Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1924)
- Date
- 1924-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Februar 1924 Der Israelit Nr. 6 Seite 3 zw ngen, pflegten unwillkürlich ihre Spuren auch in der jüdischen Geschichte zu hinterlassen. Was der Name Lenin in der Entwicklung der jüdischen Geschicke des Ostens bedeutet, ist nicht weniger als: Aufhebung des Judenrayons und Wegräumung aller Schranken, die der zaristische Druck in der Form von unzähligen Judengesetzen aufger'chtet hatte. Man f.ng wohl damit schon unter den früheren Regierungen an, jedoch den ganzen Schutt aus dem Rechtsleben Ruhlanos wegzuschaffen, bl eb doch der Sow eiregierung, wie sie Lenin geschaffen hat, Vorbehalten. Es kamen neue Bedrückungen, neue Gesetze, die Durchführung des Marxismus über Leichen, über die Entwertung aller altgeheiligten Werte von Staat und Gesellschaft. Die Juden Rußlands litlen schwer, aber nicht mehr als Juden. Ein Ausnahmegesetz für die Juden gab es nicht mehr, wiewohl sie als Geschäftsleute und Gewerbetreibende vom unerbittlichen Feldzug gegen das Kapital — dessen Rehabilitierung Lenin noch miterlebt hat — in erster Reihe und am empfindlichsten betroffen wurden. Es kamen zudem die unversöhnlichen Religionsverfolgungen, der Kampf gegen Cheder und Synagoge. Die Führer in diesem Kampfe waren und sind leider „eigene Brüder", die von Lenin weder autorisiert, noch inspiriert waren. Man hörte im Gegenteil, daß von höchster Stelle im Kreml mehr wie einmal bremsend in den Uebereifer der fanatischen „Aufklärer" von' der „jüdischen Sektion" eingegriffen wurde. Lenin hat mit Judentum und Juden nicht das geringste zu tun gehabt, aber der Name wird eine neue Etappe auch in der Geschichte der Juden Rußlands bedeuten, eine neue Epoche einlei en, so wie die große Revolution, ohne jüdische Momente und Elemente zu enthalten, eine neue Zeit in der Geschichte der westlichen Judenheit bedeutet. Auf dem Ramm Wilson ruhte eine Zeitlang die Hoffnung einer schwer leidenden Menschheit, mithin auch der Juden. Seine mitten in die Kriegsschrecken hineingeworfenen 14 Punkte blieben leider ein Ideal, das zu realisieren dem Friedenspräsidenten selbst der Mut fehlte. Aber Wilson hat in seiner Präsidentenzeit auch direkt zu Gunsten der Juden eingegriffen, besonders in der Frage der Einwanderung. Hler im Kleinen und in der inneren Politik seines Landes, hielt er die große Ltnie der Freiheit und der Menschenrechte treulich ein. In der jüdischen Tragödie des Kriegsjahrzehnles wlrd der Name Woodrow Wilsons als eines Mannes leben, der es wenigstens verhinderte, daß der jüdischen Wanderung das letzte Tor geschlossen wurde. „Verschiedene Formen." Es scheint uns notwendig, auf den Widerhall hinzuweisen, den die an dieser Stelle bereits ein'.gemale besprochene „Achduth"-Gründung in den Kreisen des liberalen Judentums gefunden hat. Man hat dort offenbar ein keines Verständnis für das, was nützt und schadet und siehe da — „Achduth" w'.rd als ein Symptom „neuen Geistes" in der Orthodoxie mit unverhohlener Freude begrüßt. Leider ist die Freude der Liberalen vorerst berechtigt, denn abgesehen von der natürlichen organisatorischen Schwächung der Orthodoxie, die jede Abscheidung besonderer Gruppen mit sich bringt, ist die Achduth-T h e o r i e ganz geeignet, dem Liberalismus den Wind in die Segel zu treiben. Wie sehr das der Fall ist, zeigt der Begrüßungsartikel, den der Essener liberale Rabbiner, Dr. Samuel, an der Spitze der „Jüdisch-l beraten Zeitung" als Willkommensgrutz an die neue Organisation veröffentlicht. Es heißt da u. a.: „In frischer Erinnerung leben noch die maßlosen Vorwürfe, die die Gesetzestreuen beider Richtungen aus Anlaß der liberalen Richtlinien gegen uns schleuderten. Damals haben auch die G e m e i n d e orthodoxen die häßliche Legende von den zwei Judentümern unterstützt, und das Märchen aufkommen lassen, daß zwischen Liberalen und Orthodoxen im Judentum eine unüberbrückbare Kluft gähnte, tiefer als diejenige zwischen Katholiken und Protestanten. Man sprach uns nach berühmten Mustern den Ehrennamen des Juden ab, hätte uns am besten Kommerz und Konnubium gekündigt, wie man selbstverständlich nicht mehr mit uns beten und speisen wollte. Ja, die tief bedauerliche, noch heute hier und dort spukende Bewegung setzte ein, sogar die Friedhöfe unserer Gemeinden für „rituell ungeeignet" zu erklären, um die sterblichen Ueberreste orthodoxer Juden aufzunehmen! Wenn man hinzunimmt, daß zu gleicher Zeit unsere ostjüdischen Gemeindemitglieder ihre religiösen Sonderwünsche anmeldeten, und die zionistischen Absichten auf jüdische Volksgemeinden bald darauf einsetzten, so hat man ein Bild heilloser Zerrüttung und lärmender Kämpfe, denen erst die schaurig emsetzende Melodie des Weltkriegs ein vorläufiges Ziel setzte." Diese Gegensätze, so führt der Artikel weiter aus, seien nun, wie schon aus der 1919 erschienenen Sammelschrift „Das deutsche Judentum" hervorgehe und durch die Achduth-Gründung organisationsmäßig bekräftigt wird, in ihrer Schärfe so ziemlich überwunden. Dr. Samuel meint: „Haben wirklich die beiden, hi st arisch gleichberechtigten Parteien im Judentum: die mehr bewahrende und die mehr umbildende, die pietätvoll rückwärtsschauende und freier beschwingte, vorwärts drängende, die aufrichtige Absicht, zum friedlichen Nebeneinander zu gelangen und sich gegenseitig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so ist der Augenblick dazu gut gewählt. Die Ach. duth tritt neu in die Reihe der jüdischen Gruppen. Sie ist nicht beschwert mit dem zum Teil recht unerfreulichen Erbe der bisherigen orthodoxen Verbände, sowert diese den Austritt aus den Gemeinden, den Wider st and gegen alle Gesamt« Organisationen und die Achterklärung liberaler Theologen forderten. Ein neuer Geist soll seine Herrschaft untre t e n. Die Achduth nennt ihn zwar mit dem alten, überkommenen Namen „Thorageist", „Gesetzestreue". Aber sie wird zugeben, daß die Treue sich nicht nur nach der Stärke in eine abwertende Skala bringen läßt, sondern daß es verschiedene Formen gibt, in denen man seine Treue beweisen und bewähren kann. In einer hübschen Parabel läßt die Agada (noch vor Shakespeare) einen König seine Töchter durch das wertvollste Geschenk, das sie ihm zueignen würden, aus die Probe stellen, und die Tochter, die ein Schälchen Salz darreicht, erringt den Preis; denn dies Gewürz ist das unentbehrlichste. Der Liberalismus erscheint uns als das Salz des Judentums." Diese Stimme aus dem Lager der gemeinsamen Gegner sollte wahrlich denen die Augen öffnen, die durch das Opium-Pulver der liberal-orthodoxen Einheit des Judentums Seelen zu erobern hoffen. Hier sieht man deutlich, wie der Liberalismus über die Anerkennung triumphiert, die er für sich aus dem Einheitsdogma der „Achduth" folgert. Soll „Gesetzestreue" und „Thorageist" nicht Name, sondern Wahrheit sein — und wir wissen uns in dieser Prämisse gewiß eins mit den Führern der „Achduth" — dann muß man den Mut haben, die Front offen nach links zu entfalten und für die wahrhaftige Einheit der Gesetzestreuen mindestens ein Bruchteil der Opfer zu bringen, die auf dem Altar der „Einheit der jüdischen Gemeinschaft" Tag für Tag in Hoffen und Harren umsonst gebracht werden. Zwangsorgamsationsgelüste in der Schweiz. Unter diesem Titel brachten wir in Nr. 3 dieses Jahrganges einen Artikel, der sich mit Ausfällen Dr. Farbsteins gegen die Religion auf dem Delegier entage des Schwe'zerischen Israelitischen Gemeindebundes in Baden befaßte. Herr Dr. Farbstein, Zürich, beantwortet den Artikel in den beiden jüdischen Zeitungen der Schweiz mit einer verschwenderischen Fülle von Liebenswürdigkeiten an die Adresse des Berichterstatters und dessen Gewährsmann und bestreitet, das und ähnliches gesagt zu haben. Der langen Worte kurzer, sachlicher Kern lautet: „Im Laufe meiner Ausführungen ging ich auf die bisherige Tätigkeit des G. B. ein. Ich habe an Hand der Kassenberichte der Periode 1. Jan. 1921 bis 31. Dez. 1922 darauf hingewiesen, daß von den Ausgaben des ©. B. sich 50 Prozent auf Ausgaben für die jegliches Pathos und stets das Wesentliche treffend, aus seinem Munde herauskamen. Jedes Wort wie jede Bewegung zeugte von innerem Adel. Ein Gesicht. an dem der Künstler aus der Straße nicht vorübergehen konnte, ein Geficht. in deffen Zügen die ganze Geschichte des jüdischen Leides und der jüdischen Größe geschrieben stand .... Tags daraus sah ich ihn auf der Tribüne im großen Beratungssaal. Er sprach zu der Frage der Todesstrafe, er sprach jüdisch, scharf artikuliert und mit großem Nachdruck, und er erzählte dem litauischen Volke von dem Sinaigesetz: »Du sollst nicht morden l°. von der peinlichen Ausforschung in der jüdischen Gerichtsbarkeit, wenn es um Leben und Tod ging, von einem Rabbi Akiba, der ein Gericht für mörderisch erklärte, wenn es auch nur einmal in fiebenzig Jahren ein Todesurteil fällte. Die mir sehr geläufigen Gedankengänge beschäftigen meinen Geist viel weniger als die Art, wie er es hinaussprach und das Mienenspiel der Deputierten und Journalisten. Diele verstanden wohl in der Hauptsache die jüdische Sprache, die sie nicht ganz verstanden, ließen sich über einzelne Punkte von ihrem Nachbarn informieren, und die garnichts verstanden, lauschten nichtsdestoweniger und suchten dem schönen Gesichte die schönen Gedanken abzulesen. Und Tags daraus brachten alle litauischen Zeitungen spaltenlange Berichte über die interessante jüdische Rede des Rabbi zu der Novelle des Strafgesetzes. Es wehte damals noch ein anderer Wind m Litauen .... Noch zweimal sprach ich ihn: einmal beim Mittagstisch in der Restauration Schloßberg in der Mapugaffe zu Kowno, wo er mich in einer Weise über die politische Lage in Litauen informierte,. die kein überflüssiges Wort enthielt, aber auch Kernen wesentlichen Punkt vergaß. Am Abend desselben Tages sah ich ihn in der gleichen Restauration, mit Rabbinern und Thoragelehrten in einer talmudrschen Diskussion besangen. Die gleiche gemäßigte Ruhe, die gleichen vornehmen Gesten. Aber eine Tiefe und Beschlagenheit, eine durchgreifende scharfe Logik, die die Gegner ohne viel Getue zur Strecke brachte. Hier vergaß ich über dem Rabbi den Politiker und Parlamentarier vollkommen. Poppel, der »Mariampoler Raw", war eine Persönlichkeit, wie sie nur das Thora- und Muffarmilieu in Slobotko heroorbringen konnte. In sich gefestigt, gerüstet mit allen Waffen des Geistes, vornehm in jeder Bewegung, in jeder Gedankenregung. jeder Zoll ein jüdischer Lehrer. Er hatte seine rabbinische Laufbahn an kleinen Plätzen begonnen, wo er die Zeit und Muße stind, sich auch das weltliche Wissen für seine spätere Berufung anzueignen. Der Krieg' setzte ihn an die Spitze der großen ehrwürdigen Mariampoler Gemeinde, und die großen Aufgaben, die während des Krieges an die Litauische Judenheit herantraten, fanden im Rabbi einen Mann, der mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und allen ihm zu Teil gewordenen Geistesgaben sich um deren Lösung mühte. Bei den Wahlen für das Gründungssejm wurde er als orthodoxer Kandidat gewählt und er füllte seinen Platz mit einer Selbstaufopferung aus, die beispielgebend auf die jüdischen Deputierten von der linken Seite sein könnte. Nebenbei hatte er Zeit und offenes Auge für alles, was in der jüdischen Welt vorging. In der litauischen .Achduth", in der Erziehungsorganisation „Jabne", in ..Agudath Harabonim", überall hatte er seinen Platz und überall wurde sein Wort gehört und beachtet. Ein volles Jahr ist es nun her, daß sich das schöne Auge geschloffen hat. der beredte Mund verstummt ist. Seine Wirkung wird noch lang im jüdischen Leben Litauens ihre segensreichen Spuren zeigen. Heute, wo der Kampf um die Innengestaltung des jüdischen Lebens in Litauen so hoch geht, ist es tief schmerzlich, einen Mann wie Rabbi Poppel zu vermissen. Sein Andenken wird die Führer der litauischen Judenheit anspornen, den Weg, den zu erschließen er kräftig mitgeholfen hat, noch weiter auszubauen. Wajechulu gestorben... Ein Dorflehrer hatte die Aufgabe, seinem Zögling das Kiddusch beizubringen, was aber der beschränkte Dorfjunge einfach nicht in den Kopf bekam. Da verfiel der findige Lehrer auf ein schlaues Mittel. Er sagte zu seinem Schüler: „Sieh' dir mal die Bauern und Freunde in deiner Nachbarschaft an. Der eine, der Johann — du kennst ihn gut — heißt von heute ab „Wajechulu", der andere, der Kasper, heißt nun „ha« schomajim"; der dritte, der Jean, er heißt jetzt „w'hoorez" und so weiter, und so weiter bis ans Ende des Kiddusch, für jedes Wort ein anderer Bauer. Das half ganz unerwartet schnell. Der Junge nannte eine Woche lang die Bauern bei den neuen Namen und das Kiddusch war ihm vollkonimen geläufig. Als er an einem der folgenden Freitagabende Kiddusch machen sollte, fing er aber an: „Haschomajim". „Wajechulu!" korrigierten die Zuhörer. „El e,," protestierte der Junge, „wißt Ihr es nicht, daß „Wajechulu" gestern gestorben ist? . . ." r—-