Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1924)
- Date
- 1924-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 6 Der Israelit 7. Februar ISA «eueren Zeit gewidmet ist, in seiner „Geschichte -er Juden in der Kurpfalz", wendet er sich hauptsächlich an archivalische Quellen, wenn auch in diesem großangelegten Werke die innere Geschichte, gelehrte Studien und Gemeindeleben, ihre Stätte findet. In seinen selbständigen Schriften betritt er zum ersten Male in der Biographie des Rabbi Nathanael Weil, pap ^«2712. das Arbeitsgebiet, welches ihn zu hohem Ruhme führen sollte. Hier wird in vorbildlicher Weise mit Heranziehung eines überreichen Quellenmaterials die Wirksamkeit, das Leben, die Gemeinde und die Familie eines der großen geistigen Führer uns in die Erinnerung zurückgebracht. Die bewundernde Anerkennung, welche die Schrift in weiten Kreisen fand, veranlaß e die erste Generalversammlung der traditionell - gesetzestreuen Rabbinervereinigung, mit dem Ersuchen an den gefeierten Gelehrten heranzutreten, eine Geschichte der Juden für Schule und Haus zu schreiben, die bei streng wissenschaftlicher Darstellung sich freimachen sollte vom Geist und den Lehren der Reform. Löwenstein nahm den Auftrag an und hat, wie bekannt, in dankenswerter Weise die Aufgabe gelöst. Besonders gerühmt wurde an diesem Volksbuch die Schilderung der großen Führer des gesetzestreuen Judentums im neunzehnten Jahrhundert und der lichtvolle Quellennachweis, der unwiderleglich zeigt, auf welch festem Boden das in dem Buche Erzählte steht. Zur selben Zeit, in welcher er an den beiden zuletzt genannten Werken arbeitete, gab der unermüdliche Mann seine sechs Jahrgänge „Blätter für Geschichte und Literatur" als Beilage zum „Mainzer Israelit" heraus. Fast die Hälfte der Arbeite?! in diesen äußerst wertvollen Blättern stammt aus der Feder des Herausgebers selbst. Neben den literarischen Zeichnungen hervorragender Geistesfürsten und vielen Darstellungen der Geschichte jüd.scher Gemeinden, welche sich hier finden, sei besonders auf die Reihe von Aufsätzen hingewiesen, welche den Stammbaum der berühmten und vielbesprochenen Familie Mlrels Heller-Fränkel zum Gegenstand hat. Hier sei eingefügt, daß wir Löwenstein eine genaue Kenntnis einer ganzen Reihe von hervorragenden Familien aus den jüngsten vier Jahrhunderten, verdanken. . Hervorgehoben sei nur seine Stammtafel' der Familie Katzenellenbogen (Maharam Padua) in der „Geschichte der Juden in der Kurpfalz", Familie Theo mim in der Breslauer Monatsschrift 1913 und der Familie Loans (R. Joselin v. Rosheim) in „Das Rabbinat in Hanau usw." In zahlreichen Zeitschriften, Festgaben und Gedenkbüchern finden wir eine unabsehbare Menge von Abhandlungen, Studien und Notizen Löwensteins. Besonders in der Breslauer Monatsschrift und in der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland begegnet uns wieder und immer wieder der stets freudig begrüßte Mitarbeiter Löwenstein. Aus der Kaufmann-Gedenkschrift sei hier die lichtvolle Biographie des Rabbi David Oppenheim erwähnt. Als das bedeutungsvollste Werk unseres Meisters erscheint uns seine inhaltsreiche und mustergültige Behandlung der literarischen Geschichte der Gemeinde Fürth. Aus Löwensteins Darlegungen erkennen wir, warum Fürth Jahrhunderte hindurch eine der führenden Gemeinden Deutschlands war. Unter dem bescheidenen Titel „Zur Geschichte der Juden in Fürth" erschien dieses Meisterwerk in den Jahrbüchern VI, VIII, X der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. Der erste Teil handelt von Fürths Rabbinern. Die stolze Reihe der bedeutenden Männer, welche längere und kürzere Zeit das dortige Rabbinat zierten, wird uns in gründl'chen Schilderungen vorgeführt. 16 wertvolle Biographien, teils Ergänzungen zu den Arbeiten anderer Forscher, teils zum ersten Male erschöpfend behandelt, sind unser Gewinn aus diesen ersten Studien. Um nur bekannteste Namen zu nennen, R. Scheftel Horovitz (’Yi D’Yiöpn ), der berühmte Sohn des n"i?D,die beiden großen Samuel, die Verfasser von nam Tim» und rpa, R. Salman Kohn (mina nua) R. Josef Steinhart (*]DT» pat), R. Wolf Hamburg ziehen bei dem Studium des Werkes an uns vorüber. Der zweite Teil weist auf eine schier unabsehbare Reihe von bemerkenswerten und ausgegezeichneten Männern hin. Gelehrte, Maezene, Aerzte, die in Fürth lebten und von dort 'lammten. Neben vielem anderen erfahren wir hier Neues über zwei Söhne eines hervorragenden Fürther Bankiers, Meier Berlin, von denen der ältere der große Mainzer und Hamburger Rabbiner R. Noach Chaim Zwi ist, und der jüngere R. Lob Berlin, der Rabbiner von Bamberg und Cassel. Daran schließen sich Bemerkungen über einen Berlin aus anderer Familie R. Jakob, dem sein Buch apsr ixa Weltruf verschafft hat. Ein Gemeindevorsteher wird uns geze chnet, der als Rabbiner nach Mühringen, als Schulrektor zur Zeit des ''"m Turrv nach Metz berufen wurde, und als Landrabbiner von Bayreuth in Baiersdorf sein Leben beschloß. Es ist dieses R. David Dispeck, der Verfasser des in ons. Zu besonderem Danke verpflichtet uns der Verfasser durch seine Belehrung über den Lebensgang R. Mendel Kargaus, dessen ^rm mno über Jore Dea 201 weit und breit als Handbuch vbn maßgebender Bedeutung hohe Anerkennung gefunden hat. Der dritte und umfangreichste Teil, über die hebräischen Druckereien in Fürth, ist geradezu als bibliographisches Kleinod zu bezeichnen. Im Anhang zu jedem einzelnen Teil werden noch zahlreiche hochinteressante Aktenstücke veröffentlicht, danmter der dritte Teil des Memorbuchs der Klaus, der sich auf Fürth bezieht. Dessen beide ersten Teile, die von den Wiener Vertriebenen mitgebracht wurden, waren schon in der Festschrift Berliner von Stern veröffentlicht worden. Die letzte größere geschichtliche Arbeit des Meisters, „Das Rabbinat von Hanau", bildet eine Zierde des Jahrbuchs XIV der Jüdisch- Literarischen Gesellschaft. Auch hier eine Reihe hochbedeutender Lebensschilderungen, von denen wir nur noch die eingehende Würdigung R. Moses Tubioh Sondheimers und seines Schülers, des Vaters des Autors, Rabbi Jakob Löwenstein, des hervorragenden Rabbiners von Gailingen und Tauberbischofsheim, erwähnen wollen. Rur Weniges von dem Vielen, was Leopold Löwenstein für die Kenntnis neuerer jüdischer Geschichte geleistet hat, konnten wir hier anführen. Man wird aber daraus schon ersehen, wie dankbar wir ihm für dieses reich gesegnete Gebiet seiner Tätigkeit sein müssen. Doch seine Begabung und sein emsiger Fleiß begnügten sich mit dieser intensiven Gelehrtenarbeit nichtz Im praktischen Leben auch stand er in vorderster Reihe. Was alles sein Rabbinat ihm verdankte, was er durch seine Beteiligung an philanthropischen Unternehmungen für Juden und Nichtjuden leistete, wie er durch den Zauber seiner Persönlichkeit alle Kreise für sich gewonnen hat, das hörte man mit Erstaunen bei seinem tiefergreifenden und selten eindrucksvollen Leichenbegängnis aus dem Munde zahlreicher Redner aller Konfessionen, von denen ein jeder von Großtaten auf einem neuen Gebiete dem gewaltigen Trauergefolge zu erzählen wußte. n“ax27i Wochenrundschau. Zwei Tote. Fast zur gleichen Zeit starben an zwei entgegengesetzten Polen unseres Erdballes zwei Männer, die eine Zeitlang bestimmend auf die Geschicke der Welt eingewirkt haben: Lenin in Moskau und in Washington Woodrow W i l - s o n. Männer, die die Welt in ihre Bahnen .SiiOTS Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Bon Rabb. Dr. WinNer in Kopenhagen. k. Auf v'-vow» folgt naviii, also pT2 an der Seile von vrw», Milde neben strengem Recht. Danach ließe sich der Psalmvers ivw ,anx vSV» “i?» nsn ör?rm) wm nns apjpa npam osw» anw*» 71221a ,v"r) etwa so auslegen: Wenn jedes Königs Macht auf seiner Rechtsordnungsliebe beruht (pK Töjp üöffaa, so hast du, 0 Gott, es redlich emgerichtet, daß du im Jakob Recht und Milde gestaltet hast. Bon Jakob-Jsral verlangt der vvv»i npis anin, das Recht nicht allein, sondern, dieses mit Milde v er-ein t zu handhaben.nannx!?) inax x^i ',*ni7i p V» 2'nan rpasHw trapw (a"5? a"apn mwa D’isb — Jakob (apsp 182) fehlt bei seinen Rechtsansprüchen zum friedlichen Ausgleich (üli?V — 376) nur milde GejInnung (pns — 194). Will er den Frieden einholen (insnni wpa), so muß er der Milde nachstreben (*pi->7i p7X p*TX). II. nanh inp'i- ..Sie sollen mir eine Gabe bringen". Hierzu der Midrasch (n»iN27N nan) - »Darum heißt es auch ('a P ’^ff») oai> vim aiö. rtpb ’a »Eine gute Lehre gebe Ich euch." — Der Sinn dieser Zusammenstellung ist, glaube ich, folgender: Der Midrasch findet es nämlich auffallend, daß es hier inp'i, „sie sollen nehmen", anstatt 12/pi. »sie sollen geben", heißt. Er erklärt dies damit, daß indem wir n"wru d. h. den von Gott gewollten Einrichtungen, geben, wir damit für uns etwas nehmen; wir vermehren ja damit unseren sittlich-religiösen Besitzstand! Daher heißt es ,.fte sollen nehmen für Mich eine Gabe". Als Beleg für diese Auffassung sührt der Midrasch eine Stelle an, wo Gott Seine Gabe an uns gleichfalls als ein Empfangen für Sich anrechnet. Auch dort steht anstatt des zu erwartenden naiv N27i» 'a, „eine gute Gabe", &a^> -»nm aiv np*? 'a, . ein gutes Nehmen gebe Ich euch". Das ist eben das Wesen der reinen Güte und Liebe, daß sie glauben zu nehmen, indem sie geben! Kleines Feuilleton. Rabb. Poppel aus Mariampol. Zn seiner ersten Aahrzeil. Es war ein Hochsommertag des Jahres 1922. als ich auf meiner litauischen Reise in der Kanzlet der jüdischen Fraktion im Kownoer Sejm Rabbiner Poppel traf und kennen lernte. Ein Fünfziger etwa mit etwas graumeliertem, schön gepflegtem Barte und tiesschwarzen Augen, überschattet von langen Augenbrauen, in einfacher, peinlich sauberer Gewandung, das vergeistigte Auge wie gebannt auf einem ausgeschlagenen großen Buch ruhend. Es schien mir, als säße er über einem hebr. Folianten und wunderte ich mich im ersten Augenblick, den prachtvollen Kops mit dem vollen schwarzen Haare unbedeckt zu sehen. Dann aber sah ich, daß es ein Buch in einer fremden, mir unverständlichen Sprache in etwas verschnörkelten lateinischen Lettern war. Es war die Litauische Reichsverfassung und das parlamentarische Reglement, in deren Paragraphen der Rabbi sich genau so gut auskannte wie in den einzelnen Sätzen und Absätzen des Schulchan Aruch. Im großen Saale drüben, der mit seinen Wappen und Fähnchen so anmutete wie der Turnsaal einer größeren Schule, tagte das Plenum über einen Punkt des Judengesetzes, zu dem die beiden orthodoxen Deputierten keine Stellung nehmen konnten. So warteten sie in ihrem Klub, bis die Schlacht drinnen vorbei war. Hier lernte ich den Rabbi und Politiker der litauischen Judenheit kennen. Was mir an ihm auffie!, war die Gemessenheit seiner Worte, die überlegt ohne