solche Persönlichkeitspädagogik wird auch zugleich den Forderungen der von dem bekannten Philosophen Natorp empfohlenen Sozialpädagogik gerecht, die den Einzelnen als Gemeinfchaftsteil begreift. Es mutz mit Befriedigung erfüllen, datz die bedeutendsten Geister der Gegenwart die jüdischidealistische Auffassung von der Erziehung teilen, die Freiheitspädagogik ist in dem Sinne, datz wahre, sittliche Freiheit nur in der harmonischen Vereinigung des Gesamthandelns mit dem Pflichtgebol besteht. Wegzeichen! Von Dr. Ed. Biberfeld in Berlin. (Fortsetzung). In diese emphatische Mahnung klingt Breuers Studie aus. Der Geist des Gehorsams, der Unterordnung, der Selbstentäutzerung, alles Tugenden, die unserer Zeit und in ihr besonders der jüngeren Generation verloren gingen, mutz gerufen und beschworen werden, sollen anders wir uns von der Peripherie jüdischer Lebensäutzerung und jüdischer Weltanschauung wieder zu ihrem Zentrum zurückfinden; so kündet es das erste Wegzeichen, das Breuer seinen Lesern erstellt. — Einer der grötzten Vorzüge der Breuerschen Diktion, der auch hier wieder ins vollste Licht tritt, ist die unbedingte, unerbittlich konsequente Durchführung ihres Gedankensystems ä l'outrarce. Schritt vor Schritt wird der Leser von der Ausgangsthese, die in dem geeinten Volkswillen zur Anerkennung des Eottesgesetzes die Wurzeln von dessen Autorität erkennt, zu dem Schlußstein, der sich gleichsam.