Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 5 Der Israelit 31. Januar 1924 Arbeit die Problematik der von ihm behandelten Themata nicht bis zum letzten Rest auszuschöpfen vermochte. Denn, auch ohne der Breite den Vorrang vor der Tiefe einzuräumen und bei aller Geneigtheit, Qualitätsleistung höher als Quantitätsproduktion einzuschätzen: kann man doch nicht an der Unmöglichkeit vorübergehen, in hundert Druckseiten sich mit dem Fragenkomplex „Orthodoxie, Neologie und Zionismus" erschöpfend auseinanderzusetzen, dazu noch die letzten Rätsel, die „Wunder, Prophetie und Offenbarung" dem Menschensmn stellen, aufzulösen und schließlich auch noch das Gegenspiel von autonomer und jüdischer Ethik völlig zu bereinigen. Und wiederum wäre der magere Trost des in magnus voluisse sat für diese Arbeit denn doch allzu billig! Aber, wer zu solchen Kernstücken jüdischer Weltschauung und Lebensbetätigung etwas zu sagen hat; wem die Fähigkeit gegeben ward — und wäre es auch nur am schmalen Saumpfad — Wegzeichen, die von der Peripherie zum lebenserhaltenden Zentrum führen, zu erstellen,' der beginge Sünde, wenn er die Rede, die Gott ihm gab, nicht verkündigte, der hat nicht das Recht allein, sondern auch die Pflicht, vor die Oeffentlichkeit zu treten. Daß diese Voraussetzungen in Jsaac Breuers Aufsätzen erfüllt sind, wurde bereits hervorgehoben: aber man würde ihm und ihnen doch nicht ganz gerecht, wenn man nur darauf seine Eignung für den Pfadfinderberuf begründen und stützen wollte. Sondern: es ist das bis zur Selbstentäußerung reichende Sicheinsfühlen seiner Persönlichkeit, die für derartige Exerzitien sonst wenig geschult ist, als der menschlichen Gedankenträgerin mit. der urewigen und übermenschlichen Gedankenwelt der Thora: es ist feine unbedingte Emunath ha-Chachomim, die ihn dort, wo er zu ihrem Verteidiger bestellt ist, davor behütet, zum Apologeten herabzusinken und zu entschuldigen, was, um verstanden zu werden, gelÄbt und erlebt werden mutz: es ist nicht zuletzt die ihrer selbst so sichere Objettivität des Urteils, daß sie es wagen darf, ihre vorurteilslose und tendenzfreie Art, die Dinge zu schauen, mit Liebe und Wärme durchdringen zu lassen. „Lehre, Gesetz und Nation", so betitelt sich der erste — nicht nur der Reihe nach! — der drei hier vereinigten Aufsätze und, wie bereits bemerkt, birgt sich hinter diesen inhaltsschweren Worten eine Generalabrechnung der Orthodoxie mit ihren beiden Hauptgegnern: Neologie und Zionismus. Drei Elemente, so führt der Verfasser aus, liefern das konstitutive Material für den Grundriß des historischen Judentums: „Die Lehre des Judentums als geoffenbarte ewige Wahrheit, das jüdische Gesetz als Gottes absoluten Gehorsam heischender Wille, die jüdische Nation als Zeiten überdauernde Trägerin dieses Willens" (S. 27). Es ist nicht sowohl die Verschiedenartigkeit der Einstellung zur Lehre des Judentums, wie freilich irrefahrend die Parieifirma zu besagen scheint, die Orthodoxie und Neologie unterscheidet und scheidet: als vielmehr die abgrundtiefe fthift, welche die prinzipielle, bewußte Verleugnung der ewigen Verbindlichkeit des Gesetzes seitens der Neologie zwischen ihr und der Gegenseite eröffnet. Notwendigkeiten, die die historische Entwicklung in jenen Zeiten schuf, entschuldigen es, wie mit milder Kritik der Verfasser urteilt, daß die Verteidiger des Alten in der Auseinandersetzung mit dem Gegner den Streit um die Lehre in den Vordergrund stellen und das Kampfgefilde in das Gebiet des Streits um die Ueberzeugung verlegen mußten. „Man überschätzt im allgemeinen die Bedeutung des Bildungsproblems im Zeitalter der beginnenden Reform." Sondern es ging darum: „Die schlechthin verbindliche Regelung des jüdischen Lebens durch das Gesetz führte, so meinte der Verfasser, zur Typisierung und Aufhebung der Individualität: weil das Gesetz in Israel Herr war, darum gab es in Israel keine Individuen, sondern nur Typen" (S. 7). Im schärfsten Gegensatz zu dieser Struktur der Orthodoxie „ist die Grundlage der Reform und mit ihr, der Neologie, der Individualismus. Er hat das Judentum zur Sache der Ueberzeugung gemacht und damit völlig umgewandelt. Statt eines Gesetzes ward es ihm eine Lehre" (S. 11), während doch das Umgekehrte richtig ist: „Die Lehre ist zum Gesetz geworden in Israel und das Gesetz hat die Glieder des Volkes zur Einheit verbunden, zur Nation werden lassen" (S. 23). „Lehre hat uns Moses geboten. Erbgut soll sie sein der Gemeinde Jakobs. Darum ward sie König in Ieschurun. Als zu ihm (dem König) die Volks- Häupter sich sammelten, da waren in Einheit verbunden die Stämme Israels", so übersetzt nach S. R. Hirsch, der Verfasser das Pentateuchwort Debarim 33, 4 u. 5, und es besagt ihm, daß zwar die am Sinai Versammelten, als Erlebnis, die Thora als Lehre empfangen konnten: aber den Nachgeborenen mußte sie sich mit Gesetzesmacht umkleiden, konnte und durste es tun, weil der Gesamtwille der Nation diese Umwandlung forderte und stützte: denn zu ihm dem König versammelten sich in Eintracht die Häupter Israels. So ist Israel Gesetzesnation geworden: und weil sie die Verbindlichkeit des Gesetzes bestreitet, ist die Neologie auch anational. Aber auch der Zionismus übersieht diese Provenienz der jüdischen Nation aus dem Gesetz, und darum ist in Wahrheit sein Judentum kein Nationaljudentum. „Israels nationales Gesetz, der vom nationalen Willen akzeptierte Gotteswille, darf nimmer Privatangelegenheit der Einzelnen sein. Israels nationales Gesetz gehört a*s dem Willen der Verbände vorangehender Gesamtheilswille in den Fundamentalparagraphen jeder jüdisch sein sollenden Organisation" (S. 38). Unsere Kinder aber sollen und wollen wir die Tugend lehren, die heute gar rar geworden ist, die das Wesen des Judentums umfaßt: . Gehorsam! (Fortsetzung folgt.) Der jüdische Name. Eine geschichtliche Betrachtung. Von Rabb. Dr. M. Weinberg in Nenmarkt (Oberpsalz.) Unter obenstehendem Stichwort brachte Herr Dr. B. C. an leitender Stelle einer der letzten Nummern eme längere Ausführung über jüdische Namengebung, die in ihrer Grundtendenz von Anfang bis Ende eine Verurteilung der Personenbenennung mit nichtMischem Namen bedeutete. Es sei mir gestattet, hier dieses Thema fortzuführen, zum Teil in kritischer Behandlung jener Ausführungen. Der Name ist dasjenige, was der Mensch als treuesten Begleiter von der Wiege bis zum Grabe mit sich trägt, ja, was ihn unter Umständen noch viele Jahre und Jahrzehnte, ja Jahrhunderte und Jahrtausende überdauert. Kein Wunder, daß man seit Beginn der Menschheitsgeschichte der Wortform des Namens eine Bedeutung, und zwar eine recht inhaltsvolle, zu geben bestrebt war. Es sei gleich an das erste Menschenpaar erinnert, an Set und Noach, sämtlich aus der ersten Sidroh, und sämtlich dort begründet. Wir erinnern an die Namen eines Abraham, Jsak, Jakob, seiner 12 Söhne, eines Mosche usw. mit ihren Begründungen. Während der ganzen Zeit des biblischen Schrifttums war die Namengebung eine schöpferische; es tauchen immer wieder neue hebräische Personennamen auf, nur verhältnismäßig selten kehren Namen der Vorzeit wieder. Der Name wurde in der Regel durch den Vater, zuweilen auch durch die Mutter gegeben. Es fct hier an eine von Ramban (Gen. 38,5) gebrachte Erklärung erinnert. Bei dem ältesten Sohn Judas wird berichtet, daß e r ihn Er (rrip'i), bei dem zweiten, daß sie ihn Onan Gnpin), bei dem dritten wieder, daß s i e ihn Schela benannte, dieses Mal mit dem ausfallenden Zusatz im« mvrta anaa rrnv Was soll dieser Zusatz? Ramban erklärt dies mit der Gepflogenheit, daß der Vater den ersten, die Mutter den zweiten Sohn zu benennen habe. Ausnahmsweise hat hier beim dritten Sohn die Mutter statt des Vaters, der wieder an der Reihe gewesen wäre, als Namengeberin gewirkt. Warum? Juda war grade nicht zu Hause; er war in Kesib. — Nach Abschluß des biblischen Kanons erlischt allmählich die Neubildung hebräischer Namensformen; es begegnen uns nur die altbekannten. Es gibt aber auch hier Ausnahmen, selbst aus nachtalmudischer Zeit noch, wo sich neue hebräische Personennamen gebildet haben, wie z. B. Jomtob, Nissim, Zemach, Simcha. Erst in der talmudischen Zeit beginnt der Brauch, dre Kinder nach dem Namen der Vorfahren, besonders - der Großeltern, zu benennen. Wir finden da z. B. dre Namen Simon und Gamliel sich oft in absteigender Reihe wiederholen. Dieser Pietütsbrauch bildete sich kn den folgenden Jahrhunderten immer mehr aus und wurde allmählich bis in unsere Tage hinein feststehende Regel. Verfolgt man heutzutage einen Stammbaum mehrere Jahrhunderte zurück, so wird man immer wieder dieselben Namen als familieneigen wiederkehrend finden. Wie verhält es sich nun mit den nichthebräischen Namensformen der Juden, gegen die sich die Empörung des Herrn Dr. B. C. in seiner umfangreichen Besprechung richtet? Schon in den letzten Büchern der Hl. Schrift finden wir aramäische Namen in größerer Zahl, die die Israeliten aus der babylonischen Umgebung des Exils übernommen hatten, wie z. B. Schöbet (Neh. 10, 25) Sebina (Esra 10, 43) u. a. Als nun in der Folgezeit das jüdische Volk immer mehr in Berührung mit Nachbarvölkern kam, nahmen auch die fremdsprachlichen Namen immer mehr überhand. Insbesondere die griechischen, wir nennen nur Hyrkan, Autipater, Antigonus, Philo; daneben die lateinischen wie Josephus, Agrippa, Aquilas. Die Zahl wächst m der talnmdischen Zeit. Wir finden da eine große Anzahl selbst von Tannaim und Amoraim mit den Namen der Landessprachen, aramäisch, persisch, lateinisch, griechisch; eine vielleicht verhältnismäßig noch größere Zahl von Frauennamen. Und wohin auch die Juden m der Folgezeit auf dem Wege allgemeiner Zerstreuung drangen, überall färbte die Umgebung auf ihre Namengebung ab. „Kein Zugeständnis aber hatten unsere Weisen übrig für . . . Namen griechischen oder sonstwie fremden Volkstums. Und gegen den Willen der Gottesgelehrten ist es geschehen, und nur unter den Geißelhieben der mittelalterlichen „Kulturwelt" nach 1700 konnte es, wie eine tiefe Wunde am Volkskörper, entstehen, daß eine große Zahl altheidnisch-europäischer Frauen- Zunamen die biblischen Frauennamen aus einem Teile Israels verdrängte," ruft demgegenüber Dr. B. C. mit Emphase aus, die wirklichen historischen Tatsachen völlig übersehend. Zunz bemerkt. („Namen der Juden"), daß nur etwa ein Sechstel aller in dem Jahrtausend nach der babylonischen Gefangenschaft zu uns dringenden jüdischen Frauennamen hebräischen Ursprunges waren. Es wurde dem auch im religiösen Ritus im Laufe der Zeit Rechnung getragen. Das Kind erhielt einen Doppelnamen, einen religiösen oder nationalen (vnp attr) und einen profanen bürgerlichen Rufnamen. Ersterer wird beim ersten Ausgang der Wöchnerin am Sabbat von der Thora öffentlich publiziert, für letzteren bildete sich die Zeremonie Eholkreisch heraus, bei welcher am gleichen Sabbat nach dem Gottesdienst von eingeladenen Kindern feierlich der profane Name (Vin a») publiziert wird. Daher wohl jener Name „Thaul kreischen". Dieses Familienritual der Eholkreisch ist, wenigstens m Süd- und Westdeutschland, viele, Jahrhunderte alt. Wir leben nun einmal im Golus. Die Berührung und Wechselwirkung mit den umgebenden anderen Kulturen kann nicht wirkungslos an uns vorübergehen. In Kleidung, in Sprache, im Erwerbsleben, in Sitten und Gebräuchen können wir uns nicht hermetisch gegen die Umwelt abschließen. Das ist allgemein menschliche Beobachtung; und auch die Namengebung ist von dieser Beobachtung nicht ausgeschlossen. Das haben auch unsere Talmudweisen bald beobachtet und ohne irgendwelchen Tadel konstatiert, ja sogar mit halachischer Konsequenz festgelegt. Hat doch eine tradierte Boraitha in schlichten Worten überliefert: anaa jnaeo jnvnaer Yniv tors®» an (CBittin 11 b) „Die meisten der im Exil lebenden Jude» führen nichtjüdische Namen." Herr Dr. B. E. schreibt ja selbst: „llnbiblisch klingen zwar auch die Namen vieler Talmudgrößen, etwa Huna., Papa, Ehisda odergar Schammaj, Symmachös und Benbagbag, Boruria und Jalta; aber die Sprachforschung weiß, wie leicht sich diese Abformungen aus den einfachsten biblischen Namen herleiten bezw. übersetzen lassen, und was ihre Gestalt veranlaßt hat." — Mir ist jedoch der Sinn des letztgenannten Satzes völlig dunkel geblieben. Uebrigens führt eine Feststellung der von den Juden annektierten „unjüdischen" Namen oft zu überraschenden, ja amüsanten Beobachtungen. Haben doch die europäischen Kulturvölker weit mehr Namen von uns entlehnt, als wir von ihnen. Bekannt ist, daß in der deutschen Sprache die Zahl der rein germanischen Namenssormen, wie Wilhelin und Friedrich, sehr gering ist; die fremdsprachlichen überwiegen bei weitem. Nach oberflächlicher Beobachtung dürste wohl behauptet werden können, daß die hebräischen Wortformen die relative Majorität unter allen zum deutschen Personennamenkreis liefernden Sprachen einnehmen, und grade bei den gebräuchlichsten und am meisten eingewurzelten Namen. Wie wenige denken daran, daß das spezifisch deutsche „Michel" fast buchstäblich unser Michael (lma'v) ist! Daß Maria nichts anderes als Miriam, Elisabeth- Elischeba (Erodus 6, 23), Hanna und Hannchen - Chanah (nm)- Johannes, Johann mit allen Koseformen und Diminutiven wie Hans und Hänschen- Jochanan, daß Magdalena eine rein talmudische Bildung ist! Herr Dr. B. E. sei auch daran erinnert, daß Martha buchstäblich der im Talmud sehr zahlreich vertretene Frauenname wna ist; und doch empfiehlt er Martha in Mirjam und Hans in Ehajim „zurückzuverwandeln". Der hebräische Name Josef zumal war zu allen Zeiten der beliebteste in allen Kulturvölkern. Auch andere uns Juden besonders heilige Namen, wie Abraham, Jakob, David, ferner Tobias, Jonathan usw. sind durchaus nicht selten anzutrefsen. Ganz nebenbei sei hieran den in Süddeutschland recht häufig in christliche» Kreisen anzutreffenden Familiennamen Cohn erinnert,